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Montag, 23. März 2026

Gesperrt. Auch gut, sagte der Schmied im Kölner Zoo.



Abstand – wohl der größte Gewinn, den du dir erschließen kannst aus dem Entzug des Zugriffs auf die Möglichkeit, Texte zu veröffentlichen auf dieser Plattform keinVerlag.

Am Tag eins nach der Sperre ist die Mail an den Webmaster raus, die Einsicht, dass auch der ein Mensch ist und das auch bleiben darf, ist nicht neu. Revue passieren lassen, was genau da eigentlich abging und welcher Gaul mit dir selbst durch: Alles im grünen Bereich, kann man aufrechten Hauptes abnicken, passt. Kein Bedauern.

Auch nicht, was die Verfügbarkeit angeht. Deren größter Nachteil: Man kann noch lesen, was an Texten veröffentlicht wird: Rosinenbrot. Die vollmundige Selbstbeschreibung des Forums verkündet es jedenfalls. Die Fliegen darin sind den Rosinen wie immer zahlenmäßig voraus. Ich schmunzle.
Da hatten sie eine Woche Gelegenheit, von meiner sie behelligenden virtuellen Präsenz befreit, anspruchsvolle Texte einzustellen, und, ergriffen sie diese Gelegenheit beim Schopf? Nein.

Gelegentlich ein lesenswerter Text. Im Nichtschwimmerbecken jedoch die üblichen Arschbomben. Ob sie jetzt, da der Spiegel ihrer bösen Stiefmutter schweigt, bemerken, dass sie sich schon eine geraume Weile darin zu übertreffen suchen, den dämlichsten Texten des Forums ebenbürtige Texte zu verfassen? Es sieht nicht danach aus. Von den sich in geradliniger Pose liebenden Schandmäulern dieselben Schmierenkomödien. Sie feiern ihre bescheidenen, durchtriebenen Hinterforzigkeiten ab und klopfen sich anerkennend auf die Schulter. Dabei zittern sie, dass ihre Absichten unerkannt bleiben, versichern einander daher, Stippeföttche, dass man schon weiß, wer gemeint ist. Das Hinterteil zeigen. Eine nicht nur im Tierreich verbreitete Geste der Unterwerfung, böse Kräfte und Dämonen zu besänftigen. Was da wohl zerrieben wird? Die eigene charakterliche Kurzsichtigkeit, denn vorne will kaum einer der Protagonisten wahrhaben, welche Werte ihm hinten jedem Unbedarften offen sichtlich am Arsch vorbeigehen.

Ich warte ein paar Tage länger, als die Sperre währt, dass die paar wenigen, die ihre Ergüsse an meiner virtuellen Präsenz auf keinVerlag festmachen, sich eines Besseren besinnen, also dessen, was sie zu sein sich vergewissern in Endlosschleife. Dass davon etwas literarisch aussickert. Fehlanzeige.
Im Gegenteil: Gerade so, als wäre ihren schwachbrüstigen Phantasien die wesentliche Stütze abhandengekommen, drängen sie sich Halt suchend um den letzten phallischen Text des Forums. Offenbaren ihr intellektuelles Potential, abstrakte Begriffe wie Menstruationslyrik mit Geist anfüllen zu können statt mit Phrasen und kindischem Purzelgebaum. Reihenweise gehen sie dabei in die Knie. Bleiben stecken in postanaler frühpubertärer Lyrik. Albern rum. Sagte der Schmied: Auch gut. Wenns sie glücklich macht ...

Abstand, der größte Gewinn. Mit Abstand zum Geschehen gewinnt man Übersicht. Gibt es auch jemanden, der noch eine Rechnung offen habe könnte mit dir und sich jetzt zurückhält? Ja, es gibt jemanden. Mehr als einen. Bedauerlich, dass auch die schweigen, für die man Partei ergriff, versuchte irgendwer sie vorzuführen oder ihnen intrigante Unwahrheiten unterzuschieben. Sie werden sich halt fürchten, selbst zur Zielscheibe revanchistischen Bashings zu geraten. Auch gut, meinte der Schmied. Betrachtet das entweder versonnen (oder unschlüssig oder peinlich berührt - weiß man ja nie genau) von der Spitze des Pavianfelsens auf die kreischende Hektik am Wassergraben spähender Alphamännchen.

So ein Besuch im Kölner Zoo ist … mit Abstand … das Beste, was man unternehmen kann, wenn man Abstand gewinnen will, Abstand auch von der eigenen Disharmonie, die in vergleichbarem Maß, mit dem du dich auf literarisch intendierte und charakterlich demaskierende Missklänge keinVerlags einlässt, von dir selbst und der eigenen Sicht auf die Dinge Besitz ergreift. Du erkennst, dass du dich gefangensetzen ließest von ein paar Hanswürsten und deren Treiben, das dich eigentlich anwidert. Du erkennst, dass du kein Spiegel bist, kein Spiegel sein kannst. Weil du, reflektierst du ihre Dumpfheit und deren bösartige Auswüchse, dich veränderst, zum Schlechten. Du magst dich nicht. Warum nur immer wider dieselben Windmühlen? Letztendlich hast du dann im Rücken, was die antreibt. Und von genau dort agieren sie, weil sie sich fürchten, anders als hintenrum zu kommen. So ist doch eigentlich nichts weltbewegend Schlimmes daran, dass sich literarisch Unbedarfte an überkommenen Mustern orientieren, die ihnen Orientierung bieten und Sicherheit. Die Sicherheit, und solche Bestätigung brauchen sie, zumindest von einer Handvoll Gleichgesinnter angenommen und in ihren Augen ein Dichter von Wert zu sein. Was soll schlimm sein daran, die eigenen Störungen in liebevoll phrasierten Wortpäckchen zu entsorgen und dafür verständnisvolle, bestätigende Streicheleinheiten zu empfangen? So ist es rührend, wie sie einander stützen, helfen und aufbauen. Den frischen Streusel Schnittlauch loben, der die aufgewärmte Dose Latein würzt. Oder ein nett aufbereitet stinkendes Häufchen Lüge. Und die, die den HiFi-Stereotypen ihre hilfreiche Hand reichen zum High-Five oder auf den Rücken eines virtuellen trojanischen Pegasus‘, sind sie nicht die wahren Samariter deutscher Klitoradtourforen? Wahrscheinlich. All ihr seiner Agens enthobenes pädalogisches Geschick sublimieren sie in lobenswert aufopferungsvoller Hilfestellung am literarischen Reck. So leistet ein Forum wie keinVerlag sich eine kleine Sub-Community, die sich eigentlich herzlich wenig von so etwas wie der Idee einer Entwicklung des Schreibens der User KVs aufhalten lässt, sondern sich unmittelbar daran begibt, ihre Mitglieder als gute Menschen dastehen zu lassen. Überzeugend, zumindest im kleinen Kreis, wie man liest. Und, wie gesagt: unter Anderem, unter Anderen! Unter. Unter aller, aller und sich selbst Sau jagen sie einander sowie ihre fixen Ideen durchs Dorf. Spektakel. Daily Soap.

Doch das eigentlich Wesentliche, das man im Kölner Zoo und vor dem Pavianfelsen verharrend erfährt und dass das Besondere am Abstand ist, den man gewinnt, wenn man gesperrt ist, ist, dass man den Pavianfelsen darin als Teil sieht und erkennt, dass dessen quirliges, selbstverliebtes Drehen um sich selbst und die Menschen auf der anderen Seite des Wassergrabens für das eigene Schreiben irrelevant sein sollte und dass es mit bereits einer halben Drehung dem Zoo und dem Ganzen zu an Bedeutung verliert.

Bereits vor meiner Sperrung aufgrund einer ebenso empörten wie aufrichtig gemeinten Schmähung des meiner Ansicht pietätlosen Verhaltens eines Nutzers KeinVerlags und dessen geradliniger Dekompensation darob hatte ich damit begonnen, die Texte bestimmter Autoren nicht mehr zu lesen. Weil sie nichts Neues brachten. Weil sie sich in den immer gleichen Mustern verstrickten. Weil sie entweder Kassiber von Insidern für Insider darstellten oder sich in profanem Ringelpietz mit Anfassen verloren. Weil Kritik an ihren Texten verschwendet ist. Die zu ignorieren: Eine wirklich entspannende Übung in Selbstdisziplin.

Weitere Texte auf KV zu veröffentlichen nehme ich mit dem Vorsatz auf, dies fortzusetzen und mich vom Pavianfelsen weg der Suche nach den Antilopen des Zoos zuzuwenden, der Suche nach dem Sphüngs, den ich aus den Augen verlor und der sicherlich nicht im Zoo zuhause ist.

Sagte der Schmied: Auch gut.


Essay zum Thema Eigene Welt
Ludwig Janssen © 17.1.2013

Mittwoch, 7. Juni 2023

Das Wehrlose einer Kritik


Einen kritischen Kommentar zu einem Text zu verfassen, der auf einem Forum wie [...] veröffentlicht wurde, ist ein gewagtes Vorhaben, zieht man sich doch nicht nur den Unmut des Verfassers zu, sondern auch den seiner Entourage. Sofern der Verfasser sich einen solchen Hofstaat aufgebaut hat, also Wert legte auf Schranzen, Buckelkratzer, Rosettenschlüpfer und Lippenleser - selbst all dies den anderen war (ein übrigens billiges Unterfangen, sind doch anstrengende Charaktereigenschaften wie Integrität und Sachlichkeit eher hinderlich und somit ihr Fehlen von Vorteil), hat man mit einer Vielzahl von Anfeindungen zu rechnen.

Solche Anfeindungen sind immer auf die Galerie zu geschrieben, auf der man diejenigen weiß, mit denen man über PN in Verbindung steht und die sich bereits empörte, diejenigen, die mit dem Verfasser des kritischen Kommentars ein Hühnchen zu rupfen haben möchten und dann noch die paar Armseligen, die zwar selten einen Grund erklären können, jedoch gerne einen Anlass geboten bekommen, sich als moralisch Erhabene strafend profilieren zu können. Selten wird die Kritik angegriffen, meist der Kritisierende. Das reicht bis hin zu Diffamierungskampagnen, habe ich hier zur Genüge erleben müssen. Hierzu schämen manche Ehrenmännchen und -weibchen sich nicht, sich darin zu entblöden, in eigens hierzu erstellten Texten zum Kritiker-Bashing zu ermuntern. Bei solchen sich einander bestätigenden Ausgrenzungen eines Anders- hier: Querdenkenden schütten die Belohnungszentren des Kleinhirns stimulierende Substanzen aus.

Ich habe daher die begründete Phantasie, dass einen kritischen Kommentar unter einen Text der sich stetig lausenden und umkuschelnden Autoren zu platzieren in etwa gleichzusetzen ist mit dem Unterfangen, im Anzug durch einen Swingerclub zu flitzen und zu fotografieren, oder, auch hier nur spekuliert, das jedoch lebhaft, mit jemandem, der im Darkroom eine Taschenlampe oder gar das Licht anknipst.

Dabei (deswegen?) steht der kritische Kommentar mittlerweile ohnehin auf der roten Liste, ist vom Aussterben bedroht und wird in täglich schwindende Reservationen zurückgedrängt. Weil nämlich der kritisch Kommentierende etwas macht, was oft genug der Verfasser des kritisierten Textes selbst versäumt zu realisieren: Er stellt sich und seinen Gedanken zur Diskussion, exponiert sich und sein Denken. Ein Akt der Wehrlosigkeit. Ist doch die Kritik selbst ebenfalls ein Text.

Nun ist es bei einem Literaturforum, wie [...]  eines ist, nein, sein möchte, nein, Wunschdenken, also: was [...]  nie werden wird, aber denen, die so was brauchen, sein soll -… ist es also so, dass kaum jemand wirklich ein Kritiker ist. Kaum jemand wird den zehn Geboten für Literaturkritiker gerecht, die Marcel Reich-Ranicki aufstellte, erst recht nicht dem zehnten: „… Du sollst nicht begehren, selbst zu dichten …“

Ich selbst bezeichne mich gerade deswegen nicht als Kritiker. Doch verfasse ich Kritiken mit der Gewissheit, nicht unbedingt mich selbst, aber meine Denke und mein Schreiben in Frage gestellt zu lesen zu bekommen. Denn wie nach Nietzsche der Freund dem Einsamen der Dritte ist, so ist dies, was das Schreiben angeht und dessen Entwicklung, der Widerpart dem schreibenden Einsamen wie ich einer bin.

Eine Empfehlung, die ich abschließend mir selbst und denen, die sich in dieser Kolumne verstanden fühlen, mit auf den Weg schreibe ist, Swinger-Clubs und Darkrooms zu meiden, und, gerät man doch hinein, zumindest Vorsorge zu treffen, hier: Keine bleibenden Eindrücke festhalten und nie, nie das (also dein!) Licht anknipsen.

Montag, 6. März 2023

Die Hühner unter den Texten


Ich schicke meine Texte nicht mit dem Ziel los, einen Leser davon zu überzeugen, sie zu lesen.
Sie sind wie Vögel, die man aus der Hand lässt. Mit jedem Leser kommen sie ein Stück weiter. Man hat nicht mehr in der Hand, was mit ihnen geschieht. Nur ein kurzes Stück ihres weiteren Wegs sieht man sie noch, weiß, was sie treiben - außer bei den Hühnern unter ihnen.

Die Hühner weiß man um sich, verliert sie nicht aus den Augen. Die Hühner bleiben. Ihnen ist zu Eigen, dass sie ein überschaubares Innenleben haben, eines, das man selbst nicht frei, nicht aus der Hand ließ oder aus den Augen verlor. Warum?

Die Antwort ist so leicht zu finden wie ein Huhn zu fangen einfach ist. Es wird eine Handvoll Gründe geben, was einen Text zum Huhn macht. Wer darüber nachdenkt, welche in Frage kämen, wird die Hühner unter den eigenen Texten erkennen. Vielleicht auch die eine oder andere Schwalbe, die mit gestutzten Flügeln zwischen ihnen umherirrt.

Hat man die Hühner unter den eigenen Texten erkannt - wird sich etwas ändern, am Schreiben, werden Texte geändert, werden Hühner befreit werden … wird, auch zu beobachten, lediglich die Haltungsform eine andere?

So weit zu den Hühnern unter den eigenen Texten. Nicht jeden, den ich als Huhn ausmachte, wünsche ich fern und mit den Schwalben fliegen. Müßig, dem weiter nachzusinnen.

Mittwoch, 5. Oktober 2022

Der Deudre

Der Deudre (Deutscher Dreizeiler) ist ein eigenartiger Kauz. Er greift die Inspiration, die die fernöstliche Kurzlyrik in Form des Haiku, Senryu und seiner Anverwandschaft in den Kulturkreis seiner Anhänger weht, auf und setzt sie im Rahmen der jahrhundertelang gewachsenen Tradition und Kultur des Lebensraumes Deutschland um.


Nun ist das Deu des Deudre kein nationales, ausgrenzendes, sondern ein umschreibendes, auf die Sprache Deutsch in ihrer Vielfältigkeit und Geschichte bezogenes.

Der Deudre hängt der Internationalen nach und strebt beständig nach Verbrüderung mit anderen Sprachen.

Somit verbindet er selbstbewussten bayerischen Liberalismus mit dem „jönnekönne“ des Rheinländers, dem preußischen Hang zur Disziplin und norddeutsche Schweigsamkeit.

Man darf ihn auch gerne „die“ oder „das“ nennen und ein Plural-„s“ anhängen, weil dies auch den LKW so geschieht im Land der Dichter und Denker.

Dem Land der Dichter und Denker fühlt sich der Deudre insofern verpflichtet, dass er möglichst beide Elemente in sich vereinigt. So darf er auch über genügend Dichte verfügen, die zum Denken anregt, sofern er genügend durchdacht ist, Gedachtes und Beobachtetes zu verdichten.

Die Regeln des Deudre:

  1. Ein Deudre sollte sich auf drei Zeilen beschränken und eine Silbenzahl von 17 nicht überschreiten. Das Schema 5-7-5 gilt als Anhaltspunkt. Soweit der fernöstliche Einfluss und die Tradition.

  2. Die Silbenzahl 17 und somit die freiwillige Beschränkung des Deudre-Anhängers zur Komprimierung einer Beobachtung, eines Gedankens, ist eine Höchstgrenze, die den Deudre vom „freien Dreizeiler“ unterscheidet (soweit zu Preußen).
    Entsprechend dem Können des Verfassers und der Verständlichkeit der Aussage darf, ja sollte die Silbenanzahl unterschritten werden, wenn dies möglich ist.
    Das norddeutsche moin-moin als großer Wurf des Norddeutschen aus der Einsilbigkeit ist hier ein willkommener Anlauf in die Quasselei und bedarf nur einer winzigen ausschweifenden dritten Zeile, z.B. „du“, ebenso wie das  vergleichbar geschwätzige Tri tra trullala problemlos auf drei Zeilen zu brechen ist und zum nächsten Punkt führt:

  3. Ein Deudre darf durchs Gedichticht metaphern, dass es nur so schplatattert,  von Innerwelten erzählen, resümieren und kommentieren, soviel er mag und wie es (seiner Kürze) zumutbar ist. Ebenso dürfen sich in ihm Heukühe, Supermännchen und andere Spaßvögel tummeln, ohne dass es einer weiteren Kategorisierung bedarf. Wortwiederholungen, die als Stilmittel eingesetzt werden, sind willkommen ebenso wie Über- und Unterschriften. (Soweit zum Rheinland und zu Bayern)

  4. Der Deudre (er kann auch eine „sie“ sein) braucht sich von nichts und niemand was sagen zu lassen, solange er was (aus) zu sagen hat. Aber er darf. (Soweit zu Bayern)

  5. Der Deudre kennt keine Meister. Seine Anhänger sind auf Wanderschaft. Doch erkennt er Freunde. Mit seinem großen Herzen nimmt er all jene „Ruinen“ auf, die von Meistern und Büchern aus Haikuland oder Senryunien vertrieben wurden und gibt ihnen eine liberale Heimat, sofern Punkt 4 einigermaßen erfüllt ist.
    Ebenso schämt er sich seiner nicht. Zwischen Haiku und Senryu gestellt, lächelt er die Meister fremder Gedichtarten an, weiß er doch um seine Heimat. Netterweise sollte er sich ein Ruinencape umhängen.

  6. Besonders gern mag es der Deudre im Sinne der Verbrüderung bzw. Verschwesterung, wenn seine Aussage bzw. seine letzte Zeile von einem anderen Deudre aufgegriffen, fortgesetzt und/oder kommentiert wird. Dies ist dann eine so genannte „Polonaise d’eudre“.
    Ebenso liebt er es, sich zu spiegeln, zu trichtern oder dreischichtig daherzukommen. Extremsportarten wie das XLdeudring 10/14/10 stehen offen, sind aber auch ein Hinterausgang in den freien Dreizeiler.

  7. Das Anhängen weiterer Zeilen sollte der Bekömmlichkeit des Deudre zuträglich sein.

    So öffnet er sich auch den Geschwistern Tanka und dem Rengha, indem er sie freundlich an seinen gastfreundlichen Tisch bittet und zusätzliche 14 Silben in zwei Zeilen aufdeckt.

    Ebenso behält der Deudre sich vor, auf eine dritte Zeile zu verzichten.
    Denn warum sollte man einen Norddeutschen durch irgendwelche Regeln dazu nötigen, gegen seine innere Natur zu handeln?



Ludwig Janssen © 28.9.2004

Dienstag, 12. November 2019

ET - und: Das Gesicht verlieren




Es ist die 88, nicht die 66, über die ich nach Hause fahre … nach Hause! ET - he’s lost, he’s alone, and he’s three million lightyears from home. Asien ist auch furchtbar weit weg. Wenns doch nur voranginge. Stau.

Wieder. Zäh fließender Verkehr. Was wohl gibt’s da zu glotzen? Blinkende Lichter, Fluter, Autos kreuz und quer, eines liegt auf dem Dach, dort ein umgestürzter LKW, irgendwas in Decken, irgendwas unter Decken, irgendwas hinter Decken, ein Polizist, noch einer, Feuerwehrleute, noch mehr Feuerwehrleute, technisches Gerät, imposant. Die haben alles im Griff, die da auf der anderen Seite. Der Mittelstreifen legt sich dazwischen, eine Grenze, die nicht überschritten wird. Na, ja, da vorn ist sie ziemlich ramponiert, da ist was durch, sind die Leitplanken zerfetzt. Dort geriet die Ordnung auseinander – und doch, das alles ist so weit weg, so beruhigend weit. So wie Asien. Da muss Benzin ausgelaufen sein, man kanns riechen, gut so. Dass mans riechen kann. Das Benzin, wenn’s ausgelaufen ist. Fugu, da muss man höllisch aufpassen bei der Handhabung.

Die Gaffer kennen keine Grenze. Die glotzen und glotzen, als könnten sie nicht genug kriegen. Ihre gewachsten Blechdosen gleiten gemächlich den Schrecken entlang, das Seitenfenster runtergekurbelt. Handyphotos: Ein Rücken unter Decke beugt sich über einen Bauch unter Decke, das Haar wirr. Der Rücken mit Decke bekommt Gesicht, schaut rüber, fliehende Blässe, schaut der zu mir? Verloren schaut der, oder ist das eine? Verloren, einsam, 3 Millionen Lichtjahre entfernt von zu Hause.

Wie Asien, wie Japan. Für die Menschen dort, sagt man, gibt es nahezu nichts Schrecklicheres, als das Gesicht zu verlieren. Den weißen Japaner hats komplett zerlegt. Gott sei Dank stehen da die mit den Decken und halten die hoch, ein bisschen höher, bitte. Bereitet man Fugu zu, darf die Hand nicht zittern. Da muss man sich auskennen, das hat man im Griff, in Japan. Dort gibt’s Lizenzen, seit die eingeführt wurden, sterben nur noch ein paar Hanseln daran, am Fugu. Die mit den Handys sind auf meiner Seite und knipsen wie doll, auf der anderen Seite jedoch dasselbe, recken die Dinger aus dem Seitenfenster in die Höhe – fehlt noch, dass einer aussteigt und mit der Videokamera draufhält. Oder, in den Schalensitz gekuschelt, Notizen macht für ein Gedicht und dann so schön abstrahiert, dem Fisch die Haut vom Leib zieht, dann die Leber raus, als gäbe es kein Morgen. Oh, wie schrecklich, oh, wie schön, haste gesehn, ey, kuck ma’, haste gesehn? ET zu Hause telefonieren. Der mit Gesicht, der mit dem bleichen Gesicht, der so verloren dastand, Schemen im Gleißen der Fluter - er zitterte am ganzen Leib. Am ganzen Leib zitterte er, am ganzen Leib, das lässt mich nicht los. Da vorne tut sich was. Bald geht’s wieder voran, endlich.

Die alte Frau in Japan, in eine Decke gehüllt klammerte sie sich an einen stummen Telefonhörer … aus dem Lautsprecher an der Seite des TV-Gerätes: “… die Kommunikationssysteme sind zusammengebrochen, tausende drängen sich in den Notunterkünften und versuchen vergeblich, ihre Angehörigen zu erreichen …“ … Sie zitterte am ganzen Leib, geschüttelt hat es sie, am ganzen Leib, am ganzen Leib und Leben, mit ganzem Leib und Leben, ihr ganzes Leben und ihren schmächtigen Leib.
“… I’ll … be … right … here! …“

Irgendwo ist eine Grenze, ein Leitgedanke, Anstand. Eine Grenze zwischen Berichterstattung und Quote. Nicht so gut auszumachen wie eine zerfetzte Leitplanke, wahrscheinlich näher dran als das Gesicht mit Decke und sicherlich ebenso weit weg. Bei einem Erdbeben hilft die ruhigste Hand nichts, da gibt’s Fugu mit fliehender Blässe. Irgendwo da draußen in Japan verlieren sie zu tausenden ihr Gesicht und die mit den Kameras halten voll drauf.

Niemand, der eine Decke hochhielte in Fukushima.

Ludwig Janssen © 25.7.2012

Freitag, 12. Mai 2017

Joutsen!

Was weiß ich schon von Finnland?

Nun gut, ans Ohr halte ich mir das Produkt einer finnischen Firma, es könnte sich der Firma und dem Namen nach auch um Klopapier oder einen Fahrradreifen handeln.
Doch dann würden zumindest längere Unterhaltungen zu Recht die besorgten Blicke meiner Umgebung auf sich ziehen.

Auch warte ich seit der Einführung des Euro darauf, dass mir ein Paar silberner Schwäne in die Finger kommt. Diese Münze allein bringt diesem Land im Kaltikum schon Sympathiepunkte ein. Da ist zum einen die Perspektive. Nicht von oben herab, nicht von unten über Kimme und Korn anvisiert – nein, auf Augenhöhe kommen sie daher und ich spüre: Die Finnen bringen damit nicht eine profane Vorliebe für Geflügelbraten zum Ausdruck. Nein – das ist ein Blick über die Schulter, der den Betrachter selbst in die kühle Nordluft hebt! Den Finnen wird der pfeifende Flügelschlag der Schwäne vorgeschwebt haben, der unbeirrbare Zug in Brut- und Winterquartiere. Das Timbre ihrer Rufe, die sowohl aus kristallklarem Himmelblau wie durch zähe Nebelnächte vom Ohr direkt in den Bauch finden.

Ob sich in dieser Wahl jener Hang zur Schwermut ausdrückt, den man den Finnen nachsagt? Wer denkt schon beim Anblick fliegender Schwäne an Finnland? Doch wem steigt nicht deren wildes, verlorenes Rufen in den Sinn beim Anblick des finnischen Euros?
Nach wem sollten sie rufen, wenn nicht nach ihren Gefährten, Suche, Zuspruch, Bestätigung. Und Geschichten werden sie sich erzählen, die finnischen Schwäne, dass die Nacht nicht so schwarz, der Weg nicht so weit und die Luft nicht so kalt scheint. Vielleicht erzählen sie sich von Mauri Kunnas und dem Korvatunturi.

Mauri Kunnas – er brachte Finnland in meine Familie! Und wenn es auch nur ein kleines Stückchen war, so reichte es doch für ein weißes Band der Sympathie.
„Joulupukki“, so der finnische Originaltitel, hielt als „Wo der Weihnachtsmann wohnt“ alle Jahre wieder mit Beginn der Adventszeit, Einzug auf das Kuschelsofa meiner Kinder und mir - mit seinen detailreichen, liebevoll gezeichneten Wichteln und dem süßen Haferbrei von Frau Weihnachtsmann. Versetzte unser abendliches Wohnzimmer mitsamt seiner drei Passagiere auf einen unbekannten Inselberg in den hohen Norden Lapplands, mitten in das Dorf des Weihnachtsmanns. Korvatunturi heißt dieser märchenhafte Ort, der meinen Kindern große, staunende Augen und offene Münder bescherte. Der sie empfänglich machte für den Zauber der Weihnachtszeit, wenn Papa Zeit hatte, das Teelicht auf dem Tisch Licht und Schatten in den Raum flackerte und der Duft von süßem Haferbrei erfüllte den Raum. Ja, der süße Haferbrei von Frau Weihnachtsmann, den sie den Wichteln zum Frühstück zubereitet – von uns Wichtelbrei genannt und während der allabendlichen Vorlesestunde zelebriert wie in unserer Phantasie andernorts Teezeremonie oder andere exotische Rituale. Ein kleines, nur in der Phantasie existierendes Dorf am Korvatunturi, in internetloser Zeit ein Punkt im roten Autoatlas an der finnisch-russischen Grenze, kopiert und ins Buch geklebt, wurde für uns drei damals wie heute das wärmste, zauberhafteste Stückchen Finnland überhaupt. Gerade eben antwortet mein Sohn, über die Schulter gefragt, was ihm spontan zu Finnland einfalle, mit der Reihe Mika Häkkinen, Nokia (da ist er sich nicht sicher), dem blauen Kreuz auf weißem Grund und dass die Sprache seltsam klingt. Schließlich ist er inzwischen zweiundzwanzig. Auf die Frage, wo der Weihnachtsmann wohnt, antwortet er jedoch, wie aus der Pistole geschossen: Korvatunturi, irgendwo in Lappland, ein Berg… Na, wer sagt’s denn, Mauri Kunnas!

Er wird dieses Buch seinen Kindern vorlesen, später, wenn es uns beide schon nicht mehr gibt.
Schließlich stelle ich mir Finnland als ein Land mit einer stillen, unauslöschlichen Grenze vor, einer Grenze, die weniger Demarkationslinie ist als der fein gewebte Übergang von einer Wirklichkeit in die andere, vom gewohnten Wechsel der Tageszeiten hin zur langen Polarnacht und ihrem ebenso langatmigen Bruder. Oder sind die beiden gar nicht Geschwister, sondern ein altes Ehepaar?
Ich frage mich, ob diese transluzente Grenze um den Nördlichen Polarkreis die Menschen im Norden Finnlands von denen des Südens unterscheidet. Schließlich werden unser Denken und Fühlen, unser Realitätsbegriff und unser Sehnen durch die Wirklichkeit um uns geprägt. Und schon bin ich wieder bei den Schwänen. Sicherlich sind es Singschwäne. Wer immer entschied, dass sie den finnischen Euro zieren sollen, er wählte gefiederte, ausdauernde Boten aus, die beständig und ohne Hast zwischen diesen Welten pendeln, Wandel wie Beständigkeit zugleich im Sommer an den finnischen und im Winter auch an den deutschen Himmel zeichnen.

Allein der Schlag ihrer Schwingen lässt aufhorchen, schneidet die Luft zu Klangraum. Ob ich ein wenig finnische Seele spüre, wenn ein Schwanenpaar über mich hinweg pfeift? Treue? Gleiten und Watscheln – zwei Seelen in einer Brust, vollkommen nur in den beiden Elementen Wasser und Luft, die anderen mit Beschwernis und Herdfeuer aufwartend? Zwei Seelen in einer Brust, das wird eng, das seufzt, da sehnt sich immer eine von beiden nach Raum und Heimat. Die Finnen sollen schwermütig sein? Was wundert es bei einem Volk, das sich in fliegenden Singschwänen über einer Seenlandschaft wiedererkennt …

Das also weiß ich von Finnland. Oder auch nicht.

Ludwig Janssen © 30.8.2006

Dienstag, 18. April 2017

Über etwas, das mich traurig stimmt

Nein, es hat nichts mit dem Schreiben zu tun oder mit Sprache oder dem, was mir den Unterschied zwischen dem Aneinanderreihen von Buchstaben und dem Schöpfen von Literatur ausmacht.

Was mich betrübt, ist der Rückgang des Siebenpunkt-Marienkäfers. Da hat man also herausgefunden, dass man Marienkäfer zur biologischen Schädlingsbekämpfung einsetzen kann. Gegen Blattläuse. In Ordnung.
Und dann wollte man ein fettes Geschäft draus machen, hm, und fand heraus, dass man den heimischen Siebenpunkt-Marienkäfer ebenso wie den Zweipunkt-Marienkäfer nicht so gut vermehren konnte. Fand heraus, dass die japanischen Marienkäfer leichter zu vermehren sind und wohl auch aggressiver an die Blattläuse rangehen.

Man importierte also die japanischen Marienkäfer und setzte sie, so meine ich mich zu erinnern, zuerst in Frankreich ein, Obstplantagen. Und ZACK! Waren die unterwegs, fraßen und fraßen und fraßen und vermehrten sich wie d'Sau …
Dass die auch aggressiver sind als die Siebenpunkt-Marienkäfer, war von Vorteil für die Obstbauern und für die sicherlich auch, die sie vermehrten und exportierten und importierten. Sie fraßen, ja, sind Schweine, diese Marienkäfer, alle, auch so nebenbei die Larven ihrer Artgenossen – und da waren die japanischen auch erfolgreicher als die heimischen Käfer.

Und weil sie nicht gestorben sind, die japanischen Harlekins, leben sie heute noch. Und zwar nicht nur in den Obstplantagen Frankreichs, sondern sie machten sich breit, überall, auch in Deutschland, auch in Bayern, und, mrmpfgrrrr… auch hier im Tal, in dem ich wohne. Kein Siebenpunkt mehr zu sehen. Kein Zweipunkt. Nur Harlekins.

Und weil ich halt traurig bin darüber, schon das dritte Jahr, schließe ich damit, dass das mit dem Glück Bringen wohl auch ein Ding ist, das von irgendwelchen Harlekins gefressen wurde und immer wieder gefressen werden wird, im Larvenstadium. Wohl ebenso wie das mit dem Abwägen der Nachhaltigkeit eigentlich sinnvollen Handelns.

Ludwig Janssen © 20.6.2012

Samstag, 15. April 2017

Solche Orte


Absperren sollte man sie. Die Orte, an denen das Entsetzen wohnte und ging mit den Menschen. Sie sich selbst überlassen und, so es sie gibt, den verlorenen Seelen, die nicht heimfanden. Warum nur macht man aus ihnen öffentliche Ereignisse, dass sie Tiergärten gleichen und Parks, gibt sie den Launen und Befindlichkeiten Fremder preis? Leichenfledderer schlendern sich ihr Quentchen Ich-bin-dort-Gewesen ins Getue. Spaziergänger auf ein Stündchen, die das Maul nicht halten können, Lebende, die sich alles aneignen, die vergangenen Dinge und die Toten um sich winden. Das Grauen, hauchdünner Flor, um ihre Schultern gelegt, flanieren sie die Wege entlang, nehmen, was sie brauchen können, stecken es sich in die Taschen und nehmen es heim. Basteln an Worten und Namen, bauen neue, schicke Türmchen, schmuckes Beiwerk um ihre Befindlichkeiten. Die stellen sie ins Fenster, dort rücken sie sich zurecht und entzünden triefende Stummeldochte um sich selbst kreißender Betroffenheit. Kleine Lichter. Darin zerren sie die Ermordeten noch einmal hervor, verbrennen sie. Die Puppen lassen sie tanzen: Seht her! So spreizen sie sich – diese Attitüde würgt. Absperren sollte man solche Orte, die in den Wäldern und in den Herzen der Städte, mit hohen Mauern umgeben. Die böten Raum genug zu Gedenken und Klage. Solche Orte aber gehören denen, die sie überlebten, die sich dort verloren oder uns verloren gingen.

Ludwig Janssen © 4.1.2008

Freitag, 6. Januar 2017

Über weiße Elefanten im Porzellan



Was braucht man einen Elefanten in einer Porzellankiste, wenn deren Mutter, die Vorsicht, mit einer Sturzgeburt niederkam? Nun, man könnte ihm ein Tutu anlegen und ihn mittig positionieren, unauffällig, als Sympathie- und Leistungsträger zugleich. Und, wozu sonst ein Tutu, wenn nicht um seinen Träger als Träger von Ausdruck, ja, da wer A sagt, muss auch B … Bedeutung auszuzeichnen. Schließlich sind Elefanten, domestizierte jedenfalls, Lasttiere, reißen Bäume aus und was sonst noch, und das, also der Umstand, dass sie was reißen, macht sie so beliebt, macht sie beeindruckend. Nicht ihre massige Gestalt, nicht ihr Vermögen, im Innern einer Porzellankiste mittig und unauffällig zugleich anwesend sein zu können, beeindruckt uns, nein, sie reißen was, ja, nahezu alles, sieht man den Bäumen an, und, so nebenbei, lässt sich vorzüglich auf ihnen reiten.

Selbst durch einen Porzellanladen, auch wenn einschlägige Redewendungen Gegenteiliges glauben machen möchten, denn, wer in einer Kiste voller Porzellan klarkommt, wird sich in einem im Vergleich dazu weiträumigen Laden mit elfengleicher Grazie bewegen, der auf ihm Reitende selbstredend eingeschlossen. Porzellanläden, das sind zumeist über große Schaufenster lichtgeflutete Räume, in denen sorgsam arrangiertes Porzellan zur Schau und zum Erwerb angeboten wird. Porzellan, das Porzellankisten entnommen wurde. Kisten, in denen sich mitunter auch besagte Elefanten befanden, die, selbstredend ebenso unauffällig wie mittig ihren Kisten entstiegen, im Porzellanladen nun ebenfalls bemüht sind, sich etwas reißend und als Träger von Bedeutung ihrer Exposition und den damit verbundenen Aufgaben zu widmen, ohne dass man sie als Elefanten im Tutu ausmacht. Daran nämlich scheitert alles Mühen besagter Elefanten um Unauffälligkeit: Dass irgendwer sie anlässlich ihres Aufenthalts im Porzellanladen bemerkt, als Elefanten ausmacht und am Tutu zupft.

Elefanten sind schreckhafte Tiere. Sie mögen nicht, wenn man sie aufscheucht. Erst recht nicht, am Tutu gezupft zu werden. Merkwürdig ist, dass der Elefant an sich weniger zur Dekompensation neigt als der Elefant in Gesellschaft. Nehmen wir an, dass es ungefähr zwanzig Porzellankisten braucht, um einen kleinen Porzellanladen zu bestücken, eher vierzig. So steigt mit jeder Kiste die Wahrscheinlichkeit, dass sich in einer ein Elefant befindet, mit jeder weiteren Kiste könnte ein zweiter Elefant hinzukommen, schlimmstenfalls ein dritter. Sie entsteigen den Porzellankisten, deren Mutter diese bis dahin vor dem Schlimmsten bewahrten, manche Mütter kamen gar erst im Laden nieder, und, ist mehr als einer angekommen, nimmt das Unglück seinen Lauf: Nimmt ein Elefant die Witterung eines anderen auf, hebt er zunächst suchend seinen Rüssel. Dann grüßt er den Artgenossen, indem er laut und vernehmlich auf sich aufmerksam macht. Dies bleibt nicht lange unerwidert. Schon stürmen die beiden durch den Porzellanladen aufeinander zu, springen einander freudig erkennend kreuz und quer, fechten kurz aber entschlossen die Rangordnung aus und schließen sich zu einer Herde zusammen. Das hat bislang noch kein Porzellanladen unbeschadet überstanden.

Es gibt zweierlei Vorkehrungen gegen Elefanten in Porzellanläden: Zunächst trage jeder, der einen Porzellanladen einrichtet, lieber keine Kiste mit einem Elefanten darin über die Schwelle. Es sei denn, es handelt sich bei den Porzellankisten um die eingangs erwähnten Sturzgeburten. Denn sollte ein Elefant darin sein, kann man den beim Öffnen sofort zwischen den Scherben ausmachen, Sorge tragen, dass er im Inneren des Ladens keinem Artgenossen begegnet, und ihn nach Belieben etwas reißen lassen. Diese Maßnahme ist so einleuchtend wie sinnlos, denn wer einen Porzellanladen einrichten will, braucht Porzellan, nicht Scherben. Und so kommen wir auf die einzig wirkliche Maßnahme gegen in der Einrichtung eskalierende Elefanten: Das Tutu! Ja! Denn trägt ein Elefant ein Tutu, geht eine seltsame Wandlung mit ihm vor. Zunächst fühlt er sich als Ballerina, durchgeistigt und erstarrt in würdevoller und kunstbeflissener Pose – der Grund, aus dem Elefanten in Porzellankisten unsichtbar sind und es auch im Porzellanladen bleiben. Solange, ja, solange niemand am Tutu zupft, denn das nimmt ihnen allen Zauber und bringt den wahren Elefanten in ihnen zum Vorschein.


Also lautet der abschließende Rat an alle, in deren Porzellanläden Elefanten leben, dass sie verhindern müssen, dass irgendwer ihren Elefanten an die Wäsche geht.

Ludwig Janssen © 15.1.2012

Dienstag, 18. Oktober 2016

Strings im Sinn und das Wahrnehmen


Blick aus dem Fenster. Herbst. Nieselregen. Grauer Wolkenhimmel, Licht geflutet. Sich färbendes Laub. Das abgeerntete Feld am Hang gegenüber. An dessen Fuß die rasenkurz geschorene Wiese. Ausladend die aus der Nutzung entlassene Korbweide. Einladend der Blick zum Horizont. Ausgrenzend die Ligusterhecke um den Garten.

Mit dem angelesenen Wissen um Quanten und deren Wirbeln, dem Wissen um die Wahrscheinlichkeit von Atomkernen und der Aufenthaltswahrscheinlichkeit von Ladungszuständen um diese herum: Wie unwirklich wirkt diese Wirklichkeit, Abbild dessen, was meine Sinne mir wiedergeben aus der Vielfalt dessen, was ist. Der Hügel, jeder Stein im Acker, der Baum, jedes einzelne der feinen Regentröpfchen – eine mehr oder weniger kompakte Anhäufung von Aufenthaltswahrscheinlichkeiten – viel Wenig mit noch mehr Nichts darin und drumherum. Scheinbar unendlich, zumindest unfassbar Raum greifend sich spiegelnder Zwischenraum. Als sei er die Welt. Zwischenwelt Raum. Raum zwischen Welten. Entstanden aus dem Widerschein unfassbar vieler Photonen mit der Ruhemasse Null und der Reichweite Unendlich, der zappelt und vergeht in Zapfen und Stäbchen meiner Netzhaut. Transformation. Wandlung:

Eine Geschichte. Meine Sinne erzählen mir eine Geschichte. Und ich erzähle sie weiter. Die Welt um mich herum ist eine Geschichte, erzählt aus dem, was ist und dem, was meine Sinne mir erschließen. Mit mir darin. Als Empfangender, als Erzählender. Ich bin, erzählt mir diese Geschichte. Ich sei, erzählt sie mir. Ich bin. Geschichte in einer Geschichte, Ich in einem Ich, das sich fügt aus dem, was ist und als wahr angenommen wird durch die Sinne. Sich selbst schöpfend. Sich selbst und diese eine Welt, von der ich dir erzähle, jetzt. 

Von der ich dir erzählte, jetzt …

Ludwig Janssen © 18.10.2016

Donnerstag, 8. Mai 2014

Der Kniff im Sofakissen, der Gummibaum, der röhrende Hirsch - Verinfizierung II.

Wie nicht anders erwartet begann bereits kurz nach Einführung des His-Masters-Trust-Schildchens [Näheres hier] dessen Befrachtung mit Legende. Dabei stülpt ein jeder dem neu aufgerichteten Zaun an Bedeutung über die Sprießel, was ihm beliebt. Entlarvend selektierend diese Äußerung:

„… Streng genommen ist ein nicht verifizierter Nutzer bedenklich. …“
Wie wird einer, der so kategorisiert, dann mit nicht verifizierten Nutzern, wie er es nennt, umgehen? Eine Rampe errichten? Beim Einlass in die eigene verarbeitende Aufmerksamkeit nachschauen, wem das goldene Schildchen am Anzug heftet?
Letztendlich ist der „streng genommene“, selektierende Einwurf eines pensionierten Helden des Frontalunterrichts Ausdruck dessen Verunsicherung und seines Wunsches nach Sicherheit. Er möchte ausgewiesen haben, wer bedenklich ist und wer unbedenklich. Selbstverständlich nicht sich selbst, sondern anderen gegenüber. Und das ausgerechnet in einem Forum, in dem es um das Ausstellen und Diskutieren selbstverfasster Texte gehen soll, die Nutzer in der Mehrzahl unter Pseudonym veröffentlichen. Und, um beim Denken zu bleiben, von den Lesenden entschieden wird, ob ihnen der Text bedenkenswert wert ist oder gar gedankenlos hingeschnoddert, unbedenklich rosarot.
Was, bitte, kann da ein Prüfsiegel an Sicherheit bringen, das lediglich ausweist, dass der Betreiber der Webseite sich sicher ist, dass die bei der Anmeldung angegebenen (und nur ihm einzusehenden) persönlichen Daten korrekt sind?
Nichts. Nichts und wieder nichts.
Aber: Es bietet Raum zur Legendenbildung, Raum, der bereits vor Einführung des Siegels reichlich befüllt wurde, jede dieser Legenden Ausdruck irgendeines auf besagtes Forum bezogenen Wunschdenkens. Jede dieser Legenden, jeder dieser Räume weiter gefasst, als das Instrument tatsächlich zulässt.Keine dieser Hoffnungen dreht sich um ein gehobeneres Niveau der Texte, nahezu jede bringt den Wunsch nach Schutz vor dem jeweilig als unangemessen eingestuften Benehmen des Gegenübers zum Ausdruck.
Schutz. Zaun.
Man sieht einen Zaun errichtet, hinter den man sich zurückziehen und von dem aus man urteilen kann, dass die auf der anderen Seite des Zaunes bedenklich sind. New Springfield. Ein Kniff im Sofakissen. Spießbürgertum hinter Zaun, mit Gummibaum.
Und da hinter jenem Zaun der röhrende Hirsch des in vorauseilendem Gehorsam sich verinfizieren lassen habenden Autors ungestört seine eingefahrenen Runden drehen kann und man eines nahezu endgültig ausgeschaltet sieht: Seinen Hirsch und damit sich Schreibenden durch einen anderen lesenden Schreibenden in Frage gestellt zu sehen auf eine Art und/oder von Leuten, die man nicht mag, die einen nicht mögen, fühlt man seinen Wunsch nach Sicherheit erfüllt, zieht sich bereitwillig (bereit und willig?) hinter diesen Zaun zurück.
Um in nicht allzu ferner Zeit festzustellen, dass es innerhalb des neuen Zauns auch altbekannte neue Herrscher gibt: Dünkel und Langeweile.
Um in nicht allzu ferner Zeit festzustellen, dass man sich, zurückgezogen unter Seinesgleichen, jene Gleichheit selbst zur Fessel anlegte. Die Helden des Frontalunterrichts mögen solche Fesselspiele selbstgenerierter Unterwürfigkeit, die röhrenden Hirsche, Gummibäume und jene mit den Texten wie ein Kniff im Sofakissen ebenfalls.
Und der Webmaster? Wird der nun wirklich entlastet werden?
Kaum. Auch weiterhin werden diejenigen, die mit den Urteilen anderer über ihre Texte oder das in denen zu Tage gelegte Denken nicht klarkommen – und den darob innerlich generierten Hass- und Vergeltungswünschen erliegen, ihn und den Admin zu instrumentalisieren trachten. Innerhalb eines neuen Zauns dann der neuerliche Ruf nach dem Wärter und dem Zoodirektor.
Denn die Erläuterung zum goldenen, an Anti-Viren-Software erinnernden His-Masters-Trust-Schildchen ist, in Bezug auf Seriosität entlarvend konterkarierend, mit der Drohung versehen, dass bei ungebührlichem Betragen der Entzug dieses Siegels in den bislang geltenden Sanktionskatalog aufgenommen ist. Mit (dem Webmaster nach – und hierin wird sich die Flut zukünftiger Rufe nach seinem Schiedsspruch festmachen) ungebührlichem Betragen in Diskussionen wird also (entschieden durch den Webmaster) die einmal erfolgte Bescheinigung jener Übereinstimmung der Anmeldungsdaten entzogen? Ha … ha … ha. Wie in der Vergangenheit werden die dessen Geübten danach trachten, den Webmaster über (eigene und inszenierte) Beschwerdemails in die Dekompensation zu trietzen. Was mit Erfolg beschieden ist, sobald auch die andere Seite sich, demontierenden Diffamierungskampagnen erlegen, Hilfe suchend an den Webmaster wendet.
Und das Forum? Wird die Zahl der Nutzer nun endlich nicht mehr schwinden wie in den vergangenen zwei Jahren?
Besonders vorauseilend Intelligente, die gern im Mühen um Sympathie ihren Gegenübern gönnerhaft (gonorrhoeft?) Intelligenz bescheinigen, stellen bereits in Aussicht, dass Intelligente (nicht anders entlarvend selektierend als „bedenklich/unbedenklich“) jenes Siegels wegen fortan dem Forum zuströmen werden. Intelligente Sofakissen (mit Kniff) werden sie meinen, nehme ich an, nicht zwingend intelligent Schreibende.
Las man früher als Replik auf eine Textkritik, die man, Leser besagten Textes, im Anschluss ans eigene Lesen verfasst hatte, solch mäßig intelligent aufgeschäumte Formulierungen wie die, dass man das dem Urteil seiner Leser anheimstelle, und nicht mehr, wird man zukünftig sicherlich zu lesen bekommen, dass man das dem Urteil der zertifizierten Leser anheimstelle und die Frage, Franz-Josef Strauß ruhe in Frieden, ob man denn überhaupt zertifiziert sei.
Nichts wird sich ändern, auch nicht der Schwund an Nutzern bis auf das nunmehr konsolidierte, den Ton angebende Gehege mit Schildchen. Und ungefähr achthundert sich im Verlauf eines Jahres einstellende Eintagsfliegen mit Jahresfrist.
Was bleibt?

Dass eine gute Idee und eine gute Zigarre gemein haben, dass sie, einmal entzündet, aufbrennen und ihr Genuss gegen Ende zu wünschen übrig lässt.

Ludwig Janssen © 8.5.2014

Sonntag, 4. Mai 2014

Verinfizierung

Der Brain-Drain der zurückliegenden zwei Jahre einer vorgeblich literarisch intendierten Community hat zur Folge, dass der Webmaster den Verbliebenen immer kleinere Möhrchen an den langen Stock binden braucht und sie dennoch den immer leichter werdenden Karren voranziehen. Im Kreis.

Das neueste Möhrchen in der Arena ist, die Möglichkeit verifizierter Accounts einzurichten.
Das erinnert an die oft bemühte Phrase von dem vielen Neuen und Guten, von dem das Neue nicht gut und das Gute nicht neu ist. So ist man dort bei seiner Anmeldung verpflichtend angehalten, neben seiner Email-Adresse auch Realnamen und Anschrift anzugeben, die beiden Admins haben Gelegenheit, dies stichprobenartig zu überprüfen. So kam es in der langen Vergangenheit wiederholt zu Sperrungen „wegen falscher Angaben“, heißt, die Admins werden die Angaben zum Account verifiziert haben.
Also nichts Neues, neu ist lediglich, dass dort zukünftig ausgewiesen werden soll, nämlich, dass anhand noch festzulegender Kriterien und nach Gusto des Eigentümers bestätigt wird, dass der Webmaster … Ja, was denn? Dass er weiß, wie Realname und Anschrift von Hasi234 lauten?
Gut an der scheinbaren Neuerung soll angeblich sein, dass die über ein Phantasielogo verifizierten Autoren die Urheberrechte an ihren Texten sichern: „mehr Sicherheit in Bezug auf seine Urheberrechte“ und dass der Webmaster seine „Rechtssicherheit als Betreiber“ sowie „die Möglichkeit zur Durchgriffshaftung erhöht“ sieht. Letzteres wird sicherlich der Fall sein, doch ist der Webmaster kein Notar, wird nicht Urheberschaft verifiziert - und somit ist dieses Argument ein verifiziertes Möhrchen.
Doch da ist noch etwas. Vertrauen soll sie schaffen, die Einführung des Phantasielogos inklusive Durchgriffshaftung gegen Gottweißwas-Authentisches. Der Umgangston der Community soll, so eine Hoffnung, ein feinerer werden, beleidigungsfrei. Ein Witz. Versuch des Kurierens an Symptomen.
Nicht einer der Texte dort wird authentischer werden. Nicht einer interessanter. Nicht einer lesenswerter. Und nicht einer der dort sich tummelnden Menschen ein besserer. Die eigentliche Ursache für Mitgliederschwund, Intrigen und letztendlich in Verbalinjurien ausufernde Grabenkämpfe und ermüdende Diffamierungskampagnen wird auch durch die Einführung eines mit derlei Hoffnungen behängten Bildchens nicht beseitigt:
Gähnende Langeweile, und, als Folge forcierten Kritikerschwundes, Überhang an Texten auf dem literarischen Niveau von Poesiealben, zunehmende Konzentration kritikresistenter, diffamierungsaffiner Knuddelklübchen auf immer enger werdendem Raum muffiger Lehrerzimmer  und erdrückender Streichelzoos und, irgendwo ganz hinten, eine Meierei.
Machte es Sinn, einem Taubenzüchterverein, der sich in der Körung von Jungtauben ergeht, vorzuhalten, dass er nicht eine einzige das Fliegen lehrte, erst recht nicht den Kakapos mit Kokarde?
Langeweile. Stagnation. Verifiziert.
Eines kann man den noch nicht verifizierten, mittlerweile Verinfizierten jenes Forums jedoch bescheinigen: Dass gut ist, dass sie sich immerzu im Kreis drehen und drehen werden, um sich selbst, zukünftig mit His-Masters-Trust-Schildchen, denn wenn das anders wäre, weiß man von Lemmingen, würde es tragisch enden. Auf jeden Fall schneller.
Ludwig Janssen © 4.5.2014

Sonntag, 9. März 2014

Zum Eigenleben literarischer Gestalten und virtueller Präsenzen am Beispiel der virtuellen Präsenz Korbinian Karth

Der literarische Raum zwischen Bits und Bytes, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2014. Dieser Text ist gewidmet dem Gedenken an ein nicht sicher als solches auszumachendes Raumschiff, das mit einer unbekannten Anzahl an Besatzungsmitgliedern unterwegs war, um fremde Galaxien zu erforschen, neue Paralleluniversen immerzu - und gelegentlich sich selbst neu zu erfinden und die Wertvorstellungen fremder Zivilisationen auf den Prüfstein zu heben.
 
Sein Name: Koka. Sein Kapitän: mir unbekannt, aber nahe – und lieb. Sein Schicksal: mir unbekannt. Ich selbst betrachte es als verschollen.
 
Die letzte Nachricht lautete, dass der Ausdenker hinter all dem verstorben sei und daher ein Fortgang der Reise nicht zu erwarten ist.
 
In einem deutschsprachigen Literaturforum, dessen Dunkel einen Teil der baryonischen Materie jener neu erschaffenen Paralleluniversen abbildet, las ich, dass jemand, der sich als (Ex-?) Frau besagten Ausdenkers offenbarte, beabsichtigt, sämtliche Koka-Accounts zu löschen.
 
Das bedaure ich sehr. Denn in den Kunstfiguren, die der Mensch schuf, lebt von seiner Kreativität weiter. Der hier Beschriebene schließlich beschränkte deren Wirken nicht auf Texte allein, sondern er wirkte zugleich ein soziales Geflecht bis hinein in die Sphären, die gemeinhin als das "Real Life" bekannt sind und das so genannte reale Leben vorgeben zu sein. Er bewegte sich also in einem Grenzbereich. Schuf dort eine Schnittmenge Mensch/Virtualität des Internets.
 
Woran es der Realität des Internets mangelt, ist Physis.
 
Im Internet tummeln sich diverse virtuelle Präsenzen real existierender Menschen mit ihren Ängsten und in all ihrer Unvollkommenheit.
Virtuelle Präsenzen von Menschen, die an einem stillen Waldsee zwar ihren Zeh ins kalte Wasser tauchen würden, sich selbst jedoch nie weiter als bis zu den Knien hinein trauen würden, wenn, ja, wenn sie das könnten. Bis zu den Knien hinein waten in die Virtualität des Internets, die schlichtweg nicht mehr ist als eine weitere Facette der Realität und somit des realen Lebens.
 
In der Internet-Community besagten Forums* finden Sie, was charakterliche Integrität, Vorstellungs-, Abstrahierungsvermögen und emotionale wie auch rationale Intelligenz angeht, einen möglicherweise repräsentativen Spiegel unserer Gesellschaft. Demnach, ungeachtet Alter und Bildung, finden sich dort wie überall nur wenige Menschen, die andere Wertvorstellungen als die eigenen nicht nur gelten, sondern auch gewähren lassen können.
 
Auf das Bild des Waldsees bezogen ist der Großteil der Menschen, ob sie jetzt auf besagtem Internetforum unterwegs sind oder irgendwo im deutschsprachigen Raum, darauf bedacht, die eigene ichbezogene Präsenz im Gleichgewicht zu halten. Der Spiegel des Waldsees, in dem er sich betrachtet, spiegelt ihm das eigene Bild als einzig mögliche Realität. Ist der Narziss in ihm ein kleiner, wird er aufblicken und auch die Welt um ihn herum im Spiegel des Wassers abgebildet sehen. Taucht er den dicken Zeh hinein, wird dieses Bild gestört - er wartet, erwartet, dass die kleinen Wellen sich legen und das gewohnte Bild erscheint. Das seiner Präsenz am See.
 
Diese Präsenz beschränkt er auf seine Körperlichkeit, derer er sich sicher wähnt, und auf das, was er seinen Geist nennt und seine Seele.
 
[Exkurs:]Körperlichkeit, Geist, Seele. Schon haben wir eine in jedem von uns angelegte Dreieinigkeit, eine, die dazu verführt, sich Gott gleich zu wähnen bzw. als den sich selbst einzig wahren Gott unter Milliarden Göttern. Die Folge: Hybris. Und, da man sich niemanden als sich selbst zu Rechenschaft verpflichtet sieht, Missachtung des anderen. Ausgerichtet auf nichts anderes als nur das zu tun, was den Aufenthalt und die freie Beweglichkeit innerhalb der Gesellschaft gewährleistet. Bezogen auf das Literaturforum: Beachtung, Anerkennung finden, nicht gekickt werden. [Exkurs Ende]
 
Was all das mit Korbinian Karth zu tun hat?
 
Der Mensch, der die virtuelle Präsenz "Korbinian Karth" schuf und auch die virtuelle Präsenz "John William", bewegte sich wie schon erwähnt in einem Grenzbereich. In einem Grenzbereich, einer Schnittmenge, die er selbst schuf - sich selbst und anderen, eigentlich jedem, der ihm im Internet begegnete. (Besser: jeder virtuellen Präsenz begegnete, der seine eigene virtuelle Präsenz im Internet begegnete - Avatare, Stellvertreter, Götter). Er wirkte darüber hinaus ein soziales Geflecht bis hinein die Sphären, die gemeinhin als das so genannte reale Leben bekannt sind und als für wahr angenommen werden.
 
Physisch konnte er diese Begegnung nicht leisten. [Physis ist das, was der virtuellen Welt abgeht, und dies auf eine Weise, die sowohl schlichten als auch hässlichen Gemütern den Schluss nahelegt, dass diese nicht wirklich sei, ja, nicht existent.] Doch fand das statt, was man Begegnung nennt, es fand das statt, was man Kommunikation nennt. Reale Begegnung, reale Kommunikation - mit einer virtuellen Präsenz.
 
So etwas ist gar nicht ungewöhnlich.
 
Und so und darüber hinaus fand das statt, was man die Entstehung von Welten nennen mag. Diese neu entstehenden Welten, Paralleluniversen, befanden sich nicht mehr allein innerhalb der physischen Existenz des Ihnen vertrauten Ausdenkers von "Korbinian Karth", "John William", "Koka" und Whosoever, sie erstanden und bestanden innerhalb der physischen Präsenz anderer Menschen, und dort innerhalb des jeder physischen Präsenz zugestandenen Vorstellungsvermögens. Vorstellungsvermögen, ein Vermögen, das (so gering es auch sein mag) oft eifersüchtig, ja ängstlich gehütet, gehortet, bewahrt wird, in Tresoren, Schatzkammern, von eifersüchtigen Drachen und den Dagobert Ducks dieser Welt gehütet. Die, was das Vorstellungsvermögen angeht, Materialisten unter den Idealisten machen an diesem Schatz sogar ihr eigenes psychisches Gleichgewicht fest.
 
Der Mensch, den ich als den Erschaffer des Korbinian Karth vermute und der mir nie anders als über die von ihm geschaffenen virtuellen Präsenzen begegnete und über das, was er seinen Geschöpfen von sich, seinem Wünschen und Werten mitgab, machte, wagte also mehr, als seinen dicken Zeh in das Wasser des Waldsees zu tauchen: Er schlüpfte in seine Geschöpfe und begegnete Menschen, die der physischen Existenz und Verantwortlichkeit begegnen wollten. Der physischen Existenz hinter den Texten eines Koka, hinter den Mails eines John William als eine weitere virtuelle Präsenz, auf einer zweiten, ebenfalls virtuellen Ebene.
 
Bezogen auf den Waldsee waren und sind [mir!] Korbinian Karth, John William, Koka nur von einem Unbekannten erschaffene Wesen, die sich, Nymphen gleich, in jenem Waldsee tummeln. Die einen erfreuen sich an ihrem Anblick, die anderen fühlen sich gestört, wenn einer dieser Schemen auf eben jener zweiten, tieferen Ebene ihren Blick kreuzt und im eigenen, liebgewonnenen Spiegelbild der ängstlich gehüteten Vorstellung erscheint, nicht gerufen wurde und doch zugleich unübersehbar ist. Wieder andere lassen sich von diesen Nymphen ins Wasser ziehen. Darunter auch Nichtschwimmer. Unter diesen ausgewiesene Kampftaucher, die im Waldsee bislang nicht mehr als ein Planschbecken vermuteten und reichlich Wasser schlucken.
 
Das hat zur Folge, dass von denen, die so etwas wie Berührung mit diesem Phänomen (und nicht dessen Ausdenker) hatten, auf dessen Wirken und Schicksal unterschiedlich reagiert wird. Die Mehrzahl der Reaktionen beziehen sich jedoch auf den vermuteten Unbekannten hinter dem Phänomen und nicht auf das Phänomen selbst. Sie sind daher in ihrer Anlage auch nicht anders anzusehen als Hirngespinste bzw. virtuelle Präsenzen selbst gesponnener Hirngespinste. Sie sind in Personalunion Echo ihrem eigenen Narziss am See. Und, wie ihre Entsprechung in der griechischen Mythologie, ihrem Geliebten, der ihre Umarmung verschmähte, ja, in diesem sich selbst und anderen nur Stimme und Fels, während Narziss sein Spiegelbild im Waldsee betrachtet – und es für wahr wähnt. Ein Trauerspiel.
 
An dieser Stelle nun führe ich von meinen eigenen Versuchen der Begegnung mit dem Menschen hinter dessen virtuellen Präsenzen an:
Für mich zählte immer der mir unbekannte Mensch hinter der virtuellen Präsenz, und schrieb ich dem Menschen, der sich mir als Korbinian Karth oder John William (und von sich?) zu erkennen gab, kommunizierte ich mit jenem Unbekannten über das Medium seines Geschöpfes. Dessen war ich mir stets bewusst. Ich machte deutlich, dass all das sein durfte, solange nicht ein real existierender Mensch zu Schaden käme, physisch und oder psychisch. Ich zeigte auf, dass dies nicht immer der Fall war, dass unter den Nichtschwimmern unter den Haltern einer virtuellen Präsenz auf █████ durchaus schlichte romantische Gemüter zu finden sind, die das hinter dem sicher Virtuellen als sicher physisch real annehmen, die sich in die virtuelle Präsenz Korbinian Karth oder in die hinter dieser angelegten virtuelle Präsenz John William verlieben - und mehr als das Wahrnehmbare hineinlegen.
 
Was mir der hinter Korbinian Karth zu findende, jedoch verborgene Mensch hierzu mitteilte, behalte ich für mich. Doch das Phänomen ist nicht neu, dass Menschen sich in ein künstlich geschaffenes Werk, ein Kunstwerk verlieben und dies mit Auswirkungen, die tief in ihre physische und psychische Präsenz hineinreichen. Scherte es einen Goethe, dass sich sein „Die Leiden des jungen Werther“ und die Kunstfigur, das virtuelle Geschöpf darin in ungezählten Menschen verselbständigten, etliche sich wie Werther gekleidet gaben und einige sich wie dieser umbrachten?
 
Tragisch: Dass nie – und erst recht nicht von jemandem, der nicht der physisch präsente Ausdenker der virtuellen Präsenzen war oder ist, sicher herausgestellt werden kann, welche Entsprechung der wahre Mensch in seinen virtuellen Geschöpfen hat, ob nun bewusst oder unbewusst angelegt.
Ja, selbst die Menschen, die dem physisch gegenwärtigen Menschen und Ausdenker seiner virtuellen Präsenzen im realen Leben begegneten und ihm vertraut waren, sind seinen virtuellen Geschöpfen, seinen literarischen und virtuellen Geschöpfen, Kunstfiguren, fern.
 
Entlarvend interessant: Den Reaktionen auf die Nachricht des Ablebens eines Ausdenkers virtueller Gestalten auszulesen, wie es um Integrität, Anstand und Kompetenz der sie Äußernden bestellt ist, von deren rationalen und emotionalen Intelligenz ganz zu schweigen.
 
Allen Menschen steht frei, virtuelle Präsenzen und deren Wirken zu pflegen, zu leugnen, zu lieben, zu hassen. Allem Menschengeist, und in jedem von uns steckt ein mehr oder weniger gerüttelt Maß davon, steht frei, sich in der ihm möglichen Fülle zu entfalten.
 
Was ich selbst dem Menschen zu- und nachrufe, der die virtuell realen, die nachhaltig wirkenden und somit wirklichen Präsenzen Korbinian Karth, John William et. Al. schuf, ist, dass er eine Geschichte erzählte, ein Kunstmärchen, eine Geschichte in der Geschichte - und Geschichten in den Geschichten anderer inspirierte und sich inspirieren ließ: Well done!
 
 
Und seinen virtuellen Präsenzen? Kein „Ruhet in …“, sondern: „Gehet hin in Frieden!“
 
Ludwig Janssen und dessen virtuelle Präsenz © am 9.3.2014
 
 

* Anmerkung: Durch den Eigentümer der Plattform und Webmaster wurde und wird gebetsmühlenartig bekräftigt, dass es sich wider allen selbst gegebenen und gepflegten Anschein NICHT um ein Literaturforum, sondern um eine Community handelt.
 
** Auf den Malediven bedeutet Koka Schmetterling.
 

Dienstag, 28. Januar 2014

Watzlawick und die Amsel

Da ist diese Amsel, sie flattert wieder und wieder wider das Glas der Fensterscheibe.
Nicht real, ich erinnere. Wieder und wieder wider das Glas der Fensterscheibe.
… nicht nicht …
Wider ihr Spiegelbild, also wider ein Lichtspiel aus reflektierten Photonen flattert sie, hinein in dessen Brechen und Wirbeln. Das Glas höre ich beben mit jedem Aufprall, sehe es erzittern im Schwingen der mich erreichenden Reflexionen. Auch, dass ich die Amsel sehe – Spiegelung. Die Fensterscheibe, durchsichtig blindes Abwärtsgleiten von Siliciumdioxid, spiegelt wiederum dem Amselhahn vor ihr einen Amselhahn, was sonst. Weil sie da ist, nicht anders kann, sinnenlos, wie sie ist. Schwarze Amsel, schwarzes Licht? Schwarz sehen, das ist sehen, dass Licht nicht zurückgeworfen wird, nicht erwidert.
… nicht nicht …
Die Amsel ist, nein, sie scheint, nein, sie erscheint schwarz. Das nicht reflektierte, sondern von ihrem Federkleid aufgenommene Licht gelangt nicht in mein Sehen, doch ihr, der Amsel, erscheint es über sein Fehlen im üppig reflektierten Ringsum ihres Wahr-Nehmens aus der Oberfläche träge abwärts gleitenden Siliciumdioxids als Spiegelbild ihrer selbst. Gegen das flattert sie an, wieder und wieder, wider ihren vermeintlichen Widerpart, der nicht mehr ist als ihr eigenes Spiegelbild in der Reflexion eines ungerührten Gegenübers – und doch: ihr Wider.
Photonenwirbel.
… nicht Lüge, nicht Wahrheit …
Ich nenne sie Paul.


Ludwig Janssen © 28.1.2014

Dienstag, 14. Januar 2014

Zur Realität virtueller Welten

Stückwerk ist unser Erkennen.

Als ich begann, mein Schreiben auf Internetforen zu veröffentlichen, begegnete mir und meinem Erkennen der häufige Trugschluss, die Welt dort sei eine virtuelle - und dass die Welt der Schreiber, also die, in der die Ausdenker der Gedichte , Texte und somit die der meist mäßig talentierten Bregenträger stofflich präsent sind, die reale sei.
Das eigentliche Antonym der Virtualität ist nicht die Realität, sondern die Physis, also das Stoffliche. Auch dies: ein Behelf. Schließlich ist ein Gedanke, ist jede Vorstellung an stoffliche Träger und Vermittler gebunden.
Ist Virtualität omnipräsent, also allgegenwärtig? Sie ist - im Gegenteil zur Physis - nicht stofflich. Auf jeden Fall ist sie im All dort gegenwärtig, wo Menschen anzutreffen sind und, mit jedem von ihnen präsent, das, was ihm wirklich ist und vorstellbar.
Was ihm wirklich ist ... Wirklichkeit und Virtualität scheinen mir Schwestern zu sein, Musen, von denen ein Mensch geküsst - und besessen ist. Das, was auf uns wirkt, das, was aus uns heraus wirkt, ist Wirklichkeit und zugleich virtuell. Wir sind Gefangene unserer Sinne und deren Beschränktheit. Das gilt für den Menschen als solchen und jeden einzelnen insbesondere. Unsere Sinne stellen uns Wirklichkeit vor, inszenieren Wirklichkeit, die nichts anderes sein kann als Virtualität. Also das, was uns vorgestellt, vor die Sinne gestellt, über unsere Sinnesorgane vors (ins?) Hirn gestellt wird und somit unserm Vorstellungsvermögen zur Interpretation zur Verfügung gestellt.
Nehmen wir das Sehen, unseren der Häufigkeit der Inanspruchnahme nach wichtigsten Sinn: Was wir sehen, ist daran gebunden, dass Lichtteilchen die Rezeptoren in unseren Augen erreichen. Das muss außerdem in genügender Menge geschehen – es muss eine Reizschwelle überschritten werden, denn das einzelne Photon an sich ist uns unsichtbar. Wir sind also, was diese Art der Wahrnehmung angeht, darauf angewiesen, dass von einer uns fernen Leuchtquelle Photonen sich entfernen, auf Gegenstände treffen und von diesen reflektiert werden, dann unsere Sinneszellen in genügender Menge treffen und von diesen und den ihnen nachgeschalteten Auswertungseinheiten interpretiert werden.
Was da auf uns wirkt, ist Virtualität, also Möglichkeit, denkbare Möglichkeit, ist Vorstellung – nicht Realität.
Und vermittelt wird es von etwas, dessen Ruhemasse gleich Null ist, das also in der Ruhe (also dann, wenn es mit dem Auftreffen auf unsere Sinne zur Ruhe kommt,) nicht stofflich ist, nicht Materie, also nicht physisch: Photonen.
Unsere in und aus unserer Vielzahl als Menschen generierte Realität aus Realitäten ist Virtualität, und die ist für unser an unsere Physis gebundenes Erleben also bestimmender, als wir wahrhaben, als wir wahr haben wollen.
Ludwig Janssen © 14.1.2014