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Montag, 8. April 2019

Episode 35

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH



Es regnet. Heftige Böen blättern in den Kronen der alten Kastanien. Ein letzter Besucher verlässt das alte Gebäude, in dem es in Bildern erzählte Geschichten zu betrachten gab. Den Hut tief in die Stirn gezogen strebt er gebeugt seinem Fahrrad zu. Die Luft duftet nach Salz.

Episode 34

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH



Die Bilder eine in Rechtecken erzählte Geschichte. In Rechtecken, die sich nun vor deinen Augen schließen. Noch ehe sie offenbarten, was aus dem alten Mann und seinen Büchern wurde. Keine sich im Sand zum Horizont verlierende Spur, kein Gruß, kein Abschied. Kein Fenster auf Kipp.

Freitag, 5. April 2019

Episode 33

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH



Du schließt das Fenster. Zugleich bemerkst du, dass sich in den letzten Bildern an der Wand gegenüber die Rechtecke der Geschichte schlossen. 
Aquarelle. 
Vögeln gleich, die sich zu Beginn einer großen Reise sammeln, die Schwingen geschlossen auf ein letztes, erholsames Rasten.

Donnerstag, 4. April 2019

Episode 32

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH



Von See her war der Sturm aufgezogen und hatte letztendlich das Boot längsseits zurück auf den Strand getrieben. Dort lag es über die Bordwand zur Seite gekippt und ergoss seine seltsame Fracht über den Sand. 

Eine Grasmücke hatte sich auf dem Kiel niedergelassen und pflegte ihr Gefieder.

Mittwoch, 3. April 2019

Episode 31

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH


Wärmendes Sonnenlicht? Ausgeschlossen! Nicht hier, am Grunde des Ozeans. Unverhofft stieß das Wesen den alten Mann von sich. Wandte sich ab und verschwand mit der Strömung. Der Kopf des alten Mannes prallte gegen einen Felsen. Ein Schlag, der ihn durchschüttelte bis ins Mark.

Episode 30

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH



Phantasierte er? Dem alten Mann war, als wende das blassblaue Wesen aus dem Meer ihn behutsam auf den Rücken, wüsche sein fahles, bärtiges Gesicht. Bliese es an, dass es abkühle. Zugleich senkte sich der Blick der unergründlich meergrünen Augen in seine Brust. Das Licht der Sonne wärmte.

Sonntag, 31. März 2019

Episode 29

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH



"... Ein kleiner Fisch kam aus Norden aufs Boot zu geschwommen. Es war eine Flunder, und sie schwamm dicht unter der Oberfläche. Der alte Mann konnte sehen, dass sie sehr müde war ..."

„… Es waren die kleinen Vögel, die die Großmutter Fische nannte, denn sonst hätten es die Kinder nicht verstehen können, da sie nie einen Vogel gesehen hatten. …“

Episode 28

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH


Der Blick aus dem Fenster erinnert dich an die Welt dort draußen. Bist am Ende des Ganges angelangt. 
Im Altenheim nebenan stellt man das Fenster auf Kipp, wenn eine Geschichte zu Ende erzählt ist. 

Luft! Du öffnest das Fenster einen Spalt weit. Das Lied einer Amsel weht hinein.

Episode 27

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH


Der alte Mann schloss die Augen und nickte.
„Bin ich … jetzt … auch … Dünung?“


„Du bist.“


„Irgendwo. Fern jenem Ort, an dem der Sturm mich auftürmte, zum Himmel trug und in die Tiefe schleuderte, mich zerriss zu stiebender Gischt. Eine am offenen Fenster zu Ende erzählte Geschichte.“

Dienstag, 26. März 2019

Episode 26

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH



"... Ein kleiner Vogel kam aus Norden aufs Boot zugeflogen. Es war eine Grasmücke, und sie flog dicht über dem Wasser. Der alte Mann konnte sehen, dass sie sehr müde war ..." 

Aus ebenso müden Augen wandte der Mann sich dem blauen Wesen zu: 
"Du liest mir vor, mir?"
„Gefällt es dir?“

Episode 25

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH



Er erinnerte. Den Baum, den er fällte. Das Lied der Amsel, das verstummte.

„… und selbst der Tod horchte und sagte: "Fahre fort, kleine Nachtigall! fahre fort!" […] Da bekam der Tod Sehnsucht nach seinem Garten und schwebte, wie ein kalter, weißer Nebel, aus dem Fenster …“

Sonntag, 24. März 2019

Episode 24

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH



In den Armen des Meerwesens geborgen fand der alte Mann sich am Grund des Meeres wieder. Seltsam. Eigentlich müsste es stockfinster sein. Doch drang von der Wasseroberfläche das Spiel der Sonnenstrahlen bis zu ihm hinab, lief, vom Gang der Wellen gebrochen, in hell wabernden Linien über ihn hinweg.

Freitag, 22. März 2019

Episode 23

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH



„Auf dem Grund des Meeres gibt es keine Dünung“, hörte der alte Mann das blassblaue Wesen in sein Ohr flüstern.

„Die Dünung gehört dem Sturm und der See, ist eine vom Wellengang erzählte, weit entfernte Geschichte.“

„Und die Dünung des Meeresgrundes?“
„Gehört dem Atmen des Erdmantels.“

Donnerstag, 21. März 2019

Episode 22

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH



Die Dünung. Spürst du sie noch? Umgeben von all den rechten Winkeln - um dich, um die Bilder, um die Welten aus Geist, Fleisch und Blut, trägt ihr ewiges Auf und Ab das deine. Dich darin geborgen in einer Nussschale. Leben. Nicht irgendeines – deines. Auf dem Grund des Meeres.

Mittwoch, 20. März 2019

Episode 21

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH

Bernstein. Ein Stück Wald aus der Tiefe des Meeres wieder aufgestiegen zum Licht. 

Licht. 

Licht flutet den langen, geräumigen Gang, den du durchschreitest, Bilder betrachtend. Auch sie stiegen auf zu Licht, Farbe und Kontur. Ebbe und Flut schöpferischen Denkens. Ein Mensch, eine Welt.

Dienstag, 19. März 2019

Episode 20

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH


Vom Sandstein der alten Gebirge erzählte der Mann dem Meerwesen und den versteinerten Muscheln, die man dort im Schatten der Wälder finden konnte. Und dem Bernstein, der einst in Wäldern als Harz entstanden, dann vom Meer geflutet und mit der Dünung der Erdkruste wieder zu einem bewaldeten Berg aufgeschoben worden war.

„Dann ist das Land auch nichts weiter als ein Meer?“


„Ja. Die Dünung ist eine langsame und lässt sich viel Zeit. Doch eigentlich ist die Erde eher ein Meer aus glühendem Gestein, als dass sie fest und unbeweglich wäre.“

Montag, 18. März 2019

Episode 19

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH


„… Sie kannte keine größere Freude, als von der Menschenwelt über ihr zu hören, die alte Großmutter musste ihr alles erzählen, was sie wusste von den Schiffen und Städten, Menschen und Tieren. Ganz besonders wunderbar und herrlich erschien es ihr, dass oben auf der Erde die Blumen dufteten, denn das taten sie auf dem Meeresboden nicht, und dass die Wälder grün waren und die Fische, die man dort auf den Zweigen sieht, so laut und lieblich singen konnten, dass es eine Lust war. Es waren die kleinen Vögel, die die Großmutter Fische nannte, denn sonst hätten es die Kinder nicht verstehen können, da sie nie einen Vogel gesehen hatten. …“

Der Alte hatte ein kleines Buch aus seiner Jackentasche gezogen und las dem Meerwesen daraus vor. Es verwunderte ihn nicht weiter, dass er eigentlich schon längst ertrunken und tot hätte sein sollen. Vielleicht war er das auch und der Tod war tatsächlich nichts weiter als der Schritt in ein anderes Leben, eine andere Welt. Vielleicht aber auch träumte er das alles nur und würde irgendwann aufwachen und sich verwundert die Augen reiben. 


Das Meerwesen wartete ungeduldig auf die Geschichte vom Meer unter den Wäldern. Er konnte es glucksen hören. Gerade so, wie er es vernommen hatte, als er noch im Boot gesessen hatte und dem Meer von seinem Boot aus vorlas.

Sonntag, 17. März 2019

Episode 18

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH


Das Meerwesen legte seinen Arm um den Alten und zog ihn hinab zum Meeresgrund, tiefer und tiefer. Das Tageslicht reichte nicht hierher, doch von dem seltsamen Paar ging ein Leuchten aus, das alles ringsum erhellte. Sie gelangten an eine Stelle, an der ringsum dunkle bis hellgelbe Steinchen aus dem Schlamm heraus zur Wasseroberfläche stiegen.
„Bernstein.“
Der alte Mann erkannte, was das blassblaue Wesen mit dem Sonnenlicht längst vergangener Tage gemeint hatte, das hier aufstieg wie gen Himmel geweinte Tränen. Nicht ein einziger Baum war zu sehen.
„Siehst du den Wald?“
„Ich kann ihn ahnen.“
„Vor vielen Millionen Jahren muss er ertrunken sein und jetzt gehört er zu mir.“
„So wie du zu den Wäldern gehörst, die sich heute an Land im Wind wiegen.“
„Ja?“
„Mhm.“
„Auch ich wiege mich gerne im Wind. Aber dass ich zu den Wäldern gehören soll …“

Donnerstag, 14. März 2019

Episode 17

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH


Du siehst kein Meerwesen. Was du siehst, könnte ebenso gut ein Delphin sein, der seine Kreise um den Ertrinkenden zieht. Ihn anstupst, zur Wasseroberfläche emporhebt. Gab es das nicht immer wieder in der Geschichte der Menschen auf dem Meer, dass Delphine sich zu ihnen gesellten? 
Einen ertrunkenen Wald. Nie gesehen. Vielleicht am Grund von Stauseen. Geisterhafte Schemen, in denen die Netze der Fischer sich verfangen. Aber am Grund des Meeres? Ich weiß nicht, ob du selbst es bemerkst, doch deine Schritte greifen weiter aus. Fast scheint es, als wärest du ungeduldig, den Fortgang der Geschichte im nächsten Bild zu erfahren.

Mittwoch, 13. März 2019

Episode 16

Mit freundlicher Genehmigung druch Rittiner & Gomez, Spiez, CH


„Woher kennst du den Wald, woher den Baum?“ Den alten Mann verwunderte weder der Anblick des Meerwesens, noch, dass er sich ihm antworten hörte. Sank er doch mit ausgebreiteten Armen dem Meeresgrund zu und war im Begriff zu sterben.

„Ich habe dir zugehört, deinen Gedanken, und ich weiß an meinem Grund einen alten Wald liegen, alter Mann.“ Die transluzierend blassblaue Gestalt schien über große Kräfte zu verfügen, denn sie hielt den Körper des Alten in der Schwebe. Er fühlte sich nicht mehr sinken und doch fühlte er sich durch die Macht des Wesens bewegt.

„Kein Wald kann am Grunde des Meeres bestehen.“
„Und wenn ich es dir doch sage“, schüttelte das Meerwesen bedächtig den Kopf. „Er ist sehr alt, ertrunken. Und doch wiegt er sich in meiner Strömung und gibt von den Tagen preis, an denen er noch weit von mir grünte, was auch immer er damit meint, und das Licht der Sonne einfing.“
„Das Licht der Sonne?“
„Komm, ich zeige dir den ertrunkenen Wald, alter Mann.“