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Samstag, 23. März 2024

Der Hyperteur

Myk Rokosmos war Hyperteur und lebte nahe Liegenste in Flandern.  

Eines Nachts, er widmete sich in seinem Expolaboraquarium wieder einmal der Frage nach fundamentholen Zusammensängen, kam es zu einer spontanen Verquantung. Zunächst im Reagenzglas, dessen durch die freiwerdende Bindungsenergie geschmolzene Kügelchen sich in den Edelstahltisch fraßen, dann griff sie auf den Hyperteur selbst über, der sich in planckes Wohlgefallen auflöste. Als sich die Stätte der fraktalen Einswerdung abkühlte, blieb für eine Weile noch der Duft von Flieder, auf den die Witwe des Hyperteurs 'ich komme wieder' reimte und sich daher am silben Platz eine hyperteure Gartenlaube nebst Bank errichten ließ. 

Ludwig Janssen © 10.7.2006 


Mittwoch, 5. Oktober 2022

kakopos lied

nacht viertel vier
blau ist mein sinn
mond überm land
schein weltenlos
traum wo ich bin
zeit ist kein raum


Ludwig Janssen © 20.2.2005 

Montag, 12. September 2022

schnüren

schnüren ...
... irgendwann macht man sich auf und sucht, warum auch immer. fragen gibt es nicht, der schnee ist frisch, leises knurspeln unter den sohlen das einzige geräusch. blauer vollmond - die sonne scheint. dann stößt man auf eine spur und hält ein inne.
fest - und es zerfällt. da ist noch mehr. verwittert, so flüstert ein datum. frisch, raunt ein blinder seefahrer. schnüren ...
 ... diese spur entlang und einen gedanken, den man sich nicht einzigartig denken kann, so vertraut die abfolge längst verlorenen schreitens. flucht? kreisen? aufbruch? spur ohne witterung, bytes ohne duft, der eigene atem trügerisch warm an kalten kristallen. die hielten nur die form. einzigartig. jedes menschen leben einzig, verwundbar. schnüren ...
... blutstropfen. der fuchs hört ihr pulsen ...


Ludwig Janssen © 8.2.2005 

Sonntag, 11. September 2022

Begebenheit eines regnerischen Abends

am Straßenrand ein kleiner Bibber
mit Pappschild, darauf steht: PROTEST!
Verdutzter Blick durch Autoscheiben
(auf Schild und Nager, die durchnässt):
Was will uns dieses Tierchen zeigen?
Dass irgendwer ihn, falsch geschrieben,
an Straßenrändern stehen lässt!


Ludwig Janssen © 10.4.2005

Samstag, 10. September 2022

Königlich Reiche

Eigenartige Paare:

Weißdornhecken hüten
kleine braune Vögel
Die singen dort Lieder
auch im Dezember

Ineinander

macht der eine die andere
zu beweglichtem Klang
die andere den einen
zum unfassbaren Helden

Aneinander

finden sie Gefallen der Welt
Zaunkönigreiche reichen
nicht weit über sich hinaus
aber aus ihren Hecken dir

Wehrlos ruft sich zum König
aus wehrhaftem Weißdorn.

Ludwig Janssen © 27.8.2005

Donnerstag, 8. September 2022

Entlos

Tangerpel
an peripher berührtem Kreise
der weitläufiger schon als weise
und in sich geschlossen
(Quak!)

Tangente
ebenfalls am Kreise
berührend diesen, mit (kleiner) Meise
und ebenfalls offen für alles
(Quak?)

für die Weiten der Geraden
bereit zum Tanz der Leidenschaft
einander nur erreichbar in einem Punkt
bei mangelnder Parallelität

seufzen (*quaaak*)
diesem einen Punkt, der flächenlos
entgegen: Tanz auf dem Nichts!
winziger Moment und eilen fix
der Krümmung des Raums entgegen:

RÄÄB! RÄÄB! RÄÄB!

Enten!


Ludwig Janssen © 24.10.2004

Samstag, 18. Juni 2022

Gedanke zum Thema Untergang

Ich trage so viel Ernst in mir, das halte ich bald nicht mehr aus. Wenn ich da nicht hin und wieder einen Kopfstand mache, und den schaffe ich physisch nicht, reißen meine Mundwinkel, mit denen ich mir den Ernst der Lage hin und wieder von der Seele nach oben ziehe. Dann blieben sie hängen und ich liegen, gäbe es keine Gezeiten mehr, das Ernst würde mich fluten, die nährenden Fische darin fräßen den Fischer (und nicht seine Frau) - und was noch schlimmer wäre: Es wäre mir egal …

Ludwig Janssen © 20.9.2007

Freitag, 1. April 2022

Die Winterschnecke

Heute, ich war auf dem Weg zur Arbeit, passierte das Kreuz auf dem Hügel hinterm Haus, da sah ich sie: Eine fette Schnecke ließ vorsichtig ihre Fühler mit den Punktaugen darauf kreisen. Überlegte sich wohl, ob sie die Straße kreuzen oder lieber unter dem goldenen Gekreuzigten verweilen sollte. So eine Schnecke hatte ich noch nie gesehen und erst recht nicht um diese Jahreszeit. Hatte wohl als juveniles Exemplar an den Füßen eines Singschwans dessen Reise vom Polarkreis bis an den Regen in Bayern begleitet. Das Sonderbarste an ihr aber war ihr Haus. Das war so groß wie ein Tennisball und vollkommen durchsichtig. Unverhofft, als die Schnecke über ein trockenes Kiefernästchen glitt, geriet sie mit leisem Huch! ins Straucheln. Mir war, als wirbelte in der Folge in ihrem  Häuschen ein beachtliches Schneegestöber auf. Da wusste ich, wen ich vor mir hatte: Eine Winterschnecke! Zugleich war mir klar, dass es heute Nacht schneien wird in der Oberpfalz, und das nicht zu knapp. Die Sonne brach durch die Wolkendecke und ließ einen wärmenden Lichtkegel über das Land gleiten. Dieser hüllte mich in behaglich wärmendes Licht, und auch die Winterschnecke zu meinen Füßen hielt inne, lächelte und glitt unter leisem, melodischen Summen davon. Was würden meine Leutchen im Altenheim sich freuen, wenn ich ihnen von dieser wundersamen Begegnung erzählte, ging es mir durch den Sinn.

Mittwoch, 3. Oktober 2018

Drosophila melanogaster

Drosophila melanogaster. In den vergangenen Tagen im Licht der Flimmerkiste ihren schwebenden Flug bestaunt. Dessen träge vorgetragene Leichtigkeit. Hing in der Luft wie das Angelusläuten in der blauen Stunde des Abends. Jetzt steht in der Küche eine Schale überreifer Zwetschgen.


Ludwig Janssen © 3.10.2018

Sonntag, 1. April 2018

Herr Schalupke wartet auf die Propellerkaninchen



Es war einer jener Märztage, an denen das Warten sich anfühlt wie Erwachen. Windstille. Zum ersten Mal seit langer Zeit wärmte die Sonne. Ob er auf sich warten ließe, fragten sich Herr Schalupke und sein Huhn. Saßen unter dem Baum auf dem Hügel und schauten Richtung Süden.
Warten auf den Frühling. Herr Schalupke hatte den Arm ums Huhn gelegt und zog es an sich heran.
"Na? Ob es noch lange dauert?"
"Poock!"
Blau. Blau war, was als Erstes von Süden her Einzug gehalten hatte. Himmelblau, das sich am Horizont vertiefte. Hier und da ein weißes Wölkchen. Dann kam das Grün. Zunächst kaum wahrnehmbar schlich es von Süden heran, lief, einmal losgelassen, über die Wälder, turnte durch Haselnuss und Birke, verschwendete sich über den Wiesen und erklomm knospend den Baum, unter dem Herr Schalupke und sein Huhn saßen. Abenddämmerung ...
"Heute werden sie wohl nicht kommen."
"Pock!"
"Bleiben wir noch ein wenig?"
"Pock!"
Schalupke zog eine Handvoll Weizenkörner aus der Hosentasche, streute sie ins Gras. Eifrig pickend lief sein Huhn um ihn herum. Die Sonne sank, die Welt ergraute, Herr Schalupke schaute nach Süden.
Der Mond stieg voll und rund über den Horizont. 
"Bald, Huhn, bald ist es so weit." 
"Tü." 
Die Nacht würde kalt werden. Herr Schalupke nahm sein Huhn unter den Arm und ging heim. Ins Haus mit Schlafbaum fürs Huhn. Dort flatterte das Huhn von Ast zu Ast bis ganz oben.
Und, als niemand genau hinsah, vielleicht nur du und ich, flatterte auch Herr Schalupke, ein Nachthemd an, hinauf zum Huhn, schlüpfte unter dessen Flügel und machte es sich gemütlich. Das Schlafzimmer des Huhns hat drei gläserne Wände und ein gläsernes Dach. Zum Sterne-Anschaun.
Herr Schalupke lag, die Arme hinterm Kopf verschränkt, auf dem Rücken des Huhns, betrachtete den sternenklaren Himmel. Wartete auf eine Ankunft. Noch war es nicht so weit. Mitternacht. Von Norden stieg ein Geräusch über den Horizont und erfüllte die Nacht. Fffju, fffju ... fffju.
Als ob zahllose Schwingen die Luft schnitten. Wäre da nicht ab und an ein leises Ding! oder ein sonores Dong! zu vernehmen gewesen, man hätte meinen können, dass Wildgänse gen Süden zögen. Im Mondschein blinkte hier und da Bronze auf: Glocken! Die waren auf ihrem Weg nach Rom.
Der folgende Tag bemühte sich um Sonnenschein. Der Winter hatte sich in die schattigen Stellen zurückgezogen und wartete auf den Anbruch Nacht. Stille lag über dem Land. In der Ferne hörte man einen Zimmermann arbeiten. Trieb lange Nägel in die Balken. Morgen würden sie kommen.
Am nächsten Tag, es war ein Samstag, trug Herr Schalupke sein Huhn wieder unter den Baum auf dem Hügel und sie setzten sich auf eine Decke. Schauten wieder nach Süden. Die Sonne hatte den Zenit durchschritten, als sie ein leises Geräusch vernahmen, das sich pft-ft-ft-ft-ft! näherte.
Es klang ein wenig wie winzige Helikopter, das Schnarren kleinster Libellenflügel ft-ft-ft-ft-ft - und, Wunder, auf den ersten Blick mutete es an, als ob sich von Süden her tausende taumelnder Löwenzahnschirmchen auf den Weg gemacht hätten, sich über das Land zu säen.
"Schau!"
"Pock?"
"Sie kommen!"
"Pock!"
Herr Schalupke nahm sein Huhn in den Arm. Dass es nicht auf dumme Gedanken käme und ja keinen Blödsinn machte mit dem, was sich da ft-ft-ft-ft-ft ankündigte und bald auf dem sonnenbeschienenen Hügel ankommen würde, auf dem er und sein Huhn saßen.
!!! FT-FT-FT-FT-FT !!! Was da aussah wie Löwenzahnschirmchen, hatte sich auf Armeslänge genähert und eines schwebte vor Herrn Schalupkes Nasenspitze. Das war kein Löwenzahnsame! Winzige Hasenohren schwirrten und propellerten, und unter jedem hing ein Fellsäckchen mit großen Augen.
Propellerkaninchen! "Herzlich willkommen!", flüsterte Herr Schalupke behutsam, besorgt, dass, spräche er zu laut, sein Atem das kleine Luftschiff vor seiner Nase ins Trudeln bringen könnte. Was nun geschah, macht staunen, ist ein kleines Wunder der Natur. Die Winzlinge landeten:
Plimm-plomm-pada-pluff! tupften sie zu Boden, kullerten durchs Gras und liefen ein paar rasche Tippelschrittchen, ehe sie zu stehen kamen. Klappten ihre Ohren ein. Dabei blieb immer eines der Ohren senkrecht stehen, das andere zeigte zu Boden. Der lange Flug hatte sie ausgezehrt.
Daher sah Herr Schalupke, kaum, dass die Winziglinge gelandet waren, sich flüchtig geputzt, Schnurrhaare und Ohren gerichtet hatten, wie ein jedes Propellerkaninchen in eine Krokusblüte schlüpfte und dort vom Pollen fraß: Pluff! wuchsen sie auf Hummelgröße, purzelten hinaus.
Liefen zur nächsten Blüte, fraßen diese ganz, wuchsen pluff! auf Spatzengröße, hoppelten von einer Krokusblüte zur nächsten, fraßen und fraßen und wuchsen pliff! ploff! pluff! zu einer Größe heran, wie man sie auch von Zwerghasen kennt. Frisch gestärkt machten sie sich ans Werk.
Nun saß Herr Schalupke nebst Huhn zwischen aberhunderten Propellerkaninchen und staunte nicht schlecht, als die aus der Bauchtasche einen Korb zogen, einen "Panier claque", der sich klack! entfaltete und auf ihren Rücken passte. Dann stoben sie in alle Himmelsrichtungen davon.

Samstag, 18. November 2017

Besuch in der Nacht


Letzte Nacht, Herr Schalupke schlief wohl unterm Flügel seines Huhns geborgen, kratzte etwas an der Terrassentür. Ein Fuchs! Wollte Schalupkes Huhn zum Essen einladen. Das legte sein Köpfchen schief: 
Pock?
Chchchrrr, sabberte der Fuchs und kratzte an der Scheibe.
Pooock!
Tja ...

Ludwig Janssen © 15.11.2017

Donnerstag, 16. November 2017

Sterne pflücken


Herr Schalupke schwebte, Traum im Traum, am blauen Nachthimmel. Pflückte Sterne für sein Huhn. Hühner, die viel Grün fressen oder Mais, legen Eier mit goldgelbem Dotter. Und sein Huhn würde er mit Sternen füttern. Herr Schalupke legte noch etwas vom Blau der Nacht in die Kiepe.


Ludwig Janssen © 15.11.2017

Donnerstag, 28. September 2017

Herr Schalupke und das Schiff


Er stand am Strand und schaute aufs Meer. Es duftete nach Tee, schwarzem Tee. Am Horizont tauchte die Silhouette eines Schiffes auf, das Kurs auf den Strand hielt. Herr Schalupke setzte sich auf ein Sandkorn, ließ sein blaues Huhn in den Dünen spazieren und wartete auf die Ankunft des Schiffes. Allmählich kam es näher. Seltsam: Obwohl es sich stetig näherte, blieb es doch so klein, wie es am Horizont aufgetaucht war. Herr Schalupke selbst jedoch, sein Huhn ebenfalls, wuchs und wuchs. Als das Schiff anlandete, krempelte Herr Schalupke seine Hosenbeine hoch bis zu den Knien. Er rief sein Huhn zu sich, nahm es unter den Arm und watete zum Schiff. Es knisterte einladend, als Herr Schalupke über die Reling strich. Die Bordwand des Schiffes war übersät mit verwaschenen bläulichen Schriftzügen. Herr Schalupke schwang sich, das Huhn unter dem Arm, an Bord. Das Schiff legte ab Richtung Horizont. Schalupke las derweil, was er von den Schriftzügen entziffern konnte: Es ging um einen Mann mit Huhn an einem Strand, an dem es nach Tee duftete.


Ludwig Janssen © 27.9.2017

Montag, 6. Januar 2014

Am Atlandich


Warten auf Windschatten.
Schattenspender …
Sonnenuhren weisen die Zeit über den Schatten, den ihr Zeiger wirft,
Windschattenspender hängen
weder neben atlantischen Salzwasser-Waschbecken parat, wenn einem danach ist , nachdem –
noch materialisieren sie aus luftigen Wünschen. Denn die gehen mit dem Wind,

mit der Zeit, den Schatten und Schätzen.

Ein Pferd wäre ideal, vielleicht eines, das Strandhafer frisst und,

 sowohl Dünen- als auch Dünungserfahrung, das Besagte schaukelt, ein wenig,

eines, das herbeieilt auf Pfiff und sich zum Anlehnen bereithält, warm, seine Nüstern weich und freundliche Wärme schnaubend.

Ein Sehpferd vielleicht, Horizontaale im Blick, habsofaraner Warmglut, ideal wider die kühlen ablandigen Winde bei Anbruch der Nacht.


Ein Schaukelpferd vielleicht, eines mit beheizter Waagschale und weichem Federkern darunter, womöglich ein weiser Lippenzahmer.


Wohl dem Mustang, der im anlandenden Wiesenschaumkraut sich wiegt unter dem Windschatten der Fröstelnden.

Ludwig Janssen © 21.4.2013

Freitag, 8. November 2013

Flugs

Ich habe einen Flug gewonnen!
Gestern Abend verstellte mir die Frau aus der Lottoannahmestelle den Weg und drückte ihn mir wortlos in die Hand. Ich merkte gleich, dass ihr die Trennung schwer fiel. Sie mochte ihn, ihr standen die Tränen in den Augen.
Tröstend legte ich meine freie Hand auf die Schulter der jungen Frau, da wandte sie sich unter Schluchzen ab und verschwand mit einem verheulten ‚Gut aufpassen, sonst ist er weg!’ in der Ladentür.
Da stand ich nun, einen Flug in meinen hohlen Händen, und weil ich so nicht weiter durch die Stadt laufen konnte, ohne mich lästigen Fragen auszusetzen, machte ich mich auf den Heimweg.
Kannst du dir die Hürden vorstellen, die der Alltag für jemanden bereithält, der einen Flug in den Händen birgt?
Es begann schon an der Haustüre - der Schlüssel steckte in der linken Gesäßtasche. Einen Klingelknopf mit der Nase drücken ist kein Ding der Unmöglichkeit. Wie ich meiner Nachbarin die Störung erklären könne und warum ich sie nicht nur um den Ersatzschlüssel, sondern auch darum bitten müsse, mir die Tür aufzuschließen, beschäftigte mich auf dem Gang durchs Treppenhaus. Sie schaute zwar etwas verwundert auf meine Hände - die Knöchel zeichneten sich vor Anstrengung schon weiß ab - und mir mitleidig fragend in die Augen, doch sie stellte keine peinlichen Fragen und tat mir den Gefallen. Als sie die Tür hinter mir ins Schloss zog, lief ich ins Wohnzimmer und ließ mich rücklings ins Sofa fallen.  

Wie mochte dieser Flug aussehen? Ich drückte mein Auge an die Stelle zwischen linkem Daumen und Zeigefinger und öffnete vorsichtig ein Guckloch. Da sah ich ihn im Halbdunkel kauern und mit großen Augen schaute er mich an: "Lass mich frei!" 

„Dann bist du auf und davon, mein Freund …“
„Ich kann dein Freund nicht sein, wenn du mich zwingst - ist wie mit dem Glück.“, war seine patzige Antwort.
„So nicht! Schließlich habe ich dich gewonnen und möchte dich …“
Weiter wusste ich nicht, denn mir fiel nicht ein, wie ich ihm das erklären sollte. Fliegen wird einem heutzutage ja leicht gemacht. Aber wenn man dann so einem Flug Aug in Aug gegenüber sitzt, was sagt man ihm dann? Ich will dich fliegen? Da lacht der mich doch nur aus. Oder – ich will dich machen? Das hatte ich mir auch vorgenommen, ihm das zu sagen, doch kamen selbst mir hartgesottenem Worterfinder Zweifel an der Sinnhaftigkeit solchen Redens. Wie sollte ich etwas machen, das es schon gab und das ich in Händen hielt? ‚Mit eigenen Händen’ kam mir in den Sinn und ich grinste. Ich war froh, dass mich niemand so scheinbar unmotiviert grinsen sah. 

Eigentlich sei er ein Freiflug, meinte der Knirps und flatterte in meiner hohlen Hand. Es kitzelte so wie von Schmetterlingen, und ich fragte mich, ob er sich wohl wie diese gerade verzweifelt die Schuppen von den Flügeln schlüge und womöglich flugunfähig würde.
„Halt still!“
 Aufgeregtes Flattern.
„Du bringst dich um!“
„Wieso das denn?“
„Was passiert mit einem Flug, der nicht fliegen kann, der löst sich doch in wohlgefälliges Nichts auf, oder?“
„Der verflüchtigt sich, und ich bin schließlich auf der Flucht“, kam es trotzig zurück.
„Wenn mich einer umbringt, dann du, denn frei bin ich schon nicht mehr, und das ist schon die Hälfte meines ursprünglichen Namens!“
„Na, gut, wenn du mir versprichst, nicht zu verduften, lasse ich dich frei“, war mein Angebot. „Dann bist du ganz“, fügte ich hinzu und hielt nun mein Ohr ans Guckloch. 

Er hielt still. Dachte wohl nach. Worüber wohl? Darüber wollte ich nun wieder nicht nachdenken, denn mein Großmut reute mich schon. So ein bisschen. Kleines Zweifelnagen am großen Herzen.

’Okay’ und ein Seufzer. Ich öffnete meine Hände und - Zack! - schwirrte er an meinem Kopf vorbei zur Deckenlampe, thronte dort zwischen den blassrosa Tiffanyblüten. Erweckte nicht gleich den Eindruck, dass er sich wohl fühle. Und doch schauten wir uns lange und tief in die Augen, entspannten und gewöhnten uns an die Selbstverständlichkeit, einen Flug auf der Deckenlampe und einen bärtigen Menschen im Sofa unterhalb zu wissen, die beide außerhalb des Raumes wahrscheinlich für unmöglich gehalten würden. Das verbindet. 

Ich bot ihm etwas zu Essen und zu Trinken an, er lehnte dankend ab und gähnte. Wie konnte ich nur so unaufmerksam sein, sicherlich war er erschöpft und brauchte seine Ruhe nach all dem Stress. Da er auf der Lampe schlafen wollte, löschte ich das Licht und legte mich als aufmerksamer Gastgeber, so dachte ich mir das aus, zum Schlafen aufs Sofa. 

Kurz bevor ich einschlief, dachte ich noch: Was macht man mit einem Flug? 

Über Nacht ließ ich einen Mann die Wiese vor meinem Haus umflügeln, nur um am nächsten Morgen feststellen zu müssen, dass ein Schmetterling das gründlicher erledigt hätte. 

Heute Morgen steht das Fenster auf Kipp und ein freundlicher Sonntagmorgen lächelt frisch in mein zerknittertes Gesicht. Ich schaffe es gerade noch zu der Entscheidung, mir mit dem Zurücklächeln Zeit zu lassen und zum Wasserkocher.

Den Rest kannst du dir denken. 

Ludwig Janssen © 8.7.2006

Donnerstag, 7. November 2013

Lurche bei Nacht

ich weiß von solchen
Molchen die hören
in Nächten Wasserfällen zu
sie betören - und stören
nicht die, die da lauschen
dem Rauschen der Fälle
und Wellen - wie du


sie nippen dann gerne
aus mondlichten Tropfen
vom Fallen der Sterne
das glitzert im Nass
Lichtergefunkel und Plätschergemunkel
diese Amphibien lieben das


sie schauen einander
aus lurchigen Augen
an, singen „Salmansala-mander“
bis morgens über moosigen Teichen
die müden Sterne dem Tageslicht weichen
dann gehen sie stumm auseinander

Ludwig Janssen © 28.8.2008

Mittwoch, 6. November 2013

Der Lichtspielhaft

Ein Haft, er liebte es zu lichten
Momenten stillen Läusesaugens
ein wenig vor sich hin zu dichten
von Phloem, Zucker, Völlerei.

Verhaftet blieb er so der schnöden
Gier nach Süßem, vollem Darm -
und darum einer von den blöden
Haften ohne lichten Charme ...

… bis zu dem Tage, da die Puppe
zum Imago es geschafft:
Er legte an die Schilleraugen -
Netzflügeliger Lichtspielhaft!
(Urs Wyss gewidmet)


Ludwig Janssen © 10.9.2004


Dienstag, 24. September 2013

Zur Biologie der Aphorimse

Aphorimsen sind Dipteren, also Zweiflügler, die sich von warmen Monitoren aus losschwirrend auf die nächstbeste - und eigentlich jede noch freie Nasenspitze stürzen.

Die Aphorimse an sich lebt solitär, tritt sie in Schwärmen auf, liegt eine Ausnahmesituation vor: So kommt es gelegentlich in Überschwallungsgebieten, über seichten Pfützen und trüben Qualmwassertümpeln zu Paarungsschwärmen harmloser Aphorimsen. Sie erleiden, befrachtet mit mehr Wollen als Können, ein schweres, ein Bedeutungslos. In Zehnerkartons verpackt sind solche Aphorimsen im Zoobedarfshandel erhältlich, man bestückt damit Futterautomaten für Goldfische (Mastbetrieb, ad libitum).

Die wahre Aphorimse, ein scheues Wesen, liebt es, Loopings zu fliegen. Stille Wasser kräuseln sich unter dem Luftzug ihres Schwirrflugs. Aphorimsen stehen auf der roten Liste. Denn da sie flugs schwirren und so manches Mal schwirrflugs empathische Hirnhäutchen entlanggleiten, welche dann in Resonanz versetzt räsonieren, geraten sie gern in Schwurbulenzen. Häufig erliegen sie dabei einem Aphorismus.
Ludwig Janssen © 24.7.2012

Mittwoch, 21. August 2013

Schwimmen mit Quellphinen

Der Mensch ist Schaf. Sein Wille Königreich, aus dessen Wollen, einmal gesponnen, häkelt sein Selbst sich Verständlichkeiten, Selbstverständlichkeiten, in die er sich kleidet, nicht nackt zu sein, doch zu zu sein, zuzuzu, die Eisenbahn, geschlossene Gesellschaft, schienenverkehrt wieder gegeben anderen, die erwarten, gekleidet in Eigen-sure-Wolle, die ebenen Falls wiedergeben, also wieder geben, was sie an Gras vorfahren vorelefanden, als sei es Ei-genes, das Gelbe desselben. Sich-tung und Wahr-Heide, Naturreligionsbestifter, Monoklausurzellen A, speisen sie Glühdirnchen, geben Leuchttürme und sind doch nicht mehr als Wald um den Baum nebenan.

Nehmen wir an, dass eine erwartet, im Vorderrhein Delfine vorzufinden, mit denen sie schwimmen kann, ihren Reiseführer fragt, wann es denn endlich soweit sei, und spinnen aus fremden Willens Wolle einen roten Faden, der uns durch das Labyrinth eines fremden sich verständlichen Selbst führt an eine Quelle, an der unser eigenes Vorstellungs-Vermögen ein Horn füllt, einen Olifanten vielleicht, so wundere ich ver aus meinem Ei-Genen einen Quellphin hinzu ins Rheinschluchtzen der Ruinaulta und lasse ihn, ganz literarische Gestalt, frei, jetzt …

Schwimmen mit Quellphinen.

Ludwig Janssen © 21.8.2013