Dienstag, 18. Oktober 2022

Leise Sichtweise

Manchmal schließe ich die Augen, weil ich sehe, was ich nicht hindern kann und doch sah. Als alles ruhig und Zeit genug, waren sie Offenheit und sahen nichts. Nichts sehen, weil Erkennen traurig,  stimmt man es wie ein Instrument,  Kammerton Auge. Moll klingt es mir vertraut, erkenne ich mit geschlossenen Augen. Nicht hindern will ich den Bildern. Vor ihrer Zeit kommen sie. Sehen sie sich an hinter dem bunten Netz schlafend ihre Bestimmung, flüstern sie andächtig vor Ahnung. Nicht Wissen. Was geschehen wird, lässt mich allein, Inneraugen Blau fließt aus meinem Herzen.

Ludwig Janssen © 02.09.2004 

Mittwoch, 5. Oktober 2022

kakopos lied

nacht viertel vier
blau ist mein sinn
mond überm land
schein weltenlos
traum wo ich bin
zeit ist kein raum


Ludwig Janssen © 20.2.2005 

Der Deudre

Der Deudre (Deutscher Dreizeiler) ist ein eigenartiger Kauz. Er greift die Inspiration, die die fernöstliche Kurzlyrik in Form des Haiku, Senryu und seiner Anverwandschaft in den Kulturkreis seiner Anhänger weht, auf und setzt sie im Rahmen der jahrhundertelang gewachsenen Tradition und Kultur des Lebensraumes Deutschland um.


Nun ist das Deu des Deudre kein nationales, ausgrenzendes, sondern ein umschreibendes, auf die Sprache Deutsch in ihrer Vielfältigkeit und Geschichte bezogenes.

Der Deudre hängt der Internationalen nach und strebt beständig nach Verbrüderung mit anderen Sprachen.

Somit verbindet er selbstbewussten bayerischen Liberalismus mit dem „jönnekönne“ des Rheinländers, dem preußischen Hang zur Disziplin und norddeutsche Schweigsamkeit.

Man darf ihn auch gerne „die“ oder „das“ nennen und ein Plural-„s“ anhängen, weil dies auch den LKW so geschieht im Land der Dichter und Denker.

Dem Land der Dichter und Denker fühlt sich der Deudre insofern verpflichtet, dass er möglichst beide Elemente in sich vereinigt. So darf er auch über genügend Dichte verfügen, die zum Denken anregt, sofern er genügend durchdacht ist, Gedachtes und Beobachtetes zu verdichten.

Die Regeln des Deudre:

  1. Ein Deudre sollte sich auf drei Zeilen beschränken und eine Silbenzahl von 17 nicht überschreiten. Das Schema 5-7-5 gilt als Anhaltspunkt. Soweit der fernöstliche Einfluss und die Tradition.

  2. Die Silbenzahl 17 und somit die freiwillige Beschränkung des Deudre-Anhängers zur Komprimierung einer Beobachtung, eines Gedankens, ist eine Höchstgrenze, die den Deudre vom „freien Dreizeiler“ unterscheidet (soweit zu Preußen).
    Entsprechend dem Können des Verfassers und der Verständlichkeit der Aussage darf, ja sollte die Silbenanzahl unterschritten werden, wenn dies möglich ist.
    Das norddeutsche moin-moin als großer Wurf des Norddeutschen aus der Einsilbigkeit ist hier ein willkommener Anlauf in die Quasselei und bedarf nur einer winzigen ausschweifenden dritten Zeile, z.B. „du“, ebenso wie das  vergleichbar geschwätzige Tri tra trullala problemlos auf drei Zeilen zu brechen ist und zum nächsten Punkt führt:

  3. Ein Deudre darf durchs Gedichticht metaphern, dass es nur so schplatattert,  von Innerwelten erzählen, resümieren und kommentieren, soviel er mag und wie es (seiner Kürze) zumutbar ist. Ebenso dürfen sich in ihm Heukühe, Supermännchen und andere Spaßvögel tummeln, ohne dass es einer weiteren Kategorisierung bedarf. Wortwiederholungen, die als Stilmittel eingesetzt werden, sind willkommen ebenso wie Über- und Unterschriften. (Soweit zum Rheinland und zu Bayern)

  4. Der Deudre (er kann auch eine „sie“ sein) braucht sich von nichts und niemand was sagen zu lassen, solange er was (aus) zu sagen hat. Aber er darf. (Soweit zu Bayern)

  5. Der Deudre kennt keine Meister. Seine Anhänger sind auf Wanderschaft. Doch erkennt er Freunde. Mit seinem großen Herzen nimmt er all jene „Ruinen“ auf, die von Meistern und Büchern aus Haikuland oder Senryunien vertrieben wurden und gibt ihnen eine liberale Heimat, sofern Punkt 4 einigermaßen erfüllt ist.
    Ebenso schämt er sich seiner nicht. Zwischen Haiku und Senryu gestellt, lächelt er die Meister fremder Gedichtarten an, weiß er doch um seine Heimat. Netterweise sollte er sich ein Ruinencape umhängen.

  6. Besonders gern mag es der Deudre im Sinne der Verbrüderung bzw. Verschwesterung, wenn seine Aussage bzw. seine letzte Zeile von einem anderen Deudre aufgegriffen, fortgesetzt und/oder kommentiert wird. Dies ist dann eine so genannte „Polonaise d’eudre“.
    Ebenso liebt er es, sich zu spiegeln, zu trichtern oder dreischichtig daherzukommen. Extremsportarten wie das XLdeudring 10/14/10 stehen offen, sind aber auch ein Hinterausgang in den freien Dreizeiler.

  7. Das Anhängen weiterer Zeilen sollte der Bekömmlichkeit des Deudre zuträglich sein.

    So öffnet er sich auch den Geschwistern Tanka und dem Rengha, indem er sie freundlich an seinen gastfreundlichen Tisch bittet und zusätzliche 14 Silben in zwei Zeilen aufdeckt.

    Ebenso behält der Deudre sich vor, auf eine dritte Zeile zu verzichten.
    Denn warum sollte man einen Norddeutschen durch irgendwelche Regeln dazu nötigen, gegen seine innere Natur zu handeln?



Ludwig Janssen © 28.9.2004

Montag, 26. September 2022

Don Q und die Kunst der Windstille

schon weise bleibt der dürre Ritter
ein Reiter auch mit kleinem Bauch
von Träumen äußerlich nur matt
aus seinem Innern ist ein Schillern
und Rosinante frisst sich satt
am Heu von Dulzineens Weiden auch
noch Kräuterduft von Magenbitter

die Lanze steckt im Bohnenbeet
an ihr ranken sich Geschichten
und er, der Alte, spielt die Flöte
aus Riesenknochen, Morgenröte
fließt aus Atem in ein Dichten
das dem Wind entgegen weht

es ist das Stille zwischen Tönen
fügt sich leiser Spur zum Liede
dem Wind zu Horizont und Ruh'
so wird der still auch und hört zu
Mühlenflügeln, welche Schwingen
gleich sich senken - wenn die Luft

nicht tragen mag und lauscht
dem Liede einer kleinen Flöte
aus toten Riesen, Morgenröte
im Denken eines weisen Mannes
bess're Wehr als Schwert und Lanze
Mühlen? reimloses Lächeln!

Ludwig Janssen © 9.11.2004

Sonntag, 25. September 2022

reisen

ich hoffe
dass es kein kreis ist
in dem es uns treibt
um und um
der sich schließt
unendlich bleibt
und doch nur punkt
für punkt

dass es eine reise ist
wie kreise
in stillem wasser
heim
im und zum verfasser
des wortes hoffe ich

mir die welle zur schwelle
zur stufe mich dem rufe
folgend in diesem bild
hoffe ich mich und mein reisen
aufgehoben


Ludwig Janssen © 22.12.2004

Was Möwen sich wünschen

Hier schrieb ich
ein Gedicht nieder
löschte es wieder
klamm mein Gefieder
sang ich doch nicht
der Möwen Lieder, doch
den Möwen Lieder vom
Fliegen, hörte sie lachen
sah sie Sachen machen
hoch oben ihr Spiel
treiben im Wind, froh
so Möwe zu sein und zu
bleiben wünschten sie
vor meinem inneren Kind
kreischten und flatsch!
(Wie Möwen halt sind.)

Montag, 19. September 2022

Zwei durch die Nacht

in durchwachten Stunden, die sich breit ergießen
stillen Wassern gleich, die noch von Nachtblau monden
kühl in ungestörter Wandlung heimwärts fließen
nimmt uns Beizeitenströmung in das nächste Tag

für Tag und dessen ruheloses Sorgen um
schweigt und wartet auf der Dauer, die dem Wehen
eines Windhauchs zusteht, auf den Morgen, Mensch nun
und bereit, in jeden neuen Tag zu gehen

bis ans Ende, weiter noch und alles Tagen
sind wir nur Drehen, still, mit einem blauen Ball
bis mein Atem endet einst will ich dich tragen
treibt es uns um und um nur einen Stern im All

dunkelblaue Stunden lang mit Mondschein fließen
stillen Wassern gleich, in denen Sterne wohnen
dann in jähem Fall sich in das Morgen gießen
den Sonnenstrahlen lächelnd und dem neuen Tag

Ludwig Janssen © 15.12.2004

Montag, 12. September 2022

schnüren

schnüren ...
... irgendwann macht man sich auf und sucht, warum auch immer. fragen gibt es nicht, der schnee ist frisch, leises knurspeln unter den sohlen das einzige geräusch. blauer vollmond - die sonne scheint. dann stößt man auf eine spur und hält ein inne.
fest - und es zerfällt. da ist noch mehr. verwittert, so flüstert ein datum. frisch, raunt ein blinder seefahrer. schnüren ...
 ... diese spur entlang und einen gedanken, den man sich nicht einzigartig denken kann, so vertraut die abfolge längst verlorenen schreitens. flucht? kreisen? aufbruch? spur ohne witterung, bytes ohne duft, der eigene atem trügerisch warm an kalten kristallen. die hielten nur die form. einzigartig. jedes menschen leben einzig, verwundbar. schnüren ...
... blutstropfen. der fuchs hört ihr pulsen ...


Ludwig Janssen © 8.2.2005 

Sonntag, 11. September 2022

Hoffnungsfroh im Gegenüberlicht

Da stehen wir uns gegenüber und erzählen uns von Sternschnuppen, ohne auch nur eine einzige aus der Tasche holen zu können. Oder etwa doch? 


Ludwig Janssen © 18.7.2005

Begebenheit eines regnerischen Abends

am Straßenrand ein kleiner Bibber
mit Pappschild, darauf steht: PROTEST!
Verdutzter Blick durch Autoscheiben
(auf Schild und Nager, die durchnässt):
Was will uns dieses Tierchen zeigen?
Dass irgendwer ihn, falsch geschrieben,
an Straßenrändern stehen lässt!


Ludwig Janssen © 10.4.2005