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Freitag, 20. September 2024

Schattensaiten

was schwingt in dir so dunkelblau
und summt in tiefen Terzen dich
dass du so jung vom Abschied weißt

von dünnem Eis, das Leben heißt
trägt dich zu mir ein Bogenstrich
in meine Brust, du kleine Frau

spannst dich hin mir, auch dem Bogen
dem du das Streichen lässt und mich
rührt aus deinem Spiel mein Wissen

an ums Sterben und von Küssen
voll alles Klingen lediglich
Vögel, die nach Süden zogen.

Ludwig Janssen © 27.8.2005

Montag, 2. August 2021

Küstenlinie

An einem Tag im August, das
Meer lag, als hätte es davon
gewusst, so friedlich wie an
jenem Tag im blauen Mond, an
dem sie sich hier küssten, an
der Linie, wo Meer und Land
dasselbe tun, ohne sich je
davon auszuruhn oder es zu
lassen, auch sie wollten nie
von einander und das Hand in
Hand nicht lassen und mag
auch der Wellenschlag dies
bezeugen, der in jenem
Augenblick ihnen zu Füßen
lag, sich an und um sie
schmiegte: Sie taten, als
ob sie noch davon wüssten
als sie sich hier küssten
an der Küstenlinie so ganz
zwischen Land und Meer war
es doch schon lange her
dass jener Saum sich wie
im Traum in beiden wiegte
Meer und Land und Hand in
Hand, doch hing vom Flüstern
und Knistern, mit dem der
Wellen Schaum verging
in der salzigen Luft.

Ludwig Janssen © 2.8.2021

Zur Quelle der Inspiration

Mittwoch, 4. November 2020

Auf dem Dach der Welt

Ich wünsche uns beide dort oben stehen
mich nur, um dir dabei zuzusehen
(nicht einen Gedanken dazu)

In deinen Augen die Nacht sich wiegen
zu sehen – und dir durch den Sinn zu gehen
(das wünsche ich mir noch hinzu)

Als dein Wunsch in ihrem Widerschein liegen
mit den Sternen der nördlichen Hemisphäre
(Welch schöner Gedanke bist du)

Ludwig Janssen © 12.12.2008

Dienstag, 13. März 2018

Liebend Lied (Dementen)

Wie soll ich meine Seele halten, dass
sie leis’ an deine rührt? Wie kann ich sie
hinhalten hin zu dir und deinen Dingen?
Möcht gern ein schimmernd Irgendwas
dem versunk’nen Ich in dir ins Dunkel bringen
auf eine wohlvertraute Lichtung, die
nach außen dringt, wenn deine Tiefen klingen.
Das Leben, das uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Wogenstrich,
führt zwei Wellen Wasser einem Meere zu.
Durch welches Land sind wir gesandt?
Wer von uns beiden führt hier wessen Hand?
O fremdes Du.

in bewusst gewählter Anlehnung an Liebes-Lied von Rilke
Ludwig Janssen © 28.2.2010

Dienstag, 18. November 2014

Vertont: Wenn die Liebe ...




Akustischer Beifang: Prinzessin Pinziminzi, die sich nicht nehmen ließ, vom Schreibtisch her ihr Schnurren beizutragen und ab und an - ein bedeutungsvolles Blinzeln ... :)

Link zum Gedicht:
http://springvogel.blogspot.de/2013/09/wenn-die-liebe.html

Samstag, 18. Januar 2014

Gelesen: Liebend Lied (Dementen)




Link zum Gedicht auf Springvogel

"Liebend Lied" schrieb ich in bewusst gewählter enger Anlehnung an "Liebes Lied" von Rilke. Anders als in jenem wundervollen Liebesgedicht geht es hier nicht darum, sich zurückzunehmen, um das geliebte Gegenüber sich entfalten lassen zu können, sondern es geht mir um die Darstellung der Frage: Wie dem versunkenen Ich des dementen Gegenüber Halt, Sicherheit und Orientierung vermitteln, es zu erreichen und dennoch zugleich sich zu entfalten es ermuntern?
Daher möchte ich dich Leser, dich Zuhörer in beide Gedichte hineinführen, in den Vergleich. Einen Vergleich, der sich in deinem Lesen, Erleben und Erkennen finden und vielleicht sogar erfüllen wird.

Freitag, 22. November 2013

Stückwerk


Eine kleine Lüge kam auf mich zu: Ich bin in dir, ich bin wahr!
Ich nickte: Ja, klar.


Eine große Lüge kam auf mich zu: Ich bin in dir, ich bin wahr!
Ich nickte: Ja, klar.

Eine Wahrheit kam auf mich zu: Ich bin in dir, ich bin Lüge!
Ich nickte: Ja, klar, du bist die größte und wahr!

Die Wahrheit kam auf mich zu: Ich bin!
Ich verneinte: Du bist nicht in mir! Ich kenne dich nicht!
Sie nickte: Ich kenne dich, du bist in mir.

(Predigt zum Thema Wahrheit)
Ludwig Janssen © 26.07.2010.

Dienstag, 8. Oktober 2013

Über die Liebe

Wenn es um die Liebe geht, sind alle Menschen Niederrheiner, denn ein Niederrheiner, sagte Hanns-Dieter Hüsch, weiß nichts, kann aber alles erklären. 

Gebe ich Liebe bei Google ein, bietet mir diese Suchmaschine spontan diese Begrifflichkeiten an: Liebessprüche, Liebesgedichte, Liebestest, Liebesgedicht, Liebesfilme. 

Nein, nach „Liebe“ soll sie mir suchen – nach einigem Zögern meines Computers meldet sie, „Ungefähr 235.000.000 Ergebnisse“ innerhalb von 0,11 Sekunden gefunden zu haben. Auf den ersten Blick imposant: Zweihundertfünfunddreißig Millionen Ergebnisse, doch wir haben den Juni des Jahres Zweitausendelf. Und da bedeuten 235.000.000 Ergebnisse in nur 0,11 Sekunden eine magere Ausbeute, sind lediglich eine Bestätigung der alten Erkenntnis, dass Rechner wahnsinnig schnelle Schwachsinnige sind, die sammeln, sammeln, sichten können: Wir haben mittlerweile 7.000.000.000 Menschen auf der Erde, würde solch eine Suchmaschine ein wenig mehr Zeit haben und jeden finden, auch jeden unter der überwältigenden Mehrheit Menschen, die über kein Internet, keinen Computer, keinen Strom verfügen, auch die eine Studentin in Bremen, wären das 29,79 mal so viele Ergebnisse, und da jeder Mensch sicherlich gleich mehrere Ansichten und Ideen zur Liebe hat und dafür, was Liebe ist … 

„Mehr, mehr, mehr!“ Häwelmann unterwegs. 

Und die Liebe? 

Die Liebe ist bei aller Vielfalt wohl jedem so groß- und einzigartig, so wundervoll zugleich, dass die Menschen, welche die bedeutendsten Schriften einer der monotheistischen Weltreligionen verfassten, übersetzten und, ähm, fortschrieben, eine wesentliche Passage verlauten lassen, dass Gott die Liebe ist, ui. 

1. Johannesbrief, 4,16: Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm (nacherzählt, also so ungefähr). 

Hm, eine gute Idee, meine ich, denn so schließt etwas, von dem gesagt wird, dass es universell ist, omipräsent, jeden, aber auch jeden Menschen ein, der … 

Hm, zumindest jeden, der … 

Hm, die Liebe ist einfach. 

Daher sträubt sich in mir alles, nach einer Formulierung, die einschränkt, weiter über die Liebe zu schreiben. Da tippe ich „jeden, aber auch jeden“ … und tippe ein Komma, tippe „der“, da schrieb ich „zumindest jeden“ … und tippe „Komma, der“ – nein! 

Jeden, aber auch jeden Menschen. Und gut ist. 

Hm, sollte man meinen. Da kommen gleich viele angewuselt, die nur aus sich heraus in die Welt schauen und kaum aus einem anderen, die sich selbst erleben, verleben, durchleben, entleben, überleben … und erzählen, was die Liebe ist, was sie kann, lässt, besser noch, was sie nicht kann, unterließ, versäumte – denn ungeliebt, ungeliebt fühlten und fühlen sich wohl mehr Menschen als solche zu finden sind, die angeben, geliebt zu werden. 

Eine andere Stelle besagten Schrifttums führt im 1. Korintherbrief des Paulus an (1.KOR13ff), dass die Liebe größer ist als Glaube und Hoffnung, wertvoller als Prophetengabe, Zungenrede, Märtyrertum, Erkenntnis, und – dass sie nicht „das ihre“ sucht, also nicht sich selbst [andere Übersetzungen, auch Einheitsübersetzung: „ihren Vorteil“]. Keine Selbstfindung, keine Selbstverwirklichung, kein Tausch, erst recht kein Tauschgeschäft. Langmütig ist sie, steht dort zu lesen, erträgt alles, trägt nichts nach, bläht sich nicht auf … Eine wirklich lesenswerte Passage, dieses Kapitel 13 des Korintherbriefs. 

Die Liebe lächelt. 

Vielleicht das Lächeln eines Buddhas, vielleicht das eines Fisches, und ja, Fische …

Sie wird wohl auch lächeln, da bin ich sicher, wenn jemand aus sich herausbreitet, dass die Liebe ihn enttäuschte, verriet, verließ. Dabei war und ist das nicht die Liebe, sondern das Lieben. Fremdes Lieben, das sich ihm und seinem entfremdete, verfremdete … sich losfremdete? Zumindest das eigene blieb ihm und bleibt. Das eigene Lieben, das kaum wahrgenommene, das unbeachtete, das ungeliebte eigene Lieben. 

Das Lieben. 

Das Lieben, das ist wohl ein Stückchen Gottes in dir, und, wenn du Agnostiker bist, ist es ein Stückchen Ganzes, wenn du Atheist bist, ist es ein Stückchen Liebe, d e r Liebe – und sowieso ist es alles das zugleich und deines. 

Dein Lieben? Ich kenne es nicht. 

Mein Lieben, mein Lieben macht mich wehrlos. Das ist, was ich an Wichtigem über mein Lieben zu erzählen weiß. Manchmal lässt es mich zurück, und, vielleicht ist es eine Taube, findet sich immer wieder ein, bei mir, vielleicht bei dir, und lächelt. Nicht mehr taufrisch, schon lange nicht mehr unschuldig, aber immer noch unerklärlich naiv. 

Nullkommaeinsvier Nanoliebe. So viel auch nur, wenn ausschließlich die Menschen … Von keiner Suchmaschine zu finden unter sieben Milliarden Menschen. Ganz Häwelmann mit nacktem Hintern, ein Beinchen als Mastbaum in die Höhe gereckt, das Hemd daran Segel und aus vollen Backen blasend zieht es mit den Wolken über den Himmel. Der Mond fragt, „Junge, hast du denn noch nicht genug?“ Dann lächelt es, wahrscheinlich auch nur, weil es weiß: Um ein klein wenig zu werden wie die Liebe, die Gott ist, zumindest göttlich, müsste es … zumindest dem Korintherbrief nach, und seine Feinde, ach, nein, ich müsste – meine ... Und das fällt so verdammt schwer, vor allem, weil selbst ein nullkommaeinsvier Nanolieben für mich ein ganzes ist - und alles, was ich habe.
Ludwig Janssen © 7.6.2011

Freitag, 27. September 2013

Wenn die Liebe

Wenn die Liebe geht
durch die Welt geht
geht sie in den Kleinen

die groß sind und meinen
Liebe sei ihr Geschenk
von und aus sich heraus
erschöpfen sie sich
groß werden sie bloß
weil sie sich verschenken
und an sie zu denken
die nicht an sich dachten
zum Geschenk und so
ganz sich machten
sich verloren glaubten
und fanden im Du:
gut bist du
lieb mir
ich bin dir
Gefährte
lehrte
immer wieder
einen das Weinen
um einen andern
so wandern
sie und begleiten -
in ihnen geht die Liebe.
 
Wenn die Liebe geht
in dieser Welt geht
geht sie durch die Schwachen

die stark machen können
geht durch ihren Trost
hindurch in den Bauch
(und auch drumherum
umarmen sie stumm
die Welt doch und lächeln ihr zu)
ist ihr gutes Wort
wird in ihnen Ort
wird Bleibe und Bleiben
Boote treiben
flussabwärts im Strom
„Komm! Es ist gut, dass du bist!“
Schon ist
die Liebe unterwegs
in angstvollen Herzen
pocht sie auf ihr Recht
aufs Leben, auf
Schritt für Schritt, auf
Schlag um Schlag
Le Chaim!
ich mag
dich, ich mag mich
mag leben
weil du mich magst
Mögen vermögen
vermag, wer geliebt
wer gibt, nicht verlangt
erlangt Vermögen
Liebe macht reich
im Verschenken
macht Löwen
macht Möwen
macht frei.

Wenn die Liebe geht
aus dieser Welt geht
geht sie leise.
 
Fährt mit dem Zug
schaut aus ihrem Gefäß
aus müden Augen
aus dem Fenster
auf die Welt
sagt: Komm!

und du gehst.



Ludwig Janssen © 17.5.2008

Donnerstag, 21. Februar 2013

Die Leisen

Ich beneide jene, die entschliefen
während ihre Liebsten riefen, leise
Schläfst du schon? und sie bedachten
mit Abschiedsküssen, warmen, sachten



Um dann, klammheimlich, zu erkalten
ein Schweben über ruhenden Gestalten
noch, die Heimat waren, Sturm und Trost
auf solche Art ließ ich gerne los

 Ludwig Janssen © 10.1.2012

Freitag, 1. Februar 2013

Antisone und Unanders

Antisone und Unanders waren ein Paar der klassischen Antike. 

Einst träumte Antisone, ein einem Stein entstiegener Jüngling würde sie küssen auf eine Art und Weise, der sie auf immer verfallen würde. Daraufhin ging die Tochter des Königs Materios an den Strand der Insel Dimensiones, sammelte Kiesel, die von der Flut an- und freigespült worden waren, und küsste jeden, der ihr gefiel, einen nach dem anderen. Doch blieb ihre Erwartung jedes Mal enttäuscht. So warf sie jeden dieser Kiesel über die Schulter hinter sich, schlenderte den auslaufenden Wellensaum entlang, bückte sich nach vielversprechenden Kieseln und küsste sie. So ging das von morgens Früh bis spät. Antisone wurde nicht müde, Kiesel zu küssen. Das Licht der Sonne färbte sich rot, das Blau des Himmels vertiefte sich, das Meer verdunkelte. Antisone konnte die Kiesel kaum noch erkennen, schon gar nicht nach Farbe und Muster unterscheiden. Ihre Zuversicht schwand, sie wurde traurig. Ihre Lippen, vom vielen Küssen fühlten sie sich hart, geschwollen an und schmerzten. 

Weinend wandte sich Antisone vom Meer ab, verließ den Strand und ging heim. In dieser Nacht träumte ihr wieder von dem Jüngling aus dem Stein und seinem Kuss, lüstern warf sich auf ihrem Lager hin und her und erwachte verschwitzt, derangiert, voller Sehnsucht nach jemandem, den sie nun zweimal im Traum erlebt hatte. Wieder ging sie an den Strand, wieder küsste sie einen Stein nach dem anderen, wieder ... 

Am Abend des dritten Tages, die Königstochter hatte die Insel umrundet, erblickte sie in der Ferne ein Segel, dass sich über den Horizont schob, ein Schiff, dass sich dem Strand näherte, knirschend auf den weichen Sand lief und landete. Antisone hoffte, dass nun der Jüngling ihres Traums von Bord springen und sie in die Arme nehmen würde, doch nichts geschah. Neugierig und ängstlich zugleich stieg Antisone über die Bordwand des Schiffes. Es schien verlassen. Niemand zu sehen, kein Geräusch zu hören. Im Laderaum des Schiffes fand Antisone Kiesel. Hunderte, tausende, in allen möglichen Farben, Mustern und Formen, kaum einer größer als eine Faust. 

Antisone küsste einen nach dem anderen. Nichts geschah. Wieder kehrte Antisone heim, enttäuscht und weinend. Zu Hause angekommen wartete ihr Ehemann Unanders auf sie, mit dem Antisone seit sieben Jahren vermählt war und zwei kluge, lebensfrohe Kinder hatte. Tröstend breitete Unanders seine Arme aus. Hatte er doch gesehen, dass seine junge, schöne Frau weinte. Antisone sank schluchzend in seine Arme, dass es sie schüttelte … und kam zur Ruhe. Sie schaute ihrem lieben Mann tief in die Augen - und küsste ihn. Unanders wurde Stein.