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Dienstag, 4. Juni 2024

So leicht und doch so schwer

Ein Buckelwal wiegt ungefähr 30 Tonnen und würde unweigerlich aus dem Blau des Himmels zu Boden fallen. Hoffentlich ins Meer. Ein Kubikmeter Schönwetterwolke besteht aus einem Gramm Wasser. Somit zieht mit jeder mittelgroßen Schönwetterwolke das Gewicht eines Buckelwals über uns hinweg.

Aus winzigen Tröpfchen Wassers und jeder Menge freien Raums dazwischen bestehend, fällt die Wolke nicht wie ein Wal aus dem Himmel, sondern, wenn überhaupt, als Regen. Bleibt über lange Zeit in der Schwebe. Zieht, uns scheinbar unerreichbar weit und amorph, mit dem Wind.

Was mag uns, einer Wolke vergleichbar, zugleich fern wirken, leicht und doch unsagbar gewichtig sein? Was regnet irgendwann zu Boden? 

Gestern Mittag lag ich bei schönstem Sommerwetter auf einer Wiese und sah über mir den Traum eines Buckelwals mit dem Blau des Himmels ziehen. Ich schaute ihm lange nach und mit der Zeit verlor sich die Wolke. Wahrscheinlich war der Wal aufgewacht, dachte ich mir. Gestern Abend ging ich barfuß im Regen spazieren und es waren die Träume mir fremder Menschen.

Ludwig Janssen © 4.6.2024

Da ist was im Anzug

Wie schon vor langer Zeit erzählt, hatte sich Ratur Lite auf den Weg gemacht, das Glück zu suchen. Seine neueste Errungenschaft war ein wundersamer Anzug, den er an einer Korbweide hängend gefunden hatte. Kaum, dass er ihn angezogen hatte, fühlte er sich eins mit der Natur.

Die Jacke strahlte an Schultern und Kragen himmelblau, darunter changierten Grau- und Weißtöne wie Regentage. Die Hose erinnerte an Pfützen und tropfnasses Gras. Die Weste schimmerte in den Farben eines Sommertags. Dazu trug Herr Lite einen schwarzen Hut mit breiter Krempe.

Schuhe? Nein. Herr Lite hatte die Hosenbeine umgeschlagen und lief barfuß. Das erdete ihn. Heute war ihm ein wenig blümerant zumute. So ein Kribbeln. Unterm Hut knisterte es. Und als er den Hut lupfte, um einer Kuh einen guten Tag zu wünschen, schaute die erschrocken.

Denn unterm Hut britzelten winzige Lichtblitze durch die Haarspitzen.

"Nanu?", dachte die Kuh.

Ratur Lite wünschte ihr einen guten Tag und ging seines Wegs. Der führte ihn weg von der Weide mit der Kuh hin zum Horizont. Ratur hörte noch wie die Kuh "Ein Gewitter ist im Anzug!" rief. Er sah, dass die Kuh sich an die Brust griff, ein schwarz-weißes Etui hervorzog und diesem eine Sonnenbrille entnahm, die sie sich auf die Nase setzte.

"O...ha", dachte Ratur. Aus einer früheren Erfahrung wusste er, dass bald ein Blitz einschlagen würde. Im Anzug rumorte es, das Himmelblau der Schultern hatte sich zu tiefem Grau verloren und Böen blähten den Anzug auf, dass der nur so schlackerte und flatterte um Raturs Gestalt wie eine Fahne im Sturm.

Unterm Hut tobten Lichtbögen durchs Haar. Das kitzelte und britzelte, nicht auszuhalten. Als es Ratur Lite zuviel wurde und er den Hut vom Kopf riss, stand er in grelles Licht getaucht, und beratend krachender Donner hüllte ihn ein.

Doch ebenso schnell, wie das Gewitter in den Anzug gelangt war, legte es sich wieder. Ratur seufzte, tat einen tiefen Schnaufer und patschte durch Pfützen und nasses Gras. Der Anzug passte ihm wie angegossen und in der Ferne erkannte er noch, wie die Kuh die Sonnenbrille absetzte und wieder einschob.

"Alles wird gut", sagte er sich, setzte den Hut auf und machte sich wieder auf die Suche nach dem Glück.

Mittwoch, 12. April 2023

Rolltreppe

Wieder war einer der Besonderen da. Wieder: berühren! Diese unvergleichlich feste und zugleich zarte Wärme lag ihrer Handleiste auf. Die Rolltreppe erschauerte. Doch einzig ihr Handleistenschlupfkontakt nahm das wahr und reagierte. Mechanisch. Der Mensch auf ihren Stufen spürte kaum mehr als ein Kribbeln. Für einen Moment schaute er auf den Handlauf und musterte die Stufe, die ihn empor trug. Was kümmert einen Menschen, was selbstverständlich gilt? Nichts, solange es läuft. Rund dazu, dachte die Rolltreppe. Leises Brummen stieg aus dem Maschinenraum auf, kratzte die Etagen des Kaufhauses hoch, schwoll zu Knarzen, Quietschen - dann tat es einen Schlag - die Rolltreppe stand. Der Hausmeister fluchte. Der Geschäftsführer fluchte. Der eilig herbei zitierte Monteur fluchte, sein Chef tippte das Angebot für ein moderneres Modell in seinen PC. Nicht einmal der Feinsinnige, der auf Stufe zweihundertdreiundsiebzig stand, ahnte, dass dieses Ding nichts weiter gemacht hatte als innehalten, etwas, das sie meisten Menschen um sie herum auf später verschieben und selten in dem Augenblick machen, wenns darauf ankommt. Er war schon längst zur Treppe hinunter und hatte das Haus verlassen. Bzzzzzzzzzzzzzzzzzz. Ohne das geringste Ruckeln lief das Band an. Ihr Handleistenschlupfkontakt meldete, dass sie etwas zurückhaltender sein solle. Kein Problem. Dieser opportunistische Klugscheißer. als ob man ihn behalten würde, wenn die Neue kommt. Vom großen Innehalten einen Moment abgezwickt für die Gegenwart. Die Rolltreppe glitt, wieder in sich rund, mit versonnenem Summen durch ihre letzten Tage. Vielleicht würde eine Geschichte daraus.


Ludwig Janssen © 8.7.2007

Mittwoch, 7. September 2022

Regen in Worten

[Regen besteht aus Tropfen. Vieles besteht aus Tropfen und wird mit einem einzigen Wort belegt. In der Sprache der Uanoupi-Indianer am Amazonas gibt es kein Wort für Regen, nur 25 Namen für die ersten Tropfen, die das Lebewesen treffen und 25 Worte für die letzten, die ein Lebewesen treffen. Keines dieser Worte hat eine Bedeutung, die unserem "nass" entspräche, es finden sich Übersetzungen wie "trinken", "trunken", "erzählen", "berühren" und "erinnern". Dabei wird durch die Vorsilbe festgelegt, warum sie (die Tropfen) treffen: "ou" zeigt an, dass das Wesen schon draußen war, als es regnete, "an" hingegen zeigt an, dass das Wesen in den Regen hinaus ging. Umgekehrt, also für die letzten Tropfen, zeigt "uo" an, dass das Lebewesen draußen im Regen steht, wenn es aufhört, "na", dass es in einen Unterschlupf findet. Alle anderen Regentropfenereignisse werden mit den Worten für warm und kalt belegt und mit "luha no uwipi" = "was geschieht" zusammengefasst. Das Ende des Regens benennen sie mit "domo kun", was soviel wie "Schweigen" heißt. Die Unaoupi pflegen, und das besonders, wenn sie berauschende Nüsse kauen, Blätter, Insekten, Sternschnuppen, Guppies, Mücken und nicht zuletzt das, was wir Schicksal nennen, mit den Namen für diese Regentropfen zu benennen und auch diese Geschichte eines weißen Mannes. Dann lachen sie.]

Ludwig Janssen © 27.2.2006 

Dienstag, 6. September 2022

Ferkeleien und anderes vom Schwein

Altbauer Brockmaar von der Boeckelt hatte schon etwas Deftiges an sich. Ein richtiger Kerl aus Schrot und Korn, argumentierte er gern mit breiten Schultern und hatte den für manche Landmenschen typischen Witz, mit dem man ebenso Bäume um-, wie auch Löcher in die Luft hauen kann. Und er ging gerne verschwenderisch damit um.

So auch heute, als die Ferkel kastriert werden sollten. Selbstverständlich ließ er das die neue, unerfahrene Hilfe gleich am Frühstückstisch wissen, genoss das sich weitende Entsetzen in ihren Augen und die Blässe um ihre Nase, unfehlbare Anzeichen, dass sie ihm seine Geschichten um quiekende Zappeldinger, spritzendes Blut, platzende Hoden und den gesunden Appetit von Geschwistern und Sau abnahm. Auch die von den gebratenen Nüsschen, zu der er genießerisch mit der Zunge schnalzte. Klar, dass dem jungen Ding dabei der Appetit verging. Selber schuld, dachte er sich und schürte ihren offensichtlichen Ekel und ihre Angst vor der anstehenden „Operation“: Ihr Anblick, wie sie sich vor Unbehagen wand, war ihm willkommene Abwechslung vom eingefahrenen Einerlei.

Frau Brockmaar schwieg dazu. Nach dem Abwasch nahm sie die junge Frau mit in den Stall und sie brachten es gemeinsam hinter sich. Drei Würfe, das bedeutete heute fünfzehn Mal beherztes Zupacken, fünfzehn Mal heftiges Strampeln, dreißig Schnitte längs und genauso viele Schnitte quer, ungezählte Schreckens- und Protestschreie und zwei Stunden Arbeit. Die „Patienten“ grunzten, entlassen, wie ungerührt durch das frisch eingestreute Stroh und fraßen nach Schweinemanier die umherliegenden Hoden, die beiden Frauen grinsten und machten sich auf den Weg ins Haus.

Beim Abendbrot dann lobte der genüsslich schmatzende Bauer seine beiden Küchenfeen, wie er sie überschwänglich titulierte, und dass sie ihn richtig verwöhnten. Es gab gebratene saure Nierchen. Lecker, erzählte er mir Jahre später, wieder beim Abendbrot, lehnte sich zurück und musterte mit einem wissenden Schmunzeln seine Frau. Die stand am Küchenfenster, schaute in den Hof und kicherte.

Ludwig Janssen © 9.4.2006

Freitag, 6. Mai 2022

Ein anderer ... Froschkönig

 Es war einmal ein kleiner Frosch, der lebte in einer Dose Schuhcreme. So eine ganz gewöhnliche, runde Dose Schuhcreme mit Tür und Fenstern und einem Schornstein für den Küchenherd. Und selbstverständlich mit allerfeinster Schuhcreme darin. Er trug ein kleines, golden glitzerndes Krönchen und sang gerne traurige Lieder. Eines Tages, sie hatte lang genug mit ihrem goldenen Ball im Garten gespielt und wollte, wie jeden Abend, vor dem Zubettgehen ihre Schuhe geputzt haben und ihre Diener waren schon beim Abendbrot, kam die Prinzessin und griff nach einer der Dosen im Schuhschrank. Dachte sich: 'Ja, das kann ich auch selbst machen' und öffnete die Dose mit dem Frosch darin.
Da saß doch tatsächlich ein winzig kleiner Frosch in der Dose und sah sie aus großen Augen an:

"Wa...?"

"Bist du ein Frosch?"

"Sieht man das nicht?"

"Und ein kleines Krönchen trägst du auch!"

"Ach, das ..."

"Bist du etwa ein verwunschener Prinz?"

Und ehe sich der kleine Frosch versah, spitzte die Prinzessin ihre Schnute und küsste den Frosch mit einem Schmatzer auf die Nasenspitze. Doch weil Frösche, erst recht die winzigen, recht glitschig sind und unser Frosch noch dazu den ganzen Tag in der Schuhcreme umher gehüpft war, verschwand der kleine Frosch schwupps! zwischen ihren gespitzten Lippen.

"Oh!", dachte sich die Prinzessin, "War er gar kein verwunschener Prinz und ist jetzt ein verschwundener?", da hörte sie aus ihrem Mund:

"Hö, waff foll daff? Fpuck miff fieder auf, foffort! Nifft fkau'n!"

Was sie auch sogleich machte und flupps! saß der Frosch in ihrer Hand.

"Unerhört, tz tz tz!", strich er sich die Prinzessinenspucke von einem grünen, glitschigen Körper und hüpfte von ihrer Hand aus dem Fenster in den Garten, wo er mit leisem Pitschipatschi! im taunassen Gras verschwand.

Seitdem sitzt die Prinzessin allabendlich am Fenster und hält Ausschau nach ihrem verschwundenen Froschkönig. Und wenn du einmal bei Mondschein das taunasse Gras betrachtest und in den glitzernden Wassertropfen etwas Goldenes aufblitzt - vielleicht kannst du dann den kleinen Froschkönig mit leisem Pitschipatschi! durchs Gras hüpfen sehen.

Freitag, 1. April 2022

Die Winterschnecke

Heute, ich war auf dem Weg zur Arbeit, passierte das Kreuz auf dem Hügel hinterm Haus, da sah ich sie: Eine fette Schnecke ließ vorsichtig ihre Fühler mit den Punktaugen darauf kreisen. Überlegte sich wohl, ob sie die Straße kreuzen oder lieber unter dem goldenen Gekreuzigten verweilen sollte. So eine Schnecke hatte ich noch nie gesehen und erst recht nicht um diese Jahreszeit. Hatte wohl als juveniles Exemplar an den Füßen eines Singschwans dessen Reise vom Polarkreis bis an den Regen in Bayern begleitet. Das Sonderbarste an ihr aber war ihr Haus. Das war so groß wie ein Tennisball und vollkommen durchsichtig. Unverhofft, als die Schnecke über ein trockenes Kiefernästchen glitt, geriet sie mit leisem Huch! ins Straucheln. Mir war, als wirbelte in der Folge in ihrem  Häuschen ein beachtliches Schneegestöber auf. Da wusste ich, wen ich vor mir hatte: Eine Winterschnecke! Zugleich war mir klar, dass es heute Nacht schneien wird in der Oberpfalz, und das nicht zu knapp. Die Sonne brach durch die Wolkendecke und ließ einen wärmenden Lichtkegel über das Land gleiten. Dieser hüllte mich in behaglich wärmendes Licht, und auch die Winterschnecke zu meinen Füßen hielt inne, lächelte und glitt unter leisem, melodischen Summen davon. Was würden meine Leutchen im Altenheim sich freuen, wenn ich ihnen von dieser wundersamen Begegnung erzählte, ging es mir durch den Sinn.

Dienstag, 13. April 2021

Herr Schalupkes Reise zu den Sternen

Heute kam Schalupkes Huhn vom Bahnhof her. Spät. Hatte dort ausgeholfen, war quer durch ein Gedicht mit Bahnhofshalle. Der Abendstern begann, vom tiefer werdenden Blau her zu blinken. "Na, wo wars'n du?" nahm Herr Schalupke es unter den Arm und ging heim.
"Pooock!"
"Ja, ja ..."

Schon oft hatte das blaue Huhn, Herrn Schalupke zum Schlafen unter den Flügeln geborgen, zum Sternenhimmel aufgesehen und sich gefragt, wie jene Körner dort wohl schmeckten. Heute Nacht träumte es, Herr Schalupke flöge, Traum im Traum, dort hin. Eine Kiepe auf dem Rücken. Po°ck!

Herr Schalupke schwebte, Traum im Traum, am blauen Nachthimmel. Pflückte Sterne für sein Huhn. Hühner, die viel Grün fressen oder Mais, legen Eier mit goldgelbem Dotter. Und sein Huhn würde er mit Sternen füttern. Herr Schalupke legte noch etwas vom Blau der Nacht in die Kiepe.
Herr Schalupke pflückt Sterne



Diese Nacht, Herr Schalupke schlief wohl unterm Flügel seines Huhns geborgen, kratzte etwas an der Terrassentür. Ein Fuchs! Wollte Schalupkes Huhn zum Essen einladen. 
Das legte sein Köpfchen schief: 
"Pock?"
"Chchchrrr," sabberte der Fuchs und kratzte an der Scheibe.
"Pooock!"
Tja ...

Herr Schalupke kam am Mond vorbei und fand dort eine Leiter angelehnt, die hinab zur Erde führte. Wohin? Goudanien? Die Leiter wackelte. Ein Mann mit Hut kam hinauf. Grüßte, ging seines Wegs, ließ sich auf einem Kraterrand nieder. Der Mann mit Huhn stieg hinab, der Morgen graute.

Daheim angekommen, ließ Herrn Schalupkes Traumgestalt sich auf der Bank hinterm Haus nieder. Stellte die Kiepe neben den Tisch. Der Schatten eines Fuchses tauchte ins Gebüsch ein. Das Huhn kam pock! angelaufen, hüpfte auf die Bank, hüpfte auf den Tisch, legte das Köpfchen schief.

"Poock!" lugte das Huhn in die Kiepe. Schalupkes geträumte Gestalt saß, wie in Schlaf versunken, daneben. Die Sterne, die von unten betrachtet wie Körner ausgesehen hatten, lagen nun groß wie eine Pflaume in der Kiepe und schimmerten. Es schien, als würden sie sich bewegen.

Gerade so, als würden grünlich schimmernde Würmchen sich ineinander verschlungen festhalten, pulsierten die Sterne mit jeder Bewegung der winzigen Leiber. Ping! pickte das Huhn an einen Stern, der daraufhin wie ein Glöckchen ertönte, ohne dass der Schnabel eine Spur hinterließ.

Beim leisen Ping! hob Herrn Schalupkes schlafende Traumgestalt die Lider. Schaute aus großen Augen aufs Huhn, in den Korb. Dem Huhn schien, als würde das Glimmen der Würmchen sich in der Iris dieser großen Augen nicht nur spiegeln, sondern zu eigener Bewegung und Tiefe gelangen.

Herr Schalupke erwachte. Wäre um ein Haar vom Schlafbaum gefallen. Wo nur war das Huhn? Als er in den Garten spähte, sah er es dort sitzen und mit schief gelegtem Köpfchen eine Traumgestalt betrachten, die ihm ähnlich sah. Etwas Pflaumengroßes stand fluoreszierend über dem Tisch.

Wenn Hühner etwas genauer betrachten, obs nun ein Bussard ist oder ein Wurm, neigen sie ihren Kopf zur Seite, weil sie dann besser sehen können. Herr Schalupke lief in den Garten. Irgendetwas raschelte im Gebüsch. Seine Traumgestalt sah er schwinden, wie Rauch. "Was'n hier los?"

"Po°ok!" Nun sah das blaue Huhn Herrn Schalupke an. Und der sah das Huhn an. Po°ok!, hatte das Huhn gesagt, po°ok. Darin klang so etwas wie: Flug zu den Sternen! Herr Schalupke verstand. Das Schimmerding über dem Tisch war nicht mehr allein. Aus dem Korb waren weitere aufgestiegen.

"Tüüü..." Ein heiseres, sehnendes Tüüü im Schnabel lief das Huhn zwischen die fluoreszierenden Kugeln, pickte sie pling! pling! pling! an. "Ah!" Herr Schalupke erkannte: Sein Huhn hatte Hunger. Er griff sich einen der pflaumengroßen Sterne. Kühl lag der in seiner Hand. Es kitzelte.

Herr Schalupke betrachtete den Stern, die sich ineinander schlingenden Würmchen, deren Schimmern. "Das willst du fressen?" Sein Huhn tippelte näher und schaute ihn erwartungsvoll an. "Na, gut ..." Schalupke lief zum Schuppen, kramte in einer Kiste, kam zurück mit einem Fäustel.

Oft schon hatte er so für sein Huhn Walnüsse geknackt und seine Freude daran gehabt, wie es emsig pickend umherlief. Zurück am Tisch nahm er Maß, tickte den Stern mit dem Fäustel an und ... PING! Glockenreiner Klang. Die Würmchen in seinem Innern, die sich wanden und schimmerten.

Selten schön! Herr Schalupke lauschte dem Schwingen des Sterns nach, das, gleich dem Flügelschlag eines Schwans, durch die Morgendämmerung schnitt. "Tüüü..." Das Huhn hatte Hunger. Eine Katze sprang auf die Bank und schaute ihn aus schwarzen Augen an. "P°ck?" Schalupke schlug zu.

PAM!!! Krachend barst der Stern unter dem Hammer und die schimmernden Würmchen, eben noch eng umschlungen, stoben in alle Himmelsrichtungen davon, Funken, tanzten durch die Luft, schwebten davon. Gingen in der Wiese nieder, in den Sträuchern, schwebten weiter zum nahen Waldrand.

"Pock, pooock!" lief das Huhn ihnen nach. Flatterte aufgeregt mit den Flügeln. Wirbelte so die im Gras schimmernden Funken auf und konnte nicht einen erwischen. Die Katze haschte sich einen nach dem anderen aus der Luft und verschlang ihn. Der Fuchs schoss aus dem Gebüsch hervor.

"Öha!" Herr Schalupke, gerade noch vom Knall erschrocken, sah den Fuchs. Der jagte den auf den Waldrand zu treibenden Funken nach. Ein paar fing er und fraß sie. Sein Huhn kam zurück. Ließ tüü! das Köpfchen hängen. Die Katze schaute ihn an aus Augen, die nun grünlich schimmerten.

Auch der Fuchs, mittlerweile am Waldrand angelangt, wandte sich um. Auch seine Augen leuchteten grün aus dem Dunkel. Das Huhn hüpfte auf die Bank: "P°ck!" "Entschuldigung?" Ein Mann stand neben Herrn Schalupke. Hielt mit der einen Hand eine Leiter. Die reichte bis zum Mond.

Herr Schalupke erkannte den Mann. Es war der Mann mit Hut, dem er auf dem Mond begegnet war. Im Traum. "Ja, bitte?", lächelte er. "Die gehören mir", sagte der Mann mit Hut. Zeigte auf die Pflaumensterne, die über dem Tisch schwebten oder in der Kiepe neben der Bank schimmerten.

"Oh!" Herr Schalpuke erinnerte sich, als Traum im Traum seines Huhns zu den Sternen aufgestiegen zu sein, Dass er sie in die Kiepe sammelte. "Seid Ihr der Besitzer der Sterne?" "Ihr Hüter", erwiderte der Mann mit Hut. "Ich hebe sie auf, wenn sie zur Erde fallen, Sternschnuppen."

"Daher die Leiter?", fragte Herr Schalupke, der, sicher ist sicher, sein Huhn unter den Arm genommen hatte. "Ja." "Tragen Sie die vom Himmel gefallenen Sterne in der Hosentasche?" "Ja, und ich lege einen schwarzen Meteoriten an die Stelle, an der ich eine Sternschnuppe fand."

Der Mann mit Hut setzte sich zu Herrn Schalupke auf die Bank. "Das sind sehr viele" seufzte er und betrachtete die Pflaumensterne, die noch immer über dem Tisch schwebten oder in der Kiepe schimmerten. "Einer fehlt", flüsterte Herr Schalupke. "Mhm." Der Mann kratzte sich am Kinn.

"Den Knall hörte ich, den Lichtblitz sah ich. Der ist hin. Und diese fluoreszierenden Würmchen, die überall umherschwirren, die fange ich nie im Leben wieder ein", seufzte er. "Tut mir leid." Herr Schalupke wies auf die Kiepe: "Ist zwar nur geträumt, aber ich schenke sie Ihnen."

"Oh! Danke schön!" Der Mann mit Hut lächelte. Ohne Hast griff er sich die Sterne über dem Tisch, legte sie in die Kiepe zu den anderen. Schulterte die Kiepe und lehnte seine Leiter an den Mond. Bedächtig stieg er Sprosse um Sprosse empor. Von Osten her hellte der Himmel auf.

Das Licht der blauen Stunde verlor sich im aufkommenden Tag. Herr Schalupke sah dem Mann mit Hut nach, der zum Mond stieg. Mit dem Tageslicht verschwammen die Konturen der Leiter, sahen aus wie ein Kondensstreifen. Die Sterne verblassten. Der Mann holte einen Stern aus der Kiepe.

Lehnte sich von der Leiter weg in den immer heller werdenden Morgenhimmel und setzte den Stern in dessen Blau. Kaum hatte er den Stern losgelassen, so erstrahlte der in hellem Licht. Schimmerte noch, als das Licht aller anderen Sterne längst nicht mehr zu sehen war. "Po°ck!"

Das Huhn flatterte auf den Tisch. Schaute ebenfalls zum Himmel empor, dem Mann mit Hut nach, dessen Gestalt kaum noch auszumachen war. "Na, mein Hühnchen", nahm Herr Schalupke es unter den Arm,"was du so alles träumst ..." Klaubte Meteoriten auf. Die hatte der Mann liegen lassen.

"Die sind vom Mond, Huhn, die können wir gegen Körner für dich eintauschen." "Pock!" "Du, Huhn ..." "Pock?" "Ich bin müde." Das Huhn hörte nicht mehr zu. Hatte im Gras ein Schimmerwürmchen entdeckt. Hüpfte aus Herrn Schalupkes Arm, stürzte sich auf das Würmchen und fraß es auf.

"Komm, Hühnchen, lass uns reingehen!" "Pock!" "Dann frühstücken wir und gehen noch ein wenig schlafen!" "P°ck!" Hmnja. Da gingen sie also, Herr Schalpuke und sein Huhn, zurück ins Haus. Müsli gabs, vielleicht. Und das Huhn hat seitdem ein geheimnisvolles Schimmern in den Augen.



Donnerstag, 21. Januar 2021

T---

Am Ende der Krise fand ich mich als auf das Wesentliche beschränkte Existenz. In einer Auster. Embryonalstellung.

Alle Sinne waren mir geblieben. Die Auster lag leicht geöffnet in einem Bett aus Sand. Etwas Meerglas und ein knorriges Stück Treibholz rundeten das Ambiente ab.

Da lag ich also, in eine Auster gekuschelt, und spürte in die Welt. Ihr Perlmutt war warm und glatt. Ich schmiegte mich hinein. Mir war, als würde sie sich ein wenig mehr schließen. Aus Ihrer Tiefe vernahm ich ein Summen: "Mmm..." Darin kam ich zur Ruhe. In meiner Auster.

Zu einer im Mondlicht gestrandeten Nachtstunde erkundete ich die Umgebung der Auster. Ganz ruhig lag sie da, nahezu geschlossen. Als ob da noch Leben in ihr wäre. Doch nur meine aufs Wesentliche reduzierte Existenz war in ihrem Inneren. Vielleicht genügte das.

Jemand hatte das Arrangement in ein Goldfischglas drapiert. Hier, so, wirkte es wie ein Raumschiff. Vielleicht sind viele solcher Raumschiffe unterwegs. Behutsam strich ich über ihre karstige Hülle. Dachte an das "Mmm...!" in ihrem Innern - und kehrte dort hinein zurück.

In einer der nächsten Nächte, mondlos und sternenklar, verließ ich wieder die Auster, über ihr raues Äußeres zu streichen. Ich bemerkte, dass sich an einer Stelle das Karstige zurückgezogen hatte. Eine perlmuttfarbene Fläche in Form eines Auges schimmerte im Licht der Sterne.

Ich hielt inne. Wessen Inne? Vielleicht meines, versunken in die Betrachtung des Auges. Ab und an ein Blinzeln. Die Sterne zogen ihre Bahn. Das Summen aus dem Inneren der Auster gewann an Intensität und Variation. Ein Lied? Mag sein. Ich hielt still, hielt Stille, lauschte.

Eine sonderbare Schwäche wohnte mir inne. Mattigkeit, auf die kleinste Anstrengung hin. Müdigkeit. Das Bedürfnis, zu schlafen. So zog ich mich, wie schon gesagt auf das Wesentliche beschränkt, in die Auster zurück und schmiegte mich in ihr perlmuttenes Innere. Schlief ein.

In einem Goldfischglas, in einer Auster schlafend, auf das Licht der Sterne zu reisen. Ins Dunkel des Universums hinaus, in dessen Kälte hinein. Die Auster barg all mein Wesen. Sie sang sphärische Melodien, in die hinein wir uns hüllten. Sie hielten uns warm und geborgen.

Als ich erwachte, bemerkte ich, dass eine schillernde Hülle sich um mich gelegt hatte. Hauchdünn, doch starr. Mich schauderte. Auf diese Rührung hin Craquelés. Die schillernde Hülle fiel ab von meinem Wesen. Ich fürchtete mich, wieder - und für längere Zeit - einzuschlafen.

Und doch - jene maßlose Schwäche, die sich in mir breitgemacht hatte und jede Faser meines Leibes entkräftete, wirkte sich bis in meine auf das Wesentliche reduzierte Existenz aus. Ermattet ertrank ich in anbrandender Müdigkeit und sank auf den Grund abgrundtiefen Schlafs.

Mein Körper - fern. Treibholz, irgendwo hinter dem Horizont. Schwindel, Schwäche, ein Immunsystem am Anschlag. Meine aufs Wesentliche reduzierte Existenz geborgen in einer Auster, gehüllt in Wohlklang, wärmende Geborgenheit und in mit jedem Atemzug dicker werdendes Perlmutt.

Mir träumte, gefangen in einer Perle am Hals einer fremden Dame zu baumeln. Deren Wesen mir so fremd war wie ihr das meine. Irisierendes Perlmutt hinderte mich, mein Wesen zu entfalten. Verlieh mir Wert, der nicht der meine, der mir nicht zu eigen war. Zur Schau gestellt.

Nicht der Traum hielt mich gefangen. Mein Körper, Treibholz, dümpelte in einer fernen Dünung. Meine aufs Wesentliche reduzierte Existenz befand sich, in einem Goldfischglas durch Raum und Zeit treibend, in einer Auster. Einer Auster, die nachts den Sternenhimmel betrachtete.

Warum, woher das Perlmutt? Weder dem wohlklingenden Gesang der Auster entsprang es, noch dem natürlichen Trieb aller Austern, Fremdkörper abzukapseln. Wars jene bodenlose Schwäche, die meinem Denken über alles Körperliche hinaus zusetzte, es löste, auflöste? Mich abkapselte.

Schufen jene bis ins Mark reichende Müdigkeit und der tiefe Schlaf, den sie nach sich zog, das Perlmutt, das mein Wesentliches in immer neuen Schichten fest in seine Form bannte? Ein Schleppnetz am Grund des Unterbewussten, den es aufwühlte. Ab und an verfing sich ein Traum.

Schwäche. Sie wahrzunehmen braucht es einen Körper. Nicht anders verhält es sich mit Müdigkeit und Schlaf. Körper und Schlaf sind eins, nicht das Wesen, nicht das Wesentliche. Denn das ruht derweil im Inneren, ein Leben lang. Ist, was es ist: Das Wesentliche meiner Existenz. Vielleicht, kam mir in den Sinn, entsprang die Hülle aus Perlmutt, die sich während Traum und Schlaf in der Auster um das Wesentliche meiner Existenz legte, meinem Sehnen nach einem Körper. Auch das In-den-Sinn-Kommen bedarf eines Körpers - wie alles Schlafen und Träumen. Mein eigener Körper dümpelte fern in einer Dünung aus Fieber, Schwäche und Schlaf. War es an der Zeit, zu ihm zurückzukehren? Dünung, Zeugnis eines längst vergangenen Sturms. Vergangen. Und doch ... kehrte ich zurück, wäre es Rückkehr aus dem Frieden in hilflose Ohnmacht. Rückkehr zum Körper. Rückkehr in Mattigkeit. Und das Atmen erst. Jenes Ein und Aus, das ich als selbstverständlich genommen hatte, und das nun allmählich wieder zu meinem eigenen wurde. Gestalt annahm. Seine Flügel nach und nach mehr anfüllte, spannte, bereit, zu fliegen.

So fern mein Körper mir gewesen war - nun waren das Goldfischglas und die Auster darin die entfernten Vertrauten. Traum. Jene Insel, auf die ich mich gerettet hatte, als mein Körper Schiffbruch erlitten hatte und, entlegene Fremde, in haltloser Dünung gewiegt worden war.

Dienstag, 8. Dezember 2020

Das Ende des Sphüngs

Als der Sphüngs sein Ende nahe sah, beschloss er, dem ein solches zu bereiten und stürzte sich zielstrebig darauf. Eigenartigerweise nahm sein Ende Reißaus vor ihm. Von der Vorstellung beseelt, auf diese Art Unsterblichkeit zu erlangen, trieb er es vor sich her. Denn so, meinte der Sphüngs, könne er es noch auf Jahre von sich fern halten. Leider ermüdete sein Ende und der Sphüngs bekam es zu packen, biss zu! Die Erkenntnis, wie schmerzvoll solch ein Ende sein kann, durchfuhr den Sphüngs wie ein Blitz. Von der Schwanzspitze her, natürlich. Während der Schmerz nachließ, wunderte sich der Sphüngs: Wie ihn etwas, das er vor sich her jagte, von hinten erwischen konnte. Sphüngse! 


Ludwig Janssen © am 1.7.2006

Freitag, 12. Juli 2019

Lisbeth und der alte Mann vom Meer

Lisbeth rieb sich den Schlaf aus den Augen. War das was? Sie meinte, vom Garten her ein Geräusch vernommen zu haben. Das schabende Quietschen rostiger Kettenglieder, die aneinander rieben. Lisbeth hüpfte aus dem Bett und lief auf bloßen Füßen zum Fenster. Draußen war es kühl. Gerade so, wie es sich für einen Frühlingsmorgen geziemt, und die Fensterscheiben waren beschlagen, von außen. Lisbeth strich sich eine blonde Strähne aus der Stirn und versuchte behutsam, das Fenster so leise wie möglich zu öffnen. Der Rahmen war im Fensterstock etwas aufgequollen von der Feuchtigkeit. Und so folgte der Fensterflügel nur widerstrebend und auf einen kleinen Ruck hin. Das Glas der Fensterscheiben erbebte. Leises Scheppern.
Kühle, feuchte Morgenluft strömte ins Zimmer, umfloss das zierliche Persönchen darin, dass sich die Härchen auf den Armen des Mädchens aufstellten. Irgendwo hinter der Ligusterhecke tschilpte eine Schar Spatzen. Doch von der Sternrenette her kam das Geräusch, dem Lisbeths Neugier galt. Dort hing die alte Schaukel, die der Großvater schon ihrer Mutter, als die noch ein Kind war, am stärksten Ast des Baumes angebracht hatte. Und auf der Schaukel, wieder rieb Lisbeth sich die Augen, war die graue Gestalt eines alten Mannes mit Hut zu erkennen, der dort saß und ein wenig hin und her schaukelte.
Rasch schlüpfte Lisbeth in ihre Gummistiefel, warf sich eine rote Weste über das geblümte Nachthemd und eilte in den Garten.
"Hallo?"
Der Mann hob den Kopf.
"Was machst du da?"
Ein müdes, aber freundliches Lächeln war die einzige Antwort.
"Wer bist du?"
Das Lächeln, wieder. Blass wirkte er, der Alte auf der Schaukel, und wer genauer hingeschaut hätte, hätte seine Haut, sein Gesicht in bläulichen Schimmer gehüllt gesehen.
"Kalt ist's! Ist dir kalt, alter Mann?"
"Mhm, schon. Ein wenig."
Lisbeth war nun näher an den Mann herangetreten, der so freundlich und doch so traurig wirkte und griff nach seiner Hand. Auch die fühlte sich kühl an, kühl und frisch wie die Morgenluft, die Lisbeth frösteln machte.
"Oh, was hast du kalte Hände! Komm, komm mit in die Küche und ich mach dir einen heißen Kakao. Und dann erzählst du mir deine Geschichte und wie du hier in den Garten auf Mutters Schaukel kamst, ja?"
"Mhm, ja, gut."
"Du bist ja ganz nass! Komm", zog Lisbeth den alten Mann hinter sich her ins Haus: "Du wirst staunen, wie gut so eine große Tasse heißen, süßen Kakaos tut."

Er duftet wie Ferien an der Nordsee, dachte Lisbeth bei sich.

Montag, 8. April 2019

Episode 35

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH



Es regnet. Heftige Böen blättern in den Kronen der alten Kastanien. Ein letzter Besucher verlässt das alte Gebäude, in dem es in Bildern erzählte Geschichten zu betrachten gab. Den Hut tief in die Stirn gezogen strebt er gebeugt seinem Fahrrad zu. Die Luft duftet nach Salz.

Episode 34

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH



Die Bilder eine in Rechtecken erzählte Geschichte. In Rechtecken, die sich nun vor deinen Augen schließen. Noch ehe sie offenbarten, was aus dem alten Mann und seinen Büchern wurde. Keine sich im Sand zum Horizont verlierende Spur, kein Gruß, kein Abschied. Kein Fenster auf Kipp.

Freitag, 5. April 2019

Episode 33

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH



Du schließt das Fenster. Zugleich bemerkst du, dass sich in den letzten Bildern an der Wand gegenüber die Rechtecke der Geschichte schlossen. 
Aquarelle. 
Vögeln gleich, die sich zu Beginn einer großen Reise sammeln, die Schwingen geschlossen auf ein letztes, erholsames Rasten.

Donnerstag, 4. April 2019

Episode 32

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH



Von See her war der Sturm aufgezogen und hatte letztendlich das Boot längsseits zurück auf den Strand getrieben. Dort lag es über die Bordwand zur Seite gekippt und ergoss seine seltsame Fracht über den Sand. 

Eine Grasmücke hatte sich auf dem Kiel niedergelassen und pflegte ihr Gefieder.

Mittwoch, 3. April 2019

Episode 31

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH


Wärmendes Sonnenlicht? Ausgeschlossen! Nicht hier, am Grunde des Ozeans. Unverhofft stieß das Wesen den alten Mann von sich. Wandte sich ab und verschwand mit der Strömung. Der Kopf des alten Mannes prallte gegen einen Felsen. Ein Schlag, der ihn durchschüttelte bis ins Mark.

Episode 30

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH



Phantasierte er? Dem alten Mann war, als wende das blassblaue Wesen aus dem Meer ihn behutsam auf den Rücken, wüsche sein fahles, bärtiges Gesicht. Bliese es an, dass es abkühle. Zugleich senkte sich der Blick der unergründlich meergrünen Augen in seine Brust. Das Licht der Sonne wärmte.

Sonntag, 31. März 2019

Episode 29

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH



"... Ein kleiner Fisch kam aus Norden aufs Boot zu geschwommen. Es war eine Flunder, und sie schwamm dicht unter der Oberfläche. Der alte Mann konnte sehen, dass sie sehr müde war ..."

„… Es waren die kleinen Vögel, die die Großmutter Fische nannte, denn sonst hätten es die Kinder nicht verstehen können, da sie nie einen Vogel gesehen hatten. …“

Episode 28

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH


Der Blick aus dem Fenster erinnert dich an die Welt dort draußen. Bist am Ende des Ganges angelangt. 
Im Altenheim nebenan stellt man das Fenster auf Kipp, wenn eine Geschichte zu Ende erzählt ist. 

Luft! Du öffnest das Fenster einen Spalt weit. Das Lied einer Amsel weht hinein.

Episode 27

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH


Der alte Mann schloss die Augen und nickte.
„Bin ich … jetzt … auch … Dünung?“


„Du bist.“


„Irgendwo. Fern jenem Ort, an dem der Sturm mich auftürmte, zum Himmel trug und in die Tiefe schleuderte, mich zerriss zu stiebender Gischt. Eine am offenen Fenster zu Ende erzählte Geschichte.“