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Donnerstag, 11. April 2024

Zen, oder die Kunst der Stille im Schreiben literarischer Texte

mir ist nicht nach sprACHspiel ... / ... nach wahnWITZigem ... / Aufblasen des Fröschleins Popanz / ... bis zum platZEN ... / ... oder die Kunst, jede Taste als Steinchen in der Mauer zum Garten der Stille unverrückt zu lassen ...

Montag, 12. September 2022

schnüren

schnüren ...
... irgendwann macht man sich auf und sucht, warum auch immer. fragen gibt es nicht, der schnee ist frisch, leises knurspeln unter den sohlen das einzige geräusch. blauer vollmond - die sonne scheint. dann stößt man auf eine spur und hält ein inne.
fest - und es zerfällt. da ist noch mehr. verwittert, so flüstert ein datum. frisch, raunt ein blinder seefahrer. schnüren ...
 ... diese spur entlang und einen gedanken, den man sich nicht einzigartig denken kann, so vertraut die abfolge längst verlorenen schreitens. flucht? kreisen? aufbruch? spur ohne witterung, bytes ohne duft, der eigene atem trügerisch warm an kalten kristallen. die hielten nur die form. einzigartig. jedes menschen leben einzig, verwundbar. schnüren ...
... blutstropfen. der fuchs hört ihr pulsen ...


Ludwig Janssen © 8.2.2005 

Samstag, 2. März 2019

Aus einer Quelle gelesen

Für den Moment meide ich es den Fluss des gesprochenen Wo rtes auf eine andere Art zu unter brechen, dass Kunst entstehe n kann: Literatur im Geschrei be wohlfälliger Betonung offen sichtlich erschöpfte Sprache im Gemetzel lyrisch intendierter Um brüche, gebettet in einen Bach.

Ludwig Janssen © 2.3.2019

Mittwoch, 25. Oktober 2017

Das Weiße


Weiß ist wie Ebbe, ist mehr als das Fehlen von Farbe, ist mehr als die Abwesenheit von Schwarz. Schwarz auf Weiß ist aufkommende Flut, präsent, das Weiße scheint Grund zu sein dem Schwarzen, Hintergrund  und doch ist es mehr als nur ein Dahinter. Vielleicht ist es das Davor. Enthält sein Widerschein doch alle Farben und wirft sie zurück, unserem Auge entgegen. Weißes Licht, ungebrochen, ungebrochenes Siegel. Vielleicht ist das Weiße die eigentliche dunkle Materie der Literatur. Ist Stille, die vor dem Urknall, ist das Schweigen, füllt Leerzeichen an und Leerzeilen. Lässt Raum, lässt Welten Raum, Weltraum. Das Weiße ist diesem Universum [Literatur] Voids. Und Geschichten, auch die noch nicht erzählten, sind darin die Filamente, schwarz auf – aus weiß sich erschaffend, abbildend. Und so, wie die Voids des uns umgebenden Universums zu riesig sind, als dass sie mit dem Weichen der Materie aus diesen Räumen zu erklären wären und also zugleich mit der baryonischen Materie entstanden, so ist das Weiße mit all dem ungedacht, ungesagt Verborgenen darin entstanden, als der erste Organismus zu denken begann. Der in uns geborgenen, noch nicht erzählten Geschichte kommen wir über die Stille, das Schweigen und das Weiße in uns näher als über alle Weisheit. Weisheit, die sich uns schwarz auf weiß ausbreitet, einem Sternenzelt gleich, wie es uns vertraut ist, wenn wir des Nachts verlassen, was uns über den Tag Schneckenhaus war, ist. Den Tag über, wenn wir Sonnenuhren folgen.

Freitag, 6. Januar 2017

Über weiße Elefanten im Porzellan



Was braucht man einen Elefanten in einer Porzellankiste, wenn deren Mutter, die Vorsicht, mit einer Sturzgeburt niederkam? Nun, man könnte ihm ein Tutu anlegen und ihn mittig positionieren, unauffällig, als Sympathie- und Leistungsträger zugleich. Und, wozu sonst ein Tutu, wenn nicht um seinen Träger als Träger von Ausdruck, ja, da wer A sagt, muss auch B … Bedeutung auszuzeichnen. Schließlich sind Elefanten, domestizierte jedenfalls, Lasttiere, reißen Bäume aus und was sonst noch, und das, also der Umstand, dass sie was reißen, macht sie so beliebt, macht sie beeindruckend. Nicht ihre massige Gestalt, nicht ihr Vermögen, im Innern einer Porzellankiste mittig und unauffällig zugleich anwesend sein zu können, beeindruckt uns, nein, sie reißen was, ja, nahezu alles, sieht man den Bäumen an, und, so nebenbei, lässt sich vorzüglich auf ihnen reiten.

Selbst durch einen Porzellanladen, auch wenn einschlägige Redewendungen Gegenteiliges glauben machen möchten, denn, wer in einer Kiste voller Porzellan klarkommt, wird sich in einem im Vergleich dazu weiträumigen Laden mit elfengleicher Grazie bewegen, der auf ihm Reitende selbstredend eingeschlossen. Porzellanläden, das sind zumeist über große Schaufenster lichtgeflutete Räume, in denen sorgsam arrangiertes Porzellan zur Schau und zum Erwerb angeboten wird. Porzellan, das Porzellankisten entnommen wurde. Kisten, in denen sich mitunter auch besagte Elefanten befanden, die, selbstredend ebenso unauffällig wie mittig ihren Kisten entstiegen, im Porzellanladen nun ebenfalls bemüht sind, sich etwas reißend und als Träger von Bedeutung ihrer Exposition und den damit verbundenen Aufgaben zu widmen, ohne dass man sie als Elefanten im Tutu ausmacht. Daran nämlich scheitert alles Mühen besagter Elefanten um Unauffälligkeit: Dass irgendwer sie anlässlich ihres Aufenthalts im Porzellanladen bemerkt, als Elefanten ausmacht und am Tutu zupft.

Elefanten sind schreckhafte Tiere. Sie mögen nicht, wenn man sie aufscheucht. Erst recht nicht, am Tutu gezupft zu werden. Merkwürdig ist, dass der Elefant an sich weniger zur Dekompensation neigt als der Elefant in Gesellschaft. Nehmen wir an, dass es ungefähr zwanzig Porzellankisten braucht, um einen kleinen Porzellanladen zu bestücken, eher vierzig. So steigt mit jeder Kiste die Wahrscheinlichkeit, dass sich in einer ein Elefant befindet, mit jeder weiteren Kiste könnte ein zweiter Elefant hinzukommen, schlimmstenfalls ein dritter. Sie entsteigen den Porzellankisten, deren Mutter diese bis dahin vor dem Schlimmsten bewahrten, manche Mütter kamen gar erst im Laden nieder, und, ist mehr als einer angekommen, nimmt das Unglück seinen Lauf: Nimmt ein Elefant die Witterung eines anderen auf, hebt er zunächst suchend seinen Rüssel. Dann grüßt er den Artgenossen, indem er laut und vernehmlich auf sich aufmerksam macht. Dies bleibt nicht lange unerwidert. Schon stürmen die beiden durch den Porzellanladen aufeinander zu, springen einander freudig erkennend kreuz und quer, fechten kurz aber entschlossen die Rangordnung aus und schließen sich zu einer Herde zusammen. Das hat bislang noch kein Porzellanladen unbeschadet überstanden.

Es gibt zweierlei Vorkehrungen gegen Elefanten in Porzellanläden: Zunächst trage jeder, der einen Porzellanladen einrichtet, lieber keine Kiste mit einem Elefanten darin über die Schwelle. Es sei denn, es handelt sich bei den Porzellankisten um die eingangs erwähnten Sturzgeburten. Denn sollte ein Elefant darin sein, kann man den beim Öffnen sofort zwischen den Scherben ausmachen, Sorge tragen, dass er im Inneren des Ladens keinem Artgenossen begegnet, und ihn nach Belieben etwas reißen lassen. Diese Maßnahme ist so einleuchtend wie sinnlos, denn wer einen Porzellanladen einrichten will, braucht Porzellan, nicht Scherben. Und so kommen wir auf die einzig wirkliche Maßnahme gegen in der Einrichtung eskalierende Elefanten: Das Tutu! Ja! Denn trägt ein Elefant ein Tutu, geht eine seltsame Wandlung mit ihm vor. Zunächst fühlt er sich als Ballerina, durchgeistigt und erstarrt in würdevoller und kunstbeflissener Pose – der Grund, aus dem Elefanten in Porzellankisten unsichtbar sind und es auch im Porzellanladen bleiben. Solange, ja, solange niemand am Tutu zupft, denn das nimmt ihnen allen Zauber und bringt den wahren Elefanten in ihnen zum Vorschein.


Also lautet der abschließende Rat an alle, in deren Porzellanläden Elefanten leben, dass sie verhindern müssen, dass irgendwer ihren Elefanten an die Wäsche geht.

Ludwig Janssen © 15.1.2012

Montag, 19. Dezember 2016

Das Weiße

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH



Weiß ist wie Ebbe, ist mehr als das Fehlen von Farbe, ist mehr als die Abwesenheit von Schwarz. Schwarz auf Weiß ist aufkommende Flut, präsent, das Weiße scheint Grund zu sein dem Schwarzen, Hintergrund und doch ist es mehr als nur ein Dahinter. Vielleicht ist es das Davor. Enthält sein Widerschein doch alle Farben und wirft sie zurück, unserem Auge entgegen. Weißes Licht, ungebrochen, ungebrochenes Siegel. Vielleicht ist das Weiße die eigentliche dunkle Materie der Literatur. Ist Stille, die vor dem Urknall, ist das Schweigen, füllt Leerzeichen an und Leerzeilen. Lässt Raum, lässt Welten Raum, Weltraum. Das Weiße ist diesem Universum Voids. Und Geschichten, auch die noch nicht erzählten, sind darin die Filamente, schwarz auf – aus weiß sich erschaffend, abbildend. Und so, wie die Voids des uns umgebenden Universums zu riesig sind, als dass sie mit dem Weichen der Materie aus diesen Räumen zu erklären wären und also zugleich mit der baryonischen Materie entstanden, so ist das Weiße mit all dem ungedacht, ungesagt Verborgenen darin entstanden, als der erste Organismus zu denken begann. Der in uns geborgenen, noch nicht erzählten Geschichte kommen wir über die Stille, das Schweigen und das Weiße in uns näher als über alle Weisheit. Weisheit, die sich uns schwarz auf weiß ausbreitet, einem Sternenzelt gleich, wie es uns vertraut ist, wenn wir des Nachts verlassen, was uns über den Tag Schneckenhaus war, ist. Des Tags, wenn wir Sonnenuhren folgen.

Dienstag, 12. Juli 2016

Finden und Verlieren

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH


Draußen - nichts zu sehen. Ratur griff sich den leichten Rucksack vom Gepäckträger, verstaute seine Siebensachen, ließ das Rad stehen und lief suchend, den Rucksack über die Schulter gelegt, auf die Straße.
Stadteinwärts, den Bürgersteig hinab, machte er zwischen den unscharfen Silhouetten eine aus, die nicht wie die anderen zielstrebig dahineilte. Aus der Ferne betrachtet wirkte sie wie Treibgut im Spiel der Wellen, das zwar der Strömung folgte und doch, aus der Balance geraten, von einem Wellental ins nächste geworfen wurde.

Ratur schritt weit aus, ihr nach. Vorbei am Stadtpark, auf die Fußgängerzone zu. Noch eine Ampelkreuzung, dann hatte er sie erreicht. Zwischen den bei rot Wartenden wirkte sie verloren. Stand mit den anderen, schaute, rieb sich bei gekreuzten Armen die Oberarme, wandte sich um. Ihr musste kalt sein. Trat, die Schultern hochgezogen, von einem Bein aufs andere. Wenigstens war sie nicht mehr barfuß, trug Leinenslipper. Niemand schenkte ihrem fahrigen Ausdruck Beachtung, eher schon wich man einen Schritt beiseite. Sacht legte Ratur ihr seine Hand auf die Schulter:

Hallo!

… und erschrak: Ihre Augen weiteten sich, den Arm vor dem Kinn angewinkelt presste sie zwischen den Zähnen hervor:

Hau ab!

… wischte ihr Handrücken Ratur entgegen. Ein Passant stutzte. Grün. Die Wartenden liefen los, sie hinterdrein. Ratur folgte zögernd. Versuchte es erneut, leise, lächelte:

Heute Nachmittag, am Strand!

HAU … AB!


Unverhofft machte sie kehrt, die Ampel sprang auf rot, sie lief auf die Fahrbahn, ein Auto bremste scharf, Hupen, Schimpfen, sie überquerte die Straße und lief den Weg zurück. Ratur stand ratlos. Die Angestellten des Billigmarkts an der Ecke räumten die Auslagen zurück ins Geschäft. Ratur griff sich eine weiße Decke aus Fleece, ging die zu bezahlen ins Geschäft und querte mit der nächsten Grünphase die Kreuzung. Von der Frau im blauen Kleid keine Spur.

Gegen das Fenster

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH


Hier drinnen ließ das allgegenwärtig helle Licht keinen Schatten. Die Welt draußen lag schwarz vor blinden Fenstern, die, geschlossene Lider, das Innere des Ladenraums widerspiegelten. Ratur Lite machte sich auf den Weg zur Kasse. Ein Baguette, Käse, ein Viertel Roter, eine gelbe Paprika, Ölsardinen, Abendessen. Die Schiffe warteten vor der Schleuse. Müde, abgespannte Miene, guten Abend, auf Wiedersehen, Floskeln wie Regen überm Meer. Barcodes Welt in Schwarz-Weiß. Am Einkaufswagen voraus an der Kasse mit dem müden Gesicht die schlanke Silhouette einer flachsblonden Frau. Ein Leuchtturm. Strich sich die Haare aus der Stirn, legte eine makellos alabasterne Halsbeuge frei, zahlte, entschwebte. Raturs Blick träumte dem Schwung ihrer Wirbelsäule nach, fand über das Räuspern der Kassiererin zurück und deren aufgehaltene Hand … Rums!

… erbebte das Schaufenster.

Die Nacht hatte ein bleiches Gesicht mit großen Augen ans kalte Glas geworfen, meergraue Locken, wirr, faltige Arme glitten die Fensterscheibe hinab, die Finger zierlicher Hände spreizten sich haltlos.
Für einen Augenblick weiße Punkte auf Kobaltblau, schon warf die Gestalt sich zurück in die Nacht und entschwand. Ratur Lite griff sich ein Päckchen Kirschpralinen, raffte den Einkauf zusammen, klatschte der verdutzten Verkäuferin einen Geldschein in die Hand und eilte hinaus.


Hallo?! Sie bekommen noch …
Passt schon!

Auf dem Rad in die Stadt

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH

Zunächst waren es Straßenlaternen, die das Dunkel zu zerteilen begannen, kühles, helles Licht über die Straße ausgossen. Dann der Fensterschein aus den Häusern, der sich warm in die Fensterrahmen gelegt hatte und über die Sträucher der Vorgärten auf den Bürgersteig reichte. Rollläden rasselten. Die ersten Schaufenster. Licht flutende Rechtecke. Das Dunkel lag zurückgezogen in Seitenstraßen und Winkeln. Der Verkehr wurde dichter. Scheinwerfer durchschnitten gleißend ruheloses Zwielicht, warfen Licht und Schatten an Häuserwände und nahmen sie mit sich. Die Bürgersteige belebten sich mit Menschen, die es eilig hatten.


Nicht mehr weit zur Fußgängerzone, nicht weit von zu Hause. Ratur machte Halt an einem Discounter. Etwas fürs Abendessen. Licht. Konsuminsel. Appetit anregende Aromen: Nimm! Nimm? Eine Wolke. Verwirrende Ordnung, vertraute Muster. Ratur ließ sich treiben. Vereinzelte Käufer schritten zielstrebig die Gänge ab und griffen sich bunte Versprechen aus der Vielfalt. Sie muteten an wie Schiffe, deren weiße Segel durch den Himmel schnitten, vor dem Bug schäumende Selbstverständlichkeit. Meer, selbst hier. Reizüberflutung, Flut, immerwährend. Ebbe? Möwenflug, fernes Fehlen, ein Fluchtpunkt. Etwas, das Ratur hinter dem Horizont wusste, noch weit hinter der Kasse mit dem müden Gesicht dahinter.

Srrr...

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH

Das Rad lief ruhig und gleichmäßig. Ratur liebte das Gefühl vollkommenen Kreisens seiner Beine, wenn die Füße die Pedale nieder zwangen und ihnen aufwärts wieder folgten. Auf und nieder und doch beschrieben seine Füße einen Kreis, so wie auch die Räder im wirbelndem Spiel der Speichen drehten und Strecke machten. Das leise surrende Reiben des Mantels auf dem Asphalt. Der Fahrtwind, der sich um ihn legte und erfrischte. Die Erde drehte sich um ihre Achse mit einem nachdenklichen Ratur auf einem klapprigen Herrenrad, dessen Gedanken wiederum sich um das Drehen der Erde drehten, ein blaues Kleid mit weißen Tupfen, um Wahrheit und Wirklichkeit.

Die von Osten heran flutende Nacht holte ihn ein. Zuerst nahm sie den Dingen die Farbe. Das helle Grau der Espen, die weißen Flecken der Birken zeichneten sich noch eine Weile deutlich ab, dann verloren sich die Konturen der Bäume und Sträucher. Die Felder und Wiesen längs der Landstraße ergaben sich anthrazit. Selbst der Horizont ging allmählich unter in immer tiefer gründender Schwere. Zwischen den Wolken hier und da tiefes Blau und die ersten Sterne. Der Radweg kaum zu erkennen. Ratur kickte den Dynamo an den Mantel. Mit dessen hellem Sirren flammte ein schwacher Lichtkegel auf und das Dunkel der Nacht sprang ihn an.


Vor das letzte Dämmerlicht schoben sich jetzt vereinzelte Häuser, dann stieg schwarz die Silhouette der Stadt auf und Ratur sah nach und nach zahllose Lichter darin aufglimmen.

Hinterm Deich, vor dem Deich

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH
Er hatte es nicht eilig. Bedächtig trat er in die Pedale, fuhr ein paar Schlenker und nahm Fahrt auf. Zu seiner Rechten türmte sich der Deich. Hinter dem Deich wusste er das Meer. Doch vielleicht war er es, der hinter dem Deich war und die See davor wartete, setzte zum Sprung an, von ganz weit draußen. Hier hinter dem Deich fühlte Ratur sich klein. Ohne den Blick aufs Meer erinnerte er sich, dass die See alles andere war als beschaulich sich wiegende Weite mit schäumendem Saum über Sand und Schneckenhäuschen. 

Erinnern. Noch nie hatte er bei Sturmflut auf dem Deich gestanden. Wer steht schon bei Sturmflut auf dem Deich – oder fährt aufs Meer hinaus … Ratur erinnerte Bilder, Bilder, die jemand anderes gesehen und die er, Ratur Lite, in sich aufgenommen hatte und bewegte, als wären sie die eigenen.


Auch so eine Art Deich mit Meer davor und einem Menschen dahinter, der Rad fährt.


Der Horizont war heran gesprungen und lief neben ihm her die Deichkrone entlang, sprang von dort über die Baumkronen und eilte die Landstraße hinab, auf die Ratur nun abbog und seinen Weg in die Stadt nahm.

Von oben und unten

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH

Auf dem Deich angelangt wandte Ratur sich um und warf einen letzten Blick aufs Meer. Von hier wirkte es geradezu übersichtlich. Der Horizont eine ferne graue Linie mit Himmel darüber, den das Licht der untergehenden Sonne kaum mehr erreichte. Müde wirkte er, sein Blau matt - und das Schwinden des Lichts wirkte von Osten her mehr und mehr bleiernes Grau hinein.

Das Schlagen der Wellen verlor sich hier oben im Wind, der gedreht hatte und es hinaus trug auf die See. Hinaus auf See, ablandig - wie Raturs Zögern, der auf der Deichkrone stand. Die rechte Hand in der Hosentasche schloss sich um ein paar Schneckenhäuschen, spürte sie rollen zwischen Fingern und Handfläche. Schon hier, noch in Sichtweite, schwand das leise Klirren im Kommen und Weichen der anlandenden Wellen zu Idee, Erinnerung, eine mit der Gewissheit, sie ein paar Meter weiter unten wahrgenommen zu haben und wahr genommen.


Vom Meer blieb Raturs Sinnen mit jedem Schritt hinab auf die andere Seite des Deichfußes nur die salzige Luft mit grauen Wolken vor Taubenblau. Schon flutete landseitig das Rauschen der mit den Böen sich wiegenden Weiden und Pappeln sein Hören.


Ratur schwang sich aufs Rad.

Sonntag, 26. Juni 2016

Ins Leere?

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH


Da waren der Klang eines fernen Saxophons, das Meer, Wind, Wellenschlag, das Klirren von Resten mit anlandender See rollender Schneckenhäuschen, der Himmel. Mit seinem Blau, in das hinein sie gelaufen war. Das Blau, vor dem ihre ergrauten Locken sich warfen mit dem Wind, in ihr Gesicht, die salzige Luft. Wärmend legte sich das Licht der mittlerweile tief stehenden Sonne hinein und verlor sich mit jedem Schritt weiter, den sie gezogen wurde und sich entfernte.

Da war Ratur Lite, der ihr nach schaute.

Ratur bemerkte, wie auch ihr Stolpern sich verlor. Wie seine ihm für Augenblicke Vertraute den Schritt ihrer jungen Begleiterin anzunehmen suchte. In sich gesunken. Kein Blick zurück. Hängende Schultern. Keine Spur der nahezu jugendlichen Spannkraft, mit der sie in sein Leben getreten war.

Er sah sich aufspringen, dem ungleichen Paar nachlaufen, spürte seine Hand die ihre ergreifen und hörte sich komm, lass uns heimgehen sagen, und: Wir gehen beide mit ihr. Das alles jedoch wie hinter geschlossenen Lidern, die Hände in den Sand gestützt und die Ohren dem mit dem Meeresrauschen anlandenden Schweigen auf Antwort zugewandt.

Ratur erhob sich, klopfte an seinen Hosenbeinen den Sand von den Händen und wandte sich dem Deich zu.


Im Blauen …

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH


Oma! Was soll das?

Wieder hatte die Junge sich zur Alten hinab gebeugt, deren Hand ergriffen, den Arm, versuchte, sie zum Aufstehen zu bewegen.

Sei vernünftig! Komm … jetzt!

Warten Sie …

Ratur reichte seine Hand der jungen Frau entgegen.
… doch noch ein wenig.

Einladend klopfte er mit der anderen Hand auf den freien Platz zu seiner Linken.

Warum sollte ich das tun?

Ihre Großmutter sagte: nein.

Und?

Ist das nicht Grund genug?

Grund genug … Seit Stunden suchen wir nach ihr. Jetzt habe ich sie gefunden. Mit einem Wildfremden, am Strand. Barfuß! Da soll ich mich hinzu setzen und - was dann? Ich habe keine Zeit! Ich will heim!

Sie sagten, sie würde ins Blaue laufen. Offensichtlich suchte auch Ihre Großmutter, was und wen auch immer. Offensichtlich fand sie etwas von dem an oder bei mir. Einem zugegeben Wildfremden. In meinen, in Ihren Augen, denen einer Enkelin, die nach ihrer Großmutter suchte. Doch sieht Ihre Großmutter das anders, sieht und erlebt etwas uns Anderes. In mir, vielleicht auch in Ihnen. Und blieb. Kam zur Ruhe. Warum also sollte sie Ihnen folgen, mit Ihnen gehen?

Weil ich … Ach!

Wieder zog sie mit jugendlichem Elan und einer nur ihr eigenen Selbstverständlichkeit, hebelte mit gekonntem Griff unter die Achsel ihrer Großmutter deren Gleichgewicht aus der Balance einer Angekommenen und wuchtete sie in den Stand. Zog eine Widerstrebende mit sich:

Komm endlich!


Befremden. Furcht. Trauer. Verlust. Diesen Abschied erlitt die Frau im blauen Kleide nicht zum ersten Mal. Stolperte nach, wandte sich zurück. Ihre Hand griff widerstrebendes Loslassen ins Leere.

Oma!

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH


Eine junge Frau um die zwanzig lief auf das seltsame Paar zu und ging vor der alten in die Hocke. Ihr:

Was machst du hier?

… blieb ohne Antwort. Ratur bemerkte im Blick der neben ihm Sitzenden so etwas wie ratloses Verwundern. Ihr unter den seinen eingehakter Arm verlor Spannung, löste sich.

Was machst du hier, hm? Wir suchen dich schon Stunden lang …

Sie müssen entschuldigen, wandte die junge Frau sich an Ratur, sie kennt sich nicht mehr aus und manchmal läuft sie los, ins Blaue – und ich kann sie dann suchen! Mein Vater ist voller Sorge.

Sie ergriff die Rechte der Alten, versuchte, sie an sich zu ziehen und zum Aufstehen zu bewegen, doch ihre Großmutter wand ihre Hand aus der ihren:


Nein!

Strandgut

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH


Das Meer eine Welle Wassers in der anderen, darin ein Stück Holz trieb. Das türmte sich mit jedem Wellenkamm, glitt von dort hinab ins nächste Tal. Auf den Strand zu. Über den hinweg zog Meer in Wolken, weißen Walen gleich. Darunter trieben zwei Gestalten, waren sich Insel, wiegten mit der Dünung, waren sich eine Welt in der anderen, mit Meer darin, Möwenrufen und dem Schlag anlandender Wellen, die sich im Sand verliefen und zurück glitten, leise klirrend gebrochene Schneckenhäuschen vor sich her rollten.

Das Band dunkler Wolken hatte sich vom mittlerweile aufklarenden Horizont gelöst. Zog unter sich einen Schleier nach, Regenfahnen, die schwangen mit einem fernen Wind. Sinterfahnen, ging es Ratur durch den Sinn, darin gelöst und auszuflocken bereit, was Sinn ergab, dort, wo es herkam und dort, wo es ausflockte und haften blieb, Substanz. Hier für den Augenblick des Herabregnens Gewissheit und doch nicht mehr als Regentropfen über einem Meer.


Oma?

Ein Schiff

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH


Sie schmiegte sich an ihn, ihre Hand suchte seine und strich behutsam seinen Arm hinab.

Gänsehaut. Ob er aufstehen sollte, gehen? Ratur erwiderte zweifelnd den nun warmherzigen Blick der Alten und fragte sich, wie er selbst, Ratur Lite, Mann am Meer und auf der Suche nach Loslassen in einer Antwort, sich in dieser Welt halten sollte.

Doch in der Welt, die neben ihm Platz genommen hatte, deren Wärme in sein Frösteln ausstrahlte, spielte all das keine Rolle und war wie er, oder zumindest das, was die Frau in ihm sah und was ihr Erinnern aus ihm schöpfte, nicht viel mehr als eine Idee.

Ratur blickte aufs Meer hinaus. Vom Horizont her stieg ein Streifen allmählich dunkel werdender Wolken auf. Die Dünung wiegte ein Stück Treibholz.

Wann läuft sie denn nun aus, deine Bismarck, Ludwig Glöde?

Raturs Blick galt dem treibenden Stück Holz, hielt sich daran fest:


Ich heiße …

Ich bin jetzt bereit für ein Kind …

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH



Ich bin jetzt bereit für ein Kind ...

Überrascht wandte Ratur sich ihr zu …

Du weißt, in diesen Zeiten ein Kind in die Welt zu setzen, macht mir Angst …

Ratur nickte ihr freundlich zu. In ihren Augen glomm ein Licht auf.

… Aber wenn ich bei dir bin, verliert die Welt ihren Schrecken …

Was, ging es Ratur durch den Kopf, geht hier vor? Fragend suchte er im Blick der Alten, doch die neigte den Kopf zur Seite, kräuselte ihre Lippen und flötete:

Niemand spielt Saxophon so schön wie du, mit so viel Gefühl, da …

Saxophon? Ratur ging auf, dass er Projektion war, in einer ihm fremden Welt, gerade so, wie kurz zuvor sein um Erfüllung heischendes Kopfkino ihm Bilder eines Meeres an die Innenseite der Lider geworfen hatte, das sich selbst schuf aus Hören, Fühlen und Erinnern.

Er nahm seinen Arm von der Schulter der Fremden, die sich sogleich wieder bei ihm unterhakte.


… fühle ich mich so geborgen.

Halt

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH


Nun, an diesem Tag war Ratur nicht ans Meer gekommen, um Halt zu suchen. Wer geht schon ans Meer, wenn er Halt sucht?

Und nun saß er da neben einer Unbekannten und bot Halt und spürte die Wärme, die von ihrer Schulter ausging und seine Schulter dort anfüllte, auf der ihr Kopf ruhte mit dem Grau ihrer Locken, das vor seinem Blick aufs Meer hinaus im Wind tanzte.

Die Dinge, sie gehen ineinander über, wie das Wasser des Meeres ineinander über geht und sich wiegt.

Halt, am Meer gilt der so lange wie der Blick an einem Leuchtturm verweilt, vor Anker geht für die Weile des Betrachtens.

Betrachten, Befrachten. Wieder flog Ratur der Gedanke an, dass Sinn-Gebung Halt Knüpfen ist. Dieser Halt wieder ein Netz, in das hinein man sich legen oder mit dem man hinaus auf See fahren kann, Fische zu fangen.

Um ein wenig Halt mehr legte er seinen Arm um die Alte an seiner Seite und fühlte sich auf eigenartige Weise zu zweit willkommen.

Zwei

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH


Sollen wir?

Ratur setzte sich, den Blick aufs Meer, in den Sand. Sie folgte, strich den Saum ihres Kleides über die Knie zu den Waden hin glatt, lächelte durch Ratur hindurch und hakte sich erneut bei Ratur unter, dessen Arme seine Knie umfasst hielten.

Ich heiße Ratur.

Sie lächelte, legte den Kopf an seine Schulter. Ab und an strich sie eine Locke aus der Stirn, die der Wind dort sogleich wieder hinein warf, ein sich immer neu schöpfendes Spiel.

Ich heiße Ratur!
Ihr Lächeln, dieser Blick.

Das Meer … wies Ratur in die Ferne. Ihr Blick folgte seinem Fingerzeig … Ist es nicht schön?

Sie nickte.

Leben Sie hier?

Ich weiß es nicht.


Endlich Antwort und doch eine von der Art, in der jetzt auch Ratur sich verloren fühlte.
Verloren und zugleich sich dieser Unbekannten verbunden, die sich neben ihn gesetzt und an ihn gelehnt hatte. Eine Frau, der er ein Halt war, welcher ihm selbst unentdeckt blieb.