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Donnerstag, 28. September 2017

Herr Schalupke und das Schiff


Er stand am Strand und schaute aufs Meer. Es duftete nach Tee, schwarzem Tee. Am Horizont tauchte die Silhouette eines Schiffes auf, das Kurs auf den Strand hielt. Herr Schalupke setzte sich auf ein Sandkorn, ließ sein blaues Huhn in den Dünen spazieren und wartete auf die Ankunft des Schiffes. Allmählich kam es näher. Seltsam: Obwohl es sich stetig näherte, blieb es doch so klein, wie es am Horizont aufgetaucht war. Herr Schalupke selbst jedoch, sein Huhn ebenfalls, wuchs und wuchs. Als das Schiff anlandete, krempelte Herr Schalupke seine Hosenbeine hoch bis zu den Knien. Er rief sein Huhn zu sich, nahm es unter den Arm und watete zum Schiff. Es knisterte einladend, als Herr Schalupke über die Reling strich. Die Bordwand des Schiffes war übersät mit verwaschenen bläulichen Schriftzügen. Herr Schalupke schwang sich, das Huhn unter dem Arm, an Bord. Das Schiff legte ab Richtung Horizont. Schalupke las derweil, was er von den Schriftzügen entziffern konnte: Es ging um einen Mann mit Huhn an einem Strand, an dem es nach Tee duftete.


Ludwig Janssen © 27.9.2017

Freitag, 18. Juli 2014

Flugbegleiter

Nicht, dass es etwas Ungewöhnliches wäre, am Ende eines verträumten Tages einen schlafenden Mann anzutreffen, führen doch Sommerspaziergänge durch den Bayerischen Wald ab und an zu den ungewöhnlichsten Winkeln. Die tun sich auf hinter der nächsten Wegbiegung und schließen sich hinter dir mit dem nächsten Schritt.

Da sah ich ihn liegen. Auf einer frisch gemähten Wiese am Waldrand. Auf den ersten Blick war er mir vertraut, hatte ich ihn doch bereits schon einmal liegen sehen und schlafen, auf einer Bank, im Flughafenterminal eins, in einer Geschichte Andreas Louis Seyerleins. Wieder trug er ein hellblaues Hemd, wieder barfuß, ein Paar Schuhe neben sich.

Neugierig, ob er auch mir der einzige Mensch bleiben würde, dessen Augen ich nie geöffnet sah, trat ich näher. Ich erkannte das ergrauende Haar bereits seinen Hinterkopf preisgeben, auch, dass ihm ein prächtiges Bäuchlein knospte und – dass seine Augen geschlossen waren, für schlafende Menschen nicht ungewöhnlich. Dann sah ich es:

Der Rücken des hellblauen Hemdes wirkte ein wenig ausgebeult, barg es doch ein Paar auf dem Rücken gefalteter Flügel. Es handelte sich sehr wahrscheinlich um einen Flugbegleiter. Flugbegleiter sind im Andersen'schen Sinne gute Gefährten, welche, ruhen sie auf einer Bank oder einer frisch gemähten Wiese und deine mitfühlenden Blicke auf ihnen, von der Kraft zurück gewinnen, die sie während der Begleitung verloren. Und ja, würden wir je in ihre geöffneten Augen schauen, würden wir in ihnen das Ziel all unseres Reisens erblicken - und unglücklich zurückbleiben, entweder zu früh trauernd - oder uns zeitlebens sehnend.

Ludwig Janssen © 18.7.2014


 

Dienstag, 10. Dezember 2013

Rotkohlgesang

Was macht der Rotkohl im Garten? Warten.
Auf seine Zeit, und unterdessen, wenn

er nicht längst von Schnecken oder Hasen
gefressen, wächst er, schweigt ... denn 

sobald ein Tag zur Nacht sich neigt
bricht der Rotkohl auf, sein Lied
zu singen, das uralte, rot gewirkte
ins Himmelblau des Westens, zieht 

unbemerkt zum Horizont, verglüht
dort, nicht lang, doch voll und schön
füllt sein Gesang die Atmosphäre
sieht man den Abendrotkohl gehn
Ludwig Janssen © 11.8.2010

Sonntag, 27. Oktober 2013

Der Einst

Der Einst baut Häuser in der Zukunft, wohnt jedoch in alten Zeiten. Auf dem Weg zur Arbeit und auf dem Heimweg begegnet er sich selbst, ohne jedes weitere Verwundern, zieht den Hut, grüßt lächelnd - und geht seines Wegs. 

Beinahe wie ein Mensch. 

Dabei legt er mit jedem Schritt Gegenwart zurück wie einen Backstein. Die Steine sammelt er, der Einst, in seinen Hut. Und doch findet man von denen keinen in einem Haus. Ich nehme an, dass sie aus dem Hut fallen. Jedes Mal, wenn er sich begegnet. 
Ludwig Janssen © 23.1.2006

Samstag, 10. August 2013

Treffpunkt Gartenzaun (eine Fischichte)

Alle Geschichten haben einen Eingang. Da ist wer, der wie ein Tor im Gartenzaun wirkt, oder gerade so, als ob ihm ein, zwei Latten fehlen, im Zaun, ein Zaunkönig vielleicht, jemand, der einlädt: Komm, leg dein Köpfchen an meine Schulter, schließ die Augen und lasse deinen Gedanken freien Lauf: Phantasie, das sind Gedanken wie freilaufende Hühner, frei laufende Hühner schlüpfen durch das Loch im Gartenzaun:

E i n g a n g

Kurz vorm Einschlafen hatte ich der Katz in die großen Kulleraugen gesehen. Nicht nur das, sogar angesprochen hatte ich sie und gefragt, ob sie … Doch sie blinzelte nur und hüpfte von der Fensterbank hinaus in die Mainacht, die nach Gewitterregen duftete und frisch gemähter Wiese.

Ein wenig Nacht später und etwas Wiesenduft weiter war es Tag und ich sah das Brathähnchen. Rote Strümpfe, Wolle wohl und selbstgestrickt, schlackerten um seine viel zu langen, dünnen Beine. Bei jedem Schritt winkelte es ein Bein zunächst an, zog es in Zeitlupe zu Körper hin und streckte es dann ebenso lang wie behutsam nach schräg unten ins Gras, gerade so, als würde es durch Salat … was auch gut möglich wäre, denn womit, bitteschön, soll ein Brathähnchen denn auch erkennen, dass es nicht … du weißt schon. Deshalb konnte es mich ja auch nicht hören, jedenfalls mit den Beinen, so was können nur Grashüpfer. Ich sah ein, dass es aus diesem Grund auch keinen Sinn machen würde, das Brathähnchen darauf anzusprechen, wie surreal es daherkäme, so ganz „ohne“, wie Brathähnchen nun einmal sind - und doch alles andere als kopflos. Obwohl, selbst „ganz“ ist für ein Brathähnchen keine Selbstverständlichkeit. Doch mit genau dieser Selbstverständlichkeit stakste es jetzt durch die Wiese, die Luft duftete nach Gras und der Tag schmeckte ein wenig salzig.

Nichts in die Augen reiben, nur nicht die Augen, dachte ich mir, da kam der Hering auf mich zu, schwamm mir vor der Nase umher, kleine Glitzerkapriole, wie man sie auf der Achterbahn oder von Kunstfliegern sehen kann, und glotzte. Fischaugen sind immer ’n bissi glotzig, findest du nicht? Also konnte er ja nichts dafür. Der Hering schwamm also vor meiner Nasenspitze und glotzte. So nah, dass ich ein wenig schielte. Kennst du das auch? Dann machte der Hering etwas, das ich noch nie zuvor bei einem Fisch bemerkt hatte: Er lächelte! Kannst du dir vorstellen, wie sich das anfühlt? Du bist auf einer Wiese, vor deiner Nasenspitze wedelt ein Hering mit seinen Brustflossen und lächelt dich an, das auch noch tagsüber? Ja, kannst du? Gut, dann erzähle ich weiter.

Das lächelnde Silbergeflutsche vor mir glotzte immer noch. Wie gesagt, kein Wunder, schließlich können Fische nicht anders, das heißt, diese armen Dinger können nicht blinzeln, wie zum Beispiel meine Katz das kann. Aber besser noch als das Brathähnchen haben sie es, denn die wären vielleicht froh, wenn sie wenigstens aus Fischaugen in die Welt stieren könnten, und können noch nicht einmal das. Brathähnchen haben nämlich keinen Kopf, aber das weißt du ja schon längst. Brat. Mir fiel auf, dass dieses Wort sich in diese Geschichte hier geschlichen hatte und sich allmählich breit machte. Es verströmte den Duft von Brathähnchen, zog ihn hinter sich her, denn das Wort war immer einen Ticken schneller als der Duft. Ah, dachte ich mir, dann ist das eine gute Geschichte.
Glaube mir, das stimmt: In guten Geschichten ist das Wort immer, aber nur ein wenig, schneller als Bild oder der Duft, ein winzi, winzi Tickchen nur, dann löst es sich auf - und du weißt nicht, war da jetzt ein Wort - oder war dieses Bild, war dieser Duft nicht eigentlich schon immer da? Kleine Fragezeichnung. So wie hier der Duft von Brathähnchen. Gerade so, nicht lachen, als hätte das Wort einen Furz gelassen. Rose zum Beispiel ist ein Wort, da weiß auch gleich jeder, wie das riecht, wenn es pupst. Das hört man - ein leises, klein geschriebenes pffft – und schon ist alles vollgeduftet. So, jetzt aber wedeln, wedeln, wedeln mit beiden Händen, damit der Rosenduft verschwindet, denn der gehört nicht hierher, hat hier nichts verloren, also braucht er auch nicht zu suchen und wir wedeln ihn zum Fenster hinaus. Na ja, gibt ja kein Fenster auf der Wiese, aber wir beide tun in dieser Geschichte so, als wäre da eines.

Puh! Der Hering ist immer noch da und lächelt, Brat duftet ungestört, das Hähnchen stakste mittlerweile von der Wiese und aus dem Bild, ist wahrscheinlich blind über den Rand der Geschichte hinaus gelaufen und fiel aus dem Rahmen. Nur der Fisch ist noch da, du und ich sind es auch, und irgendwo da draußen in der Nacht, die ein salzig schmeckender Tag ist und eine nach Gewitter duftende Wiese, läuft meine Katz und schnuppert an Gänseblümchen. Nun ja, nur vielleicht, denn ich kann sie ja nicht sehen. Du etwa? Nein? Siehste. Oder besser nicht, siehst’ ja nicht, die Katz jedenfalls. Siehst du den Fisch? Ja? Gut. Dann kann ich ja weiter schreiben.

Ich frage den Hering, den ollen Lächler, ob er sich „Brat“ vorstellen kann, also, ob er sich vorstellen könnte, wie das Brathähnchen … da knipst der sein Lächeln aus, glotzt nur blöde und, ich würde schwören, sogar ein wenig vorwurfsvoll, patscht mir seine silbrige Schwanzflosse rechts, links, flitsche-flatsch um die Ohren und flitzt weg, aus dem Bild, auf und davon. Dabei habe ich doch bloß gefragt. Heringe sind eben leicht eingeschnappt, so sieht das aus. Eigentlich müsste diese Geschichte jetzt so weitergehen, dass ich schreibe, der Hering hätte das Weite gesucht, ohne einen Ton zu verlieren. Das geht aber nicht, denn zum einen ist es so, dass Fische nicht stumm sind, wie man immer sagt und Heringe sehr wohl in der Lage sind, einen Ton von sich zu geben, ja, sie unterhalten sich sogar miteinander – zum anderen war dieser Hering dermaßen sauer auf mich, dass er geplatzt wäre, hätte er nichts gesagt. Nun ist es so, dass Heringsworte sich anhören wie kleine Pupse, denn es sind tatsächlich Pupse, mit denen sich Heringe unterhalten. Kannst du dir also vorstellen, was für ein Geknatter das war, als der Hering, total wütend auf mich, das Weite suchte? So laut war das, wäre ein Moped ohne Auspuff durch diese Geschichte gefahren, du hättest das nicht gehört. Es duftete nicht einmal mehr nach Brathähnchen, so viele Heringsflüche schwaderten heringssilberfluchendgrün durch den Tag, der eigentlich Mainacht war, und über die Wiese mit meiner Katz mit den Blinzekulleraugen darin.

Außerdem suchte der Hering das Weite nicht, er fand es auf Anhieb, gerade so, als hätte er es aus der Hosentasche gezogen. Das Weite steckte im alten Gartenzaun, du weißt schon, an der Stelle, wo die zwei Latten fehlen. Dort verschwand der Hering und nahm diesen Ausgang der Geschichte. Du lachst? Doch, tatsächlich, das ist alles genau so passiert, wie ich es dir hier erzähle, frag’ die Katz, sie ist noch da draußen auf der Wiese, also in der Geschichte, und schnuppert an Gänseblümchen. Jetzt habe ich dir ein Geheimnis verraten, nämlich, dass Geschichten einen Ausgang haben. Eigentlich sind es mehrere Ausgänge, und wenn du magst, kannst du dir einen dazu denken, doch einen davon nehmen sie immer. Du und ich, die Katz, das Brathähnchen (und brat mir einer ’nen Storch, denn der war auch dabei, hast du’s bemerkt?), der Hering, die Wiese mit dem Gewitterregenduft und der Tag, der eigentlich eine Nacht ist, auch die Nacht selbst, alles hat einen Ausgang. Alle Dinge, die beginnen, enden auch.

So, mein Lieb, jetzt kennst du eine meiner Fischichten, hast das Brathähnchen auf der Wiese gesehen, den lächelnden Hering pupsen gehört und bist eine Weile mit mir durch einen Tag im Mai geschwommen, der eigentlich Nacht ist und nach Gewitterregen duftet. Inzwischen ist auch die Katz wieder zurück, sitzt im Mondschein auf der Fensterbank und blinzelt.

Wenn du magst, kannst du ihnen Namen geben, bevor du einschläfst, denn ich habe sie nicht danach gefragt.


Hier ist die Geschichte zu Ende, siehst du?

 
A u s g a n g

 

Gute Nacht!

 

Ludwig Janssen © 31.5.2008

Dienstag, 16. Juli 2013

Aus dem Logbuch der Nano-Nana Yokto Onos

Gestern Nacht ließ ich meinen Gedanken freien Lauf, da baute sich eine winzige Gestalt vor mir auf, schwarzes Haar, wilde Locken, und sagte: „Schreib!“

Eintrag im Logbuch der Nano-Nana: Ich, Yokto Ono, mache mich auf den Weg in den Raum. Dem Vorstellungsvermögen meines Ausdenkers entsprungen und literarische Manifestation im Gewirr elektronengebunder Ladungszustände, mache ich die mir zur Verfügung gestellte Nano-Nana startklar und breche auf, das kleinere Ende der Unendlichkeit zu ergründen.

Die Triebwerke der bunt schillernden Nana tönten hell, lichtern sirrend entließen sie ein Photon nach dem anderen und das Schiff schob sich im Einklang mit Impulserhaltungsgesetz und Zeitdilatation bewegter Teilchen zwischen Zeit und Raum. Yokto harrte am Bullauge aus und spähte ins Kleinste. Eigentlich in den Raum, der sich nun, da die Nano-Nana ins physikalisch Wesentliche ihres Ausdenkers vorstieß, zwischen Atomkernen und Elektronen auftat. Vom kleinen Ende der Unendlichkeit keine Spur. Lediglich unruhige Schatten, welche, vom Lichtblitz des Photonentriebwerks ins Hirn geworfen, dort flüchtige Gestalt annahmen und knisternd die Windungen entlang geisterten.

Die Ladungszustände der den Neuronensträngen ihres Ausdenkers folgenden Gedanken glichen Schiffen, deren das Fließende teilende Kiele das einzig Sichtbare vergangener Dreimaster war, mit dem sie in die Dreidimensionalität der sich im Hirn manifestierenden Denkprozesse ragten.

Turbulenzen!

Im Bemühen, seinen Gedanken mit Yokto Ono darin nebst Nano-Nana zu kommunizieren, hatte ihr Ausdenker diesem einen Gang formuliert, über den sie und ihr überaus weiblich gerundetes Schiff ins Freie gelangten und in freie Virtualität gerieten. Einmal kommuniziert existierten Schiff und Logonautin nun in einander parallelen Bewusstseinen gespiegelt und ihren eigenen Spiegelgestalten gegenüber.

Frei! Im Kern eines Sauerstoffatoms angelangt, lenkte Yokto ihre Nana durch ein Gewirr von aus allen denkbaren Richtungen auf sie einprasselnden Photonen hindurch auf riesige Myonen zu, auf der Suche nach so etwas wie Windschatten. Doch jeglicher Versuch anzudocken schlug fehl, denn jedes Myon zerfiel und mit ihm dessen dreidimensionaler Zustand.
Schließlich kam die Nano-Nana zum Stillstand. Ein Arm hatte sich zwischen die beiden Up-Quarks und das Down-Quark eines der sie im Atomkern umgebenden Protonen gebohrt. Yokto Ono öffnete das Bullauge und griff nach den Quarks, deren schwammiges Drehen vor ihren Augen auf und ab tanzte, als ihr Trägergedanke abriss und ihre Existenz jäh endete. Jedenfalls die einer der ungezählten Spiegelwelten zugehörige mit einer bunt schillernden Nano-Nana und ihrer Pilotin Yokto Ono darin.

Wie geht es ihr?

Ludwig Janssen © 16.7.2013

Samstag, 18. Mai 2013

Google forderte: Beweisen Sie, dass Sie kein Roboter sind

Ofrones CHALLENGE! Tysremb Reader griff sich einen manugru perse aus der Obstschale in der Eingangshalle von piffect 1205. Wer mochte ismaxpl Ure ausgelöscht haben? Der jus des manugru perse rann Reader das Kinn hinab. Der adminis Akeyeu! Wer sonst? Der düstere thanges von piffect 1205 hatte ihm den Rücken zugekehrt, hielt das blutige 16:8 tsavcc dort vor den Kollegen der Spurensicherung verborgen. HA! Tyremb Reader warf dem verdutzten adminis Akeyu den angebissenen manugru perse an den Schädel, zog seine 428 ainlyee und zischte dem sich überrascht Umkehrenden ins Gesicht: from PAfries, du Scheusal!

Der Evening hedMted über piffect 1205. Tysremb Reader wandte sich dem Eingabefeld zu:
Zufrieden, Google?
Schweigen.

Ludwig Janssen © 18.5.2013

Montag, 11. März 2013

Das Leistung

Ein lautes Tung, es läuft zum Lich, zu tungen es und auszuwringen. In einen Wald vor lauter Bäumen ungekröntes Laub zu bringen, zu Rings, das ringsum Gras umgibt, es zu erheben … in Wäldern leben mag das Lich – leider nich.
Das Tung läuft in die Stadt hinein, zu schrein: AUS! Schreit das Tung dort, randaliert. Gibt sich über Pflastersteinen (Menschen bluten, Menschen weinen), brutal - und äußerst ungeniert. Rennt tung! tung! an Laternenpfählen das Hirn sich ein auf wilder Flucht, sah es doch fern das Verhaf, welches, seit jeher endlos, nach ihm sucht.
Da kommt ein Kind (eine Frau främe) und nimmt (dann: nähme) sich das Tung, das grundhals tungt und liegt und schweigt, wirft das Tung als Klei sich über, da es zu Rechtschreibfehlern neigt.
Ach, um das Kind herum (die Frau wär lieber) gelangt das Tung so an das Meer, findet sich in der Bran dort wieder – ein Schiff, papieren (ach, irgendwann wird es kapieren, das Kind, dass man doch Brantung Brandung schreibt). Es wiegt das Tung, aus Zei gefalten, geworfen hin und wider sich, findet Haf, gelöst, gematscht, an einen Felsen hingeklatscht … und wieder Gischt, bewahrt es Hal, lässt sich treiben mit den Fluten, den guten (fern alles Mao Tze), weh ist ihm um sein Innen, ent möchte es, -rinnen und auch -kommen, letzt‘res an auch … Menschenwort.

Der Wellen Immerwieder plitzelt und knistert und flüstert und schäumt - anlandend verläuft es sich am Strand … deines Denkens - und das Tung darin träumt, leise zu Land sich – und findet, als Leistung: Dich, sich zu erfüllen (und sei es papieren zu knüllen, in Körben: ... verstörben).

Ludwig Janssen © 11.3.2013

Mittwoch, 27. Februar 2013

Funkelmariechen

Gestern Nacht, draußen knackte der Frost in der Ligusterhecke, klopfte eine Rübe an mein Fenster.
Eine Runkelrübe, eine kleine. Das ist ungewöhnlich, da Runkelrüben winters zur Miete wohnen und sich, von Erde bedeckt, still verhalten. Sie fürchten Frostbeulen, müssen Sie wissen. Neugierig geworden öffnete ich das Fenster und ließ sie ins Zimmer.

Kaum, dass die Rübe von der Fensterbank ins Zimmer gehüpft war, lief sie zum Schreibtisch und kletterte daran hinauf. Ich sah ihre für den klobigen Körper viel zu dünnen Beinchen und wunderte mich nicht minder über die aus der Rübe ragenden filigranen Ärmchen, mit denen sich meine Besucherin auf den Tisch verhalf. Doch wunderte ich mich nicht lange, denn oben angelangt klappte die Runkel auf – und ein zierliches Persönchen in weißen Stiefeln, kurzem roten Röckchen und mit rotem Dreispitz und ebenso roter, kurzer Jacke über weißem Blüschen sprang hervor: TÄ-TÄÄÄ!


Guten Abend, Sie sind ein - Runkelmariechen?
Wie bitte?

Ein Runkelmariechen, Sie sprangen aus einer Runkelrübe.

Ach, papperlapapp, dididi da dit, das‘ nur so’ne Art Mantel. Mir war kalt.

Sie setzte sich auf den Anspitzer neben meiner Teetasse und wärmte sich die Hände an ihr. Kein Wunder, wer in eine Runkelrübe gehüllt und derart leicht gekleidet im Winter unterwegs ist, friert schon mal leicht. Ich war unschlüssig, ob ich sie mit weiteren Fragen behelligen sollte, man bekommt selten Besuch, nachts, im Winter. So ließ ich sie sitzen und sich aufwärmen, derweil meine Finger über die Tastatur klickerten und Sätze wie dieser sich auf dem Monitor ausbreiteten.


Eigentlich bin ich ein Funkelmariechen.

Ein was?

Ein Fun kel ma rie chen, didadi dadi dit!
Sie schüttelte den Kopf,  neigte ihn zur Seite und sah zu mir hoch:
Noch nie gehört?

Nein, nur Funkenmariechen, und, mit Verlaub, Sie sind auch wie eines gekleidet.

Ja? Ach, das … Sie strich ihre Kleidung glatt … habe ich gefunden, einer Plastikpuppe ausgezogen, die im Rinnstein lag, draußen in der Stadt …

Draußen?

Nein? Was ist ungewöhnlich daran „draußen in der Stadt“ zu sagen?

Nun, eigentlich sagt man drinnen in der Stadt. Weil da so viele Häuser sind. Die sind so hoch, die stehen dicht an dicht, die geben einem das Gefühl, umgeben zu sein, wie von einem Gefäß, drin halt, in einer Stadt.

Hm …

Sie zog einen Flunsch, schien nachzudenken. Dann schaute sie unverhofft zu mir auf, ihre Augen … noch nie zuvor sah ich ein derart tiefes Blau … strahlten:
Eben!

Eben was?

Häuser hat man dort, also Wände, die hoch sind, Wände, die grau sind, vor allem nachts, die versperren einem den Blick zum Himmel, da ist der Horizont aus Stein, Dächern, Mauern, die sperren einen aus – also ist man draußen, dididi didi dadi dadidit, du Mensch da draußen in einer deiner zahlreichen Hüllen.

Draußen aus was?

Draußen aus dem, das der Himmel umgibt, dididadi didida dadit.

Hm?

Sie verdrehte die Augen:

Draußen aus dem, hm, nennen wir es - Gefühl, das nur eine Nacht unter freiem Sternenhimmel vermitteln kann, dadida di dadit.

Ach so …

Ich gab vor zu verstehen, doch war mir nicht wirklich klar, was sie damit meinte. Was die Kleine da auf meinem Schreibtisch in Frage stellte, war schließlich allgemein gültige Auslegung und Perspektive. Was wusste ein solch kleines Ding, dass allein seiner geringen Höhe wegen schon einen im Vergleich zu meinem begrenzten Vermögens, über Ränder, und zwar Tellerränder, hinwegzusehen, schon über Horizonte? Nichts … nichts und wieder nichts, oder?

Sie lehnte rücklings an der Teetasse, schlug die Beine übereinander, wickelte eine ihrer langen, schwarzen Locken um den Zeigefinger und eröffnete:

Funken, klar, dass wir auch funken, aber in erster Linie funkeln wir. Wenn wir uns versammeln in dem, was ihr Menschen Funkstille nennt. Wer sonst als wir könnte auch das ganze Ding in Gang halten …

Wir …? Das Ding …? In Gang …?

Die Relaisstation!

Sie lachte, griff sich ein Wort aus der Tastatur und sprang wieder auf die Fensterbank:
Machst du mir bitte wieder auf, Mensch?

Relaisstation? Verwundert ging ich zum Fenster, öffnete es und komplimentierte die Kleine mit einer Verbeugung zum Fenster hinaus:
Du nahmst dir ein Wort aus der Tastatur – welches, wozu brauchst du es? Und … deine Rübe?

Sie winkte lachend ab:
Nur eine Rübe, was brauche ich eine Rüüübe?

Mit Dadidadi dididah, vielleicht bis zum Sommer, dann! sprang sie aus dem Fenster, lief die Ligusterhecke entlang, dann über die Wiese den Hang hoch, funkelte dem Horizont entgegen auf eine Gruppe weiterer Funken zu, die sich um eine Art Maschine geschart zu haben schienen – dort verlor ihr Funkeln sich unter seinesgleichen.

Ich rieb mir die Augen. Sie waren verschwunden, alle. Der Horizont lag wie gewohnt auf dem Hügel gegenüber, bereit, sich in einer weiteren Ferne zu verlieren, egal, wer ihn sich zu greifen trachtete, die Nacht ruhte auf seinen kalten Schultern. Wolkenlos, wolkenlos und frostklirrend. Da war noch was, irgendetwas hatte ich nicht beachtet, wahrscheinlich wars nicht groß genug oder zu klein, vielleicht aber war ich es, der zu klein oder nicht groß genug war, es zu fassen. Mir wurde kalt. Doch bevor ich das Fenster schloss, fiel mein Blick auf die Sterne am Himmel, und dadidadi dadadidah schloss ich das Fenster mit einem Seufzer.

Welches Wort wohl mochte sie sich aus der Tastatur gegriffen haben?

Ludwig Janssen © 26.2.2013

Freitag, 15. Februar 2013

Das Zwar

Fand ein Zwar, ein kleines, ein zwar also, das wusste nicht, woher, das wusste nicht, wohin. Ob ein Zwarbe es verloren hatte, schwirren Flugs? Nein. Ob es, geschlüpft aus zwarzem Ei, zum Zwan sich mausern würde? Nein. Blieb zwar, blieb, was es war, hüpfte von meiner Hand, hockte sich vor den Zwiegel und ... zwieg. Betrachtete sich eingehend, schaute sich schließlich selbst in die Augen. Dann wieder mir, dann wieder sich selbst, tief, tiiief ... tiefer. Und hätte ich nicht so genau hingesehen, und wäre ich nicht so müde gewesen, und hätte es mich nicht mitgezogen in die Tiefe seiner zwarzen Augen, ich hätte nicht bemerkt, wie es allmählich begann, in sich selbst hinein zu sinken - es sank und sank und sang ... zwar sang es, zwar, so zwar. In seiner Mitte angelangt, sank es aus sich hinaus, zwar sang es, doch sank es zwar und zwer durch sich hindurch, auf seine andere Seite, ich mit ihm, und ...  

Ich hörte leises Wiehern. Nah. Hufe scharrten, näher, irgendetwas schnaubte mir ins Ohr mit weichen Nüstern: Das Zwar! Hatte gefunden, was ihm eigen, hatte gefunden, was zu ihm gehörte wie das e zum End. Trat aus all dem Tief des zwarzen, zweigenden Zwiegels und zeigte sich mir. Ein Zwaraber wars, ein zwarzer Zwaraber, eine jener Sagengestalten, wie es sie nur im Zwie zu finden gibt. Im Zwie, jenem Ort, an dem all die Dinge sich begegnen, die zwar ineinander übergehen, aber nie am selben Ort zu finden sind, gerade so wie du und ich.

Ludwig Janssen © 2.12.2011

Dienstag, 12. Februar 2013

Eie Piphan hat eine Erscheinung


Eie Piphan hatte eine Erscheinung, und wäre nicht Soistes Numa Augenzeuge - niemand würde ihm glauben. Die beiden Fischer saßen in ihrem Einbaum, der sich in der Dünung vor der westafrikanischen Küste in Sichtweite von Elmina wiegte, hatten ihre Netze ausgeworfen und waren dabei, sie einzuholen, als Gott an Eie Piphan vorbeiflog, und zwar von links nach rechts, ziemlich schnell und ebenso eindeutig. Er machte einen Kopfstand.

Eie rief "U!",

Soistes fuhr herum, verlor das Gleichgewicht und sah in das erstaunte Gesicht seines Freundes:

"Hm?"

Das wars auch schon.

Piphan schwieg, denn weder konnte er sich erklären, was da soeben an ihm vorübergeflogen war, von links nach rechts und ziemlich schnell, noch konnte er sich in Ermangelung geeigneter Vorkenntnisse dessen Eindeutigkeit sicher sein.

Man darf also mit Fug und Recht behaupten, dass diese Erscheinung Eie Piphan völlig unvorbereitet und ahnungslos angetroffen hatte und auch ließ, ja, man darf sogar davon ausgehen, dass diese Erscheinung, wäre es anders, gar nicht zu Stande gekommen wäre, womöglich auch nicht zu Kopf gestiegen, weil das mit dem Stand und erst recht mit dem Kopfstand auf den Wogen des Atlantiks vor Ghana schon ein Ding gewesen wäre, das höhere Wellen geschlagen hätte als die um den Einbaum es waren und weitere Kreise gezogen als jene, die nun von Soistes Numas Oberkörper ausgehend die Dünung kräuselten. Eie Piphan reichte seinem rücklings über Bord gegangenen Freund die Hand, zog ihn zurück ins Boot und bat um Nachsicht, dass er ihn erschreckt hatte.

"Ach ..." Vater Numa hatte seinen Sohn Bescheidenheit - und zu schweigen gelehrt.

In der Familie Piphan war das eigentlich anders. Doch da Eie Piphan zwar wusste, dass er etwas gesehen hatte, nicht jedoch, was und erst recht nicht, wen, blieb diese Erscheinung unerwähnt.

Gott wars recht. Er hatte es auch nicht anders gewollt.

Hätte ein religiöser Mensch oder ein Philosoph mit Soistes Numa im Einbaum gesessen, hätte er nicht mehr zu sehen bekommen als eine Möwe.

Auch gut.
Ludwig Janssen © 7.8.2010

Freitag, 8. Februar 2013

Bleistift

Diese elenden Finger! Der Bleistift fühlte, wie ihm schwer um sein schwarzes Herz wurde. Seit er seiner Bestimmung folgte, spürte er sich schwinden.

Niemand nahm ihn wahr. Selbst das Papier, dem er sich kaum hörbar kratzend anvertraute, wenn die Finger ihn in endlosen Schleifen schwindlig trieben, rieb ihn auf, nahm seinen graphitosen Kern, knisterte verstohlen – und schwieg.

Samstag, 2. Februar 2013

Cycocel

Am 30. Juni 2011 setzte ich eine Handvoll Halmverkürzer im Rasen vor meinem Fenster aus und überließ sie ihrem Schicksal. Unverzüglich begannen sie, mit winzigen Äxten die wild wuchernden Halme der Gräser zu bearbeiten, fällten Gänseblümchen und errichteten aus deren kräftigen Stämmen Blockhäuser. Legte ich mich nahe der Stelle, an der sie ihr erstes Lager aufgeschlagen hatten, auf den Bauch, konnte ich ihr reges Treiben beobachten. Die Frauen sah man den Männern zur Hand gehen oder an winzigen Webstühlen Gesprächsstoff wirken, der an Transparenz und Brillanz nicht zu überbieten zu sein schien. Ihre Kinder spielten Verstecken im Moos. Als Haustiere hielten sie Springschwänze, die ihnen bis zur Hüfte reichten. Wie zum Vergnügen sprangen die über die Blockhäuser der Halmverkürzer hinweg, suchten jedoch schnell wieder die Nähe der Kleinen und gaben sich ihrem Spiel hin.

Mit der Zeit nahm die kreisrunde Stelle im Rasen, an der die Gräser nicht so hoch wuchsen wie im übrigen Grün, an Umfang zu, doch waren die Häuser der Halmverkürzer von Unkundigen mit bloßem Auge nicht auszumachen, lagen im Schatten des Weißklees, und ihre Bewohner gingen ihrem Tagwerk nach oder zur Jagd, ohne viel Lärm zu machen. Nachts illuminierten grünlich schimmernde Laternchen die freien Flächen zwischen den Hütten. Hierzu hatten die Bewohner der Siedlung Glühwürmchen gemolken und deren Milch zu Leuchtkäse verarbeitet, der in der reifen Variante als Brennstoff taugte, als Quark genossen jedoch dafür verantwortlich war, dass auch die Halmverkürzer in blassem Grün schimmerten. So waren sie leicht auszumachen, wenn sie auf ihren nächtlichen Jagdzügen den Rasen durchstreiften auf der Suche nach etwas, das ihre Speisekarte bereichern sollte. Dann flackerten vereinzelt kleine Feuer auf, um die sich die hungrigen Jäger scharten, Gebratenes aßen und sich Geschichten erzählten von dem, was sein kann und dem, was sein muss.

Heute mähte meine Vermieterin den Rasen.



Dienstag, 29. Januar 2013

Ein Pfirs!

Der August hatte wieder zu sich gefunden, und das reichlich. Reichlich Sonne, Regen nur nachts - und dann beeindruckend inszeniert in Gewittern, die von Westen her als dunkle Wolkenwände voller Wetterleuchten über die Berge quollen und sich gemächlich vor den sternklaren Himmel schoben. In solcher Nacht stand ich draußen, den Kopf im Nacken und genoss das Schauspiel im Westen, den aufkommenden, stärker werdenden Wind. Den Duft von Heu, Regen und nasser Erde, den er mir zutrug, lange bevor die ersten Tropfen fielen. Da flirrte, unverhofft aus dem Nichts aufgetaucht, ein Pfirs um meine Nasenspitze. Ließ mich wissen, dass er betrübt sei, wenn nicht gar unglückl. Unglückl? Er nickte sacht, setzte sich auf meinen linken Daumen und hielt ganz still, als ich mir sein Malheur genauer ansah. Schnell war mir klar, was ihm fehlte, und so vermied ich tunlichst, ihn direkt anzusprechen, dass er mir nicht als Pfirsdu verkam. Schaute ihm tief in die Augen, und die changierten irisierend in allen möglichen Farben zwischen Gelb und Rot. Allmählich, ganz allmählich wurde ihm besser. Je länger wir uns anschauten, umso wohler wurde ihm, dem kleinen Pfirs, denn ich sah ihn an. So wurde er größer, saftig, reifte zu einem duftenden Pfirsich ... Da aß ich ihn auf, ratzeputz, denn so viel und ein klein wenig mehr – und ich hätte m... an ihn verloren!


Und der Stein, und der Stein, fragst du? Den Stein aus der Mitte des Pfirsichs legte ich in die Erde, als es zu regnen begann. Morgen vielleicht schon wächst daraus ein Baum …

Sonntag, 26. August 2012

Die Ludwig Janssen

Ein Ringelhering ringelte
'ne Fahrradklingel klingelte
verrostend kostend Salzes
Schmalz am Grunde
Zu jener Stunde lag
ich dort, der Golfstrom fuhr
die Flanken mir entlang
und bang mein Diesel schwieg

Jetzt lieg ich hier, die
Quallen wallen zeitlos
Flundern wundern Wunden
entlang sich wo der Stahl

gerissen vor dem War-Einmal
Gesundet sein soll'n, sagt der Säge
fisch mir, Welt und Wellen schon
lang entlang der Küste

Wenn ichs nicht besser wüsste

würde meine Bürde leichter
dem Nordseegrund entgegen
rosten, wo ich kosten muss
der Fische Kuss, den Untergang
Herr Ringelhering schwamm und sang
schon lang davon und ringelte
'ne Fahrradklingel klingelte
Ludwig Janssen © 26.8.2012








Samstag, 12. März 2011

Herr Schalupke und das Huhn

Vertraute Dinge bergen Surreales.

Herr Schalupke trägt sein Huhn spazieren. Kommt morgens aus der Haustür, das Huhn unterm Arm, zieht die Tür leise ins Schloss und schließt ab. Geht zum Bahnhof, zeigt dem Huhn den Intercity und den Güterzug, lässt es ein wenig durch die Bahnhofshalle laufen, nimmt es wieder unter den Arm und geht zurück. Lupft den Hut, grüßt freundlich im Vorübergehen, zieht das Gartentor hinter sich ins Schloss, geht ins Haus, setzt das Huhn auf den Tisch und wartet. Dauert nicht lange, dann legt das Huhn ein Ei, ein grünes. Herr Schalupke nimmt es dann vom Tisch und trägt es unter dem Arm in sein Zimmer, also das Zimmer des Huhns. Es ist das hellste Zimmer des Hauses, weil Herr Schalupke drei Wände aus starkem Fensterglas machte und das Dach, das Dach ist ein Schiebedach, ebenfalls aus Glas. Das Huhn tippelt dort über den Rasen, den Schalupke auf dem Lehmfußboden angelegt hat, pickt hier ein Hälmchen, dort ein Körnchen und plustert sich wohlig im Sand. Währenddessen kocht Herr Schalupke das frische Ei und frühstückt. Geht dann aus dem Haus, das Huhn unterm Arm. Ein blaues Huhn. Blau wie eine Regenwolke. Herr Schalpuke trägt sein Huhn auf den Hügel hinterm Haus, von dem aus kann man das Land ringsum gut einsehen. Den Tag verbringen die beiden auf dem Hügel, das Huhn pickt sich hier ein Hälmchen, dort ein Körnchen, Herr Schalupke schaut den Zügen nach. Manchmal ist das umgekehrt.

Aber noch nie sah jemand das Huhn abends Herrn Schalupke unterm Flügel heimtragen und ins Glaszimmer setzen, wo er auf seinen Schlafbaum flattert, den Kopf unter den Arm steckt und einschläft.


Ludwig Janssen © 20.7.2010


Das Einhuhn

Am Cidre konnte es nicht gelegen haben. Auch nicht am König-Ludwig-Brot. Eher schon an der vorgerückten Stunde. Die schien nicht nur ein wenig zu weit vorgerückt, sondern auch vom Kurs abgekommen zu sein. Verrückt. Mit Gewissheit wird niemand erklären können, woran es lag. Was? Nun, alles begann damit, dass es im Monitor knisterte:

Ein winziger silberner Punkt wuchs und schwoll an, löste sich aus dem Flimmern des Bildschirms. Links oben, dort, wo die Meldungen über eingegangene Mitteilungen stehen. Eine Turritella, dachte ich, Turritella communis. Denn das, was aus dem Bildschirm wuchs und zugleich dem rechten unteren Bildschirmrand zustrebte, glich dem Gehäuse einer Turmschnecke. Silbern. Dieses silberne Schneckenhäuschen wuchs aus dem Monitor, glitzerte kühl, und dort, wo es die Zweidimensionalität der auf die Rückseite des Bildschirm projizierten Bilder verließ, schienen Glas und Projektion ins Schwimmen geraten, verliefen sich in nach außen hin größer werdenden Kreisen, gerade so, als ob jemand einen Stein in ein stilles Wasser geworfen hätte.

Dann tauchte der Kopf eines Huhns auf - und das Schneckenhäuschen entpuppte sich als dessen Silberhorn. Das Einhuhn! Vorsichtig streckte es seinen Hals vor, schaute nach links, schaute nach rechts und legte dabei das Köpfchen ein wenig schief, gerade so, wie Hühner es zu tun pflegen, da ihr Gesichtsfeld durch die seitlich am Kopf liegenden Augen nach vorn hin eingeschränkt ist.

Ich hielt die Luft an und rührte mich nicht. Hühner sind schreckhafte Wesen.

Jetzt streckte es sein rechtes Beinchen vor, setzte es auf den Rand des Monitors. Dann, nach neuerlichem Zögern und Sichern, folgte das linke Bein. Das Einhuhn hockte nun da und sah sich um. Es hatte die Größe eines Rebhuhns. Sein Gefieder schien ein wenig pixelig geraten, unscharf. Schwarz, Weiß und alle denkbaren Schattierungen Grau changierten - wie Seide. Doch anders als dieser Stoff schien es transluzent und schimmerte durch das vom Bildschirm emittierte Licht. Das Einhuhn plusterte sich auf, schüttelte sich und reckte den Hals nach unten, wobei es mit wiederum schiefgelegtem Köpfchen das Durcheinander auf meinem Schreibtisch musterte. Gerade so, als suche es nach einem sicheren Weg durch die Unordnung.

Es sah allerliebst aus, das gehörnte Einhühnchen mit seinen großen, runden Pupillen in rubinroter Iris, denen ich Staunen, Furcht und Neugier zugleich auslesen zu können meinte. Warum wohl stattete es gerade mir seinen nächtlichen Besuch ab? Zu fragen traute ich mich nicht. Hühner sind schließlich schreckhafte Wesen, wie wir wissen.

Im selben Moment, als ich die Luft nicht mehr anhalten konnte und seufzend aus- und wieder einatmete, hüpfte das Einhuhn aus der Hocke heraus auf den Schreibtisch und tippelte hastig vom Monitor weg an mir vorbei aufs Bücherregal zu. Dabei ruckte sein Kopf vor und zurück, wie man es von allen Hühnern kennt, und sein silbernes Hörnchen stieß dabei winzige freche Kringel in die Luft. Das Hühnchen sprang über das geknüllte Papiertaschentuch, den Teebeutel von gestern, Hemingsways „Paris – ein Fest fürs Leben“, nahm die philosophische Hintertreppe mit einem beschwingten Hüpfer, pickte sich ein paar Buchstaben aus dem Telefonbuch und verschwand in der Unordnung meines Bücherregals. Irgendwo hinter den Kladden, den Zigarrenkisten mit den Buntstiften und den mattierten Glasscheiben darin deutete sein Schimmern an, wo es sich gerade befand. Hinter der halben Kalebasse aus Ouagadougou schließlich verlosch das Leuchten, wurde es dunkel. Wahrscheinlich hatte das Einhuhn sich darin schlafen gelegt, vielleicht aber auch hatte es einen Weg aus meiner Realität gefunden und war ebenso unverhofft, wie es auftauchte, wieder verschwunden.

Nachzuschauen traute ich mich nicht, wollte ich doch das scheue Tier nicht erschrecken. Es war spät geworden. Bald würde ich viel zu früh aus den Federn müssen und, Einhuhn hin, Einhuhn her, meine Brötchen verdienen. Eines davon würde ich für das Einhuhn mitbringen, ein Mohnbrötchen vielleicht, mit Buchstaben bestreuseln und ins Regal legen. Ich fuhr den PC herunter, schaltete ihn aus, legte mich schlafen und löschte das Licht. Zuvor jedoch ermahnte ich noch meine Katze, die das seltsame Schauspiel Gott sei Dank verschlafen hatte, das Einhuhn in Ruhe zu lassen, sollte es wieder auftauchen. Sie blinzelte zustimmend und rollte sich in meinen Kniekehlen ein.

Wir schliefen beide tief und traumlos, als leises Knistern vom Fußboden her mich weckte. Verschlafen sah ich das Einhuhn tippeln, es suchte die dort verstreuten Blätter mit der Geschichte über ein Einhuhn mit Silberhörnchen nach Buchstaben ab und i-Punkten, pickte nach einer Zitterspinne und scheuchte eine verirrte Ameise vor sich her. Das Zimmer war dunkel, doch das Einhühnchen schimmerte noch immer. Monden, von innen her. Ich sah, wie es auf den Stuhl mit den Wörterbüchern hüpfte, von dort auf den leeren Stuhl und von dessen Lehne aus flatterte es auf den Schreibtisch.

Dann, mit einem kleinen Hüpfer, hockte es sich wieder auf den Rand des Monitorgehäuses, streckte seinen Kopf durchs Glas in die dahinter liegende Zweidimensionalität von Was-weiß-ich und schlüpfte hinein. Das Letzte, was ich vom Einhühnchen sah, war sein schwarz-weiß-grau changierender Bürzel mit einer winzigen silbrigen Rosette in der Mitte, aus der es mir in hohem Bogen einen weichen Gruß mit unverdaulichen Worthülsen darin auf die Tastatur kleckste, bevor es im Dunkel verschwand.



Ludwig Janssen © 15.3.2010


Mittwoch, 9. März 2011

Der Sinnzoldat

Hinterkopf, Denkanstoß, Beule – wie so oft. Doch diesmal wars irgendwie anders. Eben noch rubbelte ich da, wo mein Haar sich mit den Jahren gelichtet hat, über die kleine, erhabene Stelle, schon spürte ich, wie die Haut sich straffte und statt nachzulassen gipfelte der dumpfe Schmerz in einem leichten Stich, bevor er ausklang.

Wieder griff ich nach der Stelle – doch war kein Beule mehr zu spüren. Vielmehr stapfte irgendetwas mit leichtem, aber energischem Tritt auf meinem Kopf umher und stocherte mit etwas Spitzem nach meinen Fingern.

Besorgt lief ich vor den Badezimmerspiegel – da sah ich ihn. Ein grauer, nicht einmal daumengroßer Mann war gerade im Begriff, sich an einer Strähne von meiner Stirn abzuseilen. Schon rutschte er bäuchlings den Nasenrücken hinunter und sicherlich wäre er beim Sturz von der Nasenspitze zu Schaden gekommen, wäre nicht meine Hand gewesen, in der er mit leisem pluff! aufschlug. Auf dem Rücken gelandet, rappelte er sich hoch, strich seinen Rock glatt und salutierte. Ein Soldat!

„Joj,“ meinte er,
„bin ich gefallen von Kopf“ – sein Akzent ließ mich an eine Herkunft aus dem Osten denken,
„in Hand,“
Er nahm seinen Dreispitz vom Kopf, schlug mit kurzem Ruck an sein Knie den Staub von der Kopfbedeckung und setzte sie wieder auf.
„ … In große Hand! Herrjeh, so große Hand!“

„Nun, mit wem habe ich die Ehre?“
Er schob den Dreispitz in den Nacken.
„Ehre? Ich bin nur ein einfacher Zoldat, mein Herr …“
Er zog die Schultern hoch, breitete die Arme aus und grinste:
„Einfacher Zoldat und weiß nicht, woher, und …“ Er kratzte sich das Kinn.
„Wie ich heiße, nun, nicht einmal das weiß ich, mein Herr, mein großer Herr, mit Verlaub, mein Herr, sind Sie …“
Der graue Mann setzte sich in die Beuge zwischen Daumen und Zeigefinger.
„… ein Riese?“

Ich schmunzelte.
„Eigentlich nicht, Zoldat, eigentlich nicht. Allerdings weiß man das nie so wirklich, ob man einer ist, weil Größe bekanntlich relativ ist. Und - Zoldat, eigenartige Betonung, Zoldat mit Zett wie Zar?“
Er winkte ab.
„Sie wissen also nicht, wer Sie sind?“, fragte ich nach und ergänzte: „Wissen außerdem nicht, wo sie her kamen und wie Sie auf meinen Kopf gelangten, stimmts?“

„Nun,“ der Zoldat streckte die Beine aus, „ich muss das nicht wissen, mein Herr, aber ich weiß, dass Sie …“
Akzentfrei. Er winkelte ein Bein an, griff nach dem Stiefel und zog ihn aus.
„… all das wissen sollten – schließlich haben Sie mich ausgedacht!“, stieß er zwischen den Zähnen vor, als er nach dem anderen Stiefel griff. Dazu wackelte er mit den Zehen.

„Ich?“
„Ja, wem sonst gehört der Kopf, aus dem ich …“
„Mir!“
„Na, also!“
„Ha?“
„Sie,“ er wirkte ein wenig genervt, „Sie haben mich ausgedacht, die Ausgeburt Ihrer Phantasie bin ich, kurze Schwangerschaft, kleine Beule und - hoppla!“
„Ach?“
„Ja, mein Herr, und nun …“
Er erhob sich von seinem weichen Platz, stemmte die Hände in die Seite und dehnte sich, als litte er unter Rückenschmerzen,
„… wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn sie mich wieder …“
Die Arme in den Ellenbogen angewinkelt zeigte er mir die Innenflächen seiner grauen Hände und ließ die Finger auffordernd spielen.
„Sie wissen schon, aufwärts, bitte!“

„Wie?“
„Nun, Sie haben mich ausgedacht, und so lange sie nicht wissen, wie es mit mir weitergehen soll, möchte ich wieder an die Stätte meiner Geburt zurückkehren und auf Ihrem spärlich behaarten Hinterkopf abwarten, was das Leben für mich bereithält. Also, bitte!“
Wieder die provozierend lässige Geste mit den Händen.

„Wenns hilft …“
Ich hob meine Linke zum Haaransatz und spürte, wie der kleine Mann barfuß über meinen Zeigefinger balancierte und auf den Kopf sprang. Dort machte er es sich gemütlich, legte sich auf die Seite und schien ungestört sein zu wollen, denn anders war das Wedeln mit der Hand nicht zu deuten.

„Schleich dich!“
„Mich schleichen, mit dir auf dem Kopf?“
„Dann bleib zumindest ruhig sitzen, dass ich schlafen kann, bin müde.“

Den kleinen Schläfer auf dem Kopf ging ich in die Küche, brühte mir einen Kaffee auf und dachte über meinen grauen Besucher nach. Für seine geringe Größe hatte er schwer in der Hand gelegen. Womöglich war er aus Metall, Zinn. Ich stellte mir Zinnsoldaten vor, wie ich sie als Junge für meine kleinen Brüder gegossen und angemalt hatte, und ja, er war ein Zinnsoldat. Zinnsoldaten schlüpfen eigentlich nicht aus Beulen, wie man sich von einem Denkanstoß holt. Eigentlich. Hm. Das Ei in eigentlich machte das Wort verdächtig. Ein Ei in einem Wort, das ohne Ei gentlich lautet und von dem nicht klar ist, was daraus schlüpfen würde, brütete man es aus. Eigentlich war in meiner Situation – Mann mit einem jenem entsprungenen Männlein auf dem Kopf - kein hilfreiches Wort. Nein, er war kein Zinnsoldat, legte ich fest. Oben bliebs ruhig. Würde ich nicht vor den Spiegel treten, ließe sich die Existenz des winzigen Gastes vorzüglich leugnen und ich könnte …

Ich hatte mir einen Stuhl vor den großen Spiegel im Flur gestellt, saß mit einem Haferl Kaffee in der Hand davor und betrachtete die Szene auf meinem Kopf. Der Soldat, pardon, Zoldat hatte seine Stiefel wieder angezogen, den Tornister vom Rücken genommen und einige Farben, Pinsel und eine Palette hervorgezogen. Er war damit beschäftigt, sich anzumalen. Dunkelblaue Uniform, weiße Hose, krapprote Kragenaufschläge, den Dreispitz hatte er schwarz angemalt und mit einem weißen Rand versehen.

„Nun,“ blickte er auf und sah mich über den Spiegel an, „haben Sie sich also entschlossen, dass ich mich anmale? Nun gut, ein Anfang ists allemal.“
„Sie sind ein preußischer Soldat …“
„Zoldat, bitte, und Preußen, ach …“ Wieder die wegwerfende Geste mit der Hand.
„Warum nicht Soldat, sondern Zoldat?“
“Weil ich ein Sinnzoldat bin, mein Bester, das haben Sie sich so ausgedacht!“
„Ich?“
„Ja!“
„Warum sollte ich …?“
„Weiß ich das?“
„Ich …“ ich tippte mir an die Stirn, wohl ein wenig zu heftig, denn der Sinnzoldat verlor das Gleichgewicht und verzog einen blauen Strich von der Uniform über seinen eigentlich schwarzweißen Kalbfelltornister, den er leise fluchend abwischte.
„He!“
„’tschuldigung, ich weiß nicht, was ich dabei im Sinn hatte, tut mir Leid!“
„Sinn!“
„Ja, Sinn!“
“Da haben wirs, Sinn, Sie dachten an Sinn, vertauschten, eben weil Ihnen der Sinn danach stand, der Sinn…n“ dehnte er das Wort ins Endlose,“ die beiden Buchstaben und jetzt bin ich hier und ein Sinnzoldat!“
„Was für einen Sinn macht das jetzt?“
Keine Antwort.
„Was machen wir jetzt mit Ihnen, was soll aus Ihnen werden, Herr Sinnzoldat?“
“Begnügen wir uns doch damit, mein Herr, dass es mich machte, mich, genau gesagt, ausmacht und belassen es dabei. Mir gefällts hier.“

Mein kleiner Gast stopfte sich ein Pfeifchen, setzte sich auf ein Stück Zucker, dass ich ihm gereicht hatte, lobte den Duft des Kaffees und bat um Feuer.
“Muss ich denn irgendeinen Sinn machen, hm?“
“Auf meinem Kopf?“
„Hmnja, überhaupt.“
„Hm.“

Es klingelte. Vor der Tür wartete die Postbotin mit einem Päckchen.
„Ein Autogramm bitte, hier!“
Sie hielt mit ihr Lesegerät entgegen, tippte auf das Eingabefeld und lächelte mich an. Den Sinnzoldaten auf meinem Kopf bemerkte sie seltsamerweise nicht.
Das Päckchen in der Hand ging ich zurück zum Spiegel – der Mann war verschwunden.
Ob er mir draußen vom Kopf gefallen war, als ich mich zur Unterschrift über das Gerät der Postbotin gebeugt hatte? Doch draußen war nichts zu sehen. Als ich im Begriff war, die Tür zuzuziehen, entdeckte ich ihn. Er lief über den frischgemähten Rasen, unter der Ligusterhecke hindurch zum Weberbachl hinab auf einen Jungen zu, der dort Papierschiffchen zu Wasser ließ und winkte mir mit dem Dreispitz:

„Adieu!“
„Adieu!“
„Ich glaub, er weiß, wie es mit mir weitergeht!“
„Bon Chance, kleiner Mann!“
Er lachte. Doch galt dieses Lachen bereits dem kleinen Jungen, der ihn aufhob und ihn, anstatt ihn sich auf den Kopf zu setzen oder in die Tasche zu stecken, in eines der Papierschiffchen stellte und ins Unbekannte entließ.

Ins Unbekannte?
Wer weiß ...


Ludwig Janssen 5.11.2010