Ludwig Janssen © 11.3.2020
Lyrische Prosa, lyrische Klangwelten, Slamtexte, Piktolyrik, Lyrik - das Wort, Sphüngs, Zirkelschneck und andere freischwurbelnde Absonderlichkeiten, grenz-
und kopfüber ...
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Mittwoch, 11. März 2020
Sternbild
Bald ist's ein Jahr her, dass er, der Meer
leser die Türe hinter sich ins Schloss zog
und nun ist es still geworden um ihn, je
doch die Stille ist nicht erfüllt von Schwei
gen Horizont, reichlich, dort wiegt sich Er
innern und die Bugwelle des Bootes. Bären
spiegeln sich darin.
Freitag, 12. Juli 2019
Lisbeth und der alte Mann vom Meer
Lisbeth rieb sich den Schlaf aus den Augen. War das was? Sie meinte, vom Garten her ein Geräusch vernommen zu haben. Das schabende Quietschen rostiger Kettenglieder, die aneinander rieben. Lisbeth hüpfte aus dem Bett und lief auf bloßen Füßen zum Fenster. Draußen war es kühl. Gerade so, wie es sich für einen Frühlingsmorgen geziemt, und die Fensterscheiben waren beschlagen, von außen. Lisbeth strich sich eine blonde Strähne aus der Stirn und versuchte behutsam, das Fenster so leise wie möglich zu öffnen. Der Rahmen war im Fensterstock etwas aufgequollen von der Feuchtigkeit. Und so folgte der Fensterflügel nur widerstrebend und auf einen kleinen Ruck hin. Das Glas der Fensterscheiben erbebte. Leises Scheppern.
Kühle, feuchte Morgenluft strömte ins Zimmer, umfloss das zierliche Persönchen darin, dass sich die Härchen auf den Armen des Mädchens aufstellten. Irgendwo hinter der Ligusterhecke tschilpte eine Schar Spatzen. Doch von der Sternrenette her kam das Geräusch, dem Lisbeths Neugier galt. Dort hing die alte Schaukel, die der Großvater schon ihrer Mutter, als die noch ein Kind war, am stärksten Ast des Baumes angebracht hatte. Und auf der Schaukel, wieder rieb Lisbeth sich die Augen, war die graue Gestalt eines alten Mannes mit Hut zu erkennen, der dort saß und ein wenig hin und her schaukelte.
Rasch schlüpfte Lisbeth in ihre Gummistiefel, warf sich eine rote Weste über das geblümte Nachthemd und eilte in den Garten.
"Hallo?"
Der Mann hob den Kopf.
"Was machst du da?"
Ein müdes, aber freundliches Lächeln war die einzige Antwort.
"Wer bist du?"
Das Lächeln, wieder. Blass wirkte er, der Alte auf der Schaukel, und wer genauer hingeschaut hätte, hätte seine Haut, sein Gesicht in bläulichen Schimmer gehüllt gesehen.
"Kalt ist's! Ist dir kalt, alter Mann?"
"Mhm, schon. Ein wenig."
Lisbeth war nun näher an den Mann herangetreten, der so freundlich und doch so traurig wirkte und griff nach seiner Hand. Auch die fühlte sich kühl an, kühl und frisch wie die Morgenluft, die Lisbeth frösteln machte.
"Oh, was hast du kalte Hände! Komm, komm mit in die Küche und ich mach dir einen heißen Kakao. Und dann erzählst du mir deine Geschichte und wie du hier in den Garten auf Mutters Schaukel kamst, ja?"
"Mhm, ja, gut."
"Du bist ja ganz nass! Komm", zog Lisbeth den alten Mann hinter sich her ins Haus: "Du wirst staunen, wie gut so eine große Tasse heißen, süßen Kakaos tut."
Er duftet wie Ferien an der Nordsee, dachte Lisbeth bei sich.
Kühle, feuchte Morgenluft strömte ins Zimmer, umfloss das zierliche Persönchen darin, dass sich die Härchen auf den Armen des Mädchens aufstellten. Irgendwo hinter der Ligusterhecke tschilpte eine Schar Spatzen. Doch von der Sternrenette her kam das Geräusch, dem Lisbeths Neugier galt. Dort hing die alte Schaukel, die der Großvater schon ihrer Mutter, als die noch ein Kind war, am stärksten Ast des Baumes angebracht hatte. Und auf der Schaukel, wieder rieb Lisbeth sich die Augen, war die graue Gestalt eines alten Mannes mit Hut zu erkennen, der dort saß und ein wenig hin und her schaukelte.
Rasch schlüpfte Lisbeth in ihre Gummistiefel, warf sich eine rote Weste über das geblümte Nachthemd und eilte in den Garten.
"Hallo?"
Der Mann hob den Kopf.
"Was machst du da?"
Ein müdes, aber freundliches Lächeln war die einzige Antwort.
"Wer bist du?"
Das Lächeln, wieder. Blass wirkte er, der Alte auf der Schaukel, und wer genauer hingeschaut hätte, hätte seine Haut, sein Gesicht in bläulichen Schimmer gehüllt gesehen.
"Kalt ist's! Ist dir kalt, alter Mann?"
"Mhm, schon. Ein wenig."
Lisbeth war nun näher an den Mann herangetreten, der so freundlich und doch so traurig wirkte und griff nach seiner Hand. Auch die fühlte sich kühl an, kühl und frisch wie die Morgenluft, die Lisbeth frösteln machte.
"Oh, was hast du kalte Hände! Komm, komm mit in die Küche und ich mach dir einen heißen Kakao. Und dann erzählst du mir deine Geschichte und wie du hier in den Garten auf Mutters Schaukel kamst, ja?"
"Mhm, ja, gut."
"Du bist ja ganz nass! Komm", zog Lisbeth den alten Mann hinter sich her ins Haus: "Du wirst staunen, wie gut so eine große Tasse heißen, süßen Kakaos tut."
Er duftet wie Ferien an der Nordsee, dachte Lisbeth bei sich.
Montag, 8. April 2019
Episode 35
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH |
Es regnet. Heftige Böen blättern in den Kronen der alten Kastanien. Ein letzter Besucher verlässt das alte Gebäude, in dem es in Bildern erzählte Geschichten zu betrachten gab. Den Hut tief in die Stirn gezogen strebt er gebeugt seinem Fahrrad zu. Die Luft duftet nach Salz.
Episode 34
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH |
Die Bilder eine in Rechtecken erzählte Geschichte. In Rechtecken, die sich nun vor deinen Augen schließen. Noch ehe sie offenbarten, was aus dem alten Mann und seinen Büchern wurde. Keine sich im Sand zum Horizont verlierende Spur, kein Gruß, kein Abschied. Kein Fenster auf Kipp.
Freitag, 5. April 2019
Episode 33
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH |
Du schließt das Fenster. Zugleich bemerkst du, dass sich in den letzten Bildern an der Wand gegenüber die Rechtecke der Geschichte schlossen.
Aquarelle.
Vögeln gleich, die sich zu Beginn einer großen Reise sammeln, die Schwingen geschlossen auf ein letztes, erholsames Rasten.
Donnerstag, 4. April 2019
Episode 32
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH |
Von See her war der Sturm aufgezogen und hatte letztendlich das Boot längsseits zurück auf den Strand getrieben. Dort lag es über die Bordwand zur Seite gekippt und ergoss seine seltsame Fracht über den Sand.
Eine Grasmücke hatte sich auf dem Kiel niedergelassen und pflegte ihr Gefieder.
Mittwoch, 3. April 2019
Episode 31
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH |
Wärmendes Sonnenlicht? Ausgeschlossen! Nicht hier, am Grunde des Ozeans. Unverhofft stieß das Wesen den alten Mann von sich. Wandte sich ab und verschwand mit der Strömung. Der Kopf des alten Mannes prallte gegen einen Felsen. Ein Schlag, der ihn durchschüttelte bis ins Mark.
Episode 30
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH |
Phantasierte er? Dem alten Mann war, als wende das blassblaue Wesen aus dem Meer ihn behutsam auf den Rücken, wüsche sein fahles, bärtiges Gesicht. Bliese es an, dass es abkühle. Zugleich senkte sich der Blick der unergründlich meergrünen Augen in seine Brust. Das Licht der Sonne wärmte.
Sonntag, 31. März 2019
Episode 29
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH |
"... Ein kleiner Fisch kam aus Norden aufs Boot zu geschwommen. Es war eine Flunder, und sie schwamm dicht unter der Oberfläche. Der alte Mann konnte sehen, dass sie sehr müde war ..."
„… Es waren die kleinen Vögel, die die Großmutter Fische nannte, denn sonst hätten es die Kinder nicht verstehen können, da sie nie einen Vogel gesehen hatten. …“
Episode 28
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH |
Der Blick aus dem Fenster erinnert dich an die Welt dort draußen. Bist am Ende des Ganges angelangt.
Im Altenheim nebenan stellt man das Fenster auf Kipp, wenn eine Geschichte zu Ende erzählt ist.
Luft! Du öffnest das Fenster einen Spalt weit. Das Lied einer Amsel weht hinein.
Episode 27
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH |
Der alte Mann schloss die Augen und nickte.
„Bin ich … jetzt … auch … Dünung?“
„Du bist.“
„Irgendwo. Fern jenem Ort, an dem der Sturm mich auftürmte, zum Himmel trug und in die Tiefe schleuderte, mich zerriss zu stiebender Gischt. Eine am offenen Fenster zu Ende erzählte Geschichte.“
Dienstag, 26. März 2019
Episode 26
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH |
"... Ein kleiner Vogel kam aus Norden aufs Boot zugeflogen. Es war eine Grasmücke, und sie flog dicht über dem Wasser. Der alte Mann konnte sehen, dass sie sehr müde war ..."
Aus ebenso müden Augen wandte der Mann sich dem blauen Wesen zu:
"Du liest mir vor, mir?"
„Gefällt es dir?“
Episode 25
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH |
Er erinnerte. Den Baum, den er fällte. Das Lied der Amsel, das verstummte.
„… und selbst der Tod horchte und sagte: "Fahre fort, kleine Nachtigall! fahre fort!" […] Da bekam der Tod Sehnsucht nach seinem Garten und schwebte, wie ein kalter, weißer Nebel, aus dem Fenster …“
Sonntag, 24. März 2019
Episode 24
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH |
In den Armen des Meerwesens geborgen fand der alte Mann sich am Grund des Meeres wieder. Seltsam. Eigentlich müsste es stockfinster sein. Doch drang von der Wasseroberfläche das Spiel der Sonnenstrahlen bis zu ihm hinab, lief, vom Gang der Wellen gebrochen, in hell wabernden Linien über ihn hinweg.
Freitag, 22. März 2019
Episode 23
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH |
„Auf dem Grund des Meeres gibt es keine Dünung“, hörte der alte Mann das blassblaue Wesen in sein Ohr flüstern.
„Die Dünung gehört dem Sturm und der See, ist eine vom Wellengang erzählte, weit entfernte Geschichte.“
„Und die Dünung des Meeresgrundes?“
„Gehört dem Atmen des Erdmantels.“
Donnerstag, 21. März 2019
Episode 22
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH |
Die Dünung. Spürst du sie noch? Umgeben von all den rechten Winkeln - um dich, um die Bilder, um die Welten aus Geist, Fleisch und Blut, trägt ihr ewiges Auf und Ab das deine. Dich darin geborgen in einer Nussschale. Leben. Nicht irgendeines – deines. Auf dem Grund des Meeres.
Mittwoch, 20. März 2019
Episode 21
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH |
Bernstein. Ein Stück Wald aus der Tiefe des Meeres wieder aufgestiegen zum Licht.
Licht.
Licht flutet den langen, geräumigen Gang, den du durchschreitest, Bilder betrachtend. Auch sie stiegen auf zu Licht, Farbe und Kontur. Ebbe und Flut schöpferischen Denkens. Ein Mensch, eine Welt.
Dienstag, 19. März 2019
Episode 20
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH |
Vom Sandstein der alten Gebirge erzählte der Mann dem Meerwesen und den versteinerten Muscheln, die man dort im Schatten der Wälder finden konnte. Und dem Bernstein, der einst in Wäldern als Harz entstanden, dann vom Meer geflutet und mit der Dünung der Erdkruste wieder zu einem bewaldeten Berg aufgeschoben worden war.
„Dann ist das Land auch nichts weiter als ein Meer?“
„Ja. Die Dünung ist eine langsame und lässt sich viel Zeit. Doch eigentlich ist die Erde eher ein Meer aus glühendem Gestein, als dass sie fest und unbeweglich wäre.“
Montag, 18. März 2019
Episode 19
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH |
„… Sie kannte keine größere Freude, als von der Menschenwelt über ihr zu hören, die alte Großmutter musste ihr alles erzählen, was sie wusste von den Schiffen und Städten, Menschen und Tieren. Ganz besonders wunderbar und herrlich erschien es ihr, dass oben auf der Erde die Blumen dufteten, denn das taten sie auf dem Meeresboden nicht, und dass die Wälder grün waren und die Fische, die man dort auf den Zweigen sieht, so laut und lieblich singen konnten, dass es eine Lust war. Es waren die kleinen Vögel, die die Großmutter Fische nannte, denn sonst hätten es die Kinder nicht verstehen können, da sie nie einen Vogel gesehen hatten. …“
Der Alte hatte ein kleines Buch aus seiner Jackentasche gezogen und las dem Meerwesen daraus vor. Es verwunderte ihn nicht weiter, dass er eigentlich schon längst ertrunken und tot hätte sein sollen. Vielleicht war er das auch und der Tod war tatsächlich nichts weiter als der Schritt in ein anderes Leben, eine andere Welt. Vielleicht aber auch träumte er das alles nur und würde irgendwann aufwachen und sich verwundert die Augen reiben.
Das Meerwesen wartete ungeduldig auf die Geschichte vom Meer unter den Wäldern. Er konnte es glucksen hören. Gerade so, wie er es vernommen hatte, als er noch im Boot gesessen hatte und dem Meer von seinem Boot aus vorlas.
Sonntag, 17. März 2019
Episode 18
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| Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH |
Das Meerwesen legte seinen Arm um den Alten und zog ihn hinab zum Meeresgrund, tiefer und tiefer. Das Tageslicht reichte nicht hierher, doch von dem seltsamen Paar ging ein Leuchten aus, das alles ringsum erhellte. Sie gelangten an eine Stelle, an der ringsum dunkle bis hellgelbe Steinchen aus dem Schlamm heraus zur Wasseroberfläche stiegen.
„Bernstein.“
Der alte Mann erkannte, was das blassblaue Wesen mit dem Sonnenlicht längst vergangener Tage gemeint hatte, das hier aufstieg wie gen Himmel geweinte Tränen. Nicht ein einziger Baum war zu sehen.
„Siehst du den Wald?“
„Ich kann ihn ahnen.“
„Vor vielen Millionen Jahren muss er ertrunken sein und jetzt gehört er zu mir.“
„So wie du zu den Wäldern gehörst, die sich heute an Land im Wind wiegen.“
„Ja?“
„Mhm.“
„Auch ich wiege mich gerne im Wind. Aber dass ich zu den Wäldern gehören soll …“
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