Frau Juli hat zwei Raben gesehen. Selbstverständlich: Raben!
... Nicht irgendwelche Dohlen?-Blödmann! ... oder Rabenkrähen? ... nein, Raben. Mit langem
a, also mindestens dreien. Das bedeutet: Betonung vorgebeugt mit Augenaufschlag
kritisch und Kopfwackeln.
Sie hat, wie bei jemandem wie Frau Juli nicht anders zu
erwarten, diese beiden Raben gefüttert. Klar, kriegen ja sonst nichts. Und,
wären sie satt, hätten sie schließlich nicht gefressen vom Brot, dass ihnen
Frau Juli auf den Rasen warf. Auf den frisch gemähten Rasen unter den Pappeln zwischen
den Hochhäusern der norddeutschen Hafenstadt, die sich um Frau Juli und ihren
Kosmos herum ereignet.
Und mitten in diesem Ereignis: Frau Juli. Mit, wie gesagt, zwei Raben.
Heute war es nur einer der beiden, der sich in einer der Platanen
niedergelassen und Frau Juli erwartet hatte. Hatte sie auf sich aufmerksam
gemacht, wahrscheinlich mit einem KRAH!, das jeder Krähe zur Ehre gereicht
hätte, das aber aus dem Schnabel dieses Raaaben klang wie das dünne Stimmchen
eines Verhungernden. Klrah, Entschuldigung: klar.
Selbst-ver-ständlich kam Frau Juli gerade mit genügend Brot
in der Tasche vorbei, legte dieses auf den Rasen und lockte den Raben k – k – k
… worauf dieser sich herabließ von der Platane, aufs Brot zuhüpfte und es in
seinen Schnabel … ja … stopfte. Der Hunger, Sie verstehen? Der Rabe flog davon,
Frau Juli ging ins Haus, stieg die Treppen hinauf zu ihrer Wohnung. Die liegt
in Höhe der Platanenkronen und sie setzte sich dort auf einen besonders dicken
Ast.
Sinnierte über die freie Wildbahn, die eigentlich die wilde,
vielbefahrene Asphaltbahn des Großstadtdschungels ist und über freilebendes
Brot, das sich dort aufhält und zur bevorzugten Beute der Raben der Stadt
zählt. Aasfresser seien sie, die Raben, meinte sie. Den Zuruf, dass
wahrscheinlich Bernd das Brot gestorben sei und seine ganze frei lebende
Familie den Raben zum Opfer gefallen sein muss, da man selten ein Brot, ja,
nicht einmal ein verirrtes Brötchen durch die Parks und über die Bürgersteige
huschen sieht, quittierte Frau Juli mit unwirschem Menno!, dem Entzug der
Glaubwürdigkeit und dem Hinweis, dass sie Besseres zu tun habe.
Liebe Frau Juli!
Sollten Sie diese Zeilen hier lesen, seien Sie versichert, dass ich soeben die
Vision hatte, dass letzte Nacht aus einem Netto an der Bismarckstraße ein
Päckchen Schwarzbrot ausgebrochen ist und nun in Scheiben aufgelöst in den
Grünanlagen sein Unwesen treibt. Also ja, es gibt freilebendes Brot in der
Havenstadt! Sogar Sesambrötchen, ausgewilderte, nisten in den Platanen am
Hallenbad. Die wurden längst gefällt? Sehen Sie, das erklärt, warum sie sich in
die von fürsorglichen Brotfreunden in den Häusern ringsum bereitgestellten
Körbchen zurückzogen. Die Sesambrötchen, nicht die Platanen, klrah, Entschuldigung,
klar.
Liebe Raben!
Solltet ihr es sein, die diese Zeilen hier lesen, seid versichert, dass ich euch
wohlgesonnen bin. Selbst, wenn ihr Krähen sein solltet, besonders schwarze,
selbstverständlich, und besonders fette, denn anders als fett könnt ihr so nah
an Frau Juli und ihrem Brot nicht werden oder sein. Ich verwandelte euch sogar
in eine besondere Art Raben, Buchstraben, und ließ euch durch die wilden Weiten
des frei lebenden Internests flattern. Krrror – herzlich willkommen, guten Flug!
Ludwig Janssen © 14.9.2012