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Montag, 27. August 2018

Vor einem Bild mit Möwen

Das Erdenrund, das Erdenrund
es ist zwar kaum zu sehen
doch weiß ich es zu jeder Stund
um mich herum geschehen
als ich einmal, Möwe zwar
konnt zu den Wolken fliegen
sah ich es still und sonderbar
sich um das Ganze schmiegen

ich hätt gern mehr davon erzählt
doch sprach ich: kerr! und: kiah!
und hab zu schweigen mir erwählt
als wieder Mensch ich war
nun steh ich hier, sehe ein Bild
seh Möwen darin fliegen
und mir ist, als sähe ich
vom Erdenrund hier liegen

Ludwig Janssen © 23.8.2018

Sonntag, 9. März 2014

Zum Eigenleben literarischer Gestalten und virtueller Präsenzen am Beispiel der virtuellen Präsenz Korbinian Karth

Der literarische Raum zwischen Bits und Bytes, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2014. Dieser Text ist gewidmet dem Gedenken an ein nicht sicher als solches auszumachendes Raumschiff, das mit einer unbekannten Anzahl an Besatzungsmitgliedern unterwegs war, um fremde Galaxien zu erforschen, neue Paralleluniversen immerzu - und gelegentlich sich selbst neu zu erfinden und die Wertvorstellungen fremder Zivilisationen auf den Prüfstein zu heben.
 
Sein Name: Koka. Sein Kapitän: mir unbekannt, aber nahe – und lieb. Sein Schicksal: mir unbekannt. Ich selbst betrachte es als verschollen.
 
Die letzte Nachricht lautete, dass der Ausdenker hinter all dem verstorben sei und daher ein Fortgang der Reise nicht zu erwarten ist.
 
In einem deutschsprachigen Literaturforum, dessen Dunkel einen Teil der baryonischen Materie jener neu erschaffenen Paralleluniversen abbildet, las ich, dass jemand, der sich als (Ex-?) Frau besagten Ausdenkers offenbarte, beabsichtigt, sämtliche Koka-Accounts zu löschen.
 
Das bedaure ich sehr. Denn in den Kunstfiguren, die der Mensch schuf, lebt von seiner Kreativität weiter. Der hier Beschriebene schließlich beschränkte deren Wirken nicht auf Texte allein, sondern er wirkte zugleich ein soziales Geflecht bis hinein in die Sphären, die gemeinhin als das "Real Life" bekannt sind und das so genannte reale Leben vorgeben zu sein. Er bewegte sich also in einem Grenzbereich. Schuf dort eine Schnittmenge Mensch/Virtualität des Internets.
 
Woran es der Realität des Internets mangelt, ist Physis.
 
Im Internet tummeln sich diverse virtuelle Präsenzen real existierender Menschen mit ihren Ängsten und in all ihrer Unvollkommenheit.
Virtuelle Präsenzen von Menschen, die an einem stillen Waldsee zwar ihren Zeh ins kalte Wasser tauchen würden, sich selbst jedoch nie weiter als bis zu den Knien hinein trauen würden, wenn, ja, wenn sie das könnten. Bis zu den Knien hinein waten in die Virtualität des Internets, die schlichtweg nicht mehr ist als eine weitere Facette der Realität und somit des realen Lebens.
 
In der Internet-Community besagten Forums* finden Sie, was charakterliche Integrität, Vorstellungs-, Abstrahierungsvermögen und emotionale wie auch rationale Intelligenz angeht, einen möglicherweise repräsentativen Spiegel unserer Gesellschaft. Demnach, ungeachtet Alter und Bildung, finden sich dort wie überall nur wenige Menschen, die andere Wertvorstellungen als die eigenen nicht nur gelten, sondern auch gewähren lassen können.
 
Auf das Bild des Waldsees bezogen ist der Großteil der Menschen, ob sie jetzt auf besagtem Internetforum unterwegs sind oder irgendwo im deutschsprachigen Raum, darauf bedacht, die eigene ichbezogene Präsenz im Gleichgewicht zu halten. Der Spiegel des Waldsees, in dem er sich betrachtet, spiegelt ihm das eigene Bild als einzig mögliche Realität. Ist der Narziss in ihm ein kleiner, wird er aufblicken und auch die Welt um ihn herum im Spiegel des Wassers abgebildet sehen. Taucht er den dicken Zeh hinein, wird dieses Bild gestört - er wartet, erwartet, dass die kleinen Wellen sich legen und das gewohnte Bild erscheint. Das seiner Präsenz am See.
 
Diese Präsenz beschränkt er auf seine Körperlichkeit, derer er sich sicher wähnt, und auf das, was er seinen Geist nennt und seine Seele.
 
[Exkurs:]Körperlichkeit, Geist, Seele. Schon haben wir eine in jedem von uns angelegte Dreieinigkeit, eine, die dazu verführt, sich Gott gleich zu wähnen bzw. als den sich selbst einzig wahren Gott unter Milliarden Göttern. Die Folge: Hybris. Und, da man sich niemanden als sich selbst zu Rechenschaft verpflichtet sieht, Missachtung des anderen. Ausgerichtet auf nichts anderes als nur das zu tun, was den Aufenthalt und die freie Beweglichkeit innerhalb der Gesellschaft gewährleistet. Bezogen auf das Literaturforum: Beachtung, Anerkennung finden, nicht gekickt werden. [Exkurs Ende]
 
Was all das mit Korbinian Karth zu tun hat?
 
Der Mensch, der die virtuelle Präsenz "Korbinian Karth" schuf und auch die virtuelle Präsenz "John William", bewegte sich wie schon erwähnt in einem Grenzbereich. In einem Grenzbereich, einer Schnittmenge, die er selbst schuf - sich selbst und anderen, eigentlich jedem, der ihm im Internet begegnete. (Besser: jeder virtuellen Präsenz begegnete, der seine eigene virtuelle Präsenz im Internet begegnete - Avatare, Stellvertreter, Götter). Er wirkte darüber hinaus ein soziales Geflecht bis hinein die Sphären, die gemeinhin als das so genannte reale Leben bekannt sind und als für wahr angenommen werden.
 
Physisch konnte er diese Begegnung nicht leisten. [Physis ist das, was der virtuellen Welt abgeht, und dies auf eine Weise, die sowohl schlichten als auch hässlichen Gemütern den Schluss nahelegt, dass diese nicht wirklich sei, ja, nicht existent.] Doch fand das statt, was man Begegnung nennt, es fand das statt, was man Kommunikation nennt. Reale Begegnung, reale Kommunikation - mit einer virtuellen Präsenz.
 
So etwas ist gar nicht ungewöhnlich.
 
Und so und darüber hinaus fand das statt, was man die Entstehung von Welten nennen mag. Diese neu entstehenden Welten, Paralleluniversen, befanden sich nicht mehr allein innerhalb der physischen Existenz des Ihnen vertrauten Ausdenkers von "Korbinian Karth", "John William", "Koka" und Whosoever, sie erstanden und bestanden innerhalb der physischen Präsenz anderer Menschen, und dort innerhalb des jeder physischen Präsenz zugestandenen Vorstellungsvermögens. Vorstellungsvermögen, ein Vermögen, das (so gering es auch sein mag) oft eifersüchtig, ja ängstlich gehütet, gehortet, bewahrt wird, in Tresoren, Schatzkammern, von eifersüchtigen Drachen und den Dagobert Ducks dieser Welt gehütet. Die, was das Vorstellungsvermögen angeht, Materialisten unter den Idealisten machen an diesem Schatz sogar ihr eigenes psychisches Gleichgewicht fest.
 
Der Mensch, den ich als den Erschaffer des Korbinian Karth vermute und der mir nie anders als über die von ihm geschaffenen virtuellen Präsenzen begegnete und über das, was er seinen Geschöpfen von sich, seinem Wünschen und Werten mitgab, machte, wagte also mehr, als seinen dicken Zeh in das Wasser des Waldsees zu tauchen: Er schlüpfte in seine Geschöpfe und begegnete Menschen, die der physischen Existenz und Verantwortlichkeit begegnen wollten. Der physischen Existenz hinter den Texten eines Koka, hinter den Mails eines John William als eine weitere virtuelle Präsenz, auf einer zweiten, ebenfalls virtuellen Ebene.
 
Bezogen auf den Waldsee waren und sind [mir!] Korbinian Karth, John William, Koka nur von einem Unbekannten erschaffene Wesen, die sich, Nymphen gleich, in jenem Waldsee tummeln. Die einen erfreuen sich an ihrem Anblick, die anderen fühlen sich gestört, wenn einer dieser Schemen auf eben jener zweiten, tieferen Ebene ihren Blick kreuzt und im eigenen, liebgewonnenen Spiegelbild der ängstlich gehüteten Vorstellung erscheint, nicht gerufen wurde und doch zugleich unübersehbar ist. Wieder andere lassen sich von diesen Nymphen ins Wasser ziehen. Darunter auch Nichtschwimmer. Unter diesen ausgewiesene Kampftaucher, die im Waldsee bislang nicht mehr als ein Planschbecken vermuteten und reichlich Wasser schlucken.
 
Das hat zur Folge, dass von denen, die so etwas wie Berührung mit diesem Phänomen (und nicht dessen Ausdenker) hatten, auf dessen Wirken und Schicksal unterschiedlich reagiert wird. Die Mehrzahl der Reaktionen beziehen sich jedoch auf den vermuteten Unbekannten hinter dem Phänomen und nicht auf das Phänomen selbst. Sie sind daher in ihrer Anlage auch nicht anders anzusehen als Hirngespinste bzw. virtuelle Präsenzen selbst gesponnener Hirngespinste. Sie sind in Personalunion Echo ihrem eigenen Narziss am See. Und, wie ihre Entsprechung in der griechischen Mythologie, ihrem Geliebten, der ihre Umarmung verschmähte, ja, in diesem sich selbst und anderen nur Stimme und Fels, während Narziss sein Spiegelbild im Waldsee betrachtet – und es für wahr wähnt. Ein Trauerspiel.
 
An dieser Stelle nun führe ich von meinen eigenen Versuchen der Begegnung mit dem Menschen hinter dessen virtuellen Präsenzen an:
Für mich zählte immer der mir unbekannte Mensch hinter der virtuellen Präsenz, und schrieb ich dem Menschen, der sich mir als Korbinian Karth oder John William (und von sich?) zu erkennen gab, kommunizierte ich mit jenem Unbekannten über das Medium seines Geschöpfes. Dessen war ich mir stets bewusst. Ich machte deutlich, dass all das sein durfte, solange nicht ein real existierender Mensch zu Schaden käme, physisch und oder psychisch. Ich zeigte auf, dass dies nicht immer der Fall war, dass unter den Nichtschwimmern unter den Haltern einer virtuellen Präsenz auf █████ durchaus schlichte romantische Gemüter zu finden sind, die das hinter dem sicher Virtuellen als sicher physisch real annehmen, die sich in die virtuelle Präsenz Korbinian Karth oder in die hinter dieser angelegten virtuelle Präsenz John William verlieben - und mehr als das Wahrnehmbare hineinlegen.
 
Was mir der hinter Korbinian Karth zu findende, jedoch verborgene Mensch hierzu mitteilte, behalte ich für mich. Doch das Phänomen ist nicht neu, dass Menschen sich in ein künstlich geschaffenes Werk, ein Kunstwerk verlieben und dies mit Auswirkungen, die tief in ihre physische und psychische Präsenz hineinreichen. Scherte es einen Goethe, dass sich sein „Die Leiden des jungen Werther“ und die Kunstfigur, das virtuelle Geschöpf darin in ungezählten Menschen verselbständigten, etliche sich wie Werther gekleidet gaben und einige sich wie dieser umbrachten?
 
Tragisch: Dass nie – und erst recht nicht von jemandem, der nicht der physisch präsente Ausdenker der virtuellen Präsenzen war oder ist, sicher herausgestellt werden kann, welche Entsprechung der wahre Mensch in seinen virtuellen Geschöpfen hat, ob nun bewusst oder unbewusst angelegt.
Ja, selbst die Menschen, die dem physisch gegenwärtigen Menschen und Ausdenker seiner virtuellen Präsenzen im realen Leben begegneten und ihm vertraut waren, sind seinen virtuellen Geschöpfen, seinen literarischen und virtuellen Geschöpfen, Kunstfiguren, fern.
 
Entlarvend interessant: Den Reaktionen auf die Nachricht des Ablebens eines Ausdenkers virtueller Gestalten auszulesen, wie es um Integrität, Anstand und Kompetenz der sie Äußernden bestellt ist, von deren rationalen und emotionalen Intelligenz ganz zu schweigen.
 
Allen Menschen steht frei, virtuelle Präsenzen und deren Wirken zu pflegen, zu leugnen, zu lieben, zu hassen. Allem Menschengeist, und in jedem von uns steckt ein mehr oder weniger gerüttelt Maß davon, steht frei, sich in der ihm möglichen Fülle zu entfalten.
 
Was ich selbst dem Menschen zu- und nachrufe, der die virtuell realen, die nachhaltig wirkenden und somit wirklichen Präsenzen Korbinian Karth, John William et. Al. schuf, ist, dass er eine Geschichte erzählte, ein Kunstmärchen, eine Geschichte in der Geschichte - und Geschichten in den Geschichten anderer inspirierte und sich inspirieren ließ: Well done!
 
 
Und seinen virtuellen Präsenzen? Kein „Ruhet in …“, sondern: „Gehet hin in Frieden!“
 
Ludwig Janssen und dessen virtuelle Präsenz © am 9.3.2014
 
 

* Anmerkung: Durch den Eigentümer der Plattform und Webmaster wurde und wird gebetsmühlenartig bekräftigt, dass es sich wider allen selbst gegebenen und gepflegten Anschein NICHT um ein Literaturforum, sondern um eine Community handelt.
 
** Auf den Malediven bedeutet Koka Schmetterling.
 

Dienstag, 14. Januar 2014

Zur Realität virtueller Welten

Stückwerk ist unser Erkennen.

Als ich begann, mein Schreiben auf Internetforen zu veröffentlichen, begegnete mir und meinem Erkennen der häufige Trugschluss, die Welt dort sei eine virtuelle - und dass die Welt der Schreiber, also die, in der die Ausdenker der Gedichte , Texte und somit die der meist mäßig talentierten Bregenträger stofflich präsent sind, die reale sei.
Das eigentliche Antonym der Virtualität ist nicht die Realität, sondern die Physis, also das Stoffliche. Auch dies: ein Behelf. Schließlich ist ein Gedanke, ist jede Vorstellung an stoffliche Träger und Vermittler gebunden.
Ist Virtualität omnipräsent, also allgegenwärtig? Sie ist - im Gegenteil zur Physis - nicht stofflich. Auf jeden Fall ist sie im All dort gegenwärtig, wo Menschen anzutreffen sind und, mit jedem von ihnen präsent, das, was ihm wirklich ist und vorstellbar.
Was ihm wirklich ist ... Wirklichkeit und Virtualität scheinen mir Schwestern zu sein, Musen, von denen ein Mensch geküsst - und besessen ist. Das, was auf uns wirkt, das, was aus uns heraus wirkt, ist Wirklichkeit und zugleich virtuell. Wir sind Gefangene unserer Sinne und deren Beschränktheit. Das gilt für den Menschen als solchen und jeden einzelnen insbesondere. Unsere Sinne stellen uns Wirklichkeit vor, inszenieren Wirklichkeit, die nichts anderes sein kann als Virtualität. Also das, was uns vorgestellt, vor die Sinne gestellt, über unsere Sinnesorgane vors (ins?) Hirn gestellt wird und somit unserm Vorstellungsvermögen zur Interpretation zur Verfügung gestellt.
Nehmen wir das Sehen, unseren der Häufigkeit der Inanspruchnahme nach wichtigsten Sinn: Was wir sehen, ist daran gebunden, dass Lichtteilchen die Rezeptoren in unseren Augen erreichen. Das muss außerdem in genügender Menge geschehen – es muss eine Reizschwelle überschritten werden, denn das einzelne Photon an sich ist uns unsichtbar. Wir sind also, was diese Art der Wahrnehmung angeht, darauf angewiesen, dass von einer uns fernen Leuchtquelle Photonen sich entfernen, auf Gegenstände treffen und von diesen reflektiert werden, dann unsere Sinneszellen in genügender Menge treffen und von diesen und den ihnen nachgeschalteten Auswertungseinheiten interpretiert werden.
Was da auf uns wirkt, ist Virtualität, also Möglichkeit, denkbare Möglichkeit, ist Vorstellung – nicht Realität.
Und vermittelt wird es von etwas, dessen Ruhemasse gleich Null ist, das also in der Ruhe (also dann, wenn es mit dem Auftreffen auf unsere Sinne zur Ruhe kommt,) nicht stofflich ist, nicht Materie, also nicht physisch: Photonen.
Unsere in und aus unserer Vielzahl als Menschen generierte Realität aus Realitäten ist Virtualität, und die ist für unser an unsere Physis gebundenes Erleben also bestimmender, als wir wahrhaben, als wir wahr haben wollen.
Ludwig Janssen © 14.1.2014