Lyrische Prosa, lyrische Klangwelten, Slamtexte, Piktolyrik, Lyrik - das Wort, Sphüngs, Zirkelschneck und andere freischwurbelnde Absonderlichkeiten, grenz-
und kopfüber ...
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Mittwoch, 25. Oktober 2017
Das Weiße
Weiß ist wie Ebbe, ist mehr als das Fehlen von Farbe, ist mehr als die Abwesenheit von Schwarz. Schwarz auf Weiß ist aufkommende Flut, präsent, das Weiße scheint Grund zu sein dem Schwarzen, Hintergrund – und doch ist es mehr als nur ein Dahinter. Vielleicht ist es das Davor. Enthält sein Widerschein doch alle Farben und wirft sie zurück, unserem Auge entgegen. Weißes Licht, ungebrochen, ungebrochenes Siegel. Vielleicht ist das Weiße die eigentliche dunkle Materie der Literatur. Ist Stille, die vor dem Urknall, ist das Schweigen, füllt Leerzeichen an und Leerzeilen. Lässt Raum, lässt Welten Raum, Weltraum. Das Weiße ist diesem Universum [Literatur] Voids. Und Geschichten, auch die noch nicht erzählten, sind darin die Filamente, schwarz auf – aus weiß sich erschaffend, abbildend. Und so, wie die Voids des uns umgebenden Universums zu riesig sind, als dass sie mit dem Weichen der Materie aus diesen Räumen zu erklären wären und also zugleich mit der baryonischen Materie entstanden, so ist das Weiße mit all dem ungedacht, ungesagt Verborgenen darin entstanden, als der erste Organismus zu denken begann. Der in uns geborgenen, noch nicht erzählten Geschichte kommen wir über die Stille, das Schweigen und das Weiße in uns näher als über alle Weisheit. Weisheit, die sich uns schwarz auf weiß ausbreitet, einem Sternenzelt gleich, wie es uns vertraut ist, wenn wir des Nachts verlassen, was uns über den Tag Schneckenhaus war, ist. Den Tag über, wenn wir Sonnenuhren folgen.
Dienstag, 27. Dezember 2016
Komm …
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH |
Gerda erwachte. Tanzte mit den Sonnenstrahlen auf den
Staubpartikeln, die sich über der beflissenen Geschäftigkeit unter ihr in der
Schwebe hielten. Dort unten lag ihr Körper, erkaltet. Die Totenstarre hatte
eingesetzt und breitete sich von den Lidern und der leicht geöffneten Kinnlade
her im Körper aus. Ihr Geist hatte zu existieren aufgehört. Der Arzt hatte den
Totenschein ausgefüllt, man wartete auf den Bestatter.
Das Fenster hatten die Pflegekräfte auf Kipp gestellt. Dass
die Seele das Zimmer verlassen könne, versicherten sie einander. Die
Angehörigen räumten das Zimmer. In dessen Mitte hing, über einen Stuhl gelegt
und seit gestern Abend unberührt, ihr Lieblingskleid. Das kobaltblaue mit den
weißen Punkten.
Doch zugleich schmiegte es sich um ihre lichtgeflutete
Präsenz. Gerda ließ sich mit den bloßen Füßen zur Decke kopfüber ins Zimmer
hinein baumeln und lächelte den Sonnenstrahlen zu, den tanzenden Staubkörnern
und Ratur Lite, der vom Fenster her auf sie zu schwebte:
Guten Tag, Gerda!
Guten Tag, Ratur!
Du … du erinnerst dich an mich?
Ja, warum auch nicht?
Ja, warum auch nicht. Komm, lass uns gehen, Gerda.
Ja. Heut ist ein schöner Tag am Meer.
Montag, 19. Dezember 2016
Das Weiße
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH |
Weiß ist wie Ebbe, ist mehr als das Fehlen von Farbe, ist
mehr als die Abwesenheit von Schwarz. Schwarz auf Weiß ist aufkommende Flut,
präsent, das Weiße scheint Grund zu sein dem Schwarzen, Hintergrund – und doch ist es
mehr als nur ein Dahinter. Vielleicht ist es das Davor. Enthält sein
Widerschein doch alle Farben und wirft sie zurück, unserem Auge entgegen.
Weißes Licht, ungebrochen, ungebrochenes Siegel. Vielleicht ist das Weiße die
eigentliche dunkle Materie der Literatur. Ist Stille, die vor dem Urknall, ist
das Schweigen, füllt Leerzeichen an und Leerzeilen. Lässt Raum, lässt Welten
Raum, Weltraum. Das Weiße ist diesem Universum Voids. Und Geschichten, auch die
noch nicht erzählten, sind darin die Filamente, schwarz auf – aus weiß sich
erschaffend, abbildend. Und so, wie die Voids des uns umgebenden Universums zu
riesig sind, als dass sie mit dem Weichen der Materie aus diesen Räumen zu
erklären wären und also zugleich mit der baryonischen Materie entstanden, so
ist das Weiße mit all dem ungedacht, ungesagt Verborgenen darin entstanden, als
der erste Organismus zu denken begann. Der in uns geborgenen, noch nicht
erzählten Geschichte kommen wir über die Stille, das Schweigen und das Weiße in
uns näher als über alle Weisheit. Weisheit, die sich uns schwarz auf weiß
ausbreitet, einem Sternenzelt gleich, wie es uns vertraut ist, wenn wir des
Nachts verlassen, was uns über den Tag Schneckenhaus war, ist. Des Tags, wenn wir Sonnenuhren
folgen.
Wenn die Flut …
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH |
Ein breiter Priel hinderte Ratur am Fortkommen. Hier. Hier?
Warum? Warum … nicht? Ratur ging in die Hocke. Weich und kühl der Schlick unter
seinen Füßen, zwischen den Zehen. Der Horizont hatte sich um Raturs Gestalt
gelegt. Wo Ratur auch hinsah – er schien in jede Himmelsrichtung gesucht gleich
weit entfernt, schien zum Stillstand gekommen. Über sich das strahlende Blau
des Himmels setzte Ratur sich nieder, ließ sich hintenüber fallen und lauschte
dem Wind, der über ihn hinwegstrich.
Kaum merklich hatte das Wasser zu steigen begonnen, kam das
Meer zurück, leise, ganz leise. Umspülte kalt den Rücken. Für einen Moment, nur
für einen Moment, stockte Ratur der Atem. Eine Schar Säbelschnäbler floh plüüüiiiit! von seewärts das steigende
Wasser und ließ sich rings um Ratur im flachen Wasser nieder, das sie, die
Schnäbel wie Sensen durchs Wasser streichend, nach Muscheln, Würmern und
Schnecken durchsuchten.
Ob es wohl Menschen gäbe, die das Wesen literarischer
Gestalten als das ihre annehmen? Also, anders als jene, die eine Geschichte wie
die seine weiterdenken und ihn als literarische Gestalt zumindest für eine
Weile unsterblich machen, eine literarische Gestalt – verkörpern? Eine
besondere Form der Inkarnation. Und er, Ratur Lite, könne, derart zugelassen
und aufgenommen, Mensch werden, aus Fleisch und Blut, sein Wesen in einem
anderen geborgen – wie eine Seele – unauffindbar und doch das Ganze
durchdringend wie ein Ruf, eine noch zu erzählende Geschichte. Gerade so, wie
auch er einem Menschen und dann wieder aus vielen heraus entstanden und in die
Welt entlassen worden war. Spiel. Windhauch. Das Wasser stieg.
Und stieg. Nahm von dem Blau seiner Hose und dem Titanweiß
seines Hemdes, zog eine sich verlierende Spur dem Küstensaum zu. Raturs Äußeres
blich aus, zog mit dem Wellenschlag und verblasste. Das Wasser reichte ihm nun
bis zu den Ohren. Ratur lag, den Blick im Himmelblau, spürte dem Spiel der
sachte aufrollenden und dann wieder weichenden Wellen in seinem Haar nach und
streckte suchend, Michelangelo hätte seine Freude daran gehabt, den Zeigefinger
aus in den wolkenlosen Himmel.
Unaufhaltsam: Das Weiß … Wie Morgensonne spürte Ratur es in
sich aufgehen, erstrahlen und Raum greifen. Das Wasser begann, über ihn hinweg
zu streichen. Alle Farben Raturs hatten sich dem Spiel der Strömung ergeben,
waren Meer geworden. Nun folgten die Konturen. Lösten sich aus ihrem
Zusammenhang und, einem tiefen, letzten Ausatmen gleich, aus der Umschreibung
seiner literarischen Gestalt. Schwangen für eine Weile mit dem Seetang, bis
letztendlich auch sie losließen und gingen, mit dem Wellenschlag gingen, mit
der sich wiegenden Dünung.
Montag, 12. Dezember 2016
Am Strand
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH |
Die Luft begann, salzig zu schmecken. Mit der zunehmenden
Kraft der aufsteigenden Sonne hatte der Wind gedreht und wehte von See aus
landeinwärts. Ratur erinnerte das Lächeln, das ihn umspielt hatte wie dieser
auflandige Wind, um sich sogleich mit dem wässrigen Blau der Augen darin zu
verlieren, haltlos, irgendwo hinter dem Deich.
Am Deich angekommen lehnte Ratur Lite sein Rad an einen
Zaunpfahl, schwang sich über den Knotengitterdraht und lief den Deich hinauf.
Schafe lagen im Windschatten des Deiches und käuten wieder. Vor dem Deich
erstreckte sich der sandige Strand, an dem Ratur noch gestern gestanden und
seine Zehen in den Sand gegraben hatte. Ratur zog seine Sandalen aus, stellte
sie sorgsam ab und lief den Strand hinab.
Ebbe. Das Meer hatte sich zurückgezogen. Irgendwo fern am
Horizont reflektierte es das Licht der immer höher steigenden Sonne. Sonne.
Ratur griff sich aus dem Sand einen vom Salzwasser ergrauten Zweig, steckte ihn
in den Sand und markierte die Spur, die sein Schatten auf den Sand warf.
Herr, es ist Zeit. Der
Sommer war sehr groß …
Nach dem Mond gehen. Auch des Tags. Am Ufersaum hatte die
weichende Flut ein dünnes Band zerbrochener Schneckenhäuschen zurückgelassen.
Ratur zog aus seiner Hosentasche das eine, das ihm vom gestrigen Tag geblieben
war, und legte es behutsam zu den anderen. Wenige Schritte weiter schon im
Blick zurück nicht mehr auszumachen, wusste er es dort liegen und seine
Geschichte erzählt. Nicht zu Ende erzählt. Warten … auf Flut. Warten?
Ebbe ist ...
Ebbe ist mehr als die
Abwesenheit von Flut. Mehr als das Fehlen von Wasser, mehr als die Tatsache,
dass das, was in unseren Augen das Meer ausmacht, zur anderen Seite der Erde
hin gezogen wurde. An einem anderen Ort ist, fern. Während Ebbe von Wasser
reden ist Eimerweise, Ebbe fluten wollen Hybris, bei Ebbe auf Flut warten
Missachtung. Ebbe erklärt man nicht mit Worten aus Wasser. Nicht: Ebbe ist ...
- Ebbe sein lassen. Ebbe. Ebbe halten. Ebbe hören. Ebbe zuhören. Ebbe
aushalten. Ebbe ist Ebbe. Da geht der Mutige hinaus auf den Meeresgrund, so
weit, wie das Herz trägt.
Bedächtigen Schrittes lief Ratur los und ließ das Grün des
Deichs weit hinter sich.
Montag, 5. Dezember 2016
Der Morgen ist kühl
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH |
Ratur schwang sich aufs Rad, stemmte sich energisch in die
Pedale und fuhr aus der Stadt, der aufgehenden Sonne entgegen. Die kühle Morgenluft
umfing ihn in tröstlicher Umarmung, strich sein
Haar zurück, legte sich auf die erhitzten Wangen und schmiegte sich vom Hals her die Brust entlang unter sein Hemd.
Die Nacht hatte den Horizont wieder hergegeben und seinem Spiel mit Nähe und Ferne überlassen. An die Enge der Stadt folgten weitläufige Ackerflächen und Weidegründe. An den Grashalmen glitzerten ungezählt glasklare Tautropfen, in denen die Welten ringsum sich spiegelten. Jede in ihrem Tautropfen um eine Idee anders als die anderen, auf den Kopf gestellt. Jede mit einem Ratur darin, der eine Allee entlang radelte …
Srrr…
Vertraut das Geräusch der über den Asphalt rollenden Reifen, das der über Kettenrad und Zahnkranz surrenden Kette und das helle Sirren der Speichen. Ratur genoss es. Sah seine Beine auf und nieder takten und fühlte sich Strecke machen, vorankommen. Fühlte, wie seine Atemfrequenz zunahm, sich vertiefte, wie die kühle Luft über die weit geöffneten Nasenflügel einströmte und an die Bronchien reichte, bis mit zunehmender Strecke sich der Mund öffnete und sein Atmen noch lauter hörbar wurde.
Die Fahrt heute empfand er ganz anders als die gestrige, als es ihn vom Meer heimwärts zog und die Nacht ihn einholte, sich um ihn schloss. Nicht Heimkehr war es, die den Oberton seiner Gedankengänge ausmachte, Aufbruch, Aufbruch durchströmte ihn mit jedem Herzschlag, jedem Atemzug, jedem Auf und Nieder seiner Beine. Es zog ihn, zog ihn ans Meer.
Haar zurück, legte sich auf die erhitzten Wangen und schmiegte sich vom Hals her die Brust entlang unter sein Hemd.
Die Nacht hatte den Horizont wieder hergegeben und seinem Spiel mit Nähe und Ferne überlassen. An die Enge der Stadt folgten weitläufige Ackerflächen und Weidegründe. An den Grashalmen glitzerten ungezählt glasklare Tautropfen, in denen die Welten ringsum sich spiegelten. Jede in ihrem Tautropfen um eine Idee anders als die anderen, auf den Kopf gestellt. Jede mit einem Ratur darin, der eine Allee entlang radelte …
Srrr…
Vertraut das Geräusch der über den Asphalt rollenden Reifen, das der über Kettenrad und Zahnkranz surrenden Kette und das helle Sirren der Speichen. Ratur genoss es. Sah seine Beine auf und nieder takten und fühlte sich Strecke machen, vorankommen. Fühlte, wie seine Atemfrequenz zunahm, sich vertiefte, wie die kühle Luft über die weit geöffneten Nasenflügel einströmte und an die Bronchien reichte, bis mit zunehmender Strecke sich der Mund öffnete und sein Atmen noch lauter hörbar wurde.
Die Fahrt heute empfand er ganz anders als die gestrige, als es ihn vom Meer heimwärts zog und die Nacht ihn einholte, sich um ihn schloss. Nicht Heimkehr war es, die den Oberton seiner Gedankengänge ausmachte, Aufbruch, Aufbruch durchströmte ihn mit jedem Herzschlag, jedem Atemzug, jedem Auf und Nieder seiner Beine. Es zog ihn, zog ihn ans Meer.
Auf halber Strecke führte sein Weg ihn durch ein Waldstück.
Fichten. Die nahmen dem Morgenlicht von
dessen Glanz und der Klang des dahineilenden Rades brach zwischen den alten
Stämmen und tief hängendem Geäst. Ratur ließ das Rad auslaufen, seine Beine
sich erholen, seine Gedanken schweifen.
Das Weiße, das zu Denkende. Was davon mochte wohl in den Bäumen ringsum darauf warten, erzählt zu werden. Welche dieser Fichten mochte wohl eines Tages in einem Kamin knackend vergehen, welche in einer Violine weitererzählt werden? Welches noch zu spielende Lied schlummerte in einem dieser Bäume? Welche ihrer vielen Jahre würden, das Holz zu Papier verarbeitet, niemals erklingen?
Das Weiße, das zu Denkende. Was davon mochte wohl in den Bäumen ringsum darauf warten, erzählt zu werden. Welche dieser Fichten mochte wohl eines Tages in einem Kamin knackend vergehen, welche in einer Violine weitererzählt werden? Welches noch zu spielende Lied schlummerte in einem dieser Bäume? Welche ihrer vielen Jahre würden, das Holz zu Papier verarbeitet, niemals erklingen?
Das Dunkel des Waldes lichtete sich. Die Allee hatte ihn
wieder. Die Sonne war unterdessen weiter gestiegen und ihre Strahlen hatten
mittlerweile genügend Kraft gewonnen, dass sie Raturs Schultern und Rücken
wärmten.
Srrr…
Ans Meer, srrr… ans Meer.
Montag, 28. November 2016
Einem neuen Tag entgegen
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH |
Wieder verschwand der Kater und ließ Ratur alleine zurück.
Der drehte sich auf dem Sofa zur Seite und schloss die Augen. Schwarz. Was
sonst? Der ihn ausdachte, machte seine Existenz am Funktionieren seiner Sinne
fest und meinte, dass, würde er einst enden, alles enden würde in Stille und
Dunkel. Doch nicht einmal die, dämmerte Ratur, würde es geben, müssten sie doch
erst einmal gedacht sein, aus dem zu Denkenden hervor gedacht.
Die Welt hatte sich, derweil Ratur auf dem Sofa gelegen
hatte, weitergedreht. Hatte sich nicht um Ratur gedreht, dass der unverändert
geblieben wäre, sondern hatte sich gedreht mit Ratur auf ihr und in ihr
eingeschlossen. Die Strahlen der aufgehenden Sonne woben zunächst Licht ins
Dunkel, dann Farbe. Allgemächlich fluteten Licht und Farben Raturs Zimmer,
Raturs Welt, Helligkeit sickerte durch seine geschlossenen Lider. Hob ihn aus
dem nachtblauen Sofa.
Schweigend ging Ratur in die Küche, brühte einen Kaffee auf.
Während er den Kaffee schlürfte, die Tasse in seiner Rechten, betrachtete er
seine linke Hand. Drehte und wendete sie. Einerlei, ob er nun Mensch war oder
literarische Gestalt, er bestand aus kleinsten Teilchen, die sich zueinander
und ineinander gefügt hatten, die er wahrnahm aus deren Wechselspiel untereinander
und dem mit seinen Sinnen. Aus Impulsen, die entstanden aus seine Nervenfasern
entlangrasenden elektrischen Entladungen, reflektierten Photonen und deren
Einschlägen, deren Rezeption. Und unermesslich viel leerem Zwischenraum. Aus
Teilchen, von deren gehäufter Aufenthaltswahrscheinlichkeit sich das
manifestierte, was er Körper nannte oder … die Geschichte. Seine Geschichte.
Die, die ihn erzählte, und auch die Geschichten, die aus ihm entstanden und aus
der Tatsache, dass sie in anderen Welten als der seinen fortgeführt wurden.
Wo, fragte sich Ratur, wäre da Platz für ein Ich? Ob das Ich
ein Raum wäre, so wie eine Geschichte ein Raum ist, der erzählt sein will, zu
Ende erzählt, um sich zu erfüllen?
Ratur schwieg. Suchte seine Siebensachen zusammen, zog die Tür
hinter sich ins Schloss und ging die Stiegen hinab zu seinem Rad, das an der
Hauswand lehnte.
Montag, 21. November 2016
Sein oder Nichtsein
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH |
Noch immer lag Ratur auf dem nachtblauen Sofa aus Plüsch,
nur dass seine Rechte nicht mehr in luftiger Höhe, sondern in seiner
Hosentasche tastete, nach den Schneckenhäuschen tastete, die er am Nachmittag
mitgenommen hatte vom Strand. Er zog sie hervor. Die meisten hatte es auf dem
Weg vom Meer in die Stadt zerrieben. Wie es verlassenen Schneckenhäuschen, die
man sich bewahrt, nun einmal so ergeht, waren sie auf der Strecke geblieben.
Irgendwo unterwegs. Das, was sie ausmachte, war unwiederbringlich zerstört,
nicht so der Stoff, aus dem sie bestanden hatten.
Eines der Schneckenhäuschen hatte den Tag überstanden. Ratur
rollte es zwischen den Fingern, betrachtete es, wog es in seiner Handfläche und
fuhr damit seine Gesichtszüge entlang. Er fragte sich, was, wäre er ein
Schneckenhaus, mit ihm geschähe, wenn seine Geschichte erzählt und vergessen
wäre. Keine Antwort. Die Stimme aus dem Abseits war verstummt. Kein Kater, der
es sich auf Raturs Bauch gemütlich machte und sich dort mit Raturs Atmen
wiegte.
Ein Schneckenhaus sollte er sein? Ein Schneckenhäuschen,
entstanden in einem Schneckenhäuschen. Viele und – keines. Nicht aus Aragonit
bestehend, sondern aus Geschichten von – und deren Weiterdrehen in – anderen
Menschen. Eine Welt, die, scheinbar aus dem Nichts entstanden und aus sich
selbst verständlich, in eben solchem enden könnte, jedoch ohne sich darin zu
verlieren. Weil er, ungeachtet des einen, unwiederbringlichen Untergangs, in
vielen anderen Welten existent bliebe.
Ratur erinnerte sich an seinen Tag am Meer und daran, wie
unendlich weit ihm dessen Wogen erschienen war. Welle an Welle, Tropfen an
Tropfen. Daran, dass es über dem Meer geregnet hatte. Dass Wolken feinster
Wassertröpfchen über seinen Kopf hinweg landeinwärts gezogen waren und mit dem
Grundwasser unter seinen Füßen den Gezeiten folgten. An den Horizont erinnerte
Ratur sich und wie dieser, je nachdem, aus welcher Perspektive Ratur nach ihm
suchte, nah war und fern schien – doch zugleich unerreichbar blieb.
Ratur spürte in sich hinein, seiner Angst nach, sich zu
verlieren. Vergessen werden. Wie sich das wohl anfühlen würde. Zumal es sich
auf nur eine zerbrechende Welt bezöge und …
Druck. Schwer und schwerer lastete er auf seinem Bauch,
seiner Brust. Schnurrte. Wie aus dem Nichts materialisierte der rote Kater und
schaute Ratur aus großen Augen an:
Wenn du gehst, Ratur, wenn du endest, irgendwo, irgendwo
unterwegs endest, Ratur, in Vergessenheit gerätst, Ratur, dann gehst du zurück
in das Weiß, aus dem heraus du entstandest.
Schön, dass du wieder da bist, Kater. Warst du in jenem
Weiß?
Ich wurde daraus, doch kann ich im Weiß nicht sein, weil ich
nicht mehr bin, wenn ich ins Weiß gehe. Alles ist Weiß, Weiß ist alles. Das
Ungedachte. Das zu Denkende.
So wie Menschen?
Die Menschen meinen, dass sie, wenn sie enden, ins Dunkel
gehen. Dass sie sich auflösen. Sie nennen es Tod. Ihnen wird schwarz vor Augen,
ohne Wiederkehr, und sie gehen ins Schwarz. Manche hoffen, in ein Licht gehen
zu können, weißes Licht, also ins Weiß. Dabei zerfallen sie lediglich in ihre
Bestandteile.
Sie zerfallen in ihre Bestandteile? So wie wir?
Nein, Ratur, anders. Du bestehst in ihnen, gehst in ihren
Geschichten, und endest, mit jeder Welt, die ohne dich ist, im Vergessen. Doch
solange Menschen sich Geschichten erzählen, sie niederschreiben, werden
literarische Gestalten wie du und ich auf – und aus dem Weiß entstehen, Schwarz
auf Weiß, in steter Wiederkehr. Doch zugleich unsterblich sein im Erinnern
vieler anderer. Daher sind wir keines und viele, wenn du uns mit dem
Schneckenhäuschen vergleichst, das du in deiner Hand hältst. Wir kamen aus dem
Weiß und aus dem Schwarzen auf dem Weißen stehen wir auf.
Und Menschen?
Menschen bestehen aus Körper, Geist und Seele – und diese
Dreieinigkeit verliert sich, gerät aus dem Zusammenhang, unwiederbringlich. Der
Geist, an die Existenz des Körperlichen gebunden, verliert sich zuerst, und
damit enden Persönlichkeit und Integrität. Dann der Körper, der verwest. Die
Seele – man glaubt und hofft, dass es die gibt, sei unsterblich, heißt es. Sie
bleibt. Sie ist das Licht, ein göttlicher Funke.
Licht?
Ja. Das Weiße im Schwarzen, des Menschen Dunkel.
Dann ist die Seele so etwas wie das zu Denkende?
Eher so etwas wie das Gedachte, Ratur. Ohne den Menschen
dann wieder das zu Denkende im zu Denkenden.
Dann haben auch die Menschen einen – Ausdenker?
Sie hoffen es, hoffen, nicht in Vergessenheit zu geraten.
Hoffen auf Wiederkehr, darauf, neu erzählt zu werden, auf eine neue Geschichte
mit ihnen darin. Hoffen, weiterzuleben in ihrer Seele.
Und die geht ins Licht, die Seele?
Wenn sie geht, wenn – geht sie ins Weiß, Ratur.
Dann …
Ja, Ratur?
… ist die Seele, wie wir, literarische Gestalt?
Ja, Ratur. Zumindest dann, wenn man von ihr erzählt als von
etwas, um dessen tatsächliche Existenz man nicht weiß, ergeht es ihr so wie uns
literarischen Gestalten.
Montag, 14. November 2016
Von Schneckenhäusern
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH |
Sagte auch der … ach ja, du weißt. Doch Menschen können nur
an einem Ort existieren und haben nur diese eine Existenz, die sie mit niemand
anderem teilen.
Ratur, auch ein Mensch kann in der Vorstellung anderer
präsent sein, kann wirklich sein, und zwar als Abbild. Eines, das diesem
Menschen ähnelt, ihn jedoch nicht ausmacht. Doch zugleich ist es ein Teil der
Wahrheit, die diesem Menschen zuteil ist.
Auch ich bin lediglich ein Abbild. Doch anders als du eines
ohne materiell verkörperte Entsprechung. Das unterscheidet uns, Mensch.
Doch eint uns die Angst, nicht der sein zu können, als den
wir uns erleben.
Ist diese Angst dieselbe?
Die gleiche, und ja, Ratur, sie ist die gleiche, weil wir in
Frage gestellt erleben, was wir als selbstverständlich annahmen. Wir Menschen
nahmen – und nehmen es an, von wem auch immer, und sei es aus den Wirren der
eigenen Gedankengänge. Der Unterschied, was also macht, dass es nicht dieselbe
Angst ist, sondern nur eine gleiche, ist, dass dir als literarische Gestalt
nichts anderes übrig bleibt, als das als Eigenes zu tragen und spiegeln, was
man dir zuschreibt. Dem Menschen bleibt die Wahl, es anzunehmen, sich zu eigen
zu machen – oder auch nicht.
Der Mensch ängstigt sich, in Frage gestellt zu erleben, was
ihm selbstverständlich ist?
All unsere Selbstverständlichkeit, unser Sehnen nach
übergeordneten, sich selbst zu universeller Ordnung fügenden Zusammenhängen, in
denen wir es uns gemütlich einrichten, unser Sehnen nach Harmonie gleicht einem
Schneckenhaus. Einem Schneckenhaus, in das zurückgezogen wir leben und in dem
wir uns mit uns und der Welt einig wähnen. Dabei bildet sich die Welt um uns
lediglich aus unserer Vorstellung ab, ist, was unsere Sinne uns zu erkennen
lassen von dem, was ist und sein könnte. Ist das Schneckenhaus selbst. Alle
Selbstverständlichkeit ist nicht mehr als ein Schneckenhaus, Ratur, die
Fibonacci-Formel eingeschlossen, in all dessen Drehen und Winden auf eine
kleine Spitze zu, die es der Welt hinhält wie du deinen ausgestreckten
Zeigefinger dem meinen. Mit einem kleinen Wesen darin, das sich ohne dieses
Häuschen und dessen Drehen der eigenen Existenz nicht sicher fühlt.
Und in einem dieser Schneckenhäuser gibt es mich?
In einem dieser Schneckenhäuser, Ratur, finden sich aus den
Teilen jener Welt Wörter und Bilder zu einer Idee, zu Ideen, zu einer
Geschichte mit dir darin.
Dann bin ich …
Eigentlich nichts weiter als ein weiteres Schneckenhaus in
einem Schneckenhäuschen. Eines, dessen Drehen und Entstehen sich in ungezählten
weiteren Schneckenhäusern wiederfindet. Mag sein, dass es sich sogar wieder
findet, vielleicht aber auch zu anderen, ähnlichen Schneckenhäuschen, immer
wieder. Eine, wenn es gut läuft, immer größere Kreise ziehende Spirale.
Dann habe ich, Ratur Lite, im Grunde genommen nichts zu
fürchten.
Ja.
Selbst, wenn ich mich auflöse?
Selbst dann. Weil du entstehst aus Menschen, ihren Ideen.
Und die Menschen mit ihren Ideen?
Wir warten in jenem ängstlichen Innehalten und Furcht, uns
aufzulösen, auf jemanden, der sich vor dem Schneckenhaus niederlässt und singt,
dass alles gut ist und seine Ordnung hat. Auch dann, wenn wir das Schneckenhaus
verlassen. Und tun wir so, schleppen wir es mit uns …
Kann der Mensch ein derartiges Schneckenhaus nicht
abstreifen, verlassen?
Legt er ein altes Schneckenhaus, eine alte
Selbstverständlichkeit ab, trägt er bereits ein neues, Ratur, das sich nach und
nach verfestigt und seine eigenen Kreise zieht. Wieder auf eine kleine, einsame
Spitze zu, die einmal ihr Anfang war.
Wenn ich in den Schneckenhäusern anderer Menschen entstehe,
neu, immer wieder, wenn ich mir selbst kein derartiges Schneckenhaus erschaffen
kann – bin ich dann frei von jeder Selbstverständlichkeit?
In der Tat hast du literarische Gestalt es besser, Ratur
Lite. Mag sein, dass jemand aus dir ein Schneckenhäuschen entstehen lässt, eine
Selbstverständlichkeit, in der er es sich einrichtet. Doch ist es nicht diese
eine Selbstverständlichkeit, dieses eine Schneckenhaus, das dich, Ratur Lite,
ausmacht. Du bist davon frei, denn du, Ratur Lite, du bist viele und - keines.
Montag, 7. November 2016
Der Ausdenker
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez |
Mit einem Mal fand Ratur sich wieder auf dem nachtblauen
Sofa sitzend vor, in seiner Wohnung, den Kater auf dem Schoß, doch sprang der
in weitem Bogen hinab und auf die Wand zu. Und im selben Augenblick, da Raturs
Ausruf noch den Raum erfüllte, sprang er hindurch und verschwand, ohne eine
Spur zu hinterlassen.
Ratur tastete zunächst die Wand ab, die seinen suchenden
Händen Widerstand bot, dann sich selbst, fuhr die Konturen seines Körpers
entlang. Er existierte. Hier und jetzt. Doch irgendwo anders existierte er
ebenfalls, das wusste er jetzt, und zwar nicht nur ein weiteres Mal, sondern
ungezählte Male, als Idee, Geschichte. Irgendwo malte ihn irgendwer und ließ
ihn neu entstehen, parallel zu seiner derzeitigen Existenz, die in auf dieses
Sofa, in diese Stadt am Meer stellte.
Ermattet legte Ratur sich auf sein nachtblaues Sofa:
Wer bin ich – hier, jetzt?
Diese Frage hing im Raum. Ratur lag auf dem Rücken und
schaute an die Decke. Erwartete, dass sich dort ein Bild auftat. Eines, in das
er vom Sofa aus hinauf – oder hinab sehen konnte. So wie jenes Bild mit Gerda
darin sich aufgetan hatte. Oder eines mit aufgewühlt wogender See darin sollte
sich auftun, die ihn, Ratur, aus den Farben, mit denen er sich gemalt und
festgehalten gesehen hatte, löste und mit sich fortnahm.
Wer bin ich? Hier, jetzt?
Ratur lag auf dem Rücken und, Michelangelo hätte seine Freude
daran gehabt, hielt seine Rechte, den Zeigefinger wie tastend ausgestreckt
Richtung Decke …
Hier nimmst du einen Anfang, jetzt. Immer wieder neu. Ratur
Lite bist du, und dich habe ich ausgedacht. Gerade so, wie du da liegst und
dich fragst, wer du bist …
Nichts mehr, aber auch gar nichts konnte Ratur Lite aus der
Fassung bringen. Hatte er doch einen Kater sprechen, entstehen und verschwinden
sehen und sich selbst transzendieren und materialisieren an ihm fremden Orten.
Du bist …?
Dein Ausdenker.
Ein Mensch?
Ja.
Warum?
Warum was?
Warum hast du mich ausgedacht?
Du entstandest, Ratur Lite, aus einer Wolke von Ideen. Bist
eine der literarischen Gestalten, die in meiner Vorstellung aufgehen wie Sonnen
und um die ich Geschichten kreisen lasse wie Planeten.
Das hat auch der Kater …
Ich weiß, Ratur.
Entschuldige, Mensch. Bin ich dein Geschöpf?
In gewisser Weise ja, und doch, da du, einmal erdacht,
imaginiert und anderen evoziert, auch ohne mich entstehen kannst, werden und
sein, auch wieder nicht.
Auch der Kater.
Auch der.
Der Kater meinte, dass ich mich an dich zu wenden habe mit
meiner Angst.
Mit deiner Angst, dich aufzulösen in – nichts? Du weiß
nicht, wer du bist, wenn du nicht der sein kannst, als der du selbst dich
erlebst, weil andere dich erleben und deine eigentliche Existenz sich aus
diesem Immer-wieder-neu-Entstehen anderer Geister als dem meinem erklärt?
Ja.
Den Menschen ergeht es nicht anders.
Montag, 31. Oktober 2016
Ein Schöpfer
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez |
Warten. Wieder hatte der Mann den Zeichentisch verlassen und
kehrte zurück mit einer Digitalkamera. Die hob er über die Zeichnung mit Raturs
Gestalt darin und löste sie aus. All das löste von Ratur aus dem mittlerweile
trockenen Bild - schon spürte er sich schwinden, ein weiteres Mal, vergehen,
ohne dass er sich tatsächlich verlor.
Imaginiert er noch, Kater?
Ja, Ratur, doch davon bemerkst du nichts, denn mittlerweile
imaginieren auch andere dich.
Andere?
Ja, Ratur. Sie vergegenwärtigen dich anhand eines Bildes und
einer Folge aneinander gereihter Wörter, die sich ihnen zu einer Geschichte
fügen. Zu einer Geschichte mit dir darin. In ihrer eigenen Vorstellung nimmst
du Gestalt an. In dieser Gestalt wehst du mit ihrer Gegenwart durch sie
hindurch, entstehst und vergehst.
Ich vergehe?
Ja. Mag sein, dass von dir bleibt in ihrem Erinnern. Dass
sie dich neu entstehen lassen, Ratur Lite.
Wenn das so ist – wo nahm ich meinen Anfang?
Ich weiß es nicht. Doch da das Große sich im Kleinsten
spiegelt … Sehr wahrscheinlich entstandest du aus einer Wolke kleinster
Aufenthaltswahrscheinlichkeiten, die umeinander wirbelten und sich allmählich
verdichteten. Aus Sternenstaub.
Kater, von was faselst du?
Von der Entstehung eines Sterns, eines Sonnensystems. Das
entsteht an Orten, an denen zuvor ein anderer, größerer Stern verging und eine
Wolke feinster Teilchen hinterließ, Teilchen, die er erbrütete oder die im
Moment seines Explodierens neu entstanden. Teilchen, die wiederum aus Teilchen
bestehen, die Welleneigenschaften aufweisen und von denen man eine
Aufenthaltswahrscheinlichkeit annehmen kann – und erst deren Häufung birgt die
Chance, dass unsere Sinne, wollen sie sich ihrer vergewissern, so etwas wie
Widerstand wahrnehmen, eine Eigenschaft, die wir Materie zusprechen. Die finden
mit der Zeit wieder zueinander, verdichten sich, und aus ihrer Mitte entsteht
ein neuer Stern, wie die Sonne – entstehen Planeten und Monde, die einander
umkreisen und ihr Zentralgestirn.
Zentralgehirn?
Ratur …
Und was hat das mit meinem Entstehen zu tun?
Der dich erdachte, erdachte dich aus einer Wolke. Aus
Teilchen, die schon lange bestehen, ja, sogar lange vor ihm selbst bestanden,
fügte er dich zu einer Gestalt, verdichtete Teilchen bis zu einer neu
erglühenden Sonne und ließ eine Geschichte um dich kreisen wie Planeten, Monde
und imaginierte, ließ dich anderen Paralleluniversen entstehen, in denen du nun
ebenfalls aufgingst und deine eigenen Kreise ziehst, die nun die ihren sind -
und nicht die deines Ausdenkers.
Ratur schwieg.
Die Stimme ergänzte: Mehr noch: Der dich erdachte, auch der,
der dich weiterdachte und sich und anderen vergegenwärtigte – sie ließen dich
und deine Gestalt und Geschichte sich auflösen in das Schwingen und Wirbeln
elektromagnetischer Teilchen und Wellen und an anderen Orten wieder entstehen.
Aus dem Leuchten eben jener Teichen und Wellen, die im Erkennen ferner Menschen
wieder materialisierten und zu Gestalt und Geschichte wurden, es immer noch
werden. Aus vielfältigem Ja und Nein, Schwarz und Weiß, Sein oder Nichtsein.
Kater?
Ja?
Ich fürchte mich.
Was fürchtest du?
Mich zu verlieren. Bin ich – oder bin ich nicht? Ich …
Der Mann am Zeichentisch strich über das fertige Bild und
betrachtete Ratur. Ratur sah sich mit den Augen jenes Mannes auf Papier
entstanden, in Farbe gefügt, zu Gestalt und Schatten. Sah weitere Blätter
liegen mit Schemen, die ihn darstellten und erkannte den Tag, den er am Meer
verbracht hatte, seine Begegnung mit der Frau im kobaltblauen Kleid, sah sich den
Deich entlang radelnd dargestellt und wie ihn die Nacht einholte auf dem Weg
vom Meer zurück in die Stadt.
… fühle mich schwinden, gehöre nicht mir selbst und …
Der ihn gezeichnet hatte ging zu seinem Computer und Ratur
Lite fühlte sich in der Tat schwinden und neu erstehen, hundertfach, sah sein
Abbild auf einem Bildschirm aufgehen und …
In anderen Geistern als dem, der dich zeichnete, hörte er
Katers Stimme, gehst du neu auf mit diesem Bild und wirst in ihnen zu einem
anderen Abbild deiner selbst, der Idee, der du entsprangst.
… und, und – wenn ich an so vielen Orten zugleich existiere,
als Idee – gibt es dann eigentlich mich, den Ratur Lite, überhaupt noch, habe
ich jemals wirklich existiert? Ich fürchte mich davor, nicht zu existieren,
nicht mehr zu sein als eine Idee. Was macht mich aus, wenn es mich an vielen
Orten gibt und ich mir nicht selbst gehöre? Ich habe - Angst!
Da ergeht es dir wie den Menschen, Ratur.
Wie den Menschen? Ich bin …
Frag deinen Ausdenker, Ratur Lite.
Wen? Kater – was …?
Montag, 24. Oktober 2016
Ratur, imaginiert. Entstehen und Vergehen.
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez |
Ratur erblickte einen Mann, der in
einem von Licht gefluteten Atelier über ein Stück Papier gebeugt an einem Tisch
saß. Den Bogen weißes Aquarellbütten hatte er mit Klebestreifen auf der
Tischplatte fixiert und in unterschiedlich große Fenster eingeteilt. Unter dem
feinen Strich eines Bleistifts erstanden Striche, Linien, Konturen. Er
feuchtete das Papier an, dann griff der Mann zu einem Pinsel aus Marderhaar, feuchtete
auch diesen an. Nahm Farbe auf, Blau, dass die Zwischenräume der Haare des
Pinsels sich satt sogen daran. Kaum berührte er mit der Spitze des Pinsels das
feuchte Papier, begann die Farbe aus dem Pinsel heraus das Papier zu fluten,
floss die Fasern entlang, erfüllte sie, verlor sich im Weiß des Büttens und …
Kater?
Ratur schaute sich um, doch konnte er
den Kater nirgendwo entdecken. Wahrscheinlich imaginierte der gerade und war
nicht abkömmlich. Dann sah Ratur an sich selbst hinab und bemerkte, dass er in
Auflösung begriffen war. Er transzendierte, gerade so, wie es zuvor dem Kater
widerfahren war, als Ratur dessen Existenz in Frage stellte.
Kater?
Von irgendwo her eine Stimme:
Keine Bange, Ratur. Er imaginiert.
Dich. Da habe ich wenig hinzu zu tun und keinen Einfluss. Mag sein, dass er
auch ein wenig Kater imaginiert, dir zur Seite vielleicht, vielleicht auf
deinen Schoß – ich weiß es nicht.
Kater?
Nimm es hin, wie es kommt, wie es ist,
Ratur, du kannst eh herzlich wenig Einfluss darauf nehmen.
Wie kommt er dazu …
Er las von dir, imaginierte, und nun
vergegenwärtigt er dich, sich selbst und anderen.
Er vergegenwärtigt mich? Ich verliere
mich, siehst du das nicht? Wie kann ich da … sein?
Auch ich bin nicht, nicht hier.
Vielleicht werde ich noch mehr als eine Idee. Entspann dich, Ratur.
Das war leichter gesagt als getan.
Ratur sah sich transzendieren, seine Konturen lösten sich auf, derweil sah er
das Weiß des Büttenpapiers schwinden und wie es sich anfüllte mit Farbe und
amorphen Konturen.
Der Mann verließ den Tisch und ging
aus dem Zimmer. Von der offen stehenden Tür her hörte Ratur Wasser fließen,
Porzellan und einen Löffel darin klingen. Auf dem Tisch verdunstete das Wasser
aus der unter dem Streichen des Pinsels entstandenen Szene, das Papier trocknete
allmählich auf, die Farben verloren an Glanz, ihr Fließen kam zum Stillstand.
Der Mann kehrte zurück, griff wieder zu Pinsel und Farbe. Arbeitete die Szene
aus, fügte Farbe und Tiefe hinzu, lehnte sich zurück, betrachtete sein Werk und
blickte Ratur in die Augen, die er auf dem Papier hatte entstehen lassen.
Und der Kater?
…
Raturs Gegenüber hatte ihn zwar
imaginiert, vergegenwärtigt, sich selbst, doch auf Ratur Lites Fragen gab er
keine Antwort. Vielleicht konnte er ihn nicht hören.
Kater?
…
Kater! Wie geschieht mir? Was
geschieht mit mir?
Montag, 17. Oktober 2016
Ist nicht die Idee an sich etwas Zweidimensionales?
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH |
Das weiß ich nicht.
Das Leuchten in den Augen des Katers
verging.
Ich weiß nur, dass ich, wenn ich
imaginiere, etwas vergegenwärtige, mir oder auch dir oder einem anderen, dass
ich dann jenen Windhauch Gegenwart erschaffe, der durch uns hindurchweht und
von dem wir sagen, dass wir ihn erleben.
Du erschaffst Gegenwart, indem du eine
Idee erschaffst?
Gerade so, wie du die Frau im blauen
Kleid im Widerschein deines Fensters wahrzunehmen in der Lage - und als wahr
anzunehmen bereit warst, Ratur. Doch eröffne ich lediglich. Kaum angelangt im
Gegenüber, gewinnt die Idee Raum, nimmt Raum ein, wie das Meer es macht, wenn
es am Ende der Ebbe vom Horizont her zurückkehrt mit der Flut. Mit der Flut und
dem in ihren Wassern gelösten Salz darin. Auch mit dem, was dir soeben noch
Gewissheit war und sich dann verlor. Und Raum ist dreidimensional.
Was ist mit … mir, mir selbst?
Du, Ratur?
Ja.
Du bist gegenwärtig, Ratur.
Im Hier und Jetzt?
Nicht im Hier allein, Ratur, nicht im
Jetzt allein bist du, wirst du.
Hm? Ich verstehe nicht.
Das glaube ich dir, dass dir das zu
verstehen nicht leicht fällt. Komm, ich vergegenwärtige dich. Ich zeige dir,
wie es dich imaginiert. Nicht hier, nicht jetzt, doch du wirst dich erstehen
sehen und erkennen, dass du bist. Du wirst, ein wenig hier und doch mehr
woanders, ein wenig jetzt und doch mehr im Vergangenen, entstehen. Aus dem
Nichts, einer Idee.
KATER!
Sieh her, Ratur:
Montag, 10. Oktober 2016
Was machst du da?
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH |
Verdutzt sah Ratur den Kater an und
dann wieder zum Fenster hin. Gerade noch hatte er in das Leben seines
himmelblauen Gegenübers des vergangenen Tages geschaut, als spiele es sich im
Fensterglas ab. Doch das stand nun ebenso still sein Zimmer und die Nacht spiegelnd
da wie der Kater schnurrend auf seinem Schoß lag.
Ich imaginiere.
Hm?
Ich vergegenwärtige.
Was ist das, vergegenwärtigen?
Gegenwart schaffen. Gegenwartendes.
Gegenüber Wartendes. Wie der Blick auf die Frau, die dir fern ist und deren
Leben du so nah vor dir sahst als wärest du ein Teil ihrer Gegenwart. Dabei
warst und bist du ein Teil dessen, was jener Frau gegenwärtig war und ist. Auch
wenn sie sich nicht auf eine Art erinnert, die benennen kann, eure Begegnung
wirkt nach.
Wirklichkeit?
Wirklichkeit.
Wie kann ich Teil ihrer Gegenwart
sein, wenn ich ihr fern bin?
Gegenwart …
Der Kater richtete sich in Raturs
Schoß auf, fuhr sich mit der Pfote über den Kopf und schaute dem gespannt
Wartenden in die Augen.
… ist eine amorphe Begrifflichkeit und
ihre Bedeutung wird überbewertet.
Gegenwart ist wichtig, sie ist die
einzige Zeitspanne, die uns bleibt, sie ist das Hier und Jetzt, in dem wir
leben, in dem wir uns aufhalten können, sie ist … real, ist - die Wirklichkeit!
Kaum.
Was?
Die Augen des Katers schillerten, sie
illuminierten das Antlitz ihres gegenwärtigen Gegenübers …
Wenn die Gegenwart das Hier und Jetzt
ist, machst du sie abhängig vom Raum, von einer Örtlichkeit , die du Hier
nennst. Armer Ratur, und - wann ist J E T Z T? Du kannst es nicht greifen. Es
sagen zu wollen ist Zukunft und es gesagt haben Vergangenheit. Beides Zeiten
mit Tiefe. Die Gegenwart selbst ist, auf ihr Wesentlichstes beschränkt, nicht
mehr als ein Übergang, ist Windhauch, ist zweidimensional, nicht greifbar.
… und Ratur spürte, wie all das, was
ihm Gewissheit war und ihn mit der Erde um die Sonne drehen ließ, sich löste
wie Salz in Wasser. Zu Zweifel. Zu etwas, das zu schmecken, ahnen war und doch
weder einzusehen noch zu greifen.
Was du Gegenwart nennst, Ratur, Leben
im Hier und Jetzt, ist eine Zeitspanne. Die Weile, die das Werden und Vergehen
durch dich hindurch weht, da begegnen sich in dir Vergangenheit und Zukunft,
wie auch Himmel und Meer es dort tun, wo du den Horizont annimmst, an dem dein
Auge und Sehnen sich festhalten und der doch unerreichbar ist. Zweidimensional
ist die Gegenwart und als Idee gegenwärtig, jedoch nicht greifbar, nicht zu
erreichen.
Zweidimensionales nicht erreichbar?
Dass ich nicht lache! Ich zeichne mit einem Bleistift eine Fläche und …
Ratur, einen Umriss zeichnest du.
Vielleicht den eines Kreises, eines Quadrates. Du zeichnest eine Idee. Die Idee
einer Zweidimensionalität, die zu erschaffen du nicht in der Lage bist. Die
Idee erschaffst du, kannst sie vermitteln. Doch zeichnest du auf einem
dreidimensionalen Blatt Papier, und selbst deine Zeichnung ist, geht man ins
Kleinste und betrachte den Graphitabrieb, ein dreidimensionales Gebilde. Du
kannst nichts Zweidimensionales erschaffen. Unser Universum selbst ist eine
dreidimensionale Beschränkung, innerhalb derer wir uns aufzuhalten haben.
Und das Hier und Jetzt, in dem zu
leben wir erstreben sollten?
Auch das halte ich für eine Floskel,
Ratur. Frag einmal Gerda. Wenn jemand im Hier und Jetzt leben muss, noch dazu
in einem in Auflösung begriffenen, dann sie. Sie fällt aus den Gezeiten.
Zukunft kann sie sich nicht mehr fügen – sie wird sie hinnehmen müssen wie die
zurückkehrende Flut. Mit dem, was ihr die schwindende Ratio an Werkzeug zu
verstehen lässt, als Gefäß zu fassen, zu begreifen. Eines nicht allzu fernen
Tages werden Flut und Zukunft über sie hinweggehen wie über ein im Watt
gestrandetes Stück Treibholz. Dann verliert sich das Vergangene mit all ihren
gelebten Tagen darin, auch mit den ihr noch kommenden Tagen, wie Ebbe, eine
letzte Ebbe. Ich habe nicht den Eindruck, dass sie, solange ihr das noch
bewusst werden kann, sich wohl dabei fühlt.
Und die Idee selbst, Kater?
Montag, 3. Oktober 2016
Besuch
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH |
Eine sanfte Erschütterung ließ Gerda
aufmerken. Am Fußende war etwas auf ihr Bett gesprungen und näherte sich auf
leichten Pfoten über die Bettdecke.
Purrr…
Den Schatten einer großen Katze nahm
sie wahr, wie der seinen Weg um ihren Kopf nahm, nun vor ihrem Gesicht inne
hielt und wartete. Unter die Bettdecke lugte.
Purrr…
Hm?
Prrr…
Bist du das?
Smrrr…
Schön, dass du wieder da bist.
Smrrr…
Gerda lupfte die Decke und ihr Besuch
schob seinen kantigen Kopf darunter, schlüpfte unter die Decke und bahnte
seinen Weg bis an ihre angewinkelten Oberschenkel, rollte sich ein und
schmiegte sich an ihren Bauch. Gerdas Hand suchte ihren Weg über die weichen
Konturen ihres Besuchers und ließ ihre Finger in seinem kühlen Fell spielen.
Schön, dass du wieder da bist.
Smrrr…
Wo warst du nur? Ich habe schon auf
dich gewartet.
Mit dem Spiel ihrer Finger in dessen
Fell gewann das Schnurren des Katers an Kontur, hob an und lief aus, rollte
anlandenden Wellen gleich und verebbte unter Gerdas Händen mit wohligem
Streichen.
Schön, dass du da bist. Bleibst du bei
mir?
Smrrr…
Wo die beiden einander berührten,
strahlten die Wärme des Katers und das Beben seines Schnurrens aus bis tief in
hinein in Gerdas Bauch. Der hob und senkte sich mit jedem Atemzug, ging mit dem
Schnurren des Katers und dessen Schwingen. Wärme, Beben und Ruhe strömten,
breiteten sich von dort in Gerdas Innerem zu entspannter Weite.
Warst du am Meer? Du duftest nach
frischer, salziger Luft … Ist das … Nebel in deinem Fell?
Smrrr…
Ich war auch an der See, oft, habe in
Dünen und auf Deichen gestanden und gewartet … Vielleicht auf … mich,
vielleicht auf …
Smrrr…
… auf dich, mein lieber, guter, alter
Freund.
Smirrr…
Oder hast am Ende du auf mich gewartet?
Habe ich dich warten lassen? Nein, oder? Das Leben im Hier und Jetzt, ich hatte
es mir so ganz anders vorgestellt, anders als …
Smirrr…
Schön, dass du endlich da bist. Bleib
nur bei mir. Ich laufe nicht fort, ich suche …
Smirrr…
… nicht mehr.
Smirrr…t.
Gerda kam zur Ruhe. Das Spiel ihrer
Hände verlief sich im Fell der Katze, ihr Atmen ging tief und ebenmäßig. Die
Katze schlief. Leises Atmen. Gerda entspannte. Kraftlos fiel ihre Hand aus dem
Gelenk aufs Laken. Sie war eingeschlafen.
Montag, 26. September 2016
Wo bist du, Kay?
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH |
Gerda hatte sich unter der Bettdecke
zusammengerollt, lugte aus großen Augen darunter hervor zum Fenster hin. Kühl
flutete der volle Mond ihr kleines Zimmer. Im Spiel seines bleichen Lichts mit
den langen Schatten der spärlichen Einrichtung nahmen sich das Dunkel ein wenig
tiefer und ihre Welt ein wenig kleiner aus, als sie es ohnehin bereits waren.
Der Mond ist aufgegangen, die goldnen
Sternlein prangen …
Gerdas Stimme war mit ihr gealtert.
Schon lange hatte sie von der Wärme verloren, mit der ihr schon die Mutter
Geborgenheit und Orientierung zur Nacht gesungen hatte. Zur Nacht, die sich,
derart besänftigt, einer warmen Decke gleich mit ihren Sternen um die kleine
Gerda gelegt und alles Bangesein vergessen gemacht hatte.
… am Himmel hell und klar.
Hell und klar. Das Helle war
geblieben. Dem Tag. Dem grellen Licht auf den Fluren. Ein paar wenigen heiteren
Augenblicken. Klarheit … K l a r h e i t … Dieses Wort war ihr fremd geworden. Ich weiß nur mehr: ich küsste es dereinst.
Das Mondlicht verlor sich im Laub der
Baumkronen vor ihrem Fenster, glomm auf, wenn der Wind hinein griff. Dann legte
es sich in silbrigem Widerschein auf ein schweigend wartendes Meer.
… steht schwarz und schweiget, und aus den
Wiesen steiget …
Einsamkeit. Nicht die, an deren Schulter
gut anlehnen ist und nachdenken, nein. Die kalte, die sich ums Herz legt wie
der Kuss der Schneekönigin. Die, die Angst macht.
… der weiße Nebel wunderbar. Wie ist die Welt
so stille …
Und des Vergessens Hülle so weich und
weiß wie Schnee. Das Glück verlernt zu fliegen. Verlassensängste fügen sich zum
Wogen eiseskalter See.
Wäre ihre Suche nach ihrem Kay nicht
so alt wie ihr Lieben, Gerda hätte auch sie schon längst vergessen. Zur See war
ihr Liebster gefahren, einen Splitter im Auge und einen Splitter im Herzen. Die
See war es auch, der sie ihr vergebliches Warten auf ihn anvertraut hatte, ihr
Vergessen ob des Wartens. Schließlich auch das Warten selbst, das sie vergaß.
Das Warten, das sich mit gelebten Stunden und Tagen aus ihren Leben verloren
hatte und nun wieder anlandete. Gelebt sein musste. Mit Stunden zunächst, dann
mit Tagen. Tagen ohne irgendeinen Kay, doch mit einer wartenden Gerda darin.
Sich in der Dünung wiegendes Treibgut landete mit dem Warten dann auch das
Suchen wieder an, haltlos, und rollte mit zerschlagenen Schneckenhäusern den
Strand hinauf. Suche. Nach was auch immer. Ihr rastloses Suchen trug keinen
Namen mehr. Wenn es doch nur ein wenig erinnerte an die Gewissheit, in den Arm
genommen worden zu sein, an Geborgenheit, daran, wie es ist, wenn man sich
angekommen fühlt und zu Hause. Wenn es doch nur erinnerte.
Gerda lag
da mit geöffneten Augen … dass sie lag … eigentlich tat es nichts zur Sache.
Das Vergessen nahm allmählich ihr Erinnern aus dem Spiel, dem Zusammenspiel,
der … Harmonie, ging es ihr durch den Sinn. Derweil ihr Sehnen nach flüchtiger
Geborgenheit einer sich neu findenden Balance galt - mit Gerdas haltlosem
Suchen darin im immer wieder anlandenden Wellenschlag vor ihrem Fenster.
Die weiß ich noch
und werd ich immer wissen / Sie war sehr weiß und kam von oben her.
Diese Sequenz enthält Passagen aus
Matthias Claudius: Abendlied
Bert Brecht: Erinnerung an die Marie A
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