Sonntag, 25. April 2021

Schöpfungsgeschichte

Nicht der auf dem Tisch
Fisches Traum

nein, der lebendige hier
träumt seinen Raum oder
sind das etwa wir, lebt er
doch, Traum, in unserem
Vermögen, zu erschaffen
stammt er von uns ab und
wir von träumenden Affen

Dienstag, 20. April 2021

Heute habe ich frei

Heute habe ich frei und meine Katze
Ausgang, so freudig lief sie voraus
zur Tür hinaus mein wildes Mädchen
streift durch Wald und Wiesen lauscht
Mäusen und Ringelnattern und findet
ein sonniges Plätzchen dort verträumt
sie den Tag und ich denke ihr nach

Dienstag, 13. April 2021

Herr Schalupkes Reise zu den Sternen

Heute kam Schalupkes Huhn vom Bahnhof her. Spät. Hatte dort ausgeholfen, war quer durch ein Gedicht mit Bahnhofshalle. Der Abendstern begann, vom tiefer werdenden Blau her zu blinken. "Na, wo war'sn du?" nahm Herr Schalupke es unter den Arm und ging heim.
"Pooock!"
"Ja, ja ..."

Schon oft hatte das blaue Huhn, Herrn Schalupke zum Schlafen unter den Flügeln geborgen, zum Sternenhimmel aufgesehen und sich gefragt, wie jene Körner dort wohl schmeckten. Heute Nacht träumte es, Herr Schalupke flöge, Traum im Traum, dort hin. Eine Kiepe auf dem Rücken. Po°ck!

Herr Schalupke schwebte, Traum im Traum, am blauen Nachthimmel. Pflückte Sterne für sein Huhn. Hühner, die viel Grün fressen oder Mais, legen Eier mit goldgelbem Dotter. Und sein Huhn würde er mit Sternen füttern. Herr Schalupke legte noch etwas vom Blau der Nacht in die Kiepe.
Herr Schalupke pflückt Sterne



Diese Nacht, Herr Schalupke schlief wohl unterm Flügel seines Huhns geborgen, kratzte etwas an der Terrassentür. Ein Fuchs! Wollte Schalupkes Huhn zum Essen einladen. 
Das legte sein Köpfchen schief: 
"Pock?"
"Chchchrrr," sabberte der Fuchs und kratzte an der Scheibe.
"Pooock!"
Tja ...

Herr Schalupke kam am Mond vorbei und fand dort eine Leiter angelehnt, die hinab zur Erde führte. Wohin? Goudanien? Die Leiter wackelte. Ein Mann mit Hut kam hinauf. Grüßte, ging seines Wegs, ließ sich auf einem Kraterrand nieder. Der Mann mit Huhn stieg hinab, der Morgen graute.

Daheim angekommen, ließ Herrn Schalupkes Traumgestalt sich auf der Bank hinterm Haus nieder. Stellte die Kiepe neben den Tisch. Der Schatten eines Fuchses tauchte ins Gebüsch ein. Das Huhn kam pock! angelaufen, hüpfte auf die Bank, hüpfte auf den Tisch, legte das Köpfchen schief.

"Poock!" lugte das Huhn in die Kiepe. Schalupkes geträumte Gestalt saß, wie in Schlaf versunken, daneben. Die Sterne, die von unten betrachtet wie Körner ausgesehen hatten, lagen nun groß wie eine Pflaume in der Kiepe und schimmerten. Es schien, als würden sie sich bewegen.

Gerade so, als würden grünlich schimmernde Würmchen sich ineinander verschlungen festhalten, pulsierten die Sterne mit jeder Bewegung der winzigen Leiber. Ping! pickte das Huhn an einen Stern, der daraufhin wie ein Glöckchen ertönte, ohne dass der Schnabel eine Spur hinterließ.

Beim leisen Ping! hob Herrn Schalupkes schlafende Traumgestalt die Lider. Schaute aus großen Augen aufs Huhn, in den Korb. Dem Huhn schien, als würde das Glimmen der Würmchen sich in der Iris dieser großen Augen nicht nur spiegeln, sondern zu eigener Bewegung und Tiefe gelangen.

Herr Schalupke erwachte. Wäre um ein Haar vom Schlafbaum gefallen. Wo nur war das Huhn? Als er in den Garten spähte, sah er es dort sitzen und mit schief gelegtem Köpfchen eine Traumgestalt betrachten, die ihm ähnlich sah. Etwas Pflaumengroßes stand fluoreszierend über dem Tisch.

Wenn Hühner etwas genauer betrachten, obs nun ein Bussard ist oder ein Wurm, neigen sie ihren Kopf zur Seite, weil sie dann besser sehen können. Herr Schalupke lief in den Garten. Irgendetwas raschelte im Gebüsch. Seine Traumgestalt sah er schwinden, wie Rauch. "Was'n hier los?"

"Po°ok!" Nun sah das blaue Huhn Herrn Schalupke an. Und der sah das Huhn an. Po°ok!, hatte das Huhn gesagt, po°ok. Darin klang so etwas wie: Flug zu den Sternen! Herr Schalupke verstand. Das Schimmerding über dem Tisch war nicht mehr allein. Aus dem Korb waren weitere aufgestiegen.

"Tüüü..." Ein heiseres, sehnendes Tüüü im Schnabel lief das Huhn zwischen die fluoreszierenden Kugeln, pickte sie pling! pling! pling! an. "Ah!" Herr Schalupke erkannte: Sein Huhn hatte Hunger. Er griff sich einen der pflaumengroßen Sterne. Kühl lag der in seiner Hand. Es kitzelte.

Herr Schalupke betrachtete den Stern, die sich ineinander schlingenden Würmchen, deren Schimmern. "Das willst du fressen?" Sein Huhn tippelte näher und schaute ihn erwartungsvoll an. "Na, gut ..." Schalupke lief zum Schuppen, kramte in einer Kiste, kam zurück mit einem Fäustel.

Oft schon hatte er so für sein Huhn Walnüsse geknackt und seine Freude daran gehabt, wie es emsig pickend umherlief. Zurück am Tisch nahm er Maß, tickte den Stern mit dem Fäustel an und ... PING! Glockenreiner Klang. Die Würmchen in seinem Innern, die sich wanden und schimmerten.

Selten schön! Herr Schalupke lauschte dem Schwingen des Sterns nach, das, gleich dem Flügelschlag eines Schwans, durch die Morgendämmerung schnitt. "Tüüü..." Das Huhn hatte Hunger. Eine Katze sprang auf die Bank und schaute ihn aus schwarzen Augen an. "P°ck?" Schalupke schlug zu.

PAM!!! Krachend barst der Stern unter dem Hammer und die schimmernden Würmchen, eben noch eng umschlungen, stoben in alle Himmelsrichtungen davon, Funken, tanzten durch die Luft, schwebten davon. Gingen in der Wiese nieder, in den Sträuchern, schwebten weiter zum nahen Waldrand.

"Pock, pooock!" lief das Huhn ihnen nach. Flatterte aufgeregt mit den Flügeln. Wirbelte so die im Gras schimmernden Funken auf und konnte nicht einen erwischen. Die Katze haschte sich einen nach dem anderen aus der Luft und verschlang ihn. Der Fuchs schoss aus dem Gebüsch hervor.

"Öha!" Herr Schalupke, gerade noch vom Knall erschrocken, sah den Fuchs. Der jagte den auf den Waldrand zu treibenden Funken nach. Ein paar fing er und fraß sie. Sein Huhn kam zurück. Ließ tüü! das Köpfchen hängen. Die Katze schaute ihn an aus Augen, die nun grünlich schimmerten.

Auch der Fuchs, mittlerweile am Waldrand angelangt, wandte sich um. Auch seine Augen leuchteten grün aus dem Dunkel. Das Huhn hüpfte auf die Bank: "P°ck!" "Entschuldigung?" Ein Mann stand neben Herrn Schalupke. Hielt mit der einen Hand eine Leiter. Die reichte bis zum Mond.

Herr Schalupke erkannte den Mann. Es war der Mann mit Hut, dem er auf dem Mond begegnet war. Im Traum. "Ja, bitte?", lächelte er. "Die gehören mir", sagte der Mann mit Hut. Zeigte auf die Pflaumensterne, die über dem Tisch schwebten oder in der Kiepe neben der Bank schimmerten.

"Oh!" Herr Schalpuke erinnerte sich, als Traum im Traum seines Huhns zu den Sternen aufgestiegen zu sein, Dass er sie in die Kiepe sammelte. "Seid Ihr der Besitzer der Sterne?" "Ihr Hüter", erwiderte der Mann mit Hut. "Ich hebe sie auf, wenn sie zur Erde fallen, Sternschnuppen."

"Daher die Leiter?", fragte Herr Schalupke, der, sicher ist sicher, sein Huhn unter den Arm genommen hatte. "Ja." "Tragen Sie die vom Himmel gefallenen Sterne in der Hosentasche?" "Ja, und ich lege einen schwarzen Meteoriten an die Stelle, an der ich eine Sternschnuppe fand."

Der Mann mit Hut setzte sich zu Herrn Schalupke auf die Bank. "Das sind sehr viele" seufzte er und betrachtete die Pflaumensterne, die noch immer über dem Tisch schwebten oder in der Kiepe schimmerten. "Einer fehlt", flüsterte Herr Schalupke. "Mhm." Der Mann kratzte sich am Kinn.

"Den Knall hörte ich, den Lichtblitz sah ich. Der ist hin. Und diese fluoreszierenden Würmchen, die überall umherschwirren, die fange ich nie im Leben wieder ein", seufzte er. "Tut mir leid." Herr Schalupke wies auf die Kiepe: "Ist zwar nur geträumt, aber ich schenke sie Ihnen."

"Oh! Danke schön!" Der Mann mit Hut lächelte. Ohne Hast griff er sich die Sterne über dem Tisch, legte sie in die Kiepe zu den anderen. Schulterte die Kiepe und lehnte seine Leiter an den Mond. Bedächtig stieg er Sprosse um Sprosse empor. Von Osten her hellte der Himmel auf.

Das Licht der blauen Stunde verlor sich im aufkommenden Tag. Herr Schalupke sah dem Mann mit Hut nach, der zum Mond stieg. Mit dem Tageslicht verschwammen die Konturen der Leiter, sahen aus wie ein Kondensstreifen. Die Sterne verblassten. Der Mann holte einen Stern aus der Kiepe.

Lehnte sich von der Leiter weg in den immer heller werdenden Morgenhimmel und setzte den Stern in dessen Blau. Kaum hatte er den Stern losgelassen, so erstrahlte der in hellem Licht. Schimmerte noch, als das Licht aller anderen Sterne längst nicht mehr zu sehen war. "Po°ck!"

Das Huhn flatterte auf den Tisch. Schaute ebenfalls zum Himmel empor, dem Mann mit Hut nach, dessen Gestalt kaum noch auszumachen war. "Na, mein Hühnchen", nahm Herr Schalupke es unter den Arm,"was du so alles träumst ..." Klaubte Meteoriten auf. Die hatte der Mann liegen lassen.

"Die sind vom Mond, Huhn, die können wir gegen Körner für dich eintauschen." "Pock!" "Du, Huhn ..." "Pock?" "Ich bin müde." Das Huhn hörte nicht mehr zu. Hatte im Gras ein Schimmerwürmchen entdeckt. Hüpfte aus Herrn Schalupkes Arm, stürzte sich auf das Würmchen und fraß es auf.

"Komm, Hühnchen, lass uns reingehen!" "Pock!" "Dann frühstücken wir und gehen noch ein wenig schlafen!" "P°ck!" Hmnja. Da gingen sie also, Herr Schalpuke und sein Huhn, zurück ins Haus. Müsli gabs, vielleicht. Und das Huhn hat seitdem ein geheimnisvolles Schimmern in den Augen.



Dienstag, 23. März 2021

Ein Vogel singt [Kritik der Spreu geläufigen Phrasendrusches]

"Ein Vogel singt" Solch eine Zeile ist, lyrisch gesehen, nicht mehr als eine aufgeblasene leere Brötchentüte. Sicherlich wird sich wer finden, der die aufgreift, schüttelt, das Knistern der trockenen Krümel darin interpretiert und diesem Wert beimisst, sicherlich könnte und sollte man diese Tüte mit lautem Knall zum Platzen bringen, dass Ruhe ist. 

Ein Hund bellt. 

Das wars.

Ludwig Janssen © 02.05.2009





(Und doch mag es das eine oder andere Gedicht geben, in dem eine solche Zeile das Salz in der Suppe ist und eben nicht die Schaufel Salz.)

Montag, 15. März 2021

Gedanke zum Thema Wetter und Lüften im Bayerischen Wald

Die Luft riecht nach Schnee, draußen. Drinnen eher nach nasser Katze und so, als ob ihre weitere Inhalation zu einem bedenklichen Sauerstoffdefizit in meinem Blut führen würde. Noch vor dem Schnee werde ich die Fenster aufreißen und von seinem Duft hinein lassen in die warme Stube, in die Küche, ins Bad. Ausgelesene Gedichte trudeln mit der verbrauchten warmen Luft ins Freie ...

Ludwig Janssen © 19.10.2007

Mittwoch, 3. März 2021

Wäre ich ein Baum

... so wäre ich knorrig, von Stürmen zerzaust, vom Blitz gespalten und würde doch meine rauschende Krone ins Sonnenlicht halten und das Licht der Sterne. Gerne böte ich Raum den Vögeln, zu brüten, würde ihre Geheimnisse hüten und im Winde mich wiegen, tanzen, so zwischen Himmel und Erde beidem verbunden über Astwerk und Wurzel. In meinem Leib trüge ich das Wirken vergangener Jahre gebunden in Ringen aus Holz und auch den Klang noch nicht gebauter Instrumente, Gitarren, Celli und das ferne Knistern gespaltener Scheite in deinem Kamin und vielleicht, ganz vielleicht, würde ich Leib einem Schiff, einem Boot in der Not und der Reise zu jenem Traum, den der Baum, der ich wäre, wispert und rauscht - dem, der ihm lauscht.

Ludwig Janssen © 24. 11. 2020

Zirpen Ziepen Liepen

Lass es …

eine Grille sein, lieber als eine Zwille und Warten auf den ersten Frost. Am Bahnsteig ist es kalt, nicht im Zug.
'Gute Reise!' wünschen einer Grille, auf dem Weg in den Süden bist du leider nicht.
Nur so ist es mit Grillen, die zirpen oder ziepen: Es bleiben leider zumeist kleine knisternde Leiber an Bahnsteigen nach Frostnächten, nach dem Erwachen. Ein Lachen, stille Sorte, nach innen. Wärmflasche auch in deinem Bauch der Zauberhaft sitzt zu Tisch.
Und jede Grille, meine (und auch) ich, die zirpt, wenn es ziept, hat einmal geliebt.

 

Ludwig Janssen © 22.12.2004

Freitag, 12. Februar 2021

Sihoskla, versunken in Betrachtung

Die Jade steht am Jadebusen
sphüngslos und sojadig grün:
Dangast mag nicht mit ihr schmusen
Wilhelms wilde Haven zieh'n
vorbei am Stück im Schlick und tun
nichts andres, als sich auszuruh'n 

Die Fluten flöten weiter draußen
die Flebbe wattet Klickerschlicks
dein Kichern möchte ich genaußen
Komm, ich flüst're dies Gedix
in dein Ohr: die Jade schweigt
und wär' dem auch nicht abgeneigt



Ludwig Janssen © 3.8.2006

Montag, 1. Februar 2021

Mein Haus

Aus einer Mauer, die ein Flugzeug übers Land bröselte, isolierte ich ein kleines l, zog den Rest auf um einen Haufen Gedicht, ließ weder Tür noch Fenster. Das kleine l fügte ich in ein Bauwerk, ließ eine Wolke darin und zog ein.

 

Ludwig Janssen © 9.2.2011