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Dienstag, 16. Dezember 2025

Vom Gehen

Oktober. Wieder war die Zeit gekommen, zu der die Fliegen selten werden. So selten, dass man ihnen Namen geben mag und sie nicht zu erschlagen trachtet wie in vom wärmenden Licht des Sommers gefluteten Zeiten, zu denen ihre flirrende Gegenwart allgegenwärtig endlos scheint und zur Last fällt.


Der zerbrechlich wirkende Alte lief in kleinen, schlurfenden Schritten durch seine letzten Tage. Durch eine Welt, die ihm auf eigentümliche Art und Weise so fremd war, wie sie sich zugleich in seinem Denken in gewohnten Bahnen um ihn drehte und ihn, der sich für Außenstehende offensichtlich ins Vergessen verlor, in vertraute Bilder längst gelebter und abgelegter Tage hüllte, die ihm den Halt vertrauter Selbstverständlichkeiten boten und ihn davor bewahrten, aus dem Gleichgewicht zu geraten.

An jenem Oktobermorgen blieben seine schlurfenden Schritten aus. Ich konnte nicht mehr "Was sind Ihre Pläne für heute?" fragen, um Zugang zu seiner Welt zu finden, die ihm so vertraut war wie mir fremd. Nie wieder aus dem Stehgreif unaufdringlich dafür sorgen, dass der Löffel in seiner Hand das Mittagessen zum Mund bringt. Den Flieger nach Wien behutsam aus seinem Plan reden und die Bestellung für seine Einladung von fünf Personen aufnehmen und darauf hoffen, dass das alles noch vor dem Abendessen vom Nebel geschluckt und vergessen war. Abschied am Bett im Zimmer mit dem Fenster auf Kipp.

Während des Abendessens dann verirrte sich eine jener letzten Fliegen an meinen Tisch. Ich schob ihr ein Bröckchen Marmelade hin, grüßte und gab ihr dann einen Namen, den ich heute schon vergessen habe. Dann ging ich nach Hause.

Freitag, 16. Februar 2024

Was es ist ...

Prolog

Die Vergeblichkeit des Schönen
Oder
Die Schönheit des Vergeblichen

(kein Fragezeichen)

Da sitzt du einem Menschen gegenüber, der felsenfest überzeugt ist, noch zu Hause daheim zu sein und nicht hier, wo er wohnt. Wieder einmal und vielleicht zum dritten Mal heute. So war es gestern und wird es morgen sein. Über dein Handeln, deine Worte versuchst du, ihn in den Arm zu nehmen, ihm Geborgenheit und Orientierung zu vermitteln, und bekommst zu hören, dass du bitte aufhören sollst, ihn mit einer Wirklichkeit zu belästigen, die nicht die seine ist. Dein Gegenüber ist, was man ein versunkenes Ich nennt. Was zwischen euch ist, ist nicht das, was der Mensch nicht kann, sondern das, was du (noch)(erkennen) kannst. Tiefes Wasser. Nicht unbedingt still. "... Und auf einmal spürst du äußerlich ..." schwimmt Joachim Ringelnatz vorüber und dir ist, als wäre mit einem Mal, verkehrte Welt, dein Ich das ertrinkende und das, was zwischen dir und deinem Gegenüber mit Demenz ist, ist die Vergeblichkeit des Schönen. Ist, dass dich achtsame Hin- und Zuwendung, dass all dein Mühen darum, die Wirklichkeit deines Gegenübers als die entscheidende für dein Handeln zu machen, letzten Endes dich beschwert. Du versinkst. Versinkst in der Vergeblichkeit. Das Vergessen im Menschen, der dir gegenüber sitzt, erinnert dich an das Nichts der Unendlichen Geschichte. In diesem Nichts, dieser Nichtigkeit deiner Hin- und Zuwendung verliert sich alles Schöne des Vergeblichen deines Mühens im Vergessen eines anderen, erfährt Ablehnung, Vernichtung durch einen desorientierten Menschen, der, von eigener existenzieller Not getrieben, an der Welt um ihn verzweifelt. Du bist Teil jener Welt, solange er dir nicht vertraut, solange es ihm nicht gelingt, in deinen Worten Halt zu finden. "... Und auf einmal ..." entfernt Ringelnatz sich mit kräftigen Schwimmzügen und die Beatles reichen dir "... and anytime you feel the pain, refrain, don't carry the world upon your shoulders ..." die Hand. Die Hand, an der du selbst dich aus dem Wasser ziehst, dein eigenes Ich vor dem Ertrinken rettest. 

Was bleibt? Schwere. Auch, wenn du in der nächsten Begegnung, kaum fünf Minuten entfernt, einem weiteren Ich Trost oder gar Halt bieten kannst, bleibt Schwere. Schwere, die sich dir in deine Schritte legt und auf dein Gemüt.

 "... Aber sprich nur ein Wort und meine Seele wird wieder gesund ..."

Ich sitze hier und lausche in die Stille der Nacht. In acht Stunden werde ich aufbrechen und mich wieder auf den Weg machen.

Epilog

Aus dem Vergessen: "... Ich kenne Sie! Sie ... Sie ... sind ein ... Wanderer ..."

Freitag, 19. Januar 2024

Ein Abschied

So viele vergebliche Wege, die dich nicht ans Ziel brachten. Und doch, wir gingen sie gemeinsam. Manchmal brachten sie uns heim. Ein Heim, das dir fremd war. Dein Zuhause eines, in dem das Vergessen kam, um zu bleiben. Angefüllt mit zerbröselnden Erinnerungen und einem Licht, das dem unerschütterlich freundlichen Kern deines Wesens entsprang. Ein Leuchten, das blieb, wurden deine Augen auch trüb.
Auf manchen dieser Wege suchte deine Hand die meine und ich war dir, was und wer auch immer ich dir war. Und blieb. Der, der ich bin. Ein wenig reicher als zuvor, ein wenig ärmer an Illusionen. Deinen letzten Weg gingst du allein. Gingst ihn im Schlaf. Im Traum? Eine ganze Weile noch werde ich den Klang deiner Stimme mit mir tragen, dich surren hören und deine Halt suchenden Fragen, die ich manchmal in den Arm nahm, bis sie dich nicht mehr bedrängten. Bis du zur Ruhe kamst. Für eine Weile. Für ein Stück Wegs, das nicht vergeblich war.
Und jetzt, in diesem einsamen Moment des Abschieds, des Loslassens erfüllt mich der Gedanke, dass vielleicht kein Schritt jener vergeblichen Wege wirklich vergebens war. 

Ludwig Janssen © 17.1.2024

Dienstag, 1. Juni 2021

Gehen, ging, gegangen
wo nur soll ich an-, was
einfangen, wo gelangen
wir hin in diesem Schritt
für Schritt hängt der Sinn
an seidenem Faden, an
deinem Erinnern blieb
ein Weg zu deinen Füßen
gegangen nach Hause, da
willst du hin und wieder
an deiner Seite gehen
Fremde deren Hände

Ludwig Janssen © 1.6.2021

Donnerstag, 20. Mai 2021

Seen, die wandern

Sie sind Seen, die wanderten
ein jeder nennt den
 anderen
Wolken sie spiegeln sich an
guten Tagen darin kein Fragen
wiegen Fische sich kein Sinn
den letzten Trauermantel auf
gewühlt der Schlamm tragen
Vögel im Schnabel den Tod
wie einen Freund fällt ein Mensch
den Traum vom Baum in dir
dass du bleibst dir um den Hals
Müdigkeit kein Wort
des Trostes Haltlosigkeit singt
am Horizont das Lied einer Amsel

Mittwoch, 19. Mai 2021

Frau K auf der Suche nach dem Glück. Heute wieder. In ihren Augen noch Rauch von der Angst, die aufstieg aus: Wo bin ich hier? und: Was kommt jetzt? Der Aufbruch in ein verlorenes Gestern voller Selbstverständlichkeiten führt ihr: Ich will nach Hause! in mühselige Meter Asphalt.

Ludwig Janssen © 11.5.2021

Dienstag, 18. Mai 2021

Leben im Hier und Jetzt. Kein anderer Wahlspruch verlor in meinen Augen so viel an Wert wie dieser. Täglich erlebe ich Menschen, denen gar nichts anderes übrig bleibt als das: Leben im Hier und Jetzt. Im verloren gehenden Augenblick. Ihr Selbst unverständliches: Bleib bei mir!

Ludwig Janssen © 11.5.2021

Einem fernen Leuchtturm

Leuchtturm, reich mir deine Hand! All meine Gewissheiten lösten sich zu Nebel, diese Luft trägt meine Füße nicht. Furcht treibt mich hinaus ins Gestern um längst verlorene Inseln. Reicht dein Licht auch nur eine Viertelstunde weit: Sing das Lied, in dem ich mich zu Hause fühle.

Ludwig Janssen © 18.5.2021

Montag, 28. September 2020

... Fuß vor Fuß

Am Wochenende nahm Freund Hein einen bei der Hand und der fand am Ende eines langen Weges einen neuen so hoffe ich und bleibe auf der anderen Seite ver bunden zählt Freund Hein meine Stunden ...
Ludwig Janssen © 22.4.20

Donnerstag, 28. Mai 2020

... lange Stunden

All, die Jahre Stern stunden deine Runden über die Flure ein Weg legt sich in Kreisen und sie weisen dir die Richt ung, als wüsstest du. Sie haben hier ein Zimmer. Ein Bett. Sie ge hören zu uns und alles ist gut, da bleibe ich gern geht ein Stern seine Runden ...


Ludwig Janssen © 22.4.20

Montag, 18. November 2019

... ein Fisch im Wasser bewegt

... bewegt sich wie ein Fisch im Wasser. Gab einem Fisch seine Farben und sah, wie das Wasser ihm diese Farben nahm, waren es doch die seinen, Wasserfarben. Die Farbe des Wassers: Fisch, darin ein blasser Mensch, dessen Kiemen pulsierten und ich frage mich, wer sich hier wie ...

Ludwig Janssen © 13.11.2019

Dienstag, 18. Juni 2019

Am Strand mit Christian Morgenstern

Am Strand mit Christian Morgenstern liegen, Hand in Hand das Licht der Sterne wiegen und einander in die Augen zu schauen, das zu wagen an Tagen an denen Eisschollen treiben mit dem Vergessen dir fremder Geister, Scheiben kleister, wie heißt der mit dem rosa Hemd kennt niemanden.
Ludwig Janssen © 18.6.2019

Mittwoch, 27. Juni 2018

Im Vorübergehen

Heute fand ich meinen Namen. Dir war er entfallen. Aus der Reisetasche. Hing unten an deiner Sandale, welkes Herbstlaub, Fitzel Asphalt der Sommerlandstraße. Du lächeltest mich an im Vorübergehen und ich wusste: Wir hatten uns nicht verloren. Noch nicht. Du sangst ein altes Lied.





In passing by
Today I found my name. It had slipped your memory. From the travel bag. Hung down from your sandal, withered autumn leaves, shred of asphalt of the summerland road. You smiled at me while passing by and I knew we hadn't lost each other. Not yet. You sang an old song.

Samstag, 17. März 2018

Sequenz … darin das Hintergrundrauschen einer Haltlosen


Die vergangene Nacht war eine sternenklare. Das Universum dehnte sich unaufhaltsam aus. Barg in sich das Drehen der Galaxienhaufen mit dem Drehen der Galaxien und irgendwo darinnen die Milchstraße mit uns beiden an ihrem Rand. Am späten Nachmittag treffen wir auf einander.

Du sitzt vor mir auf der Bettkante und ich sehe, dass du Angst hast. Von Unruhe erfüllt bist. Du passierst eine schwere Zeit. Alles Vertraute des Augenblicks fällt von dir ab und dein Verstehen deiner selbst, mit dem du dich selbst verstehst und dein Bild der Welt entwirfst, wirft schon lange nicht mehr mit Selbstverständlichkeiten um sich. Zu dir setzen darf ich mich und ich höre dir zu. Weil ich weiß, wie gut das tut, wenn ein Mensch seine Verzweiflung einem anderen in die Arme legen kann. Der die dann hält, aushält, mit aushält. Sie nicht abwehrt und wortreich aus dir und der Welt zu schütteln versucht wie ein nasser Hund.

Da ist ein missgestaltetes Kind. In der vergangenen Nacht geboren als dein Bruder. Wer soll sich um das Kind kümmern? Du bist schon so alt. Du musst telefonieren, unbedingt. Um Gewissheit, um Hilfe. Da sind Balken, die du aus dem Weg räumst und darunter fandest du verkohlte Leichen. Wir beide gehen ein paar Schritte. Der Raum, den wir durchschreiten, Hand in Hand, ist ein Zeitraum. Durch deine Jugend gehen wir und finden in eine Bombennacht des zweiten Weltkriegs. Ein Kind hier unter dem rechten, eines unter dem linken Arm und eines auf dem Rücken, das seine Arme um deinen Hals schlang, hetzt du von der obersten Etage die Treppen hinab in den Keller. Wieder und wieder. Die waren so schnell da, da gab es keinen Alarm, sagst du. Die Stadt brennt. Auch das Kinderkrankenhaus, in dem du einen Teil deiner Ausbildung absolviertest. Die Kinder alle gerettet. Doch am nächsten Morgen auf den Straßen dann die Toten. Der Junge, kaum siebzehn Jahre alt. Ob du unter den Kindern im Krankenhaus auch missgestaltete gesehen hast, frage ich dich und du nickst. Deine Verzweiflung ist gewichen. Du trauerst. Wir trauern gemeinsam. Wie kann das sein, fragst du, dass so etwas in deine nächtlichen Träume findet, dich in den Tag hinein verfolgen und quälen kann. Ein lang verschütteter Alptraum war das, entsetzlicher Teil deines Lebens, durchlebt und verdrängt, weil er dem Weiterleben im Weg stand. Jetzt, wo die Schranken fallen, mit denen du das Entsetzen aus deinem Leben sperrtest, wieder frei und übervoll unbewältigten Schreckens.

Lange, sehr lange Zeit, nachdem der Urknall ein Loch ins Nichts gerissen und es mit einem Universum erfüllt - und dieses Universum sich so weit abgekühlt hatte, dass Protonen und Neutronen zueinander finden und die so entstandenen Atomkerne sich Elektronen einfangen konnten, entstand mit diesem Geschehen die kosmische Hintergrundstrahlung. Als etwas, das immer präsent ist, wenn wir ins All hinaus lauschen nach den Anfängen des Universums. Wenn es besonders still sein soll, dröhnt das Rauschen in den Ohren.
Ludwig Janssen © 17.3.2018

Dienstag, 13. März 2018

Liebend Lied (Dementen)

Wie soll ich meine Seele halten, dass
sie leis’ an deine rührt? Wie kann ich sie
hinhalten hin zu dir und deinen Dingen?
Möcht gern ein schimmernd Irgendwas
dem versunk’nen Ich in dir ins Dunkel bringen
auf eine wohlvertraute Lichtung, die
nach außen dringt, wenn deine Tiefen klingen.
Das Leben, das uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Wogenstrich,
führt zwei Wellen Wasser einem Meere zu.
Durch welches Land sind wir gesandt?
Wer von uns beiden führt hier wessen Hand?
O fremdes Du.

in bewusst gewählter Anlehnung an Liebes-Lied von Rilke
Ludwig Janssen © 28.2.2010

Mittwoch, 30. August 2017

Wesentlich ist ...

Und dann: Demenz dein Wesen, Ich du kennst dich nicht mehr aus noch ein, irrgehnd ein Ich, verliert sich zu gewesen sein


Ludwig Janssen © 30.8.2017

Samstag, 29. Juli 2017

Sequenz … mit sich ausbreitender Stille darin


Sie sagen, du seist zur Ruhe gekommen. Und ja, du bewegst dich nicht mehr so viel. Die technische Hilfe um deinen gebrechlichen Körper, die deine Flucht in rastloses Wandern stützte, wirkt wie ein Schneckenhaus, das du zwar noch um dich trägst, doch nur noch selten machst du ein paar Schritte voraus, nimmst Schwung nach hinten. Flut oder Ebbe? Das eine kommt, das andere geht. Nein, zur Ruhe gekommen bist du nicht. Es ist das Fehlen, das in dir Raum greift. Zunächst fehlte das Erinnern, dann ging dir das Sich-Auskennen aus, ließ dich irrgehnd wo zurück, wo du nicht sein wolltest. Und später, viel später folgte das Wollen.

Es ist die Flut, die zurückkehrt. Sie nimmt sich, was dich ausmachte. Sand sinkt in Sand, Sandkorn um Sandkorn folgt dem Strich der anlandenden Wellen, legt sich mit ihrem Zurückweichen ins Vergessen. Alles Erhabene schwindet. Wenn du für dich bist, liegt davon in deinen Augen. Für dich sein, ob nun allein oder in Gesellschaft eines, der dich in Ruhe lässt. Nicht retten will. Dich den Sog des Unausweichlichen nicht wieder spüren lässt.

Hier war einmal eine Sandburg mit Toren, Türmen und Zinnen. Die Puppe in deinen Armen erzählt einen verloren geglaubten Wunsch, den wir dich leben lassen. Humbta-ta und Tanz wecken deine Lebensgeister für den Augenblick, den du lebst. Du lebst den Augenblick. Weil du nicht anders kannst. Wenn wir uns Zeit nehmen für dich, lassen wir dir einen Augenblick nach dem anderen erstehen. Manchmal magst du in den Arm genommen werden. Noch, noch weiß ein jeder, dass hier einmal eine Sandburg stand, mit Türmen, Zinnen und Toren. Am Ufersaum rollt ein Schneckenhaus im Wellenschlag der anlandenden Flut.


Ludwig Janssen © 29.7.2017

Dienstag, 15. Dezember 2015

Der König

Die drei Weisen hatten sich auf den Weg gemacht. Aus dem Morgenland, wo es auf die Frage: Wann besuchen wir Opa? immer hieß: Morgen! Und: vielleicht. Und: Da ist es immer so traurig.


Ein Stern war ihnen erschienen, eigentlich ein Stern nach dem anderen. Dem einen auf dem Heimweg vom Büro, als er die Hauptstraße passierte, der anderen, als sie abends vom Parkplatz des örtlichen Discounters auf die Hauptstraße abbog und dem Jüngsten der drei auf dem Weg in die Schule, ebenfalls auf der Hauptstraße, über der alljährlich um diese Zeit nach Einbruch der Dunkelheit Sterne aus 20-Watt-Birnen weihnachtliche Stimmung zwischen Autoscheinwerfer, Nieselregen und Streusalz funzelten.

Über dem Stall, in dem sie den König vermuteten, stand kein Stern, jedenfalls kein guter. Die Eingangshalle empfing sie mit gedämpftem Licht. Leise pfeifend schob eine Schiebetür sie hinein und schloss hinter ihnen diese Welt ab.

„Guten Abend!“

Ein Engel in geringeltem Nachthemd schwebte vorüber, lächelte verlegen und entschwand.
Er duftete ein wenig nach Äpfeln und Nüssen.

„Guten Abend!“

Eine junge Frau in Weiß war dem Engel gefolgt, hielt inne und breitete ihnen die Hände entgegen:
„Kann ich Ihnen helfen?“

„Nein, danke, wir wollten nur unseren Vater …“
„Opa!“
„ … besuchen. Wir kennen den Weg.“

Nun, den Weg zum Zimmer des Vaters kannten sie schon, fanden den Weg, fanden das Zimmer, den Vater jedoch …

Einen alten König fanden sie. In Windeln gehüllt, die Socken schlackerten um die Knöchel. Er hatte sich zurückgezogen in einen Sessel, in sich selbst, und schaute aus dem Fenster.

„Papa …“

Der alte König schaute aus dem Fenster, noch immer, als sie ihm in die Augen sahen, ihn anlächelten, in den Arm nahmen und ansprachen mit Titeln, die sich schon lange aus seinem Erkennen verloren hatten. Die Wärme ihrer Umarmungen war angenehm, ihr Lächeln ein freundliches und der Tonfall ihrer Worte entspannt und warmherzig.

Ein schönes Gefühl.
Er … lächelte.

Sein in die Ferne gerichteter Blick löste sich und fand ihre Gesichter. Nette Menschen. Sie verströmten ein altvertrautes Gefühl aus Kindertagen. Aus einer Zeit, als er, des König-Seins müde, sich in die Arme seiner Mutter legen und, wohl geborgen, die Augen schließen konnte.

„Vater …“

Wen auch immer sie damit meinten, solange sie nur blieben. Vater war nicht da, war im Krieg.

Eine Weile blieben sie noch, brachten ihre Gaben dar und warteten auf ein Dankeschön. Er schenkte ihnen seine Aufmerksamkeit. Das bisschen, das ihm noch gelang. Mit einem Lächeln und seinem Blick in dem ihren.

Als die drei Weisen sich auf den Heimweg gemacht hatten, lief ihnen ein wenig von der Traurigkeit den Rücken hinab, die sie im Stall vermutet hatten, da der König lag und bald die Augen schließen würde. Oder war es Unbehagen? Der kleinste der Weisen jedoch hüpfte voran, wandte sich um und:

„Ich habe Opas Hand gehalten, und er, er hat meine gedrückt und gestreichelt - wie immer. Wie immer! Und jetzt, jetzt kann von mir aus Weihnachten werden!“

Drei Weise wandten sich dem Morgenland zu, in dem morgen der zweite Weihnachtstag anbrechen würde.

Ein müde und klein wirkender König schaute aus dem Fenster und spürte dem Wohlbehagen nach, das drei Reisende ihm beschert hatten.

Über seinem Stall stand ein Stern, ein guter.



Ludwig Janssen © 15.12.2015




Mittwoch, 2. Dezember 2015

Abschied: Nehmen und Geben

Du nimmst
Abschied, ich
gebe: Nach


dir. Alles
Geben stellt sich
in den Weg
in den Sinn
Loslassen geht
mein Sinn: Nach
denken auf den Weg


Ludwig Janssen © 2.12.2015

Dienstag, 1. Dezember 2015

Nach geben, einem Abschied

Unaufhaltsamkeit.
Wie sie dich ausmergelt
deine Sanftmut
deinen Willen
Nicht mehr essen, nicht
mehr trinken, nicht mehr

Deine Hand halten.

Ludwig Janssen © 1.12.2015