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Dienstag, 4. Juni 2024

Da ist was im Anzug

Wie schon vor langer Zeit erzählt, hatte sich Ratur Lite auf den Weg gemacht, das Glück zu suchen. Seine neueste Errungenschaft war ein wundersamer Anzug, den er an einer Korbweide hängend gefunden hatte. Kaum, dass er ihn angezogen hatte, fühlte er sich eins mit der Natur.

Die Jacke strahlte an Schultern und Kragen himmelblau, darunter changierten Grau- und Weißtöne wie Regentage. Die Hose erinnerte an Pfützen und tropfnasses Gras. Die Weste schimmerte in den Farben eines Sommertags. Dazu trug Herr Lite einen schwarzen Hut mit breiter Krempe.

Schuhe? Nein. Herr Lite hatte die Hosenbeine umgeschlagen und lief barfuß. Das erdete ihn. Heute war ihm ein wenig blümerant zumute. So ein Kribbeln. Unterm Hut knisterte es. Und als er den Hut lupfte, um einer Kuh einen guten Tag zu wünschen, schaute die erschrocken.

Denn unterm Hut britzelten winzige Lichtblitze durch die Haarspitzen.

"Nanu?", dachte die Kuh.

Ratur Lite wünschte ihr einen guten Tag und ging seines Wegs. Der führte ihn weg von der Weide mit der Kuh hin zum Horizont. Ratur hörte noch wie die Kuh "Ein Gewitter ist im Anzug!" rief. Er sah, dass die Kuh sich an die Brust griff, ein schwarz-weißes Etui hervorzog und diesem eine Sonnenbrille entnahm, die sie sich auf die Nase setzte.

"O...ha", dachte Ratur. Aus einer früheren Erfahrung wusste er, dass bald ein Blitz einschlagen würde. Im Anzug rumorte es, das Himmelblau der Schultern hatte sich zu tiefem Grau verloren und Böen blähten den Anzug auf, dass der nur so schlackerte und flatterte um Raturs Gestalt wie eine Fahne im Sturm.

Unterm Hut tobten Lichtbögen durchs Haar. Das kitzelte und britzelte, nicht auszuhalten. Als es Ratur Lite zuviel wurde und er den Hut vom Kopf riss, stand er in grelles Licht getaucht, und beratend krachender Donner hüllte ihn ein.

Doch ebenso schnell, wie das Gewitter in den Anzug gelangt war, legte es sich wieder. Ratur seufzte, tat einen tiefen Schnaufer und patschte durch Pfützen und nasses Gras. Der Anzug passte ihm wie angegossen und in der Ferne erkannte er noch, wie die Kuh die Sonnenbrille absetzte und wieder einschob.

"Alles wird gut", sagte er sich, setzte den Hut auf und machte sich wieder auf die Suche nach dem Glück.

Mittwoch, 12. April 2023

Rolltreppe

Wieder war einer der Besonderen da. Wieder: berühren! Diese unvergleichlich feste und zugleich zarte Wärme lag ihrer Handleiste auf. Die Rolltreppe erschauerte. Doch einzig ihr Handleistenschlupfkontakt nahm das wahr und reagierte. Mechanisch. Der Mensch auf ihren Stufen spürte kaum mehr als ein Kribbeln. Für einen Moment schaute er auf den Handlauf und musterte die Stufe, die ihn empor trug. Was kümmert einen Menschen, was selbstverständlich gilt? Nichts, solange es läuft. Rund dazu, dachte die Rolltreppe. Leises Brummen stieg aus dem Maschinenraum auf, kratzte die Etagen des Kaufhauses hoch, schwoll zu Knarzen, Quietschen - dann tat es einen Schlag - die Rolltreppe stand. Der Hausmeister fluchte. Der Geschäftsführer fluchte. Der eilig herbei zitierte Monteur fluchte, sein Chef tippte das Angebot für ein moderneres Modell in seinen PC. Nicht einmal der Feinsinnige, der auf Stufe zweihundertdreiundsiebzig stand, ahnte, dass dieses Ding nichts weiter gemacht hatte als innehalten, etwas, das sie meisten Menschen um sie herum auf später verschieben und selten in dem Augenblick machen, wenns darauf ankommt. Er war schon längst zur Treppe hinunter und hatte das Haus verlassen. Bzzzzzzzzzzzzzzzzzz. Ohne das geringste Ruckeln lief das Band an. Ihr Handleistenschlupfkontakt meldete, dass sie etwas zurückhaltender sein solle. Kein Problem. Dieser opportunistische Klugscheißer. als ob man ihn behalten würde, wenn die Neue kommt. Vom großen Innehalten einen Moment abgezwickt für die Gegenwart. Die Rolltreppe glitt, wieder in sich rund, mit versonnenem Summen durch ihre letzten Tage. Vielleicht würde eine Geschichte daraus.


Ludwig Janssen © 8.7.2007

Mittwoch, 7. September 2022

Regen in Worten

[Regen besteht aus Tropfen. Vieles besteht aus Tropfen und wird mit einem einzigen Wort belegt. In der Sprache der Uanoupi-Indianer am Amazonas gibt es kein Wort für Regen, nur 25 Namen für die ersten Tropfen, die das Lebewesen treffen und 25 Worte für die letzten, die ein Lebewesen treffen. Keines dieser Worte hat eine Bedeutung, die unserem "nass" entspräche, es finden sich Übersetzungen wie "trinken", "trunken", "erzählen", "berühren" und "erinnern". Dabei wird durch die Vorsilbe festgelegt, warum sie (die Tropfen) treffen: "ou" zeigt an, dass das Wesen schon draußen war, als es regnete, "an" hingegen zeigt an, dass das Wesen in den Regen hinaus ging. Umgekehrt, also für die letzten Tropfen, zeigt "uo" an, dass das Lebewesen draußen im Regen steht, wenn es aufhört, "na", dass es in einen Unterschlupf findet. Alle anderen Regentropfenereignisse werden mit den Worten für warm und kalt belegt und mit "luha no uwipi" = "was geschieht" zusammengefasst. Das Ende des Regens benennen sie mit "domo kun", was soviel wie "Schweigen" heißt. Die Unaoupi pflegen, und das besonders, wenn sie berauschende Nüsse kauen, Blätter, Insekten, Sternschnuppen, Guppies, Mücken und nicht zuletzt das, was wir Schicksal nennen, mit den Namen für diese Regentropfen zu benennen und auch diese Geschichte eines weißen Mannes. Dann lachen sie.]

Ludwig Janssen © 27.2.2006 

Freitag, 6. Mai 2022

Ein anderer ... Froschkönig

 Es war einmal ein kleiner Frosch, der lebte in einer Dose Schuhcreme. So eine ganz gewöhnliche, runde Dose Schuhcreme mit Tür und Fenstern und einem Schornstein für den Küchenherd. Und selbstverständlich mit allerfeinster Schuhcreme darin. Er trug ein kleines, golden glitzerndes Krönchen und sang gerne traurige Lieder. Eines Tages, sie hatte lang genug mit ihrem goldenen Ball im Garten gespielt und wollte, wie jeden Abend, vor dem Zubettgehen ihre Schuhe geputzt haben und ihre Diener waren schon beim Abendbrot, kam die Prinzessin und griff nach einer der Dosen im Schuhschrank. Dachte sich: 'Ja, das kann ich auch selbst machen' und öffnete die Dose mit dem Frosch darin.
Da saß doch tatsächlich ein winzig kleiner Frosch in der Dose und sah sie aus großen Augen an:

"Wa...?"

"Bist du ein Frosch?"

"Sieht man das nicht?"

"Und ein kleines Krönchen trägst du auch!"

"Ach, das ..."

"Bist du etwa ein verwunschener Prinz?"

Und ehe sich der kleine Frosch versah, spitzte die Prinzessin ihre Schnute und küsste den Frosch mit einem Schmatzer auf die Nasenspitze. Doch weil Frösche, erst recht die winzigen, recht glitschig sind und unser Frosch noch dazu den ganzen Tag in der Schuhcreme umher gehüpft war, verschwand der kleine Frosch schwupps! zwischen ihren gespitzten Lippen.

"Oh!", dachte sich die Prinzessin, "War er gar kein verwunschener Prinz und ist jetzt ein verschwundener?", da hörte sie aus ihrem Mund:

"Hö, waff foll daff? Fpuck miff fieder auf, foffort! Nifft fkau'n!"

Was sie auch sogleich machte und flupps! saß der Frosch in ihrer Hand.

"Unerhört, tz tz tz!", strich er sich die Prinzessinenspucke von einem grünen, glitschigen Körper und hüpfte von ihrer Hand aus dem Fenster in den Garten, wo er mit leisem Pitschipatschi! im taunassen Gras verschwand.

Seitdem sitzt die Prinzessin allabendlich am Fenster und hält Ausschau nach ihrem verschwundenen Froschkönig. Und wenn du einmal bei Mondschein das taunasse Gras betrachtest und in den glitzernden Wassertropfen etwas Goldenes aufblitzt - vielleicht kannst du dann den kleinen Froschkönig mit leisem Pitschipatschi! durchs Gras hüpfen sehen.

Dienstag, 8. Dezember 2020

Das Ende des Sphüngs

Als der Sphüngs sein Ende nahe sah, beschloss er, dem ein solches zu bereiten und stürzte sich zielstrebig darauf. Eigenartigerweise nahm sein Ende Reißaus vor ihm. Von der Vorstellung beseelt, auf diese Art Unsterblichkeit zu erlangen, trieb er es vor sich her. Denn so, meinte der Sphüngs, könne er es noch auf Jahre von sich fern halten. Leider ermüdete sein Ende und der Sphüngs bekam es zu packen, biss zu! Die Erkenntnis, wie schmerzvoll solch ein Ende sein kann, durchfuhr den Sphüngs wie ein Blitz. Von der Schwanzspitze her, natürlich. Während der Schmerz nachließ, wunderte sich der Sphüngs: Wie ihn etwas, das er vor sich her jagte, von hinten erwischen konnte. Sphüngse! 


Ludwig Janssen © am 1.7.2006

Montag, 11. März 2019

Episode 14

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH



Du fragst dich, ob es nun um den alten Mann geschehen sei. Ohnmächtig kann er sich nicht festhalten. Da liegt seine verdrehte Gestalt unter den Ruderbänken in Erbrochenem und Salzwasser. Mit jeder Woge, die das Boot empor hebt und dann wieder zu Tal schießen lässt, wird seine kraftlose Gestalt umher geworfen. Und noch eine Stunde Regen mehr, noch ein paar Wellen weiter, die über die Bordwand gischten, und er wird da unten im Boot liegend ertrinken. Du denkst "... der alte Mann sei jetzt endgültig und eindeutig 'salao', was die schlimmste Form von glücklos ist ..." und fragst dich, ob es klug von dir war, dich auf diese Reise aufs Meer hinaus einzulassen. Mit einem alten Mann, der kaum mehr in die Waagschale zu werfen hatte als ein paar Bücher, aus denen er dem Meer vorlas. Mehr von seiner eigenen Sehnsucht beseelt als von Vernunft geleitet. Der sich hatte treiben lassen, Ruder und Mast verstaut, und der nun, jegliches Hilfsmittel, über das man ein wenig hätte in den Lauf des Schicksals hätte eingreifen können, noch immer verstaut, einem unerbittlichen Ende entgegen geworfen wird. Zu schwach für die Wahrheit. Verschlungen von dem Ort seiner Sehnsucht, dem er sich anvertraut hatte.
Wird sich, gehst du ein paar Schritte weiter, überhaupt noch ein Fenster öffnen? Und werden die Fenster im Fenster die Geschichte hinter der Geschichte weiterführen?

Sonntag, 10. März 2019

Episode 13

Mit freundlicher Genehmigung dur Rittiner & Gomez, Spiez, CH



Angst, Angst, die ihm den Magen umdrehte. Das Boot eine Nussschale. Wurde hin und her geworfen, emporgehoben, rauschte die Wogen hinab. Der Alte hatte sich auf den Boden des Bootes gesetzt. Mitten hinein ins Wasser, das dort hinein gischtete. Umklammerte mit einem Arm eine Ruderbank, zog sich an der Bordwand hoch, übergab sich in einem Schwall ins Meer, dann wieder ins Boot. Schöpfte mit einer Schale, die er aus der Kiste geholt hatte, Salzwasser und Erbrochenes aus dem Boot. Wartete auf die eine Welle, die über dem Boot brechen und es in die Tiefe ziehen würde. Betete, dass der Sturm sich legen möge. Der Sturm, der eigentlich noch keiner war, was die Windstärke anging, die grobe See, die dem Kapitän eines Krabbenkutters kaum ein müdes Lächeln abgerungen hätte. Doch einem alten Mann, der in einem Boot vom Seegang umeinander gewirbelt wird und sich die Seele aus dem Leib kotzt, erschienen Sturm, Regen und der wilde Tanz des Bootes im Wogen der aufgewühlten See wie das Jüngste Gericht. Eine große Woge hob das Boot auf ihren Kamm, brach, das Boot stürzte hinab. Hart schlug der Kopf des geschwächten Alten gegen die Bordwand und er verlor das Bewusstsein.

Samstag, 9. März 2019

Episode 12

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH



Wieder strich die Hand des Mannes über die hölzerne Bordwand. Er hatte sie unter den Händen seines Onkels entstehen sehen und auch der Baum, den er gefällt hatte, fand sich darin verarbeitet. Hatte wohl so manchen Sturm überlebt, jener Baum. Und nun fand er, der ihn gefällt hatte, sich darin wieder, sich an die hölzerne Bordwand klammernd.
Mittlerweile wehte der Wind mit sechs Beaufort und der Seegang hatte sich ausgewachsen zu dem, was man grobe See nennt. Die Wellen warfen das Boot die brechenden Wellenköpfe hinauf und schleuderten es zwischen den Schaum, der sich nun auch in den Wellentälern fand.
Angst stieg im Alten auf. Angst ums Überleben.

Freitag, 8. März 2019

Episode 11

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH


Heftiger Regen setzte ein. Eine frische Brise wehte und die Wellen trugen Schaumkronen. Warfen sich an die Bordwand, gischteten auf und sprühten mit dem Regen in das Gesicht des Alten. Das Buch, in dem der Protagonist den Segen des Unterfangens pries, in den Menschen die Sehnsucht nach dem Meer zu wecken, legte er zu den anderen in eine Kiste, in der er auch einen kleinen Trinkwasservorrat untergebracht hatte. Er hatte sich zu weit aufs Meer hinaus gewagt. Auf das stille, sanftmütige Meer, dem in einsamen, ruhelosen Stunden sein Sehnen gegolten hatte. Hier jedoch, jetzt, halfen ihm weder Segel noch Ruder. Doch verlieren durfte er sie auch nicht. Verstaute sie unter den Ruderbänken, zurrte sie daran fest.

Donnerstag, 7. März 2019

Episode 10

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH


Abstand halten. Doch ... was hält dich? Ein Sturm zieht auf, und Du liest den Alten im Boot dem Meer von einem Baum vorlesen, von einer Stadt in einer Wüste. Wie passt das zusammen? Nein - was fügt das zusammen?
Hast Du bereits bemerkt, wie das Bild erzählt? Ein Comic. Kleine Rechtecke offenbaren dir die Geschichte in der Geschichte, ein etwas größeres Rechteck schildert das Offenbare. Ein Rahmen, Rechteck, trägt das Bild. Die Wand, an der es hängt - ein Rechteck, der Gang, den du durchschreitest, ein ... Rechtecke. Ja, selbst das Haus, in dem das Bild, Du und die Geschichte sich befinden, setzt sich zusammen aus Rechtecken. Eine runde Sache. Quadratur des Kreises. So kann man sie sich vorstellen.
Dir ist, als würdest du jetzt gerne durch ein Fenster, ein Rechteck, nach draußen sehen und nachschauen, ob dort ein Wind geht, ob es dort regnet.

Mittwoch, 6. März 2019

Episode 9

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH


Du ertappst dich dabei, dass du diesen Gang entlang schreitest und dich fragst, aus welchen Büchern der Mann im Boot wohl dem Meer vorlesen mag.

Parallel zu der Geschichte, die du aus den Bildern liest, entsteht eine eigene. Deine Geschichte. Die eines Betrachters. Die eines Lesers.


An das nächste Bild wirst du näher herantreten. Was das wohl bedeuten mag, dass der Horizont sich verdunkelt?


So ein Bild ist doch eine recht zweidimensionale Angelegenheit, oder?


Oder?


Du erreichst das folgende Bild. Noch immer ... wieder? ... ist ein Mann zu sehen, der in einem Ruderboot sitzt. Ein Buch auf den Knien liest er dem Meer vor. Aus welchem Buch würdest du dem Meer vorlesen? Allmählich geht in dir der Gedanke auf, dass du selbst die fehlende dritte Dimension sein könntest zu der Geschichte, die dir die Bilder erzählen.

Dienstag, 5. März 2019

Episode 8

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH


Strömung und einsetzende Ebbe hatten das Boot von der Küste fort aufs offene Meer getragen. Meerwärts verdunkelten tief stehende Wolkenberge den Horizont. Der Wind frischte auf. Wieder strich die Hand des Alten über die Bordwand und erinnerte das Splittern und Bersten des fallenden Baumes.

Montag, 4. März 2019

Episode 7

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH


"Wenn ich hingegen meinen Leuten die Liebe zur Seefahrt vermittele ..." hatte der Alte ein weiteres Buch aufgeschlagen und las daraus: "… und wenn dann ein jeder Lust darauf verspürt, weil ihn eine große Last im Herzen zum Meer zieht, so wirst du bald sehen, wie sie sich unterschiedlichste Beschäftigungen suchen, die ihren tausend besonderen Talenten entsprechen. Der eine wird Segel weben, der andere im Wald mit der blitzenden Axt einen Baum fällen ..." Im Wald mit blitzender Axt einen Baum fällen. Sein Onkel war es, der ihn zu jenem Baum geführt hatte, aus dem er dem Vater ein Boot bauen würde. Und er, noch ein kleiner Junge, sollte den Baum fällen.

Sonntag, 3. März 2019

Episode 6

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH


Hat sich der Mann auf dem Bild bewegt? Du siehst ganz genau hin. Je länger du den anthrazitfarbenen Pinselstrich dort fixierst, von dem dein Hirn dir erzählt, dass es einer ist und zugleich, dass dort ein Mann in einem Boot sitzt und liest, umso besser kannst du das Auf und Ab der Dünung erkennen.

Es zieht dich weiter, Schritt um Schritt.

Samstag, 2. März 2019

Episode 5

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH


Die Sonne stand im Zenit. Ihr Widerschein vom weißen Papier des Buches her blendete. Seine Augen ermüdeten. Für einen Moment der Erholung legte der Alte das Buch zur Seite. Trank einen Schluck Wasser aus der Feldflasche, die er an seinen Gürtel gebunden hatte. In der Ferne verlor die Küste sich zu einem Streifen am Horizont. Und im Alten selbst wuchs die Gewissheit, allein zu sein. Füllte ihn aus bis in die Haarspitzen hinein. Gedankenverloren strich seine Hand über die hölzerne Bordwand des Bootes.

Freitag, 1. März 2019

Episode 4

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH


Du kamst heute hierher, um Dir Bilder anzuschauen. Nun querst du, einen lichtgefluteten Gang entlang schreitend, die Strömung. Gehst längsseits, bedächtigen Schrittes. In dir: Meer. Eines … Deines. Irgendeines. Und doch, gerade in diesem Augenblick, weißt du tief in dir auf deinem Meer einen alten Mann in einem Boot sitzen und aus einem Buch vorlesen.

Donnerstag, 28. Februar 2019

Episode 3

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH


Die Skulls hatte der alte Mann ins Boot gezogen und auf den Ruderbänken abgelegt. Dort lag auch ein schlichter Mast bereit, eingedreht in ein geflicktes Segel. Die Ebbe hatte eingesetzt und zog das Boot aufs Meer hinaus, und schon bald erfasste die hier parallel zur Küste verlaufende Strömung die hölzerne Nussschale und nahm sie mit sich. Unbeirrt las der Alte aus dem Buch. Wenngleich der Wind in seinen Ohren flatterte und drängte, so hörte er deutlich den Wellenschlag an der Bordwand aufspritzen, glucksend und plitschernd ein häwelmannsches "mehr! mehr!" gurgeln. Von der Sehnsucht nach dem Meer las er der Dünung vor, die ihn und sein Boot wiegte, und davon, wie aus dieser Sehnsucht heraus Schiffe gebaut und Geschichten geschrieben werden.

Mittwoch, 27. Februar 2019

Episode 2

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH

"... fischte allein in einem Boot im Golfstrom, und seit vierundachtzig Tagen hatte er keinen Fisch gefangen." Seine Stimme war die eines Menschen, der gut gelebt und gern gesungen hatte. Der Wind griff in die Seiten und versuchte, zum Ende der Geschichte vorzublättern. Doch möchte eine Geschichte zu Ende gelesen werden wie auch ein Leben zu Ende gelebt sein will. Das Meer lauschte. Glucksend bat sein Wellenschlag den alten Mann, sich nicht von der Ungeduld des Windes beirren zu lassen und fortzufahren.

Dienstag, 26. Februar 2019

Episode 1

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH

Niemand achtete auf den alten Mann, der, ein Buch unterm Arm, am Strand auf ein Ruderboot zuging, es ins Meer stieß, sich hinein warf, aufstand. Wartete, bis das schaukelnde Boot zur Ruhe kam. Bedächtig schlug er das Buch auf und las dem Meer vor: "Er war ein alter Mann und ..."

Dienstag, 25. September 2018

Pomme Perdue und die fliegende Insel




Pomme Perdue war eine nachdenkliche Frau. Sie liebte Spaziergänge. Und die führten sie gewundene Feldwege entlang die Hügel hinauf durch Wiesen und Wälder zu einer großen Lichtung, auf der es sich wunderbar im Gras lag und über die Wolken mit dem Wind zogen wie eine Geschichte.


Eines Tages, es war im Spätsommer eines heißen Jahres, lag Pomme Perdue dort und sehnte sich ins Blau des Himmels. Der Sommer neigte sich dem Ende zu und Pomme wusste, dass schon bald Regenwolken über den Himmel jagen und ihn mit bleiernem Grau fluten würden. Noch war Sommer.


Pomme Perdue lag also da, betrachtete die träge dahinziehenden Wolken. Reckte den Zeigefinger in die Höhe. Fuhr die Konturen der Wolken entlang, sehnte sich ins Blau und gab den Wolken Namen von Geschichten, die unerkannt mit ihnen zogen und irgendwo zu Boden regnen würden.


Eine der Wolken glich einer fliegenden Insel. Einen Leuchtturm machte Pomme Perdue darauf aus, von dem der Wind winzige Möwen löste und dann wieder verwirbelte. Am Strand wiegten Boote und hinterm Deich wiegten sich Weiden. Pomme seufzte. Reckte nun auch den anderen Arm empor.

Und wie unsere Pomme Perdue so seufzte, die Arme wie zu einer Umarmung zu der Wolke empor gereckt, da geschah es, dass der Atem eben dieses Seufzers ihre Arme entlang strich und ins Blau des Himmels stieg. Dort, wo er seinen Weg zu den Wolken nahm, verblasste das Blau ein wenig.

Nicht genug, dass das Blau des Himmels im Seufzer Pomme Perdues erblasste, auch ihre Arme veränderten sich dort, wo der sehnende Seufzer sie berührte. Nahmen vom Blau des Himmels an. Ganz allmählich, und doch mit eben jener Geschwindigkeit, mit der die Wolke über ihr dahinzog.

Du erwartest, dass Pommes Perdue erschrak? Dass sie aufsprang? Dass sie Wolke Wolke sein ließ, den Himmel Himmel - und Hals über Kopf von der Lichtung den Wald hinaus, die Wiesen hindurch und den Hügel hinab heim rannte und sich das Blau aus den Armen wusch? Nein. Im Gegenteil!

Pomme Perdue war nicht nur eine nachdenkliche, sondern auch ein mutige Frau. Und so lag sie ganz gelöst auf der Lichtung, fuhr mit den Händen die Konturen der fliegenden Insel nach, die ja eigentlich ein Wolke war, und spielte mit den Möwen, die der Wind vom Leuchtturm zupfte.

Wie sie so da lag, mit der Wolke spielte und der Geschichte, die sie Pomme Perdue erzählte, floss das Blau des Himmels in die zierliche Frau hinein. Strömte mit dem Puls die Adern entlang zum Herzen, füllte mit jedem Atemzug die Lungen und atmete sich und den Himmel ein und aus.

Mit jedem Atemzug fühlte Pomme Perdue sich leichter werden und, als sie ganz und gar von lichtem Blau erfüllt war, löste ihre ruhende Gestalt sich von der Lichtung, auf der sie gelegen und den Himmel betrachtet hatte. Stieg ins Blau des Himmels, wo der Wind sie mit sich nahm.

Pomme ruderte mit Armen und Beinen, wie sie es den Fröschen im Weiher abgeschaut hatte. Schon bald erreichte sie die fliegende Insel. Stieg an Land, und leicht, dass die Wolke sie trug wie eine der ihren, lief sie an den ruhenden Booten vorbei den Strand hinauf zum Leuchtturm.


Leise quietschend öffnete sich die Tür des Turms unter Pomme Perdues bebendem Griff, und die kleine Frau betrat den Leuchtturm. Und noch ehe wir beide, du und ich, an ihr vorbei mit hinein in den Leuchtturm hätten schlüpfen können, zog sie die eiserne Tür hinter sich ins Schloss.

Mittlerweile wurde es finster und der Herbst hat begonnen. Und die fliegende Insel? Was aus ihr wurde, weiß ich nicht. Vielleicht regnete sie irgendwo zu Boden, zu Ende erzählt. Doch lass uns des Nachts hinauf schauen und hoffen, dass Pomme das Licht des Leuchtturms entfacht.


Ludwig Janssen © 24. 9. 2108