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Montag, 1. Januar 2024

Tumult im Lyrwana

Das scheue Lyrich duckt sich
metrisch in das Gedichticht
Stil schwankt ein Rohr
im Winde der Eloquenz

Ein Ichdu auf der Jagd!

Metaphern rauschen
im Lyrwana das Elysium
Inspiration lauscht Schweigen
dichter Reigen prasselt

Ein Ichdu auf der Jagd!

Ellipsen knabbern
aus Sätzen sabbern
wehrlosen Elfen
schleimende Reime

Ein Ichdu auf der Jagd!

Verse brechen in wilder Flucht
durchs untere Bewusstsein
ein Elegeion pentametert
das Distichon hexat und zetert

Ein Ichdu auf der Jagd!

Silbenglanz der Weiher
darin der Mondschwein
ein Silbler, wie gewohnt
schweigt und geigt

Ein Ichdu auf der Jagd!

Das scheue Lyrich im Rhyth
mischen leise Sichtwaisen
elegisch sein Sprung ins Lied
entsprungen auch Lyrdu sieht

prosaistischen Ichdu sich trollen


Ludwig Janssen © 23.09.2004

Mittwoch, 5. Oktober 2022

Der Deudre

Der Deudre (Deutscher Dreizeiler) ist ein eigenartiger Kauz. Er greift die Inspiration, die die fernöstliche Kurzlyrik in Form des Haiku, Senryu und seiner Anverwandschaft in den Kulturkreis seiner Anhänger weht, auf und setzt sie im Rahmen der jahrhundertelang gewachsenen Tradition und Kultur des Lebensraumes Deutschland um.


Nun ist das Deu des Deudre kein nationales, ausgrenzendes, sondern ein umschreibendes, auf die Sprache Deutsch in ihrer Vielfältigkeit und Geschichte bezogenes.

Der Deudre hängt der Internationalen nach und strebt beständig nach Verbrüderung mit anderen Sprachen.

Somit verbindet er selbstbewussten bayerischen Liberalismus mit dem „jönnekönne“ des Rheinländers, dem preußischen Hang zur Disziplin und norddeutsche Schweigsamkeit.

Man darf ihn auch gerne „die“ oder „das“ nennen und ein Plural-„s“ anhängen, weil dies auch den LKW so geschieht im Land der Dichter und Denker.

Dem Land der Dichter und Denker fühlt sich der Deudre insofern verpflichtet, dass er möglichst beide Elemente in sich vereinigt. So darf er auch über genügend Dichte verfügen, die zum Denken anregt, sofern er genügend durchdacht ist, Gedachtes und Beobachtetes zu verdichten.

Die Regeln des Deudre:

  1. Ein Deudre sollte sich auf drei Zeilen beschränken und eine Silbenzahl von 17 nicht überschreiten. Das Schema 5-7-5 gilt als Anhaltspunkt. Soweit der fernöstliche Einfluss und die Tradition.

  2. Die Silbenzahl 17 und somit die freiwillige Beschränkung des Deudre-Anhängers zur Komprimierung einer Beobachtung, eines Gedankens, ist eine Höchstgrenze, die den Deudre vom „freien Dreizeiler“ unterscheidet (soweit zu Preußen).
    Entsprechend dem Können des Verfassers und der Verständlichkeit der Aussage darf, ja sollte die Silbenanzahl unterschritten werden, wenn dies möglich ist.
    Das norddeutsche moin-moin als großer Wurf des Norddeutschen aus der Einsilbigkeit ist hier ein willkommener Anlauf in die Quasselei und bedarf nur einer winzigen ausschweifenden dritten Zeile, z.B. „du“, ebenso wie das  vergleichbar geschwätzige Tri tra trullala problemlos auf drei Zeilen zu brechen ist und zum nächsten Punkt führt:

  3. Ein Deudre darf durchs Gedichticht metaphern, dass es nur so schplatattert,  von Innerwelten erzählen, resümieren und kommentieren, soviel er mag und wie es (seiner Kürze) zumutbar ist. Ebenso dürfen sich in ihm Heukühe, Supermännchen und andere Spaßvögel tummeln, ohne dass es einer weiteren Kategorisierung bedarf. Wortwiederholungen, die als Stilmittel eingesetzt werden, sind willkommen ebenso wie Über- und Unterschriften. (Soweit zum Rheinland und zu Bayern)

  4. Der Deudre (er kann auch eine „sie“ sein) braucht sich von nichts und niemand was sagen zu lassen, solange er was (aus) zu sagen hat. Aber er darf. (Soweit zu Bayern)

  5. Der Deudre kennt keine Meister. Seine Anhänger sind auf Wanderschaft. Doch erkennt er Freunde. Mit seinem großen Herzen nimmt er all jene „Ruinen“ auf, die von Meistern und Büchern aus Haikuland oder Senryunien vertrieben wurden und gibt ihnen eine liberale Heimat, sofern Punkt 4 einigermaßen erfüllt ist.
    Ebenso schämt er sich seiner nicht. Zwischen Haiku und Senryu gestellt, lächelt er die Meister fremder Gedichtarten an, weiß er doch um seine Heimat. Netterweise sollte er sich ein Ruinencape umhängen.

  6. Besonders gern mag es der Deudre im Sinne der Verbrüderung bzw. Verschwesterung, wenn seine Aussage bzw. seine letzte Zeile von einem anderen Deudre aufgegriffen, fortgesetzt und/oder kommentiert wird. Dies ist dann eine so genannte „Polonaise d’eudre“.
    Ebenso liebt er es, sich zu spiegeln, zu trichtern oder dreischichtig daherzukommen. Extremsportarten wie das XLdeudring 10/14/10 stehen offen, sind aber auch ein Hinterausgang in den freien Dreizeiler.

  7. Das Anhängen weiterer Zeilen sollte der Bekömmlichkeit des Deudre zuträglich sein.

    So öffnet er sich auch den Geschwistern Tanka und dem Rengha, indem er sie freundlich an seinen gastfreundlichen Tisch bittet und zusätzliche 14 Silben in zwei Zeilen aufdeckt.

    Ebenso behält der Deudre sich vor, auf eine dritte Zeile zu verzichten.
    Denn warum sollte man einen Norddeutschen durch irgendwelche Regeln dazu nötigen, gegen seine innere Natur zu handeln?



Ludwig Janssen © 28.9.2004

Samstag, 2. März 2019

Aus einer Quelle gelesen

Für den Moment meide ich es den Fluss des gesprochenen Wo rtes auf eine andere Art zu unter brechen, dass Kunst entstehe n kann: Literatur im Geschrei be wohlfälliger Betonung offen sichtlich erschöpfte Sprache im Gemetzel lyrisch intendierter Um brüche, gebettet in einen Bach.

Ludwig Janssen © 2.3.2019

Montag, 6. März 2017

Aus einem Gedicht

Mein lyrisches Ich wäre
gern deines, komm, lies
dies, laut: Ich wäre gerne
Du in meinem Geist, frei
singt es dein Lied.

Ludwig Janssen © 6.3.2017

Freitag, 6. Januar 2017

Über weiße Elefanten im Porzellan



Was braucht man einen Elefanten in einer Porzellankiste, wenn deren Mutter, die Vorsicht, mit einer Sturzgeburt niederkam? Nun, man könnte ihm ein Tutu anlegen und ihn mittig positionieren, unauffällig, als Sympathie- und Leistungsträger zugleich. Und, wozu sonst ein Tutu, wenn nicht um seinen Träger als Träger von Ausdruck, ja, da wer A sagt, muss auch B … Bedeutung auszuzeichnen. Schließlich sind Elefanten, domestizierte jedenfalls, Lasttiere, reißen Bäume aus und was sonst noch, und das, also der Umstand, dass sie was reißen, macht sie so beliebt, macht sie beeindruckend. Nicht ihre massige Gestalt, nicht ihr Vermögen, im Innern einer Porzellankiste mittig und unauffällig zugleich anwesend sein zu können, beeindruckt uns, nein, sie reißen was, ja, nahezu alles, sieht man den Bäumen an, und, so nebenbei, lässt sich vorzüglich auf ihnen reiten.

Selbst durch einen Porzellanladen, auch wenn einschlägige Redewendungen Gegenteiliges glauben machen möchten, denn, wer in einer Kiste voller Porzellan klarkommt, wird sich in einem im Vergleich dazu weiträumigen Laden mit elfengleicher Grazie bewegen, der auf ihm Reitende selbstredend eingeschlossen. Porzellanläden, das sind zumeist über große Schaufenster lichtgeflutete Räume, in denen sorgsam arrangiertes Porzellan zur Schau und zum Erwerb angeboten wird. Porzellan, das Porzellankisten entnommen wurde. Kisten, in denen sich mitunter auch besagte Elefanten befanden, die, selbstredend ebenso unauffällig wie mittig ihren Kisten entstiegen, im Porzellanladen nun ebenfalls bemüht sind, sich etwas reißend und als Träger von Bedeutung ihrer Exposition und den damit verbundenen Aufgaben zu widmen, ohne dass man sie als Elefanten im Tutu ausmacht. Daran nämlich scheitert alles Mühen besagter Elefanten um Unauffälligkeit: Dass irgendwer sie anlässlich ihres Aufenthalts im Porzellanladen bemerkt, als Elefanten ausmacht und am Tutu zupft.

Elefanten sind schreckhafte Tiere. Sie mögen nicht, wenn man sie aufscheucht. Erst recht nicht, am Tutu gezupft zu werden. Merkwürdig ist, dass der Elefant an sich weniger zur Dekompensation neigt als der Elefant in Gesellschaft. Nehmen wir an, dass es ungefähr zwanzig Porzellankisten braucht, um einen kleinen Porzellanladen zu bestücken, eher vierzig. So steigt mit jeder Kiste die Wahrscheinlichkeit, dass sich in einer ein Elefant befindet, mit jeder weiteren Kiste könnte ein zweiter Elefant hinzukommen, schlimmstenfalls ein dritter. Sie entsteigen den Porzellankisten, deren Mutter diese bis dahin vor dem Schlimmsten bewahrten, manche Mütter kamen gar erst im Laden nieder, und, ist mehr als einer angekommen, nimmt das Unglück seinen Lauf: Nimmt ein Elefant die Witterung eines anderen auf, hebt er zunächst suchend seinen Rüssel. Dann grüßt er den Artgenossen, indem er laut und vernehmlich auf sich aufmerksam macht. Dies bleibt nicht lange unerwidert. Schon stürmen die beiden durch den Porzellanladen aufeinander zu, springen einander freudig erkennend kreuz und quer, fechten kurz aber entschlossen die Rangordnung aus und schließen sich zu einer Herde zusammen. Das hat bislang noch kein Porzellanladen unbeschadet überstanden.

Es gibt zweierlei Vorkehrungen gegen Elefanten in Porzellanläden: Zunächst trage jeder, der einen Porzellanladen einrichtet, lieber keine Kiste mit einem Elefanten darin über die Schwelle. Es sei denn, es handelt sich bei den Porzellankisten um die eingangs erwähnten Sturzgeburten. Denn sollte ein Elefant darin sein, kann man den beim Öffnen sofort zwischen den Scherben ausmachen, Sorge tragen, dass er im Inneren des Ladens keinem Artgenossen begegnet, und ihn nach Belieben etwas reißen lassen. Diese Maßnahme ist so einleuchtend wie sinnlos, denn wer einen Porzellanladen einrichten will, braucht Porzellan, nicht Scherben. Und so kommen wir auf die einzig wirkliche Maßnahme gegen in der Einrichtung eskalierende Elefanten: Das Tutu! Ja! Denn trägt ein Elefant ein Tutu, geht eine seltsame Wandlung mit ihm vor. Zunächst fühlt er sich als Ballerina, durchgeistigt und erstarrt in würdevoller und kunstbeflissener Pose – der Grund, aus dem Elefanten in Porzellankisten unsichtbar sind und es auch im Porzellanladen bleiben. Solange, ja, solange niemand am Tutu zupft, denn das nimmt ihnen allen Zauber und bringt den wahren Elefanten in ihnen zum Vorschein.


Also lautet der abschließende Rat an alle, in deren Porzellanläden Elefanten leben, dass sie verhindern müssen, dass irgendwer ihren Elefanten an die Wäsche geht.

Ludwig Janssen © 15.1.2012

Dienstag, 14. Oktober 2014

Über Poetik

An einen Umbruch
in diesem Gedicht
setze ich
Man sieht es nicht
Die inmitten, leer
sieht man ihm an
doch das eine
wiegt schwer


Ludwig Janssen © 14.10.2014

Sonntag, 24. November 2013

Über Leerzeilen, die Stille und das Schweigen

Leerzeilen sind ein wunderbares Stilmittel, ein Gedicht zu strukturieren. Sie geben Pausen vor, deuten Abschnitte an, lassen Luft in das Gedicht und das Gedicht selbst atmen.

Bevor ich auf eine Leerzeile verzichte, überlege ich mir zuerst, ob ich nicht eine Zeile des Gedichtes streichen könnte, die mehr sagt als notwendig.

Sind es doch oft die Momente empfundener Stille, die ein Erlebnis tiefen ...

In diesem Sinne - fügt euren Gedichten ruhig ein gewisses Maß an Schweigen bei und baut es auf ...

... denn so wie das Schweigen mehr ist als das Fehlen von Worten, ist Stille mehr als das Fehlen von Geräusch ...


Ludwig Janssen © 4.10.2005

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Prinzessin Nurphonetis

mit Zelt zahmem Gen Volke
schreit @ und er dem him Mehl
Wassili bebt isst Tasse Leben
All, es Fass Sicht ein pflügt
hinten Klan Körper irrer Graz yeah!

Oh! Zeih Nichte ein Kai bildet
feile tu Clara pisst, Frem, Teer!
Ire, schön, heut isst Bison der’s
Hund Fohlen dete Anna Chi
Krauser, geh’ tanken!

Zoo Kehl langt, Mia nimm als
zinnlos Vieh Main Trauma Frikas
Auster Tunke Leid Inn schlicht:
Main e Prinz Esse in nur Fon ethisch

Ludwig Janssen © 22.7.2005

Freitag, 11. Oktober 2013

Schlachtplatte Lyrik

Herbst ist! Und die Ernte war gut. Heute massakriere ich Partizipien, schlage ihnen die Köpfe ab und lasse ihr Blut spritzen, hänge sie an Pronomen auf. Ganzen Sätzen breche ich zuerst das Licht den Augen, dann das Genick, um und um zu Hackfleisch. Seht her, wie Innereien sich winden, brühwarm, wenn ich das will, gehaltvoll wie das von den Fliesen geklaubte Hach! darüber, das gelöchert und gespleißt kaum seinen Saft hält, aber den Schnabel aufreißt. Entbeinte Maske, zu Sülze und Wurst, ein wenig Thymian dazu. Mit Zwiebeln das letzte Salz aus leergeweinten Höhlen hinein gepfeffert - und alles Eingeweide zu Andouille de Vire - dass es schön klinge. Ein Gedicht! Der Fleischbeschauer kommt morgen. Ändert ja nichts! Die arme Sau. Der Tisch ist gedeckt. Schnaps!

Ludwig Janssen © 11.8.2007

Montag, 31. August 2009

Poetik der Thunfischkonserve

Vor mir eine Dose, Thunfisch, natur – ohne Öl. Es handelt sich um eine in sich geschlossene Angelegenheit, ja, „hermetisch“ wäre ein denkbares Attribut für diesen Zylinder, runde Sache aus zwei Perspektiven, und, wäre da nicht mein räumliches Vorstellungsvermögen, aus vier weiteren Perspektiven nicht mehr als ein immer gleich großes Rechteck. Die Sicht der Dinge ist oft nicht mehr als der Ausdruck ihrer eigenen Unvollständigkeit.

Zweihundertfünfundzwanzig Gramm Gewicht. Ob das dem Gehalt entspricht? Entsprechen Gehalt und Inhalt einander, bedingen sie einander? Kann, könnte ich sie trennen? Ja, kann ich das überhaupt auseinander halten? Oder lasse ich mich täuschen, denke, dass alles einfach, klar und deutlich sei, weil es sich offensichtlich um eine Dose Thunfisch handelt?
Was lässt mich auf „Thunfisch, natur – ohne Öl“ schließen? Nicht mehr als die dünne Banderole um die Wand des Zylinders, Papier, bunt, mit zusätzlichen Informationen zum Inhalt der Dose. Beiwerk? Ausschmückung? Äußerlichkeit?

„… Thunfisch Stücke in eigenem Saft und Aufguss …“
Aha.
„Zutaten: Thunfisch, Wasser, Speisesalz …“
Oh. Das also sind Worte, - Stellvertreter? Erklären oder erläutern sie?
„… Füllmenge 185g …“
So viel ist also darin.
„… Abtropfgewicht 140 g …“
Was nun? Soll ich hier in Teilen denken? Gibt es hier Teile, die weniger wichtig sind?
Klar ist mir, dass von den zweihundertfünfundzwanzig Gramm Gewichtigkeit der Dose nicht viel bleibt, wenn ich vom Ganzen ins Detail gehe.
Ah! Ich sehe auf der Banderole „GUT & GÜNSTIG“, in Majuskeln farblich abgesetzt – es scheint sich um ein gestalterisches Element zu handeln, womöglich um ein Markenzeichen. Markenzeichen, sind das nicht Symbole, mit denen manche meinen, alle ihre Produkte ausstaffieren zu müssen, damit sich jede der von ihnen fabrizierten Dosen in gleicher Weise von den Dosen anderer Konserven-Fabrikapritapezierer/innen unterscheidet?. Dann ein kleines Symbol – ein Delfin ist darauf zu sehen und, ebenfalls in Majuskeln, der Schriftzug „SAFE“ – ist das ebenfalls ein Markenzeichen? Ist das wichtig? Entscheidet dieses Symbol darüber, wie ich den Inhalt annehme? Sicherlich wurde es mit Bedacht gewählt, platziert, transportiert ein wenig von dem Unwägbaren, das dieser Konserve innewohnt wie der Thunfisch. Wirklich?

Der Thunfisch. Eigentlich ist nur ein winziger Teil eines riesigen Fisches in dieser Dose. Ein Teil, ein Fisch – denn ich weiß nicht, um welches Teil es sich handelt, man – und damit meine ich den Autor dieser Konserve, den Autor der Banderole, den Autor des Signets „SAFE“, den Autor der Konservenfabrik, auch den des Ozeanriesen, mit dem diese Dose und ihr Inhalt nach Deutschland kamen - lässt mich im Unklaren, um welches Stück es sich handelt, um welchen Fisch.
Abstraktion? Minimalismus? Ist nicht wesentlich entscheidender, dass der Fisch tot ist, dessen Teilstück der Leser in diese Dose eingeschlossen wähnt? Gehört auch das zum gestalterischen Element des Verfassers? Was wurde aus dem übrigen Fisch?
„… PRODUCT OF THAILAND …“
So weit der Weg, den dieses Stück Fisch, womöglich schon eingeschlossen in diese Dose, zu mir nahm? Von so weit her fandest du deinen Weg zu mir, armer, bedauernswerter und schon längst verstorbener Riesenfisch im Blechsarg.
Schwammst, vielleicht nicht lustig und vergnügt, aber gefräßig und geschäftig durch den Pazifik, auf der Suche nach Nahrung, vielleicht sogar auf der Suche nach dem Sinn des Lebens – ich projiziere das, halt bitte still, oh, Entschuldigung, so hatte ich das nicht gemeint, ach, kannst mich ja nicht verstehen, deine Ohren sind ja nicht in dieser … Entschuldigung, hast ja keine, aber, hättest du welche, wären die bestimmt nicht hier, verstehst du, hier! Hier? Kein Mucks, in der Dose bleibt es still.
In der Dose Stille. Nie werde ich dort Urlaub machen können, wo deine letzte Inkarnation entbeint, entgrätet, entleert, entzweit, in Dosen abgefüllt wurde, in
„… THAILAND N0. 2065 …“,
wo’s wahrscheinlich nach totem Fisch riechen und nicht sehr gemütlich sein wird, weder für deines- noch meinesgleichen, toter Riesenfisch, dessen zufälliges Stückchen hundertvierzig Gramm Abtropfgewicht hier in dieser Dose vor mir glückert, wenn ich die schüttle. Oder im Pazifik. Da werde ich auch nicht sein.
Aber du warst dort, Riesenfisch (hattest du zufällig einen Namen, vielleicht „Fritz“ oder einen etwas pädagogisch wertvollen wie „Regenbogenfisch“?), ja, du warst dort, mitten im Pazifik, tiefer, als je eines meiner Gedichte gelangen wird (solange nicht irgendwer mit einer Fähre untergeht und vor dem Ableben eines meiner Gedichte rezitiert), warst Fisch, ganz Fisch – und wesentlich lebendiger, aussagekräftiger, schwimm- und tiefgangbegnadeter als diese Konserve hier vor mir mit der Thunfischreliquie darin, „… Mindestens haltbar bis: 31.12.2010 …“.
Hallo, Thunfisch, hörst du mich? Null! Die Waage zeigte „0“ an, als ich die Banderole um dein Teilbestattungsbehältnis entfernte und es somit zu der mattgrauen Blechdose machte, die jetzt vor sich hin schweigt, deren Inhalt sich durch leises Glückern mitteilt, wenn man die Dose schüttelt.

„Null“ – das ganze blau-rot-weiße Brimborium drumherum ist zu leicht, um meine digitale Küchenwaage dazu zu bewegen, etwas anderes anzuzeigen als „0“. Und weißt du was? Redundanz! „Thunfisch“ ist redundant, „Gut & Günstig“ ist es, „natur – ohne Öl“ ist ebenso redundant wie das Logo mit dem Delfin und SAFE - ja, da wollte wohl jemand „auf Nummer sicher gehen“, traute dem Leser nicht zu … ja, was eigentlich? Ob das vielleicht Stilelement ist? Die Andeutung einer Alliteration?


Auf dem Boden der Dose der Aufdruck:

MI 23KCW
H3TAD

Auch das sagt nicht viel aus, findet sich der gleiche Aufdruck doch auch auf den anderen Dosen im Regal.
Diese Dose hier vor mir – ohne das Null-Gramm-Banderolen-Tara ist sie kryptische Verdichtung, Umdichtung und Metapher. So viel Blech. So viel Blech um toten Fisch, und würde ich ihn, sie, (dich, mein Freund Riesenfisch - wir hätten Freunde werden können, hätte ich nie die vielen Pizzi Tonno gegessen, nicht wahr?) jetzt so, wie sie ist, in einem Literaturforum veröffentlichen, würde man nicht einmal wissen, dass sich innerhalb des Blechs Fisch befindet, Thunfisch.

So viel Blech um dich, Riesenfisch, um dieses Teil von dir jedenfalls und die vielen anderen, Teil der gigantischen Inszenierung einer verzögerten Bestattung – von Hagens würde vor Neid erblassen, würde er gewahr, dass hier eine Riesennummer abgeht. Gehören Thunfischstückchen der anderen Dosen im Regal zu dir? Das weiß niemand. Niemand! Ist vielleicht ein Teil von dir, der Inszenierung deiner Bestattung schon gegessen, verdaut, fern? Ist Rohrpost? Auf dem Weg durch irgendeine Kläranlage Ostdeutschlands oder in einem nordamerikanischen Fluss, duftet gar, auf einer südeuropäischen Spezialität mit den Hinterlassenschaften von Tieren vereint, denen du im Leben nie begegnet wärest, zwischen Gemüse und Käse einem westafrikanischen Geschäftsmann lecker, lecker vom Teller entgegen?

Wer weiß. Weißblech. Vor mir: eine mattgraue Blechdose. Abgeschlossen. Das schien ihrem Autor wichtig zu sein. Dass das Werk eine in sich und für sich abgeschlossene Angelegenheit ist. Schüttelt man die Dose, glückert es darin. Darauf muss man erst einmal kommen. Ich bin sicher, dass ich, wenn ich auf das ganze Blech hinweise, das diese geschlossene Angelegenheit zusammenzuhalten scheint und mit vierzig Gramm siebzehnkommasiebenacht Prozent der Gewichtigkeit dieses Werks ausmacht, auf Unverständnis und Unmut stoßen werde. Metapher. Die Dose vor mir ist Metapher, ist Allegorie.

Die Poetik der Thunfischkonserve ist Poesie ...

Ludwig Janssen © 21.8.2008