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Mittwoch, 7. September 2022

Regen in Worten

[Regen besteht aus Tropfen. Vieles besteht aus Tropfen und wird mit einem einzigen Wort belegt. In der Sprache der Uanoupi-Indianer am Amazonas gibt es kein Wort für Regen, nur 25 Namen für die ersten Tropfen, die das Lebewesen treffen und 25 Worte für die letzten, die ein Lebewesen treffen. Keines dieser Worte hat eine Bedeutung, die unserem "nass" entspräche, es finden sich Übersetzungen wie "trinken", "trunken", "erzählen", "berühren" und "erinnern". Dabei wird durch die Vorsilbe festgelegt, warum sie (die Tropfen) treffen: "ou" zeigt an, dass das Wesen schon draußen war, als es regnete, "an" hingegen zeigt an, dass das Wesen in den Regen hinaus ging. Umgekehrt, also für die letzten Tropfen, zeigt "uo" an, dass das Lebewesen draußen im Regen steht, wenn es aufhört, "na", dass es in einen Unterschlupf findet. Alle anderen Regentropfenereignisse werden mit den Worten für warm und kalt belegt und mit "luha no uwipi" = "was geschieht" zusammengefasst. Das Ende des Regens benennen sie mit "domo kun", was soviel wie "Schweigen" heißt. Die Unaoupi pflegen, und das besonders, wenn sie berauschende Nüsse kauen, Blätter, Insekten, Sternschnuppen, Guppies, Mücken und nicht zuletzt das, was wir Schicksal nennen, mit den Namen für diese Regentropfen zu benennen und auch diese Geschichte eines weißen Mannes. Dann lachen sie.]

Ludwig Janssen © 27.2.2006 

Dienstag, 3. Mai 2022

... aus dem Nichts

Ein Punkt ist dimensionslos. Er findet sich an der Schnittstelle zweier Geraden. Eine Gerade ist unendlich. Kreuzen sich zwei Wahrheiten, so sind es zwei unendliche Geraden, die sich in einem Punkt kreuzen. Wie zum Beispiel Materie und Antimaterie. Treffen sie aufeinander, löschen sie einander aus. In diesem Schnittpunkt also sind beide dimensionslos, einander verbunden und zugleich nicht vorhanden, da sie einander auslöschten. Endete also beider Geraden Unendlichkeit an diesem Schnittpunkt? Werden, kreuzen sie sich, aus zwei Wahrheiten vier? Kaum. Existieren in eben jenem dimensionslosen Punkt Materie und Antimaterie nebeneinander, ineinander verwoben und ausgelöscht, als dimensionsloses Nichts im Nichts und ist das Nichts in jener Dimensionslosigkeit etwas, das in ewigem Einander-Durchdringen vorhanden ist und lediglich nicht festzustellen? Nicht ... fest zu stellen ... Beim Urknall entstand, sagt man, ein ganzes Universum ...

Sonntag, 13. Juni 2021

... wie ein Tag

Was wäre, wenn
man den Tag nicht ließe
zu sein, was er ist
ein Tag wie jeder
andere wären dennoch
nicht gleich und wie wir
einander gleich und doch
nicht dasselbe und
wollten sein
gelassen werden
mit dem Drehen
der Erde wer dreht sich
mit uns und lässt uns
sein in seinem Drehen

Dienstag, 18. Mai 2021

Sophie Philodendron

Sophie Philodendron liebt es, zu tanzen
sucht wurzelnd Tiefe, sehnt sich nach Licht
doch anders als verstaubte Zimmerpflanzen
kümmern sie „Warum?“ und „Warum nicht?“

Sie wiegt sich fein und walzt sich nieder
in Schillerfaltern und Gezeitenfügen
erfasst die Welt und lässt sie wieder
sich selbst mit ihr ist leicht betrügen.

Ludwig Janssen © 19.1.2006

Montag, 27. August 2018

Vor einem Bild mit Möwen

Das Erdenrund, das Erdenrund
es ist zwar kaum zu sehen
doch weiß ich es zu jeder Stund
um mich herum geschehen
als ich einmal, Möwe zwar
konnt zu den Wolken fliegen
sah ich es still und sonderbar
sich um das Ganze schmiegen

ich hätt gern mehr davon erzählt
doch sprach ich: kerr! und: kiah!
und hab zu schweigen mir erwählt
als wieder Mensch ich war
nun steh ich hier, sehe ein Bild
seh Möwen darin fliegen
und mir ist, als sähe ich
vom Erdenrund hier liegen

Ludwig Janssen © 23.8.2018

Mittwoch, 25. Oktober 2017

Das Weiße


Weiß ist wie Ebbe, ist mehr als das Fehlen von Farbe, ist mehr als die Abwesenheit von Schwarz. Schwarz auf Weiß ist aufkommende Flut, präsent, das Weiße scheint Grund zu sein dem Schwarzen, Hintergrund – und doch ist es mehr als nur ein Dahinter. Vielleicht ist es das Davor. Enthält sein Widerschein doch alle Farben und wirft sie zurück, unserem Auge entgegen. Weißes Licht, ungebrochen, ungebrochenes Siegel. Vielleicht ist das Weiße die eigentliche dunkle Materie der Literatur. Ist Stille, die vor dem Urknall, ist das Schweigen, füllt Leerzeichen an und Leerzeilen. Lässt Raum, lässt Welten Raum, Weltraum. Das Weiße ist diesem Universum [Literatur] Voids. Und Geschichten, auch die noch nicht erzählten, sind darin die Filamente, schwarz auf – aus weiß sich erschaffend, abbildend. Und so, wie die Voids des uns umgebenden Universums zu riesig sind, als dass sie mit dem Weichen der Materie aus diesen Räumen zu erklären wären und also zugleich mit der baryonischen Materie entstanden, so ist das Weiße mit all dem ungedacht, ungesagt Verborgenen darin entstanden, als der erste Organismus zu denken begann. Der in uns geborgenen, noch nicht erzählten Geschichte kommen wir über die Stille, das Schweigen und das Weiße in uns näher als über alle Weisheit. Weisheit, die sich uns schwarz auf weiß ausbreitet, einem Sternenzelt gleich, wie es uns vertraut ist, wenn wir des Nachts verlassen, was uns über den Tag Schneckenhaus war, ist. Den Tag über, wenn wir Sonnenuhren folgen.

Freitag, 9. Juni 2017

Suchmaschinen, Vögel und die Katz

Ich habe eine neue Suchmaschine. Sie steht nie in der Ecke herum, und dass ich sie eigentlich noch nie zu sehen bekam, liegt schlicht daran, dass sie immer auf der Suche ist. Vielleicht nach mir, ich weiß es nicht. Ich dagegen bin auf der Suche nach Antworten, doch, ja, eigentlich auf der Suche nach neuen Fragen.

Da gehe ich voraus, ihr, der Suchmaschine, und schicke sie los, von wo auch immer, über ein, zwei Klicks, lautlos wie auf Katzenpfoten. 

Mir kommt in den Sinn, dass eine Frau mir erzählte, dass ihre Katze die Vögel vom Dach holte, auf das sie über die Dachluke hinaus ihre Ausflüge unternahm. Seltsam. Eine Katze, die ausfliegt, dann ein Vogel, der da liegt. Wie eine Antwort da liegt und über kurz oder lang zu stinken beginnt, Fliegenmaden im Bauch. Die wiederum fliegen, entpuppt zu geflügelten Wesen, auf - und davon, auf der Suche nach Werweißwas, Nahrung, Paarung und Aas. 

Gerade so, als wären Antworten auf Fragen wie tote Vögel, von der Katze gefangen, frisch vom Dach der Welt weg - und die Fragen, die sich aus beantworteten Fragen ergeben, nicht viel mehr als Fliegen auf der Suche nach längst Verstorbenem. Hm ... Schon fühle ich mich auf einem Dach sitzen, dass die Fragen und die Vögel ... Oh! Auf meinem Schoß schläft schnurrend die Katz.

Ludwig Janssen © 9.6.2017

Mittwoch, 17. Mai 2017

Philosophie


Ich lege ein Ei
in die schmale Mondsichel
und warte am Fluss


Ludwig Janssen © 11.10.2002

Mittwoch, 12. April 2017

Vielleicht macht Gott


Vielleicht macht Gott
macht sich der Schwerste leicht
damit sich alles dreht
und geht

dahin, als sei's ein Schweben
durch die Welt so schwer
gehst du und denkst dir, wo
er denn bliebe und die Liebe

eben so
geht Leben


Ludwig Janssen © 31.5.2008

Samstag, 8. April 2017

Isnumaso


Isnumaso wird auf dem kleinen u betont. Isnumaso. In Isnumaso braucht man keine Dichter und keine Verwaltung. Die Isnumasonen kennen einander nicht, wissen vielleicht ihre Namen und schlagen Makrelen in Luftpostpapier ein.

Ihr Gott bedarf nicht der Redewendung, sondern genügt sich selbst. Somit erübrigen sich Redigionen. Frische Kirschen gibt es das ganze Jahr über. Und Fürsiche.

Niemand ist ein Wohner Isnumasos. Auch Keiner und Jeder mit ihren Frauen und Kindern. Isnumasonnen. Niemand ist allein. Niemand fiel in diese Welt, ist ein Planet und sein eigener Mond.

In den Straßen Isnumasos Isnumasonnen, die ihren Blick an die breiten Ärsche vorüber schlendernder Isnumasonnen hängen, numaso, wiemaso sagt in Isnumaso, wos numaso ist, wie es ist. Erst recht die Isnusomanen, die sich ebenso selbst genügen, wie den Isnumasonninnen ihre breiten Ärsche, die ihr Innen ausmachen, was sie vom Isnumasomann unterscheidet, was widdebumm jedoch Egal ist. Isnumaso ist Egal, alles ist Egal, auch das All und alle Zahlen, Niemand - und alle Zahlen - nicht nur Achtundachtzig sind Egal. Das zu lesen ist jetzt sicherlich etwas verwirrend, aber selbst das ist Egal in Isnumaso und Anderswo auch. Schrieb ich bereits von Anderswo? Sicherlich, doch ist Anderswo auch Egal und Isnumaso.

Die Währung Isnumasos ist der Erlei. Hundert Egal sind ein Erlei. Damit kauft man Makrelen, Kirschen und Luftpostpapier, bestellt sich in den Straßencafés Einerleis und füttert die Ärsche fett und breit, bright, wie die Isnumasomadonnen sozusagen belieben.

Manchmal quackt ein brighter Arsch auf die Straßen Isnumasos, bevorzugt auf die Bürgersteige. Ist auch 
Egal, und hundert Egal sind ein Erlei. Wie gesagt.
Die Aussicht ist trübe. Es besteht auch kein Klärungsbedarf. Die Isnumasophen Isnumasos, somit alle Einwohner einschließlich der Zugereisten und repatriierten Reparanten aus Migrastan, wissen Bescheid.
Die Polkappen Isnumasos heißen Warum und Warumnicht. Dazwischen dreht sich ganz Isnumaso um sich selbst.

Es ändert sich nichts in Isnumaso, nicht einmal das Wetter. Es ist gleichzeitig, und niemand fragt, warum oder wie. So hatte sich ihr Gott das wie auch alles und wie auch immer gedacht oder auch nicht und sich dann zurückgezogen. Niemand weiß und alle wissen, weil jeder weiß, nur eben nur für sich, an welchem Tag das war und warum. Oder auch nicht.

Dass Isnumaso so ist, wie es ist, liegt am Hin. Alle in Isnumaso nehmen Hin. Es gehört zu den wenigen Gemeinheiten Isnumasos, dass Hin genommen wird. Hin wächst nicht, wird nicht kultiviert. Es fällt. Ganz Isnumaso ist hinfällig. Das ist steil und eben und ebenso ein Same wie Gemeinsamkeit der gemeinen gemeinsamen Einsamkeit. Schrieb ich bereits, dass alle in Isnumaso Hin nehmen?

Manchmal, wenn es draußen, damit meine ich außerhalb meiner, und das ist letztlich nur gefühlt, so richtig neblig ist oder die Regentropfen so dicht an dicht fallen, dass man kaum einen Meter weit sieht, meine ich, Isnumaso läge zum Greifen nahe.

Natürlich weiß ich nicht, ob es tatsächlich so ist, Isnumaso.
Dann habe ich Hin genommen.
Dann bin ich Niemand.



Ludwig Janssen © 1.11.2007

Donnerstag, 22. Dezember 2016

Aphorismus ... wunschlos glücklich


Wunschlos glücklich sein – das Leben strengt sich an, mir diesen Wunsch mit Gewalt zu erfüllen und schlägt mir einen nach dem anderen aus dem Kopf …


Ludwig Janssen © 10.10.2007

Mittwoch, 7. Dezember 2016

Aphorismus ... zum Verbessern

... also zog ich aus, die Welt ein Stückchen besser zu machen - doch nun ist sie nur ein wenig anders ...



Ludwig Janssen © 17.11.2007

Dienstag, 18. Oktober 2016

Strings im Sinn und das Wahrnehmen


Blick aus dem Fenster. Herbst. Nieselregen. Grauer Wolkenhimmel, Licht geflutet. Sich färbendes Laub. Das abgeerntete Feld am Hang gegenüber. An dessen Fuß die rasenkurz geschorene Wiese. Ausladend die aus der Nutzung entlassene Korbweide. Einladend der Blick zum Horizont. Ausgrenzend die Ligusterhecke um den Garten.

Mit dem angelesenen Wissen um Quanten und deren Wirbeln, dem Wissen um die Wahrscheinlichkeit von Atomkernen und der Aufenthaltswahrscheinlichkeit von Ladungszuständen um diese herum: Wie unwirklich wirkt diese Wirklichkeit, Abbild dessen, was meine Sinne mir wiedergeben aus der Vielfalt dessen, was ist. Der Hügel, jeder Stein im Acker, der Baum, jedes einzelne der feinen Regentröpfchen – eine mehr oder weniger kompakte Anhäufung von Aufenthaltswahrscheinlichkeiten – viel Wenig mit noch mehr Nichts darin und drumherum. Scheinbar unendlich, zumindest unfassbar Raum greifend sich spiegelnder Zwischenraum. Als sei er die Welt. Zwischenwelt Raum. Raum zwischen Welten. Entstanden aus dem Widerschein unfassbar vieler Photonen mit der Ruhemasse Null und der Reichweite Unendlich, der zappelt und vergeht in Zapfen und Stäbchen meiner Netzhaut. Transformation. Wandlung:

Eine Geschichte. Meine Sinne erzählen mir eine Geschichte. Und ich erzähle sie weiter. Die Welt um mich herum ist eine Geschichte, erzählt aus dem, was ist und dem, was meine Sinne mir erschließen. Mit mir darin. Als Empfangender, als Erzählender. Ich bin, erzählt mir diese Geschichte. Ich sei, erzählt sie mir. Ich bin. Geschichte in einer Geschichte, Ich in einem Ich, das sich fügt aus dem, was ist und als wahr angenommen wird durch die Sinne. Sich selbst schöpfend. Sich selbst und diese eine Welt, von der ich dir erzähle, jetzt. 

Von der ich dir erzählte, jetzt …

Ludwig Janssen © 18.10.2016

Samstag, 17. Oktober 2015

Mein Kernsatz zur Validation und zum Umgang mit Menschen mit Demenz

Es gibt nur eine Wahrheit - und niemand ist ihrer habhaft. Wirklichkeiten jedoch, also das, was auf uns einwirkt und aus uns hinaus auf andere, gibt es so viele wie Menschen auf der Welt.

Ludwig Janssen © 2010

Montag, 7. September 2015

Unsagbares sagbar

Alles, was Sprache ist, ist deren Natur gemäß sagbar, nur halt nicht jedem. Das ist, was ich gerne mit "Realizing Wittgenstein" benenne. Gibt es Sprachen, die sich dem Gesprochensein verwehren? Da müsste man abtauchen in Euphemismen wie "die Sprache der Musik" - und ich würde dergleichen dann auch gerne als außersprachliche Form der Kommunikation sehen, die wir, begreifen wollend und um Vereinfachung bemüht, Sprache nennen. 

Mit Sprache daher "... das Unsagbare benennen ..." ist mir daher eine Art verkapptes Oxymoron, eine Wortblase, die sich nicht die Mühe macht, die Umarmung all dessen zu versuchen, das über Sprache sagbar ist, und, schönen Gruß an die Grenzen deiner Welt, sagbar wird - und lieber in einer Pose ... verliert? ... nein, zu einer Pose erstarrt.

Und mit ihr die Sprache. Sprache ist Fluss, mäandert, ist schiffbar, trennt, ersäuft, trägt Fische in sich und strömt letztlich einem unübersichtlichen Meer zu, das sie selbst sich schuf und die, die sprechen. Um zu transzendieren, unseren Geist als Wolke zu queren und irgend... einen Fluss zu speisen. Da ist nichts Unsagbares innerhalb der Sprache außer ein paar Sprachlosen, ein paar Sprachlosern und ein paar Auslassungspunkten ...
Ludwig Janssen © 19.5.2015
 

Samstag, 5. September 2015

Ruhemasse Null


Ist ein Photon, ein Quant
fand zu mir durch den
Nebel
reflektiert
spaziert
den Sehnerv entlang – und geht
wohin auch immer mein
Sinn geht ihm nach


Ludwig Janssen © 4..9.2015
 

Samstag, 11. April 2015

Entwachsen vs Erwachsen

Ist ein Entkommen und Entgehen
Entwachsen Kreisen linear, nur
Spur dein Treiben, ein Dahin, und
bis Dahin Wohin Begleiten durch
dein Erwachsen dem Gehen und
den Zeiten, Raum - endlose Weite


Ludwig Janssen © 11.4.2015

Freitag, 11. Juli 2014

zu einst

"Einst" ist ein schönes Wort ohne Gegenwart außer der des Gelesenwerdens. Es ist sehr, sehr echt und dem Menschen sehr ähnlich, meine ich so mal aus dem Blättergrün meiner Sophie Philodendron heraus ...  

Ludwig Janssen © 22.1.2006

Dienstag, 28. Januar 2014

Watzlawick und die Amsel

Da ist diese Amsel, sie flattert wieder und wieder wider das Glas der Fensterscheibe.
Nicht real, ich erinnere. Wieder und wieder wider das Glas der Fensterscheibe.
… nicht nicht …
Wider ihr Spiegelbild, also wider ein Lichtspiel aus reflektierten Photonen flattert sie, hinein in dessen Brechen und Wirbeln. Das Glas höre ich beben mit jedem Aufprall, sehe es erzittern im Schwingen der mich erreichenden Reflexionen. Auch, dass ich die Amsel sehe – Spiegelung. Die Fensterscheibe, durchsichtig blindes Abwärtsgleiten von Siliciumdioxid, spiegelt wiederum dem Amselhahn vor ihr einen Amselhahn, was sonst. Weil sie da ist, nicht anders kann, sinnenlos, wie sie ist. Schwarze Amsel, schwarzes Licht? Schwarz sehen, das ist sehen, dass Licht nicht zurückgeworfen wird, nicht erwidert.
… nicht nicht …
Die Amsel ist, nein, sie scheint, nein, sie erscheint schwarz. Das nicht reflektierte, sondern von ihrem Federkleid aufgenommene Licht gelangt nicht in mein Sehen, doch ihr, der Amsel, erscheint es über sein Fehlen im üppig reflektierten Ringsum ihres Wahr-Nehmens aus der Oberfläche träge abwärts gleitenden Siliciumdioxids als Spiegelbild ihrer selbst. Gegen das flattert sie an, wieder und wieder, wider ihren vermeintlichen Widerpart, der nicht mehr ist als ihr eigenes Spiegelbild in der Reflexion eines ungerührten Gegenübers – und doch: ihr Wider.
Photonenwirbel.
… nicht Lüge, nicht Wahrheit …
Ich nenne sie Paul.


Ludwig Janssen © 28.1.2014

Dienstag, 14. Januar 2014

Zur Realität virtueller Welten

Stückwerk ist unser Erkennen.

Als ich begann, mein Schreiben auf Internetforen zu veröffentlichen, begegnete mir und meinem Erkennen der häufige Trugschluss, die Welt dort sei eine virtuelle - und dass die Welt der Schreiber, also die, in der die Ausdenker der Gedichte , Texte und somit die der meist mäßig talentierten Bregenträger stofflich präsent sind, die reale sei.
Das eigentliche Antonym der Virtualität ist nicht die Realität, sondern die Physis, also das Stoffliche. Auch dies: ein Behelf. Schließlich ist ein Gedanke, ist jede Vorstellung an stoffliche Träger und Vermittler gebunden.
Ist Virtualität omnipräsent, also allgegenwärtig? Sie ist - im Gegenteil zur Physis - nicht stofflich. Auf jeden Fall ist sie im All dort gegenwärtig, wo Menschen anzutreffen sind und, mit jedem von ihnen präsent, das, was ihm wirklich ist und vorstellbar.
Was ihm wirklich ist ... Wirklichkeit und Virtualität scheinen mir Schwestern zu sein, Musen, von denen ein Mensch geküsst - und besessen ist. Das, was auf uns wirkt, das, was aus uns heraus wirkt, ist Wirklichkeit und zugleich virtuell. Wir sind Gefangene unserer Sinne und deren Beschränktheit. Das gilt für den Menschen als solchen und jeden einzelnen insbesondere. Unsere Sinne stellen uns Wirklichkeit vor, inszenieren Wirklichkeit, die nichts anderes sein kann als Virtualität. Also das, was uns vorgestellt, vor die Sinne gestellt, über unsere Sinnesorgane vors (ins?) Hirn gestellt wird und somit unserm Vorstellungsvermögen zur Interpretation zur Verfügung gestellt.
Nehmen wir das Sehen, unseren der Häufigkeit der Inanspruchnahme nach wichtigsten Sinn: Was wir sehen, ist daran gebunden, dass Lichtteilchen die Rezeptoren in unseren Augen erreichen. Das muss außerdem in genügender Menge geschehen – es muss eine Reizschwelle überschritten werden, denn das einzelne Photon an sich ist uns unsichtbar. Wir sind also, was diese Art der Wahrnehmung angeht, darauf angewiesen, dass von einer uns fernen Leuchtquelle Photonen sich entfernen, auf Gegenstände treffen und von diesen reflektiert werden, dann unsere Sinneszellen in genügender Menge treffen und von diesen und den ihnen nachgeschalteten Auswertungseinheiten interpretiert werden.
Was da auf uns wirkt, ist Virtualität, also Möglichkeit, denkbare Möglichkeit, ist Vorstellung – nicht Realität.
Und vermittelt wird es von etwas, dessen Ruhemasse gleich Null ist, das also in der Ruhe (also dann, wenn es mit dem Auftreffen auf unsere Sinne zur Ruhe kommt,) nicht stofflich ist, nicht Materie, also nicht physisch: Photonen.
Unsere in und aus unserer Vielzahl als Menschen generierte Realität aus Realitäten ist Virtualität, und die ist für unser an unsere Physis gebundenes Erleben also bestimmender, als wir wahrhaben, als wir wahr haben wollen.
Ludwig Janssen © 14.1.2014