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Samstag, 1. Juli 2017

Frau Juli novembert

Frau Juli novembert. Eines ihrer Segelöhrchen starb heut Nacht. Tja. Wenn Frau Juli novembert, ist sie wie Fenster an Regentagen. Wie die sind? So: Niemand mag drinnen sein und hinausschauen müssen, und wer außen vor steht, wer hineinsieht, wird klitschnass. Nur die, die sich’s denken, finden irgendwas Romantisches daran.

Fenster an Regentagen bleiben geschlossen. Frau Juli wird also nicht mit der üblichen 90-Grad-Kehre in ihrem Stuhl zoing-doingen und einen Gewitterblick grinsen, sobald man was Blödes sagt wie zum Beispiel „Frau Juli novembert ein wenig.“ oder, erst recht blöd: „Tja.“. Nein. Sie wird die Unterlippe vorschieben und schauen wie ein Regentag am Fenster, also einer, der hinausschaut, einer, von dem man denkt, dass er schön romantisch traurig sei. Ist er aber nicht, denn: Frau Juli novembert!

Gleich wird Frau Juli mit einem Schüppchen – nein, es wird ein Spaten sein, einer, der für ihre Statur und Größe viel zu mächtig ist und sie ausschauen lässt wie einen – und wieder nein, sie würde niemals eine rote Zipfelmütze … in den Garten gehen und ihr Segelöhrchen beerdigen.

Vielleicht, ach, was: hoffentlich, fährt sie danach an die Nordsee, mit dem Rad natürlich, setzt sich an die Uferpromenade oder ins Gras, dass der Wind in ihren Locken zauseln kann. Denn heute ist Juli, zum ersten Mal Juli in diesem Jahr, und alle brauchen sie, um sich komplett zu fühlen. Wer? Die See, das Gras, der Wind und der Juli.


Ludwig Janssen © 1.7.2010

Montag, 25. November 2013

Frau Juli und die Raben

Frau Juli hat zwei Raben gesehen. Selbstverständlich: Raben! ... Nicht irgendwelche Dohlen?-Blödmann! ... oder Rabenkrähen? ... nein, Raben. Mit langem a, also mindestens dreien. Das bedeutet: Betonung vorgebeugt mit Augenaufschlag kritisch und Kopfwackeln.

Sie hat, wie bei jemandem wie Frau Juli nicht anders zu erwarten, diese beiden Raben gefüttert. Klar, kriegen ja sonst nichts. Und, wären sie satt, hätten sie schließlich nicht gefressen vom Brot, dass ihnen Frau Juli auf den Rasen warf. Auf den frisch gemähten Rasen unter den Pappeln zwischen den Hochhäusern der norddeutschen Hafenstadt, die sich um Frau Juli und ihren Kosmos herum ereignet.

Und mitten in diesem Ereignis: Frau Juli. Mit, wie gesagt, zwei Raben.

Heute war es nur einer der beiden, der sich in einer der Platanen niedergelassen und Frau Juli erwartet hatte. Hatte sie auf sich aufmerksam gemacht, wahrscheinlich mit einem KRAH!, das jeder Krähe zur Ehre gereicht hätte, das aber aus dem Schnabel dieses Raaaben klang wie das dünne Stimmchen eines Verhungernden. Klrah, Entschuldigung: klar.

Selbst-ver-ständlich kam Frau Juli gerade mit genügend Brot in der Tasche vorbei, legte dieses auf den Rasen und lockte den Raben k – k – k … worauf dieser sich herabließ von der Platane, aufs Brot zuhüpfte und es in seinen Schnabel … ja … stopfte. Der Hunger, Sie verstehen? Der Rabe flog davon, Frau Juli ging ins Haus, stieg die Treppen hinauf zu ihrer Wohnung. Die liegt in Höhe der Platanenkronen und sie setzte sich dort auf einen besonders dicken Ast.

Sinnierte über die freie Wildbahn, die eigentlich die wilde, vielbefahrene Asphaltbahn des Großstadtdschungels ist und über freilebendes Brot, das sich dort aufhält und zur bevorzugten Beute der Raben der Stadt zählt. Aasfresser seien sie, die Raben, meinte sie. Den Zuruf, dass wahrscheinlich Bernd das Brot gestorben sei und seine ganze frei lebende Familie den Raben zum Opfer gefallen sein muss, da man selten ein Brot, ja, nicht einmal ein verirrtes Brötchen durch die Parks und über die Bürgersteige huschen sieht, quittierte Frau Juli mit unwirschem Menno!, dem Entzug der Glaubwürdigkeit und dem Hinweis, dass sie Besseres zu tun habe.

Liebe Frau Juli!
Sollten Sie diese Zeilen hier lesen, seien Sie versichert, dass ich soeben die Vision hatte, dass letzte Nacht aus einem Netto an der Bismarckstraße ein Päckchen Schwarzbrot ausgebrochen ist und nun in Scheiben aufgelöst in den Grünanlagen sein Unwesen treibt. Also ja, es gibt freilebendes Brot in der Havenstadt! Sogar Sesambrötchen, ausgewilderte, nisten in den Platanen am Hallenbad. Die wurden längst gefällt? Sehen Sie, das erklärt, warum sie sich in die von fürsorglichen Brotfreunden in den Häusern ringsum bereitgestellten Körbchen zurückzogen. Die Sesambrötchen, nicht die Platanen, klrah, Entschuldigung, klar.

Liebe Raben!
Solltet ihr es sein, die diese Zeilen hier lesen, seid versichert, dass ich euch wohlgesonnen bin. Selbst, wenn ihr Krähen sein solltet, besonders schwarze, selbstverständlich, und besonders fette, denn anders als fett könnt ihr so nah an Frau Juli und ihrem Brot nicht werden oder sein. Ich verwandelte euch sogar in eine besondere Art Raben, Buchstraben, und ließ euch durch die wilden Weiten des frei lebenden Internests flattern. Krrror – herzlich willkommen, guten Flug!
Ludwig Janssen © 14.9.2012