Montag, 23. März 2026

Gesperrt. Auch gut, sagte der Schmied im Kölner Zoo.



Abstand – wohl der größte Gewinn, den du dir erschließen kannst aus dem Entzug des Zugriffs auf die Möglichkeit, Texte zu veröffentlichen auf dieser Plattform keinVerlag.

Am Tag eins nach der Sperre ist die Mail an den Webmaster raus, die Einsicht, dass auch der ein Mensch ist und das auch bleiben darf, ist nicht neu. Revue passieren lassen, was genau da eigentlich abging und welcher Gaul mit dir selbst durch: Alles im grünen Bereich, kann man aufrechten Hauptes abnicken, passt. Kein Bedauern.

Auch nicht, was die Verfügbarkeit angeht. Deren größter Nachteil: Man kann noch lesen, was an Texten veröffentlicht wird: Rosinenbrot. Die vollmundige Selbstbeschreibung des Forums verkündet es jedenfalls. Die Fliegen darin sind den Rosinen wie immer zahlenmäßig voraus. Ich schmunzle.
Da hatten sie eine Woche Gelegenheit, von meiner sie behelligenden virtuellen Präsenz befreit, anspruchsvolle Texte einzustellen, und, ergriffen sie diese Gelegenheit beim Schopf? Nein.

Gelegentlich ein lesenswerter Text. Im Nichtschwimmerbecken jedoch die üblichen Arschbomben. Ob sie jetzt, da der Spiegel ihrer bösen Stiefmutter schweigt, bemerken, dass sie sich schon eine geraume Weile darin zu übertreffen suchen, den dämlichsten Texten des Forums ebenbürtige Texte zu verfassen? Es sieht nicht danach aus. Von den sich in geradliniger Pose liebenden Schandmäulern dieselben Schmierenkomödien. Sie feiern ihre bescheidenen, durchtriebenen Hinterforzigkeiten ab und klopfen sich anerkennend auf die Schulter. Dabei zittern sie, dass ihre Absichten unerkannt bleiben, versichern einander daher, Stippeföttche, dass man schon weiß, wer gemeint ist. Das Hinterteil zeigen. Eine nicht nur im Tierreich verbreitete Geste der Unterwerfung, böse Kräfte und Dämonen zu besänftigen. Was da wohl zerrieben wird? Die eigene charakterliche Kurzsichtigkeit, denn vorne will kaum einer der Protagonisten wahrhaben, welche Werte ihm hinten jedem Unbedarften offen sichtlich am Arsch vorbeigehen.

Ich warte ein paar Tage länger, als die Sperre währt, dass die paar wenigen, die ihre Ergüsse an meiner virtuellen Präsenz auf keinVerlag festmachen, sich eines Besseren besinnen, also dessen, was sie zu sein sich vergewissern in Endlosschleife. Dass davon etwas literarisch aussickert. Fehlanzeige.
Im Gegenteil: Gerade so, als wäre ihren schwachbrüstigen Phantasien die wesentliche Stütze abhandengekommen, drängen sie sich Halt suchend um den letzten phallischen Text des Forums. Offenbaren ihr intellektuelles Potential, abstrakte Begriffe wie Menstruationslyrik mit Geist anfüllen zu können statt mit Phrasen und kindischem Purzelgebaum. Reihenweise gehen sie dabei in die Knie. Bleiben stecken in postanaler frühpubertärer Lyrik. Albern rum. Sagte der Schmied: Auch gut. Wenns sie glücklich macht ...

Abstand, der größte Gewinn. Mit Abstand zum Geschehen gewinnt man Übersicht. Gibt es auch jemanden, der noch eine Rechnung offen habe könnte mit dir und sich jetzt zurückhält? Ja, es gibt jemanden. Mehr als einen. Bedauerlich, dass auch die schweigen, für die man Partei ergriff, versuchte irgendwer sie vorzuführen oder ihnen intrigante Unwahrheiten unterzuschieben. Sie werden sich halt fürchten, selbst zur Zielscheibe revanchistischen Bashings zu geraten. Auch gut, meinte der Schmied. Betrachtet das entweder versonnen (oder unschlüssig oder peinlich berührt - weiß man ja nie genau) von der Spitze des Pavianfelsens auf die kreischende Hektik am Wassergraben spähender Alphamännchen.

So ein Besuch im Kölner Zoo ist … mit Abstand … das Beste, was man unternehmen kann, wenn man Abstand gewinnen will, Abstand auch von der eigenen Disharmonie, die in vergleichbarem Maß, mit dem du dich auf literarisch intendierte und charakterlich demaskierende Missklänge keinVerlags einlässt, von dir selbst und der eigenen Sicht auf die Dinge Besitz ergreift. Du erkennst, dass du dich gefangensetzen ließest von ein paar Hanswürsten und deren Treiben, das dich eigentlich anwidert. Du erkennst, dass du kein Spiegel bist, kein Spiegel sein kannst. Weil du, reflektierst du ihre Dumpfheit und deren bösartige Auswüchse, dich veränderst, zum Schlechten. Du magst dich nicht. Warum nur immer wider dieselben Windmühlen? Letztendlich hast du dann im Rücken, was die antreibt. Und von genau dort agieren sie, weil sie sich fürchten, anders als hintenrum zu kommen. So ist doch eigentlich nichts weltbewegend Schlimmes daran, dass sich literarisch Unbedarfte an überkommenen Mustern orientieren, die ihnen Orientierung bieten und Sicherheit. Die Sicherheit, und solche Bestätigung brauchen sie, zumindest von einer Handvoll Gleichgesinnter angenommen und in ihren Augen ein Dichter von Wert zu sein. Was soll schlimm sein daran, die eigenen Störungen in liebevoll phrasierten Wortpäckchen zu entsorgen und dafür verständnisvolle, bestätigende Streicheleinheiten zu empfangen? So ist es rührend, wie sie einander stützen, helfen und aufbauen. Den frischen Streusel Schnittlauch loben, der die aufgewärmte Dose Latein würzt. Oder ein nett aufbereitet stinkendes Häufchen Lüge. Und die, die den HiFi-Stereotypen ihre hilfreiche Hand reichen zum High-Five oder auf den Rücken eines virtuellen trojanischen Pegasus‘, sind sie nicht die wahren Samariter deutscher Klitoradtourforen? Wahrscheinlich. All ihr seiner Agens enthobenes pädalogisches Geschick sublimieren sie in lobenswert aufopferungsvoller Hilfestellung am literarischen Reck. So leistet ein Forum wie keinVerlag sich eine kleine Sub-Community, die sich eigentlich herzlich wenig von so etwas wie der Idee einer Entwicklung des Schreibens der User KVs aufhalten lässt, sondern sich unmittelbar daran begibt, ihre Mitglieder als gute Menschen dastehen zu lassen. Überzeugend, zumindest im kleinen Kreis, wie man liest. Und, wie gesagt: unter Anderem, unter Anderen! Unter. Unter aller, aller und sich selbst Sau jagen sie einander sowie ihre fixen Ideen durchs Dorf. Spektakel. Daily Soap.

Doch das eigentlich Wesentliche, das man im Kölner Zoo und vor dem Pavianfelsen verharrend erfährt und dass das Besondere am Abstand ist, den man gewinnt, wenn man gesperrt ist, ist, dass man den Pavianfelsen darin als Teil sieht und erkennt, dass dessen quirliges, selbstverliebtes Drehen um sich selbst und die Menschen auf der anderen Seite des Wassergrabens für das eigene Schreiben irrelevant sein sollte und dass es mit bereits einer halben Drehung dem Zoo und dem Ganzen zu an Bedeutung verliert.

Bereits vor meiner Sperrung aufgrund einer ebenso empörten wie aufrichtig gemeinten Schmähung des meiner Ansicht pietätlosen Verhaltens eines Nutzers KeinVerlags und dessen geradliniger Dekompensation darob hatte ich damit begonnen, die Texte bestimmter Autoren nicht mehr zu lesen. Weil sie nichts Neues brachten. Weil sie sich in den immer gleichen Mustern verstrickten. Weil sie entweder Kassiber von Insidern für Insider darstellten oder sich in profanem Ringelpietz mit Anfassen verloren. Weil Kritik an ihren Texten verschwendet ist. Die zu ignorieren: Eine wirklich entspannende Übung in Selbstdisziplin.

Weitere Texte auf KV zu veröffentlichen nehme ich mit dem Vorsatz auf, dies fortzusetzen und mich vom Pavianfelsen weg der Suche nach den Antilopen des Zoos zuzuwenden, der Suche nach dem Sphüngs, den ich aus den Augen verlor und der sicherlich nicht im Zoo zuhause ist.

Sagte der Schmied: Auch gut.


Essay zum Thema Eigene Welt
Ludwig Janssen © 17.1.2013

Keine Kommentare: