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Montag, 23. März 2026

Gesperrt. Auch gut, sagte der Schmied im Kölner Zoo.



Abstand – wohl der größte Gewinn, den du dir erschließen kannst aus dem Entzug des Zugriffs auf die Möglichkeit, Texte zu veröffentlichen auf dieser Plattform keinVerlag.

Am Tag eins nach der Sperre ist die Mail an den Webmaster raus, die Einsicht, dass auch der ein Mensch ist und das auch bleiben darf, ist nicht neu. Revue passieren lassen, was genau da eigentlich abging und welcher Gaul mit dir selbst durch: Alles im grünen Bereich, kann man aufrechten Hauptes abnicken, passt. Kein Bedauern.

Auch nicht, was die Verfügbarkeit angeht. Deren größter Nachteil: Man kann noch lesen, was an Texten veröffentlicht wird: Rosinenbrot. Die vollmundige Selbstbeschreibung des Forums verkündet es jedenfalls. Die Fliegen darin sind den Rosinen wie immer zahlenmäßig voraus. Ich schmunzle.
Da hatten sie eine Woche Gelegenheit, von meiner sie behelligenden virtuellen Präsenz befreit, anspruchsvolle Texte einzustellen, und, ergriffen sie diese Gelegenheit beim Schopf? Nein.

Gelegentlich ein lesenswerter Text. Im Nichtschwimmerbecken jedoch die üblichen Arschbomben. Ob sie jetzt, da der Spiegel ihrer bösen Stiefmutter schweigt, bemerken, dass sie sich schon eine geraume Weile darin zu übertreffen suchen, den dämlichsten Texten des Forums ebenbürtige Texte zu verfassen? Es sieht nicht danach aus. Von den sich in geradliniger Pose liebenden Schandmäulern dieselben Schmierenkomödien. Sie feiern ihre bescheidenen, durchtriebenen Hinterforzigkeiten ab und klopfen sich anerkennend auf die Schulter. Dabei zittern sie, dass ihre Absichten unerkannt bleiben, versichern einander daher, Stippeföttche, dass man schon weiß, wer gemeint ist. Das Hinterteil zeigen. Eine nicht nur im Tierreich verbreitete Geste der Unterwerfung, böse Kräfte und Dämonen zu besänftigen. Was da wohl zerrieben wird? Die eigene charakterliche Kurzsichtigkeit, denn vorne will kaum einer der Protagonisten wahrhaben, welche Werte ihm hinten jedem Unbedarften offen sichtlich am Arsch vorbeigehen.

Ich warte ein paar Tage länger, als die Sperre währt, dass die paar wenigen, die ihre Ergüsse an meiner virtuellen Präsenz auf keinVerlag festmachen, sich eines Besseren besinnen, also dessen, was sie zu sein sich vergewissern in Endlosschleife. Dass davon etwas literarisch aussickert. Fehlanzeige.
Im Gegenteil: Gerade so, als wäre ihren schwachbrüstigen Phantasien die wesentliche Stütze abhandengekommen, drängen sie sich Halt suchend um den letzten phallischen Text des Forums. Offenbaren ihr intellektuelles Potential, abstrakte Begriffe wie Menstruationslyrik mit Geist anfüllen zu können statt mit Phrasen und kindischem Purzelgebaum. Reihenweise gehen sie dabei in die Knie. Bleiben stecken in postanaler frühpubertärer Lyrik. Albern rum. Sagte der Schmied: Auch gut. Wenns sie glücklich macht ...

Abstand, der größte Gewinn. Mit Abstand zum Geschehen gewinnt man Übersicht. Gibt es auch jemanden, der noch eine Rechnung offen habe könnte mit dir und sich jetzt zurückhält? Ja, es gibt jemanden. Mehr als einen. Bedauerlich, dass auch die schweigen, für die man Partei ergriff, versuchte irgendwer sie vorzuführen oder ihnen intrigante Unwahrheiten unterzuschieben. Sie werden sich halt fürchten, selbst zur Zielscheibe revanchistischen Bashings zu geraten. Auch gut, meinte der Schmied. Betrachtet das entweder versonnen (oder unschlüssig oder peinlich berührt - weiß man ja nie genau) von der Spitze des Pavianfelsens auf die kreischende Hektik am Wassergraben spähender Alphamännchen.

So ein Besuch im Kölner Zoo ist … mit Abstand … das Beste, was man unternehmen kann, wenn man Abstand gewinnen will, Abstand auch von der eigenen Disharmonie, die in vergleichbarem Maß, mit dem du dich auf literarisch intendierte und charakterlich demaskierende Missklänge keinVerlags einlässt, von dir selbst und der eigenen Sicht auf die Dinge Besitz ergreift. Du erkennst, dass du dich gefangensetzen ließest von ein paar Hanswürsten und deren Treiben, das dich eigentlich anwidert. Du erkennst, dass du kein Spiegel bist, kein Spiegel sein kannst. Weil du, reflektierst du ihre Dumpfheit und deren bösartige Auswüchse, dich veränderst, zum Schlechten. Du magst dich nicht. Warum nur immer wider dieselben Windmühlen? Letztendlich hast du dann im Rücken, was die antreibt. Und von genau dort agieren sie, weil sie sich fürchten, anders als hintenrum zu kommen. So ist doch eigentlich nichts weltbewegend Schlimmes daran, dass sich literarisch Unbedarfte an überkommenen Mustern orientieren, die ihnen Orientierung bieten und Sicherheit. Die Sicherheit, und solche Bestätigung brauchen sie, zumindest von einer Handvoll Gleichgesinnter angenommen und in ihren Augen ein Dichter von Wert zu sein. Was soll schlimm sein daran, die eigenen Störungen in liebevoll phrasierten Wortpäckchen zu entsorgen und dafür verständnisvolle, bestätigende Streicheleinheiten zu empfangen? So ist es rührend, wie sie einander stützen, helfen und aufbauen. Den frischen Streusel Schnittlauch loben, der die aufgewärmte Dose Latein würzt. Oder ein nett aufbereitet stinkendes Häufchen Lüge. Und die, die den HiFi-Stereotypen ihre hilfreiche Hand reichen zum High-Five oder auf den Rücken eines virtuellen trojanischen Pegasus‘, sind sie nicht die wahren Samariter deutscher Klitoradtourforen? Wahrscheinlich. All ihr seiner Agens enthobenes pädalogisches Geschick sublimieren sie in lobenswert aufopferungsvoller Hilfestellung am literarischen Reck. So leistet ein Forum wie keinVerlag sich eine kleine Sub-Community, die sich eigentlich herzlich wenig von so etwas wie der Idee einer Entwicklung des Schreibens der User KVs aufhalten lässt, sondern sich unmittelbar daran begibt, ihre Mitglieder als gute Menschen dastehen zu lassen. Überzeugend, zumindest im kleinen Kreis, wie man liest. Und, wie gesagt: unter Anderem, unter Anderen! Unter. Unter aller, aller und sich selbst Sau jagen sie einander sowie ihre fixen Ideen durchs Dorf. Spektakel. Daily Soap.

Doch das eigentlich Wesentliche, das man im Kölner Zoo und vor dem Pavianfelsen verharrend erfährt und dass das Besondere am Abstand ist, den man gewinnt, wenn man gesperrt ist, ist, dass man den Pavianfelsen darin als Teil sieht und erkennt, dass dessen quirliges, selbstverliebtes Drehen um sich selbst und die Menschen auf der anderen Seite des Wassergrabens für das eigene Schreiben irrelevant sein sollte und dass es mit bereits einer halben Drehung dem Zoo und dem Ganzen zu an Bedeutung verliert.

Bereits vor meiner Sperrung aufgrund einer ebenso empörten wie aufrichtig gemeinten Schmähung des meiner Ansicht pietätlosen Verhaltens eines Nutzers KeinVerlags und dessen geradliniger Dekompensation darob hatte ich damit begonnen, die Texte bestimmter Autoren nicht mehr zu lesen. Weil sie nichts Neues brachten. Weil sie sich in den immer gleichen Mustern verstrickten. Weil sie entweder Kassiber von Insidern für Insider darstellten oder sich in profanem Ringelpietz mit Anfassen verloren. Weil Kritik an ihren Texten verschwendet ist. Die zu ignorieren: Eine wirklich entspannende Übung in Selbstdisziplin.

Weitere Texte auf KV zu veröffentlichen nehme ich mit dem Vorsatz auf, dies fortzusetzen und mich vom Pavianfelsen weg der Suche nach den Antilopen des Zoos zuzuwenden, der Suche nach dem Sphüngs, den ich aus den Augen verlor und der sicherlich nicht im Zoo zuhause ist.

Sagte der Schmied: Auch gut.


Essay zum Thema Eigene Welt
Ludwig Janssen © 17.1.2013

Freitag, 12. April 2024

Ist was wirklich?

Elfen unwahr - was ist wirklich? So sehe ich dich träumen,  Spaziergang am Morgen, Gedanken wehen aus deinem Haar, spiegeln sich in Wassertropfen. So glänzen sie in Wiesen, schwingen zarte Netze, nicht fein genug zu fangen diese Spur: Dass du hier warst, glaubst du. Diese Bilder sind dort, in dir, wirklich, wahr ist: Deine Gedanken bleiben hier Elfen.

Ludwig Janssen © 24.9.2004

Mittwoch, 10. April 2024

Das Geheimnis der alten Schachtel




[Eine alte Schachtel]
[Eine alte Schachtel]
[Eine alte Schachtel]
[Eine alte Schachtel]
[Eine alte Schachtel]
[Eine alte Schachtel]
[Eine alte Schachtel]
[eine r·te Pappnase]




Konkrete Poesie zum Thema Schönheit/ Schönes
Ludwig Janssen © 20.11.2012



Montag, 1. Januar 2024

Tumult im Lyrwana

Das scheue Lyrich duckt sich
metrisch in das Gedichticht
Stil schwankt ein Rohr
im Winde der Eloquenz

Ein Ichdu auf der Jagd!

Metaphern rauschen
im Lyrwana das Elysium
Inspiration lauscht Schweigen
dichter Reigen prasselt

Ein Ichdu auf der Jagd!

Ellipsen knabbern
aus Sätzen sabbern
wehrlosen Elfen
schleimende Reime

Ein Ichdu auf der Jagd!

Verse brechen in wilder Flucht
durchs untere Bewusstsein
ein Elegeion pentametert
das Distichon hexat und zetert

Ein Ichdu auf der Jagd!

Silbenglanz der Weiher
darin der Mondschwein
ein Silbler, wie gewohnt
schweigt und geigt

Ein Ichdu auf der Jagd!

Das scheue Lyrich im Rhyth
mischen leise Sichtwaisen
elegisch sein Sprung ins Lied
entsprungen auch Lyrdu sieht

prosaistischen Ichdu sich trollen


Ludwig Janssen © 23.09.2004

Mittwoch, 13. September 2023

wenn Ruhe herrscht

wenn Ruhe herrscht, ist Stille
Schweigen nun uns Weh im Roten
das Stimmung fühlt und tönt
von warmem Leben nur sich füllt
mit Blei nun und Gedanken Schwert
mit Macht und wo das Komma stört
im: Macht, das Beste daraus!

Ludwig Janssen © 10.11.2004

Mittwoch, 7. Juni 2023

Das Wehrlose einer Kritik


Einen kritischen Kommentar zu einem Text zu verfassen, der auf einem Forum wie [...] veröffentlicht wurde, ist ein gewagtes Vorhaben, zieht man sich doch nicht nur den Unmut des Verfassers zu, sondern auch den seiner Entourage. Sofern der Verfasser sich einen solchen Hofstaat aufgebaut hat, also Wert legte auf Schranzen, Buckelkratzer, Rosettenschlüpfer und Lippenleser - selbst all dies den anderen war (ein übrigens billiges Unterfangen, sind doch anstrengende Charaktereigenschaften wie Integrität und Sachlichkeit eher hinderlich und somit ihr Fehlen von Vorteil), hat man mit einer Vielzahl von Anfeindungen zu rechnen.

Solche Anfeindungen sind immer auf die Galerie zu geschrieben, auf der man diejenigen weiß, mit denen man über PN in Verbindung steht und die sich bereits empörte, diejenigen, die mit dem Verfasser des kritischen Kommentars ein Hühnchen zu rupfen haben möchten und dann noch die paar Armseligen, die zwar selten einen Grund erklären können, jedoch gerne einen Anlass geboten bekommen, sich als moralisch Erhabene strafend profilieren zu können. Selten wird die Kritik angegriffen, meist der Kritisierende. Das reicht bis hin zu Diffamierungskampagnen, habe ich hier zur Genüge erleben müssen. Hierzu schämen manche Ehrenmännchen und -weibchen sich nicht, sich darin zu entblöden, in eigens hierzu erstellten Texten zum Kritiker-Bashing zu ermuntern. Bei solchen sich einander bestätigenden Ausgrenzungen eines Anders- hier: Querdenkenden schütten die Belohnungszentren des Kleinhirns stimulierende Substanzen aus.

Ich habe daher die begründete Phantasie, dass einen kritischen Kommentar unter einen Text der sich stetig lausenden und umkuschelnden Autoren zu platzieren in etwa gleichzusetzen ist mit dem Unterfangen, im Anzug durch einen Swingerclub zu flitzen und zu fotografieren, oder, auch hier nur spekuliert, das jedoch lebhaft, mit jemandem, der im Darkroom eine Taschenlampe oder gar das Licht anknipst.

Dabei (deswegen?) steht der kritische Kommentar mittlerweile ohnehin auf der roten Liste, ist vom Aussterben bedroht und wird in täglich schwindende Reservationen zurückgedrängt. Weil nämlich der kritisch Kommentierende etwas macht, was oft genug der Verfasser des kritisierten Textes selbst versäumt zu realisieren: Er stellt sich und seinen Gedanken zur Diskussion, exponiert sich und sein Denken. Ein Akt der Wehrlosigkeit. Ist doch die Kritik selbst ebenfalls ein Text.

Nun ist es bei einem Literaturforum, wie [...]  eines ist, nein, sein möchte, nein, Wunschdenken, also: was [...]  nie werden wird, aber denen, die so was brauchen, sein soll -… ist es also so, dass kaum jemand wirklich ein Kritiker ist. Kaum jemand wird den zehn Geboten für Literaturkritiker gerecht, die Marcel Reich-Ranicki aufstellte, erst recht nicht dem zehnten: „… Du sollst nicht begehren, selbst zu dichten …“

Ich selbst bezeichne mich gerade deswegen nicht als Kritiker. Doch verfasse ich Kritiken mit der Gewissheit, nicht unbedingt mich selbst, aber meine Denke und mein Schreiben in Frage gestellt zu lesen zu bekommen. Denn wie nach Nietzsche der Freund dem Einsamen der Dritte ist, so ist dies, was das Schreiben angeht und dessen Entwicklung, der Widerpart dem schreibenden Einsamen wie ich einer bin.

Eine Empfehlung, die ich abschließend mir selbst und denen, die sich in dieser Kolumne verstanden fühlen, mit auf den Weg schreibe ist, Swinger-Clubs und Darkrooms zu meiden, und, gerät man doch hinein, zumindest Vorsorge zu treffen, hier: Keine bleibenden Eindrücke festhalten und nie, nie das (also dein!) Licht anknipsen.

Montag, 26. September 2022

Don Q und die Kunst der Windstille

schon weise bleibt der dürre Ritter
ein Reiter auch mit kleinem Bauch
von Träumen äußerlich nur matt
aus seinem Innern ist ein Schillern
und Rosinante frisst sich satt
am Heu von Dulzineens Weiden auch
noch Kräuterduft von Magenbitter

die Lanze steckt im Bohnenbeet
an ihr ranken sich Geschichten
und er, der Alte, spielt die Flöte
aus Riesenknochen, Morgenröte
fließt aus Atem in ein Dichten
das dem Wind entgegen weht

es ist das Stille zwischen Tönen
fügt sich leiser Spur zum Liede
dem Wind zu Horizont und Ruh'
so wird der still auch und hört zu
Mühlenflügeln, welche Schwingen
gleich sich senken - wenn die Luft

nicht tragen mag und lauscht
dem Liede einer kleinen Flöte
aus toten Riesen, Morgenröte
im Denken eines weisen Mannes
bess're Wehr als Schwert und Lanze
Mühlen? reimloses Lächeln!

Ludwig Janssen © 9.11.2004

Montag, 12. September 2022

schnüren

schnüren ...
... irgendwann macht man sich auf und sucht, warum auch immer. fragen gibt es nicht, der schnee ist frisch, leises knurspeln unter den sohlen das einzige geräusch. blauer vollmond - die sonne scheint. dann stößt man auf eine spur und hält ein inne.
fest - und es zerfällt. da ist noch mehr. verwittert, so flüstert ein datum. frisch, raunt ein blinder seefahrer. schnüren ...
 ... diese spur entlang und einen gedanken, den man sich nicht einzigartig denken kann, so vertraut die abfolge längst verlorenen schreitens. flucht? kreisen? aufbruch? spur ohne witterung, bytes ohne duft, der eigene atem trügerisch warm an kalten kristallen. die hielten nur die form. einzigartig. jedes menschen leben einzig, verwundbar. schnüren ...
... blutstropfen. der fuchs hört ihr pulsen ...


Ludwig Janssen © 8.2.2005 

Sonntag, 11. September 2022

Hoffnungsfroh im Gegenüberlicht

Da stehen wir uns gegenüber und erzählen uns von Sternschnuppen, ohne auch nur eine einzige aus der Tasche holen zu können. Oder etwa doch? 


Ludwig Janssen © 18.7.2005

Sonntag, 28. August 2022

Flöten aus Schienbein


Man kann jemandem zu nahe treten, aber niemanden zu Nähe.

Ludwig Janssen © 4.11.2012

Sonntag, 14. August 2022

Kohlweißlinge, Lyrik und fliegender Kappes

Ja, auch Kohlweißlinge sind Schmetterlinge,  halt nicht so langlebig wie Zitronenfalter. Und ja, sie müssen sich als Raupe durch jede Menge Kappes fressen, ehe sie sich verpuppen. Und ja, sie verwandeln dabei Kappes in Köttel.
Kappes zu Köttel und Raupe.

So ist Prosa.

Kaum hat der Kappes sich verpuppt, kaum, dass er Kohlweißling ist, flattert er plimm-plimm dahin auf der Suche nach seinesgleichen ... Kohlweißlinge und Kappes.

Schön.

Menschen sind da anders. Die haben einen Kohlweißling vor ihrem inneren Auge und meinen, Lyrik verfasst zu haben, kaum dass sie Kappes haben flattern lassen, ihren. Vielleicht mit einem Kohlweißling darin, einer dürren, bei Bedarf moralinsauren Raupe, Kötteln - doch eigentlich fliegt da Kappes. Kappesköppe kriegen halt nicht mehr zustande, da darf man nicht zu streng sein. Wenn sie Glück haben, legt ein Kohlweißling seine Eier auf sie ab, schlüpfen dessen Raupen, fressen sich durch den ganzen Kappes und verwandeln Kappes zu Kötteln und Raupe ... und gaukeln plimm-plimm anderen den Kohlweißling vor. So ist Kappes.

Ruft jemand: Kappes!

... gibt er den Kohlweißling.

Und auch das ist Prosa.

Mittwoch, 21. Juli 2021

Gedanke zum Thema Arrangement

Ich glaube, dass beim Schreiben nichts tückischer ist als das Bedürfnis, die eigene Vorstellung perfekt umgesetzt zu wissen. Es verführt uns zum Arrangement mit Unzulänglichkeiten, die wir lediglich nur zu lange anstarrten und zu oft sich breit machen ließen in unserem Hirn, so oft, dass uns der eine Wunsch zur überzeugenden Sackgasse des anderen wird. Schon manifestiert sich unser Wunsch nach einem Windhund letztlich in einem Dackel, dessen treuseliger Blick uns überzeugte. Man hat sich arrangiert.

Ludwig Janssen © 11.9.2007

Dienstag, 23. März 2021

Ein Vogel singt [Kritik der Spreu geläufigen Phrasendrusches]

"Ein Vogel singt" Solch eine Zeile ist, lyrisch gesehen, nicht mehr als eine aufgeblasene leere Brötchentüte. Sicherlich wird sich wer finden, der die aufgreift, schüttelt, das Knistern der trockenen Krümel darin interpretiert und diesem Wert beimisst, sicherlich könnte und sollte man diese Tüte mit lautem Knall zum Platzen bringen, dass Ruhe ist. 

Ein Hund bellt. 

Das wars.

Ludwig Janssen © 02.05.2009





(Und doch mag es das eine oder andere Gedicht geben, in dem eine solche Zeile das Salz in der Suppe ist und eben nicht die Schaufel Salz.)

Dienstag, 1. Dezember 2020

Gedanke zum Thema Griesbrei

Auf der Verpackung in beeindruckenden Lettern: "Das Wunder der Poesie", darunter, in nicht minder gewichtigem Schriftzug ein Name. Dazu Kleingedrucktes: Zucker ist schon (reichlich) drin! Ich weiß alles - schon drin! Fett? Arm! - auch drin. Nicht rühren! Nicht nachwürzen! Nicht meckern! Das Wunder der Poesie ungestört vor sich hin köcheln, eindicken und anbrennen lassen ... [Ach so ...]

Ludwig Janssen © 4.9.2007

Gedanke zum Thema Abnehmen (Kleine Bosheit zum Thema Kritikresistenz)

Der Gedanke an die Möglichkeit, den Nährwert von Gedichten bestimmen zu können, hat hin und wieder etwas Tröstliches, denn schließlich müssen sie dazu verbrannt werden ...

Ludwig Janssen © 24.9.2007

Dienstag, 12. November 2019

Wortwahl. Strukturell dümmliches Nachplappern oder blanker Antisemitismus? Ein Pamphlet.


Wortwahl.

Die Wortwahl, das ist etwas, das wir, einen ausreichenden Wortschatz vorausgesetzt, haben. Und wer dann die Qual der Wahl hat, Autor oder Leser, ist offen.

Wie wir unsere Worte wählen, und welche wir wählen, das ist etwas, das Auskunft gibt über uns, über unsere Verfassung, die momentane sowie die verfassungsgebende innere Haltung. Über Rückgrat, über Haltungsschäden, über Boden- oder Käfighaltung. Die unserer Worte. Unserer Emotionen. Die schon mal ein Ei legen. Dann: Gackern.

Es gibt auch so etwas wie ein Wahlrecht. Wir haben nicht nur (wieder einen ausreichenden Wortschatz vorausgesetzt) freie Auswahl, wir sind sogar frei, die uns passenden Worte zu wählen um auszudrücken, was wir denken, von uns, von anderen – was wir reden oder schreiben, über uns, über andere.

So gesehen ist die Wortwahl etwas uns und andere Verortendes wie vielleicht die Wahl des Aufenthaltsortes, wie eine bestimmte Art sich zu kleiden: Man offenbart nicht nur, wo man sich aufhält, sondern auch die Grenzen, innerhalb derer man sich bewegt, Grenzen, die man anderen zuweist, Grenzen (schönen Gruß von Wittgenstein), die einem selbst auferlegt sind, Schranken, Einschränkung, Beschränkung, Beschränktheit. … die Beschränktheit meiner Welt. Hm, hätte er doch auch …

Es gibt Worte, die, wählt man sie aus und setzt sie ein, einem verwesenden Stück Fleisch gleich die Luft, den Raum eines Textes verpesten, die alles beherrschen, Worte, die jegliches Nachfragen erübrigen. Da gibt es ein Wort, das gleich ein ganzes Volk nicht nur in Frage stellt, sondern an den Pranger, es an den Platz zerrt, an dem der Abdecker es holen soll oder ein Arzt wie Mengele es herausschneiden. Ein Wort, das ein ganzes Volk ohne Ansehen des Einzelnen ins Meer stößt. Ein Wort, das im Vokabular der DDR-Offiziellen ebenso geläufig war wie in dem linker Gruppierungen des wiedervereinigten Deutschland, wie es ebenso geläufig dem Vokabular der Neoanazis, dem der Hamas, dem iranischer Hetzpropaganda ist:

Zionistisches Gebilde

Wer dieses Wort einsetzt, weiß, dass damit Israel gemeint ist. Nicht die Regierung, sondern das Volk. Jeder einzelne Israeli. Dieses Wort ist Antisemitismus pur, ist menschenverachtend, entwürdigend, ist, wozu Menschen, die es genau so und nicht anders haben wollen, es sich zurechtschmiedeten.

Vor einiger Zeit wurde in einem Text eines Literaturforums zweimal von diesem Wort Gebrauch gemacht.

Ich las, schluckte - und wartete auf Reaktionen. Reaktionen, die hinweisen, was dieses Wort besagt und anrichtet, Reaktionen, die klarstellen, dass dieses Wort zu jenen Wörtern gehört, die verzichtbar sind. Der Text, dem die Autorin diesen antisemitistischen Murks zufügte, wäre durchaus ohne diese menschenverachtende Polemik ausgekommen. Wo blieben sie, die Grass-Peitscher, die fleischgewordene schrumplige Antifa besagten Forums, die Abmahner strukturellen Antisemitismus‘, die Wortmimosen, die für jeden Furz nach dem Webmaster schreien mit: „Erlkönig hat mir ein Leids getan!“, wo? Was passierte?










… Nüscht …


Stattdessen:

[…]Was mich gestört hat, sind Textstellen wie diese:
„Oba, Cam und Merki sind Bluffer ...
Wo ist eigentlich Hili Clinti,“


in denen du die sonst sachliche Sprachebene verlässt und einen umgangssprachlich-kumpelhaften Ton anschlägst. Das passt überhaupt nicht.

Ansonsten ist es ein Text, der Klartext spricht. Gut.[/Quote]
 

omg … da war noch eine sprachliche Ebene, die wesentlich grottiger ist. 

[quote] […]WikiLeaks hat ja eindrucksvoll aufgezeigt wie sehr die USA im Irak um die Wahrung der Menschenrechte bemüht sind. Insofern gebe ich mich da keinen Illusionen mehr hin. In jedem Fall ein wichtiger und guter Text, […][/quote]

… und das zionistische Gebilde – geschluckt? Anstandslos. 

[quote][…] Und gut formuliert ist dein Essay auch. Könnte genausogut ein Kolumnentext sein. […][/quote] 

*kopfpatscht* „gut formuliert“ … auf welchem Auge blind, na … na? 

[quote][…] Ich finde, du hast gut recherchiert und einen sehr nachdenkenswerten Text geschrieben.
Ganz liebe Grüße,
[…][/quote] 

… wie wäre es dann mit ein wenig Nachdenken über die Formulierung „zionistisches Gebilde“ in diesem ach so sehr nachdenkenswerten Text? 

[quote][…] doch erst durch deine genaue Recherche sehe ich die Zusammenhänge klar.
Verdienstvolle Arbeit,
[…][/quote] 

Nun ja, wer hier pausbackig die Arbeit verdienstvoll preist, meint vielleicht den Essay, schließt jedoch zumindest in diese (hiermit fragwürdige) Auszeichnung die Diffamierung Israels als „zionistisches Gebilde“ billigend mit ein. 

[quote][…] ich hätte nur einen kleinen Änderungsvorschlag, nenne es statt Text besser Essay, denn Dein Werk ist (mehr als) eine geistreiche Abhandlung. […][/Quote]

… und ein ganzes Volk (das israelische) dem Propaganda-Vokabular von Neonazis und terroristischen Vereinigungen preiszugeben war dann wohl besonders geistreich abgehandelt?

Tja.

Hm.

O … M … G


Musst du, fragte ich mich, dir das unbedingt antun, dir wieder den Zorn und die Häme solcher Kappesköppe auf den Buckel zu schreiben? Musst du, gerade du, der du dich kaum um Politik scherst, die Klappe aufreißen und von Antisemitismus und struktureller Dämlichkeit schreiben? Musst du, gerade du, der sich nicht scheut, anderen mit dem rhetorischen Florett vor der Nase herumzufuchteln oder den Gürtel ihrer Wortsäcke zu durchtrennen, an einem polemischen Säbel Anstoß nehmen? Gar eine Kolumne darüber schreiben und andere mahnen, auf die Wortwahl zu achten? Nein, auf ihre Wortwahl, die doch eine freie ist und von deiner so verschieden wie Sonne und Mond? Das fragte ich mich in der zurückliegenden Zeit, in der ich zur Sache nur eine kleine Satire vom Stapel ließ, die wenig ausrichtete und lediglich einen der üblichen Verdächtigen veranlasste, sein Beinchen daran zu verheben.

Muss ich? Nein! Aber – ich hatte die Wahl. Welche ich traf, ist zu lesen. Wohlan, mein Wort, nimm Abschied – und gesunde. Und du, antisemitistische Killer-Phrase, bleibe außerhalb der Grenzen meiner Welt.

Nachtrag:

Das ist jetzt Jahre her.

Die Kolumne hing ab wie ein Fasan unter Vegetariern.

Tatsächlich fand keine Auseinandersetzung mit dem Gebrauch dieser menschenverachtenden Phrase statt. Der Text verschwand, als seine Autorin sich irgendwann später ab- und dann wieder anmeldete. Das Phänomen, dass niemand, auch nicht der Webmaster, unter besagtem Text und dessen schmalbrüstig billigenden Kommentaren Anstoß nahm, das Wort ergriff, ließ mich innerlich noch mehr Abstand von der sich schreibend kokonierenden Community nehmen, als die mit der Veränderung der Autorenschaft zunehmende Beliebigkeit und Verflachung der dort zu lesenden Texte es ohnehin schon bewirkt hatten.

Ich wurde sensitiviert für den Umstand, dass es innerhalb eines nur scheinbar geschlossenen Systems so etwas wie einen Konsens zu geächteten Wörtern gibt und dem Umgang mit ihnen. Da die intellektuelle Zusammensetzung einer sich Literaturforum brüstenden (bürstenden?) Community ein Fließgleichgewicht darstellt, verändert sich mit der Zusammensetzung der sich dort schreibend Veröffentlichenden der Pool geächteter Wörter, nicht jedoch besagter Konsens.

Dienstag, 8. Mai 2018

Freitag, 10. November 2017

Wegn am Ludwig (und am Kini Popanz)


Im kleinen See ein Kreuz auf groben Steinen
so heiß der Tag, es riecht nach Entenscheiße
ein paar der Fahnenträger wawln leise
wenn man drauf hinhört, doch die Frauen weinen.

Um wen es geht, das weiß hier letztlich jeder
ein König – meuchlings ward er uns entrissen
doch eingefleischte Metrumanen wissen:
Er LEBT, vitaler noch, als er es je war.

A Trumm Trompetn blousd a blächernds Metrum,
die Sonne sinkt, und steht schon im Terzette,
dass unlängst ein Sonett hier leiden musste,

war kein Fauxpas, der Übeltäter wusst’ es,
ließ es nicht König sein, wie man’s gern hätte:
Am Aandnweia schdeenangs jambisch bläijd rum.



Ludwig Janssen © 2.4.2008

Samstag, 8. April 2017

Isnumaso


Isnumaso wird auf dem kleinen u betont. Isnumaso. In Isnumaso braucht man keine Dichter und keine Verwaltung. Die Isnumasonen kennen einander nicht, wissen vielleicht ihre Namen und schlagen Makrelen in Luftpostpapier ein.

Ihr Gott bedarf nicht der Redewendung, sondern genügt sich selbst. Somit erübrigen sich Redigionen. Frische Kirschen gibt es das ganze Jahr über. Und Fürsiche.

Niemand ist ein Wohner Isnumasos. Auch Keiner und Jeder mit ihren Frauen und Kindern. Isnumasonnen. Niemand ist allein. Niemand fiel in diese Welt, ist ein Planet und sein eigener Mond.

In den Straßen Isnumasos Isnumasonnen, die ihren Blick an die breiten Ärsche vorüber schlendernder Isnumasonnen hängen, numaso, wiemaso sagt in Isnumaso, wos numaso ist, wie es ist. Erst recht die Isnusomanen, die sich ebenso selbst genügen, wie den Isnumasonninnen ihre breiten Ärsche, die ihr Innen ausmachen, was sie vom Isnumasomann unterscheidet, was widdebumm jedoch Egal ist. Isnumaso ist Egal, alles ist Egal, auch das All und alle Zahlen, Niemand - und alle Zahlen - nicht nur Achtundachtzig sind Egal. Das zu lesen ist jetzt sicherlich etwas verwirrend, aber selbst das ist Egal in Isnumaso und Anderswo auch. Schrieb ich bereits von Anderswo? Sicherlich, doch ist Anderswo auch Egal und Isnumaso.

Die Währung Isnumasos ist der Erlei. Hundert Egal sind ein Erlei. Damit kauft man Makrelen, Kirschen und Luftpostpapier, bestellt sich in den Straßencafés Einerleis und füttert die Ärsche fett und breit, bright, wie die Isnumasomadonnen sozusagen belieben.

Manchmal quackt ein brighter Arsch auf die Straßen Isnumasos, bevorzugt auf die Bürgersteige. Ist auch 
Egal, und hundert Egal sind ein Erlei. Wie gesagt.
Die Aussicht ist trübe. Es besteht auch kein Klärungsbedarf. Die Isnumasophen Isnumasos, somit alle Einwohner einschließlich der Zugereisten und repatriierten Reparanten aus Migrastan, wissen Bescheid.
Die Polkappen Isnumasos heißen Warum und Warumnicht. Dazwischen dreht sich ganz Isnumaso um sich selbst.

Es ändert sich nichts in Isnumaso, nicht einmal das Wetter. Es ist gleichzeitig, und niemand fragt, warum oder wie. So hatte sich ihr Gott das wie auch alles und wie auch immer gedacht oder auch nicht und sich dann zurückgezogen. Niemand weiß und alle wissen, weil jeder weiß, nur eben nur für sich, an welchem Tag das war und warum. Oder auch nicht.

Dass Isnumaso so ist, wie es ist, liegt am Hin. Alle in Isnumaso nehmen Hin. Es gehört zu den wenigen Gemeinheiten Isnumasos, dass Hin genommen wird. Hin wächst nicht, wird nicht kultiviert. Es fällt. Ganz Isnumaso ist hinfällig. Das ist steil und eben und ebenso ein Same wie Gemeinsamkeit der gemeinen gemeinsamen Einsamkeit. Schrieb ich bereits, dass alle in Isnumaso Hin nehmen?

Manchmal, wenn es draußen, damit meine ich außerhalb meiner, und das ist letztlich nur gefühlt, so richtig neblig ist oder die Regentropfen so dicht an dicht fallen, dass man kaum einen Meter weit sieht, meine ich, Isnumaso läge zum Greifen nahe.

Natürlich weiß ich nicht, ob es tatsächlich so ist, Isnumaso.
Dann habe ich Hin genommen.
Dann bin ich Niemand.



Ludwig Janssen © 1.11.2007

Freitag, 6. Januar 2017

Über weiße Elefanten im Porzellan



Was braucht man einen Elefanten in einer Porzellankiste, wenn deren Mutter, die Vorsicht, mit einer Sturzgeburt niederkam? Nun, man könnte ihm ein Tutu anlegen und ihn mittig positionieren, unauffällig, als Sympathie- und Leistungsträger zugleich. Und, wozu sonst ein Tutu, wenn nicht um seinen Träger als Träger von Ausdruck, ja, da wer A sagt, muss auch B … Bedeutung auszuzeichnen. Schließlich sind Elefanten, domestizierte jedenfalls, Lasttiere, reißen Bäume aus und was sonst noch, und das, also der Umstand, dass sie was reißen, macht sie so beliebt, macht sie beeindruckend. Nicht ihre massige Gestalt, nicht ihr Vermögen, im Innern einer Porzellankiste mittig und unauffällig zugleich anwesend sein zu können, beeindruckt uns, nein, sie reißen was, ja, nahezu alles, sieht man den Bäumen an, und, so nebenbei, lässt sich vorzüglich auf ihnen reiten.

Selbst durch einen Porzellanladen, auch wenn einschlägige Redewendungen Gegenteiliges glauben machen möchten, denn, wer in einer Kiste voller Porzellan klarkommt, wird sich in einem im Vergleich dazu weiträumigen Laden mit elfengleicher Grazie bewegen, der auf ihm Reitende selbstredend eingeschlossen. Porzellanläden, das sind zumeist über große Schaufenster lichtgeflutete Räume, in denen sorgsam arrangiertes Porzellan zur Schau und zum Erwerb angeboten wird. Porzellan, das Porzellankisten entnommen wurde. Kisten, in denen sich mitunter auch besagte Elefanten befanden, die, selbstredend ebenso unauffällig wie mittig ihren Kisten entstiegen, im Porzellanladen nun ebenfalls bemüht sind, sich etwas reißend und als Träger von Bedeutung ihrer Exposition und den damit verbundenen Aufgaben zu widmen, ohne dass man sie als Elefanten im Tutu ausmacht. Daran nämlich scheitert alles Mühen besagter Elefanten um Unauffälligkeit: Dass irgendwer sie anlässlich ihres Aufenthalts im Porzellanladen bemerkt, als Elefanten ausmacht und am Tutu zupft.

Elefanten sind schreckhafte Tiere. Sie mögen nicht, wenn man sie aufscheucht. Erst recht nicht, am Tutu gezupft zu werden. Merkwürdig ist, dass der Elefant an sich weniger zur Dekompensation neigt als der Elefant in Gesellschaft. Nehmen wir an, dass es ungefähr zwanzig Porzellankisten braucht, um einen kleinen Porzellanladen zu bestücken, eher vierzig. So steigt mit jeder Kiste die Wahrscheinlichkeit, dass sich in einer ein Elefant befindet, mit jeder weiteren Kiste könnte ein zweiter Elefant hinzukommen, schlimmstenfalls ein dritter. Sie entsteigen den Porzellankisten, deren Mutter diese bis dahin vor dem Schlimmsten bewahrten, manche Mütter kamen gar erst im Laden nieder, und, ist mehr als einer angekommen, nimmt das Unglück seinen Lauf: Nimmt ein Elefant die Witterung eines anderen auf, hebt er zunächst suchend seinen Rüssel. Dann grüßt er den Artgenossen, indem er laut und vernehmlich auf sich aufmerksam macht. Dies bleibt nicht lange unerwidert. Schon stürmen die beiden durch den Porzellanladen aufeinander zu, springen einander freudig erkennend kreuz und quer, fechten kurz aber entschlossen die Rangordnung aus und schließen sich zu einer Herde zusammen. Das hat bislang noch kein Porzellanladen unbeschadet überstanden.

Es gibt zweierlei Vorkehrungen gegen Elefanten in Porzellanläden: Zunächst trage jeder, der einen Porzellanladen einrichtet, lieber keine Kiste mit einem Elefanten darin über die Schwelle. Es sei denn, es handelt sich bei den Porzellankisten um die eingangs erwähnten Sturzgeburten. Denn sollte ein Elefant darin sein, kann man den beim Öffnen sofort zwischen den Scherben ausmachen, Sorge tragen, dass er im Inneren des Ladens keinem Artgenossen begegnet, und ihn nach Belieben etwas reißen lassen. Diese Maßnahme ist so einleuchtend wie sinnlos, denn wer einen Porzellanladen einrichten will, braucht Porzellan, nicht Scherben. Und so kommen wir auf die einzig wirkliche Maßnahme gegen in der Einrichtung eskalierende Elefanten: Das Tutu! Ja! Denn trägt ein Elefant ein Tutu, geht eine seltsame Wandlung mit ihm vor. Zunächst fühlt er sich als Ballerina, durchgeistigt und erstarrt in würdevoller und kunstbeflissener Pose – der Grund, aus dem Elefanten in Porzellankisten unsichtbar sind und es auch im Porzellanladen bleiben. Solange, ja, solange niemand am Tutu zupft, denn das nimmt ihnen allen Zauber und bringt den wahren Elefanten in ihnen zum Vorschein.


Also lautet der abschließende Rat an alle, in deren Porzellanläden Elefanten leben, dass sie verhindern müssen, dass irgendwer ihren Elefanten an die Wäsche geht.

Ludwig Janssen © 15.1.2012