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Dienstag, 3. Mai 2022

... aus dem Nichts

Ein Punkt ist dimensionslos. Er findet sich an der Schnittstelle zweier Geraden. Eine Gerade ist unendlich. Kreuzen sich zwei Wahrheiten, so sind es zwei unendliche Geraden, die sich in einem Punkt kreuzen. Wie zum Beispiel Materie und Antimaterie. Treffen sie aufeinander, löschen sie einander aus. In diesem Schnittpunkt also sind beide dimensionslos, einander verbunden und zugleich nicht vorhanden, da sie einander auslöschten. Endete also beider Geraden Unendlichkeit an diesem Schnittpunkt? Werden, kreuzen sie sich, aus zwei Wahrheiten vier? Kaum. Existieren in eben jenem dimensionslosen Punkt Materie und Antimaterie nebeneinander, ineinander verwoben und ausgelöscht, als dimensionsloses Nichts im Nichts und ist das Nichts in jener Dimensionslosigkeit etwas, das in ewigem Einander-Durchdringen vorhanden ist und lediglich nicht festzustellen? Nicht ... fest zu stellen ... Beim Urknall entstand, sagt man, ein ganzes Universum ...

Samstag, 17. März 2018

Sequenz … darin das Hintergrundrauschen einer Haltlosen


Die vergangene Nacht war eine sternenklare. Das Universum dehnte sich unaufhaltsam aus. Barg in sich das Drehen der Galaxienhaufen mit dem Drehen der Galaxien und irgendwo darinnen die Milchstraße mit uns beiden an ihrem Rand. Am späten Nachmittag treffen wir auf einander.

Du sitzt vor mir auf der Bettkante und ich sehe, dass du Angst hast. Von Unruhe erfüllt bist. Du passierst eine schwere Zeit. Alles Vertraute des Augenblicks fällt von dir ab und dein Verstehen deiner selbst, mit dem du dich selbst verstehst und dein Bild der Welt entwirfst, wirft schon lange nicht mehr mit Selbstverständlichkeiten um sich. Zu dir setzen darf ich mich und ich höre dir zu. Weil ich weiß, wie gut das tut, wenn ein Mensch seine Verzweiflung einem anderen in die Arme legen kann. Der die dann hält, aushält, mit aushält. Sie nicht abwehrt und wortreich aus dir und der Welt zu schütteln versucht wie ein nasser Hund.

Da ist ein missgestaltetes Kind. In der vergangenen Nacht geboren als dein Bruder. Wer soll sich um das Kind kümmern? Du bist schon so alt. Du musst telefonieren, unbedingt. Um Gewissheit, um Hilfe. Da sind Balken, die du aus dem Weg räumst und darunter fandest du verkohlte Leichen. Wir beide gehen ein paar Schritte. Der Raum, den wir durchschreiten, Hand in Hand, ist ein Zeitraum. Durch deine Jugend gehen wir und finden in eine Bombennacht des zweiten Weltkriegs. Ein Kind hier unter dem rechten, eines unter dem linken Arm und eines auf dem Rücken, das seine Arme um deinen Hals schlang, hetzt du von der obersten Etage die Treppen hinab in den Keller. Wieder und wieder. Die waren so schnell da, da gab es keinen Alarm, sagst du. Die Stadt brennt. Auch das Kinderkrankenhaus, in dem du einen Teil deiner Ausbildung absolviertest. Die Kinder alle gerettet. Doch am nächsten Morgen auf den Straßen dann die Toten. Der Junge, kaum siebzehn Jahre alt. Ob du unter den Kindern im Krankenhaus auch missgestaltete gesehen hast, frage ich dich und du nickst. Deine Verzweiflung ist gewichen. Du trauerst. Wir trauern gemeinsam. Wie kann das sein, fragst du, dass so etwas in deine nächtlichen Träume findet, dich in den Tag hinein verfolgen und quälen kann. Ein lang verschütteter Alptraum war das, entsetzlicher Teil deines Lebens, durchlebt und verdrängt, weil er dem Weiterleben im Weg stand. Jetzt, wo die Schranken fallen, mit denen du das Entsetzen aus deinem Leben sperrtest, wieder frei und übervoll unbewältigten Schreckens.

Lange, sehr lange Zeit, nachdem der Urknall ein Loch ins Nichts gerissen und es mit einem Universum erfüllt - und dieses Universum sich so weit abgekühlt hatte, dass Protonen und Neutronen zueinander finden und die so entstandenen Atomkerne sich Elektronen einfangen konnten, entstand mit diesem Geschehen die kosmische Hintergrundstrahlung. Als etwas, das immer präsent ist, wenn wir ins All hinaus lauschen nach den Anfängen des Universums. Wenn es besonders still sein soll, dröhnt das Rauschen in den Ohren.
Ludwig Janssen © 17.3.2018

Montag, 24. Juli 2017

Kosmisches Drehen



Und ist auch alles Quantenwirbel
Chaos in vertrauter Bahn
verborgen jedes Menschen Meter
nur seinem Träumen aufgetan

so schwinden jene Wirklichkeiten
die Menschengeist mit Sinn durchwirkt
zu Wolkenschaum – und Fragezeichen
was Insel seinen Sinnen wird

Still neige ich mich vor dem Großen
das alles ineinander fügt
in raum- und zeitenlosem Schoße
gewähren lässt und einfach liebt


Ludwig Janssen © 18.01.2004

Samstag, 5. September 2015

Ruhemasse Null


Ist ein Photon, ein Quant
fand zu mir durch den
Nebel
reflektiert
spaziert
den Sehnerv entlang – und geht
wohin auch immer mein
Sinn geht ihm nach


Ludwig Janssen © 4..9.2015
 

Donnerstag, 2. Januar 2014

Zoom: Universum - Mensch : Voids - Badeschaum - Quantengewölk

Es ist ein Kreuz
mit den Voids
Riesige Blubber
blasen drum
herum rasen
Sterne in Seifen
geschiller die Villa
Weltall ist Schaum
Galaxien und das bisschen
baryonische Materie
interaktiv mit Licht
das Dunkle
das meiste
das dreiste feiste, weißte
ahnt man nur
kennt man nicht
sieht man nicht
doch von Gewicht
ist, was wir nicht kennen
nennen
wir es die große Unbekannte
die man Dunkle Materie nannte
ihre Gravitation gab es schon
vor der der lichten
das berichten die Weisen
die sie preisen
sonst gäbe es nicht
die Ansammlung der Galaxien
die wir sehen, zu Haufen, zu Wänden

unsere Theorien enden in der Struktur
unseres Alls jedenfalls
in den Wänden von Seifenblasen
 
räumen rasen Sterne und blinken
im Innern sind Voids
ein Kreuz
ist es
das leer nicht gleich leer ist
so hinken
wir hinterher
ein Haufen Leer
mit Quantenwirbeln
drumherum
stumm
schaue ich deinen Multiversen
auf die Fersen
und lese: du
atmest sie ein

und aus
das Leben
ist eben
dreidimensional und
weiter reicht es nicht
als was zu Gesicht
denen kam, die weiter
sahen als wir
und jetzt
beweise ich dir
dass auch ich kreise
ziehe im Raum
Zeit ist kein Traum
doch das Streben
nach einem weiteren Leben
wird sich ergeben
oder erledigen
predigen wir
dass das All
sich nur sehen wollte und denken
und formte bissi baryonischen Flitter
Gewitter, Wechselwirken
stark, schwach, elektromagnetisch und Gravitation
das wars auch schon für diese Nacht

sei bedacht
mit diesem Gedicht
weiter mag ich nicht
dichten, ausrichten
kann ich ja nichts außer
"Schönen Gruß"
vom Sirius
der nicht schlafen muss
er hellt und bellt
im Dunkel der Nacht
Träum schön, du, bis
der Tag erwacht
und auch das ist oneeighty
und halb so schön
kannst aber blauen
Himmel seh'n
nur trauen kannst du nicht
dem, was er verspricht
mit wolkigem Weiß
du weißt
wie der wahre Himmel heißt
in meinen braunen Augen ...
Ludwig Janssen © 23.6.2008
 
 
 


Sonntag, 22. Dezember 2013

Pfirsyk oder die Kunst, dass Obst gleich Frosch und dies längst nicht All


Aus der Materie dunkel:
Gemunkel, Gemunkel
WIMPelschwenken, und
baryonisches Gefunkel
ist ein Fünklein Phantasie
der dunkelen Materie und
der dunklen Energie, hihi

So quarkt der Froschn
derweil zoschen - durch
ihn hindurch die Teilchen
vibrieren eindimense Strings
und nulldimens gepunktet Dings
versammelt sich zu Lurch 

Ludwig Janssen © 28.4.2009

Dienstag, 9. April 2013

Nur Sterne (und Alpha-Centauri)

An Gleis 17 küssen sich zwei zum Abschied durch das geschlossene Zugfenster.

Das Buch auf dem Tisch vor mir sagt, Gott sei die Liebe und wer in der Liebe bliebe, bliebe in Gott, und Gott bliebe in ihm. Liebe ist gut, das unterschreibt jeder, will jeder haben. Das ist ein Bestseller, was man von Gott selbst nicht unbedingt behaupten kann, solange er nicht individuell angepasst, portioniert, ansprechend verpackt und entsprechend verschnitten daher kommt. Sein Reich ist nicht von dieser Welt, sagte er und ich frage mich, wo es denn dann sein soll. Es muss wohl außerhalb der Grenzen dieses Universums liegen. Also gibt es mindestens zwei.

Mir kommt in den Sinn, dass ich von den elf Dimensionen um mich herum auch nur drei erfassen und die vierte in Sekundenscheibchen erleben kann. Scheibchen - eigentlich ist so gut wie nichts von Nichts mit einer hauchdünnen Salamischeibe nur unzureichend beschrieben. Also doch nur eines, und dazu auch noch reichlich unerforscht? Ob Harald Lesch mir zustimmen oder mich zumindest auf ein Glas Rotwein einladen würde wie seinen Philosophenkumpel?

Der Himmel hat keine Löcher, nur Sterne - ein seifenblasiges Gefühl. Und wo ist die Liebe?


Das kugelige Ufo auf dem Tisch vor mir ist randvoll mit Wasser. Sein glubschäugiger Pilot bemüht sich vergeblich, mit mir Kontakt aufzunehmen:

O = O = O

 Der faltenfreie Catsuit schimmert golden.

Was will der von mir?

Jetzt fängt er auch noch das Sprechen an, will philosophieren - er könne nicht erkennen, dass ich mich wie er in einer gläsernen Kugel befände, ringsum nur durch 3mm dickes Glas von einer fremden, lebensbedrohlichen Umwelt abgeschirmt.

Woher will der denn das so genau wissen? Spring doch, sage ich - und schäme mich dafür. Setze ihm auseinander, dass es mir nicht besser geht, dass mein Tastsinn nicht besonders ausgeprägt ist, mein Geruchssinn dem jedes dahergelaufenen Straßenköters hoffnungslos unterlegen und ich weniger höre als eine stinknormale Katze. Dazu tauche ich mein Gesicht bis zu den Ohren in sein Raumschiff und eröffne ihm blubbernd, dass ich nachts beim Blick in den Sternenhimmel nicht die Unendlichkeit sehe, sondern nur bis an die Grenze meines irdischen Erkennens. Und das mache mir Angst:

Gefangen in der Unvollkommenheit meiner Sinne. Rundum geschlossen. Rundum geschlossene Gesellschaft. Rundum geschlossene Anstalt. Wenn das mal kein Goldfischglas ist.

Er scheint beleidigt und beschränkt sich wieder auf: O = O = O. Schwiege Harald Lesch jetzt auch? Vielleicht würde er jetzt sein Gesicht in das große Weinglas stecken und den Kopf in den Nacken werfen.


Der Himmel hat keine Löcher, nur Sterne - ein seifenblasiges Gefühl. Und wo nur ist die Liebe?

Die Kinder im Bus vor mir pressen ihre kalkweißen Gesichter an der Heckscheibe platt und schneiden Grimassen. Wie Bungee-Jumping ist das. Der Goldfisch würde das nicht machen. Goldfische sind demnach klüger als Kinder. Oder ihre intellektuellen Fähigkeiten erschöpfen sich darin, Grenzen hinzunehmen, oder sich zumindest nicht sinnlos die Gesichter daran platt zu drücken. Was für ein Glück. Für die Schulkinder vor mir, doch bin ich im Zweifel, ob sie später nicht doch zu Goldfischen werden, die kugelige Einer-Ufos bevölkern und hin und wieder ein Gurkenglas.

Mitten in der Nacht Alpha-Centauri. Harald Lesch sitzt auf meiner Bettkante und lockt, wir könnten doch unsere Gesichter an der dunkelblauen Heckscheibe über uns platt drücken. Spricht von Reisen mit Lichtgeschwindigkeit und warum die Dinge so sind wie sie sind, dass sie so sind, weil sie so sein können. Nur so. Und dass das kein Zufall ist, lediglich die logische Abfolge der Lage der Dinge nach dem Urknall.
Patsch! Diese Bungee-Heckscheibe kam schneller als erwartet.

Mein Himmel hat keine Löcher, nur Sterne - ein seifenblasiges Gefühl. Wie fühlt sich die Liebe an?

Alpha-Centauri löst sich unter Sphärenklängen in die Quantenwolke auf, als die es in meinen Fernseher fand und von dort in mein Erkennen. Selbst mein Erinnern besteht aus Quanten. Glaskugeln überall. Die Menschen pflanzen sie auf Besenstielen in ihre Gärten, hängen sie im Dezember an geschlachtete Bäumchen und würden gerne ihre kleinen Welten in kleine, sterile Glaskugeln einschließen, solange Welt und Kugel noch heil sind.

Der Bus vor mir bremst und die verdichteten Quantenwolken, die ich als Kinder ausgemacht hatte, wirbeln von der Heckscheibe weg in die Polster der verdichteten Energie in der Tiefe des Busses.


Harald Lesch grinst. In einem Hörsaal irgendwo da draußen.


An Gleis 17 küssen sich zwei zum Abschied durch das geschlossene Zugfenster.


Genau so! Genau so ist es. Mit der Liebe und mit Menschen in Goldfischgläsern.

Mein Himmel hat keine Löcher, nur Sterne – und deiner? Ein seifenblasiges Gefühl, aber ein Gefühl zumindest und die hauchdünne Haut unserer Hülle schillert. Mir ist, als ob sich von irgendwoher ein Finger auf den Weg macht, um mich zu berühren. Wird wohl die Liebe sein. Hoffentlich.

Ludwig Janssen © 21.12.2006
“Uraufführung“: Regensburger Super-Slam 9.3.2007

Samstag, 16. März 2013

Vom Dahinfluten auf einem nachtblauen Sofa (Betriebsanleitung)

Man stelle sich vor ─ und setze sich daneben, schweigend: Da sitzt ein Mensch auf einem Sofa, läge er, machte das auch keinen großen Unterschied, und fühlt: sich treiben, fühlt: sich auflösen … und haltlos. Das Sofa zum Gefährt und sich selbst zum Gefährten, hebt er das eine Vorstellungsvermögen in die Höhe, am dicken Zeh, vielleicht, bläst aus vollen Backen in einen Gedanken, dass der sich bläht: Versonnensegel …

Und während du alldem (All, dem …) zuschaust und der eine Gedanke sich weitet und weit über den Horizont hinaus sich verliert, mit dir darin und einem Menschen auf nachtblauem Sofa, geschieht folgende Alltäglichkeit: Dass nämlich die Erde sich dreht, und zwar um sich selbst, dich mitnimmt dabei und ihn, den auf dem Nachtblauen, eintausenddreiundneunzig* Kilometer weit mit jeder Stunde ihres Drehens, also dreihundertundvier Gedankensekundenmeter weit.
Und all das Drehen (All, das Drehen … und Dahinfluten) geht weiter, denn sechsundvierzigtausenddreihundertneunundachtzig Meter pro Gedankensekunde legt die Erde in ihrem Drehen währenddessen zurück auf ihrem Weg um die Sonne. Unser Sonnensystem selbst kreist unterdessen zweihundertsiebenundsechzigtausend Gedankenmeter weit auf seinem Drehen um das Zentrum der Milchstraße, wird nach 7,25 x 1015 Gedankensekunden zwar einen Umlauf vollendet, nicht aber dessen Ausgangspunkt erreicht haben – und fliegt außerdem dreißigtausend Meter seines Weges auf das Sternbild Herkules zu. Die Milchstraße wiederum flitzt während einer der Gedankensekunden auf nachtblauem Sofa sechshunderttausend Meter auf das Sternbild Löwe zu. An dieser Stelle bietet sich eine passende Gelegenheit zu schreiben:


Genug des Dahinflutens und der Gewissheit, nie, niemals ─ und auch nicht für den Bruchteil einer Sekunde ─ am selben Fleck sein zu können? Nein. Denn du selbst, auch der auf dem Sofa und alles (All, es …) Drumherum, auch alles Darunter wie das nachtblaue Sofa, besteht aus Aufenthaltswahrscheinlichkeiten kleinster Teilchen und Ladungszustände und der einzigen Gewissheit, dass sich in deren angenommener Mitte diese Aufenthaltswahrscheinlichkeiten mehren und um diese herum in relativ weitem, sehr, sehr weitem Abstand mit wahrscheinlich nichts anderem darin als der Wahrscheinlichkeit, nichts anzutreffen, negative Ladungszustände flitzen. Ladungszustände, die Teilchen sein sollen und Welle zugleich, die nichts anderes zulassen als die Annahme, dass sie sich dort befinden, gewiss, denn wo, weiß man nicht, wie schnell, kann man nicht messen. Nur annehmen kann man das, und das Bohr-Rutherford-Modell nimmt an, dass sie sich um zwei Millionen und einhundertsechsundachtzigtausendeinhundertelf Meter bewegen in jeder Sekunde deines nachtblauen Sofagedankens ─ und sich aufhalten zugleich. Als Ladungswahrscheinlichkeit.

Und so gibt es eigentlich, ob man nun auf einem nachtblauen Sofa dahinfliegt oder auf einem Gedanken, nichts anderes als die Gewissheit, dass alles Dahinfluten und das Gefühl, aus nichts anderem zu bestehen als dem Scheinen einer Wahrlichkeit, wahr ist und gewiss, man selbst ─ dieser eine Gedanke … Gute Reise, Häwelmann!
Ludwig Janssen © 16.3.2013


* 1093 km/h bei 49°N, z.B. in Bayern

Quelle der Inspiration und des Anstoßes: " Ein Stück Holz (London #2)", Sudabeh Mohafez

Mittwoch, 6. März 2013

Denken ist …

E=mc² 

Energie ist Masse. Ziemlich schnelle Masse. So schnell und so klein, dass man sie nicht fangen kann, ohne sie aus den Augen zu verlieren, denn wenn man genau hinschaut, ist sie weg, zwinkert man, zischt sie durch die Finger und geht ins Auge. 

Energie ist also winzige Masse, die nur eben gaaanz schnell unterwegs ist, wohin auch immer. 

Nach dem Energieerhaltungssatz geht nichts verloren. 

Und auf beiden Seiten eines Gleichheitszeichens steht Gleiches. 

m = E/c² ? 1/8 ist weniger als ½, und 1/8 ist weniger als 1/1. 

Somit würde Energie zu Masse, und deren Dinge ganz, wenn sie nur kalt und langsam genug wären. Und würden die Dinge sich nicht bewegen, gäbe es sie nicht, denn „geteilt durch Null“, Jesus, was sagt da der Mathematiker? Verboten! Das arme Photon! Es darf sich nicht ausruhen, nie, nie und nimmer, nie zur Ruhe kommen … armes Licht! Von wegen „Ruhemasse“ – verboten! Wie lieblos. Und warum das ganze? Weil irgendwer meint, dass die Dinge zumindest eins sein müssen, mit was auch immer, jedoch auf keinen Fall mit dem Nichts? Wollte sich also so ein kleines Photon ein Ruhepäuschen gönnen, würde langsamer, langsamer, lang… - käme irgendwann, müde, ausgepowert, vielleicht 1:1 daher – und bei mir an, und zwar auf den Versuch, und mit 1= 1/1 durchaus manierlich – es dürfte nicht anhalten, ausruhen, schlafen stillstehen, denn … (und ja, eigentlich nur, weil der Beweis 1 = 0 anzutreten wäre, ließe man zu, dass das Licht, zumindest ein Photon, stillsteht.) … die Mathematiker haben das verboten. Aber Null ist Null gleich! Mathematiker sind weit entfernt von der Liebe. Ab und an wirft Gott Steinchen ans Fenster, während wir schlafen. 

So also ist das mit dem Photon. Ruhemasse Null, Reichweite unendlich: Wahnsinn. 

Das wuselt sich über Jahrtausende vom Sonnenkern nach außen, das Photon, saust innerhalb von acht Minuten hierher, funzt im Chlorophyll des Zellkörperchens einer Sonnenblume ein Wassermolekül auseinander, das möglicherweise älter ist als die Sonne, und gelangt schließlich in mein Körperchen als Sonnenblumenkern und über dessen Energiegehalt und E=mc² schließlich in mein Hirn, wird Gedanke, vielleicht sogar der Kern eines Gedankens und bleibt, wo es ist. Wirklich? 

Wird ja schnell kalt, so ein Gedanke, und verliert an Esprit. 

Wo der dann bloß rumliegt, der Gedanke, und materialisiert? 

Wie groß wird die Ruhemasse eines Gedankens sein, wie weit seine Reichweite reichen, und, wird sie uns reichen, was auch immer, uns bereichern oder genug sein? 

Letztlich kommt da ein Photon zur Ruhe, das ziemlich lange unterwegs war. Als Welle, als Teilchen, doing-doing, flitzefitz … um am (an seinem?) Ende gedacht zu werden: 

Kleines Schläfchen. 

Blauer Traum: 

Ruhemasse eines Photons: Null - und auf beiden Seiten einer Gleichung steht dasselbe:
m = E/c² ... 0 = E/c² ... 0 = 0.
 

Ende der Umwandlung. 

Rückwandlung? 

Materialisation? 

Energie der Lage. 

Das Hirn ist doch auch bloß eine Dose für kleine, schlafende Kerne, die irgendwann, später und vielleicht, geweckt werden. 

Vom Anstupser. Kein Big Crunch, geht nicht. 

Das All ist so, wie es ist, weil es nur so sein kann, denn hätte es anders sein können, wäre es anders oder nicht da, so eben und sicherlich ohne uns. Dieses „Nur-so“ ist es nur so, nur mal eben so, vielleicht, aber das wieder ist ein hauchganzdünnes Membranchen, kein Mem aus dem Branchenbuch, das sich gegen andere durchsetzen muss, es ist DAS Wieesist und logische Folge der Bedingungen zur Zeit der ersten Sekunden des großen Kapaftich: 

Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig … Wasserstoff … Deuterium … Helium … (dann stellte er es zum Abkühlen auf die Fensterbank, es war Nacht und Sterne funkelten nicht am Himmel, noch nicht). 

Photonen dürfen sich nicht ausruhen, müssen immer unterwegs sein, und das ziemlich schnell. Wo sie sind, und auch dort, wo sie nicht sind, für den Moment, ist hell. Ihre Energie speist Zuckertransformatoren, Wasserspalter, geht nicht verloren. Wo sie sind, weiß man nie so ganz genau, jedenfalls kann niemand es beweisen, obs hell ist oder licht, sieht jeder. Vielleicht ist das mit dem Ich-bin-das-Licht ebenso. 

Und das All, einfach alles besteht aus Winzigfitzelflitzelchen, die sich immer wieder zu Großem finden und im Kleinen verlieren, wie sie sich im Kleinen wieder finden und im Großen verlieren. Und du gehörst dazu. Ich auch, übrigens. 

Dekohärenz sorgt dafür, dass die Dinge bleiben. Nicht, wie sie sind, nur: dass. Das genügt. Ding! - ein Steinchen ans Fenster ...
 
Ludwig Janssen

Montag, 26. November 2012

Der Meister

Anton war Kunstflieger. Er liebte, Loopings zu fliegen. Die Zuschauer meinten dann zu sehen, dass Antons Doppeldecker sich in die Höhe schraubte, um dann, ein klein wenig über Kopf geflogen und in rasantem Steilflug abwärts, mit unnachahmlicher Eleganz an derselben Stelle anzukommen, an der er zu steigen begonnen hatte.

Anton jedoch, der den Sitz seines Flugzeugs unter dem Hintern hatte und durch die Pilotenbrille einen anderen Blick auf die Dinge, sah das anders: Nie gelang es ihm, diesen Punkt zu erreichen. Daher war er stets bemüht, sein fliegerisches Können zu verbessern. Zunächst gelang ihm, jede seitliche Abweichung auszuschalten. Dann stellte Anton fest, dass ihm, je größer er den Durchmesser des Loopings flog, mit umso größerer Wahrscheinlichkeit der perfekt geflogene Kreis gelingen würde.

Dass er hierzu seine Maschine immer höher steigen - und immer tiefer stürzen lassen musste, kümmerte ihn nicht. Auch nicht die mit jedem weiter geflogenen Meter geradezu ins Unermessliche steigende Gefahr, je näher die Grenze der Leistungsfähigkeit von Mensch und Maschine rückte. Gefragt, wie ihm dabei zumute sei, beschrieb Anton seine Art, Loopings zu fliegen: "Ich reite die wirklich große Welle!", und lachte.

Die Zuschauer am Boden lächelten höflich, hatten jedoch längst schon keinen blassen Schimmer mehr, was Anton meinte. Schlimmer noch: Die weiträumig geflogenen Loopings wirkten immer langweiliger. Immer mehr Zuschauer wandten sich, begann Antons Maschine zu steigen, und erst recht, wenn sie sich als Punkt im Blau des Himmels verlor, den Würstchenbuden der Flugschau zu, suchten die Dixie-Klos auf. Romantiker versuchten sich ohne Erfolg in Zungenküssen, die bis zum Wiedersichtbarwerden des Doppeldeckers währen sollten.

Doppeldecker haben Kolbenmotoren und können nur eine bestimmte Flughöhe erreichen, daher näherte sich die Flugbahn von Antons Loopings mit größer werdendem Durchmesser immer mehr dem Boden. Bis zu 300 km/h schnell flog seine Maschine, im Sturzflug erreichte sie noch höhere Geschwindigkeiten. Doch kaum hatte Anton sich dem ultimativen Looping genähert, musste er feststellen, dass die Erde sich unter ihm weitergedreht hatte, und zwar mit jedem zusätzlichen Meter Kreisumfang ein Stückchen mehr, insbesondere, wenn Anton in Nord-Süd-Richtung oder von Süden nach Norden geflogen war. Stieg er von Westen nach Osten, eilte sie ihm entgegen, stieg er von Osten nach Westen, bummelte sie ihm nach, drehte sie sich doch mit lediglich 265 km/h. Anton aber arbeitete seine Technik aus bis zur Perfektion.

Endlich hatte Anton es geschafft! Der perfekt geflogene Kreis! Über exakt derselben Stelle vollendet, an der Anton den Steuerknüppel seines Doppeldeckers auf sich zu gezogen hatte. Doch kaum hatte Anton seine Maschine gelandet, entstieg er dem Cockpit ohne ein Zeichen der Begeisterung und schlurfte gesenkten Hauptes mit hängenden Schultern durch die jubelnde Menge zum Hangar und schloss sich dort in seiner Werkstatt ein. Warum? Aus keinem geringeren Grund als dem der Erkenntnis, dass sich während seines Fluges die Erde auf ihrer Umlaufbahn um die Sonne mit 107208 km/h von dem Punkt entfernt hatte, an dem sie sich mitsamt Flugzeug und Drumherum zu Beginn seines Rekordflugs befunden hatte.

Als Anton eine technische Lösung auch dieses Problems gefunden und umgesetzt hatte, startete er zu einem letzten Looping, einem letzten Versuch. Es war ein strahlend blauer Sommertag. Die Maschine stieg, die Menge verlor sie aus den Augen, wartete ungeduldig, dass sie wieder auszumachen war oder ging ein Würstchen essen, hielt den Atem an, als der Doppeldecker der Erdoberfläche entgegen raste und schrie begeistert, als das Flugzeug knapp über die Spitzen der Gräser des Flugfelds  hinweg fegend den perfekten Looping vollendete. Doch kaum hatte der Pilot seine Maschine gelandet, entstieg er dem Cockpit ohne ein Zeichen der Begeisterung, schlurfte gesenkten Hauptes mit hängenden Schultern durch die jubelnde Menge zum Hangar und schloss sich dort in seiner Werkstatt ein, verwundert, dass man ihn Anton rief.


Ludwig Janssen © 15.01.2012

Samstag, 12. März 2011

Lope und Antilope

Die Lope sprang, die Lope sang
im Dunkelblätterwald, Gestalt
einer reifen Physikalis, bald
würd sie im Irrealis enden
falls ... eines jeden, klein
geschrieben, fände ihre Anti
zu ihr, löschten sie sich aus

Und da mehr Antilopen liefen
sprangen, sangen, fraßen, schliefen
im Blätterdunkel Baryons
[Kyrie Materie] als Lopen, auch die eine
findet man nur Antilopen, Lopen
auch ganz kleine, sieht man keine
Weißt du, was ich meine

Die Lope singt, die Lope springt
durch mein lichterfülltes Denken
materialisiert - und ungeniert
in baryonischem Verschenken
lässt sie sich in deinem nieder
singt dort transluzente Lieder
trotzt dem opaken Quaken Sinn
ihr filigranes Wider hin: Ich bin!





Ludwig Janssen © 27.1.2011

Kosmologie eines Gurkenglases


Was eint All und Gurkenglas?
Das erstere ist um das eine
nicht ganz, nebst Dunkel, Sterngescheine
und, wie in anderen Gestalten
im letzteren partiell enthalten.

Das All brauchts Glas, um ganz zu sein
das Glas lässt es und sich ... hinein
nebst silbermondgen Silbenzwiebeln
Senflaberkörn und Essigbiss
ist sich in ihm die kleinste Gurke
gewiss, dass sie besonders ist.


Ludwig Janssen © 29. 11. 2010

Mittwoch, 6. Januar 2010

Großschreibung oder kleinschreibung? Sprache!

Überrascht es, dass ein Mensch ein wertvolles Instrument seiner Sprache zu differenziertem Ausdruck aus der Hand geben möchte, um nicht seine Kaffeetasse absetzen zu müssen?

Wenig überraschend ist, dass manche Dinge von jedem Menschen neu entdeckt werden. So zum Beispiel das Laufen. Dabei gibt es im Grunde nur eine einzige Möglichkeit zu laufen, oder? Hm – da wäre das Laufen auf den Füßen, vorwärts, rückwärts, auf den Händen … Bei gelassener Betrachtung der Möglichkeiten dessen, was man gemeinhin Laufen nennt, scheint es mehrere Möglichkeiten zu geben, sich auf die so bezeichnete Weise fortzubewegen, an ein Ziel zu gelangen oder irgendwo hin.

Dann das Sprechen – jeder, dem es möglich ist, lernt es, entwickelt eine eigene Sprache, die nur wohlwollende Familienmitglieder verstehen, später dann eine, die im umgebenden Kulturkreis üblich ist, und noch später womöglich weitere Sprachen. Das soll, so ist man sich einig, von Vorteil sein, da man sich differenziert ausdrücken und auch Menschen verständlich machen kann, die nicht derselben Nation angehören, nicht im selben Land oder gar einem anderen Kulturkreis aufwuchsen.

Es heißt sogar, dass mit zunehmender Komplexität und daher größerem Differenzierungsvermögen der Sprache diese ein Maß für den Entwicklungsstand der Kultur sein soll, in der sie gebräuchlich ist. Da man mehr Dinge bezeichnen, feinere Unterschiede aufzeigen kann und artikulieren.

Sprache wird in Schrift transponiert. Aus dem Laut wird über eine bestimmte Zeichenfolge Wort. Mehr noch – die verbale Mitteilung, die als Schwingung der Luft vergänglich ist und beinahe virtuell, das Wort wird Ort.

Ein Ort, an dem man Bedeutung sucht, ein Ort, an dem man Bedeutung hinterlegt, ein Ort, der mit dem Lesen - im Gegensatz zur Dekohärenz, die unmöglich macht, dass eine einmal zu Ding materialisierte Quantenwolke sich wieder in eine Art Wolke zurückverwandelt - wieder Wolke werden kann, unbestimmt, und sich im Leser zu neuer, eigener Bedeutung fügt.

Die Bedeutung liegt nicht im Wort, aber je differenzierter ich meine Sprache in Wort und Schrift fügen kann, je reichhaltiger das Instrumentarium ist, das meine Kultur mir an die Hand gibt – um so differenzierter kann ich meine Sprache und somit mich ausdrücken. Meine Sprache und somit die Möglichkeit zu differenziertem Ausdruck wird größer, reicher.

Erstaunlich ist, dass Deutsche sich da über so etwas wie Groß- und kleinschreibung streiten.
Ein Volk, das mit seiner Großschreibung eine Besonderheit des Ausdrucks hat, die den Schreibweisen der Sprachen unserer Nachbarn abgeht.

Zunächst einmal zeigt eine kleine Wikiexpediation*, dass das mit der Großschreibung bei uns nicht immer so war, die Kleinschreibung eigentlich älter ist: Von der Schreibung nur in Großbuchstaben (Majuskeln), die aus dem Lateinischen herrührte, wurde unter Karl dem Großen umgestellt und alles in Kleinbuchstaben (Minuskeln) geschrieben. Kleinschreibung also, aha.
Zur Zeit des Barocks dann entwickelte sich die Großschreibung des Deutschen und breitete sich über Dänemark bis nach Norwegen aus, wo sie später wieder abgeschafft werden sollte. Auch in Deutschland war sie umstritten, und so klagte bereits einer der Brüder Grimm, ein Sammler, nicht Schreiber, über den Gebrauch großer Anfangsbuchstaben für Substantive.

Aber sie hielt sich, die Großschreibung. Zumindest in Deutschland und Luxemburg.

Die Bauhausbewegung (1925) wieder machte sich für die kleinschreibung stark. Es hieß:
: [zitiert bei WIKIPEDIA]„wir schreiben alles klein, denn wir sparen damit zeit. außerdem: warum 2 alfabete, wenn eins dasselbe erreicht? warum großschreiben, wenn man nicht groß sprechen kann?”


Auch kritische Publizisten der Weimarer Republik wie der später von den Nazis ermordete jüdische Professor Theodor Lessing** aus Hannover setzten sich für die kleinschreibung ein, die mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 erst einmal wieder vom Tisch war.

„Wir sparen Zeit.“
„Die Rechtschreibung wird einfacher“
„Warum groß schreiben, wenn ich nicht groß sprechen kann?“

Hm. Das sind Argumente, die heutzutage noch dankbarere Abnehmer finden, die sich um Rechtschreibung wenig scheren, die schnell tippen wollen oder schlichtweg zu träge oder faul sind, die Shift-Taste zu drücken, weil sie hierzu die Kaffeetasse absetzen müssten, aus der sie gerade nuckeln.
Hinzu kommt, dass viele Unsicherheiten in der Rechtschreibung kaschiert werden, wenn man kleinschreibt.
Ist das alles, was es zu kleinschreibung zu sagen gibt? Nein.
Andere wieder schreiben klein, weil sies schick finden. Und das nicht ohne Grund. Es gibt einige literarische Vorbilder, dies vormachen. Warum also nicht nachmachen? Schreiben wie der Österreicher Artmann, wie die Jelinek. Oder Heinrich Böll nachplappern, dass (zitiert bei Wikipedia)
eine Sprache weder an Informationswert noch an Poesie verlier[t], wenn sie von der Groß- zur Kleinschreibung übergeht.
.

Stimmt das, Herr Böll? Nein! Was ist mit den Hauptwörtern, der Großschreibung ihrer Anfangsbuchstaben – ich möchte nicht darauf verzichten, sie – und das ist ein überaus poetisches Moment unserer Großschreibung – ihr Haupt erheben lassen zu können – um sie sogleich und im passenden Moment zu schwächen und angst und bange werden zu lassen den Dingen, die ich soeben noch klar erhob, benannte, die Angst, die ANGST, die angst.

Ja! Und da ist die äußerst poetische Möglichkeit des Ausdrucks im Deutschen, über die kleinschreibung eine Sprache, die im Umgang, in der Bezeichnung klarer Verhältnisse sich der Großschreibung bedient, in eine Form zu bringen, in der Dinge ihre Kontur verlieren, Charakter, Halt …

eine sprache, die im umgang, in der bezeichnung klarer verhältnisse sich der großschreibung bedient, in eine form bringen, die den dingen kontur nimmt, charakter, halt …

Ich, ich Deutscher habe eine Schriftsprache, in der ich Dinge klein schreiben kann, wenn mir nach diesem Ausdruck ist – ich muss sie hierzu nur kleinschreiben. Das Schriftbild ist Teil meines Ausdrucks, ist Stilmittel, ist ein Instrument, das andernorts stumpf und unbekannt, da beliebig ist.

Diesen Vorzug meiner Sprache, die Schreibweise als Stilelement meines Ausdrucks nutzen zu können, werde ich nicht aus der Hand geben.

Sprache ist Stilmittel, Schrift ist Stilmittel, Schreibweise ist Stilmittel.
Sich über Großschreibung ODER kleinschreibung zu streiten ist das Geschwätz wenig phantasiebegabter Ahnungsloser.

Sprache, Ausdruck ist wesentlich wichtiger als solcher Streit. Es gilt, sich dieser Stilelemente und Möglichkeiten des Ausdrucks unserer Sprache bewusst bedienen - und seine Wahl auch vertreten zu können – wobei letzteres schön ist, wenn mans kann, aber nicht sein muss.

Überrascht es, dass Menschen lieber ein wertvolles Instrument ihrer Sprache zu differenziertem Ausdruck aus der Hand geben als ihre Kaffeetasse?

Nein. Es wird immer mehr Dilettanten geben als Könner. Doch unter den Menschen, die sich mit Sprache und Ausdruck beschäftigen oder gar daraus Kunst schaffen, wird man die nicht daran unterscheiden können, ob sie kleinschreiben oder der Großschreibung frönen, sondern an anderen Dingen, auch an solchen, die sie mit der ihnen durch unsere Sprache und deren unterschiedliche Schreibweise eröffneten Möglichkeiten aus Wort, Schrift und Sprache schöpfen, erschaffen.

Ludwig Janssen, 6.1.2010

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Literatur, Lesetipps:

* zum Thema auf Wikipedia

** Theodor Lessing zum Thema in der zeitschrift des bildungsverbandes der deutschen buchdrucker, berlin, 28. jahrgang, mai 1931, seite 124: die großbuchstaben werden verschwinden!

Samstag, 2. Januar 2010

Zwischenruf

Ein Zwischenruf wird eingeworfen, gerade so wie eine Münze - dabei entscheidet sich oder ist längst entschieden, ob in einen Automaten, einen Brunnen oder einen Briefkasten. Was geschieht mit all den Zwischenrufen, die Sondermünze sind oder bissi rostig, die nicht schwimmen können oder nicht wunschbrunnenkompatibel sind, unfrankiert, ohne Angabe des Absenders oder gar mit unleserlicher Anschrift versehen?

Was, wenn ein Zwischenruf, einmal eingeworfen, stecken bleibt?

Dann: Wenn ein Zwischen ruft, drehen sich die Menschen nicht einmal um, und wenn, nach anderen Menschen, denn sie meinen zu wissen, dass es ein Zwischen nicht gibt.

Frage doch einmal auf der Straße eine beliebige Zahl Menschen, was ein Zwischen ist - sie werden seltsame Antworten bereit halten, seltzahme Antworten, die ihnen geheuer sind, vertraut, die schon lange Zeit mit ihnen im Käfig lebten oder willig an der Leine führen ließen, die herkommen auf Pfiff.

Viele werden "weiß nicht" antworten, sich abwenden, weitergehen, sich an die Stirn tippen oder, wenn sie Holländer sind, an die Wange. Oder sie werden fragen, was genau denn ein Zwischen sei, gerade so, als wüssten sie’s und wollten nun ihrerseits prüfen, ob ihr Gegenüber weiß, was sie wissen. Ein paar werden auch sagen, dass es das Zwischen nicht gibt, überzeugt sein - felsenfest - mit dieser Behauptung Recht zu haben. "Felsenfest" - das Zwischen spielt darin Verstecken.

Zwischen mögen sie nicht, die Menschen. Weil sie noch nie eines gesehen haben. Weil noch nie eines geheuer war, in Käfigen lebte oder auf Pfiff angerannt kam, die Zunge aus dem Hals hängend Männchen machte.

Die Biologie des Zwischen ist unbekannt, daher möchte ich von dem ausbreiten, was ich Zwischenrufen entnahm die mir zu Ohren kamen und dazwischen hängen blieben:

Ich habe mir gedacht, überlegt und gefaltet, dass ein Zwischenruf eigentlich unsichtbar sein muss oder zumindest unscheinbar, denn schließlich ist das Zwischen selbst unsichtbar.

Das Zwischen nistet jenseits des Erkennens. Dort legt es Eier, brütet sie aus und versorgt seine Brut mit Dingen, die es sich aus dem Diesseits des Erkennens fängt. Hierzu schlüpft es, einem Zaunkönig gleich, der eine dem Menschen scheinbar undurchdringliche Weißdornhecke passiert wie nix, durch die Grenze des Erkennens.
Diese auch "Heisenbergsche Unschärferelation" genannte Grenze ist die Grenze zum Kleinen, ist ein Bereich, in dem die Dinge sich aufzulösen scheinen, und hinter dem es keine Dinge, sondern nur mehr Wellen geben soll, Energie und jede Menge von dem, was wir uns nur vorstellen, das wir jedoch weder begreifen noch anfassen können, obwohl sich alles, selbst das Größte, daraus zusammenfügte und Bestand hat.

Das Zwischen also hat sein Nest hinter dieser Grenze. Wenn es sich durch diese Heisenbergsche Weißdornhecke* schlingelt und auf unserer Seite ankommt, also eigentlich in uns, im Hirnkastl, Kappes oder der Rübe, wie wir den Raum nennen, der unser Vorstellungsvermögen begrenzt (So etwas wie ein Tresor, oder eben eine Bank, man kann dort einzahlen, abheben und pleite gehen, ohne dass mans zeitig merkt) - also, wenn das Zwischen bei uns ankommt, ist es zwischen den Dingen.
Und das ist das Bedeutendste, Wichtigste und Beste überhaupt, was das Zwischen macht, denn dadurch macht das Zwischen, dass die Dinge so sind, wie sie sind, dass die Welt so ist, wie du und ich sie sehen und anfassen können.

Das Zwischen macht, dass alles, was Materie ist, nicht zu einem riesigen Klumpen mit Nichts drumherum verklebt. Das Zwischen ist zwischen den Quarks, ist zwischen den Elektronen und zwischen den Elektronen und den Atomen, zwischen den Molekülen. Das Zwischen macht, dass ein Flugzeugträger so groß wie ein Flugzeugträger ist und nicht so groß wie ein Stecknadelkopf (und dabei genauso schwer).

Das Zwischen macht also Raum, und zwar den wichtigsten Raum, einen, in den unsere Raumfahrer niemals gelangen können - obwohl er doch mitten in ihnen drin ist, genau so wie in dir und mir und in allen Dingen: den Zwischenraum!

Das Zwischen macht, füllt den Zwischenraum! Es ist, so sagt man, dazwischen, immer, immer, immer.
Das Zwischen ist da! Dazwischen ist also, weil wir so viele Gedanken brauchen, um es erfassen zu können und weil das Zwischen es zugleich mit den Dingen bis an die Grenzen des Universums aufbläht, ein gedankenschweres Wort. Zwischendurch ebenso.
Zwischendurch ist wesentlich größer, bedeutender und langwieriger, als das von gedankenlosen (nicht gedankenverlorenen!) Menschen hastig hingeworfene Wort. Nur, weil das Zwischen und sein Durch darin sind.

Grenzen grenzen ein, meinst du, sie umschließen. Was mit der anderen Grenze ist, fragst du mich? Ja! Wie es eine Grenze zum Kleinen gibt, die unser Erkennen daran hindert, alles zu erfassen, so gibt es auch eine Grenze zum Großen, die für unser Erkennen ebenso undurchdringlich ist, weil es sich darin verliert wie ein Tropfen Blut im Pazifik. So einen Blutstropfen sieht man anfangs noch, dann löst er sich auf und ist nicht mehr zu sehen. Haie können ihn noch rausschmecken, sagt man, doch auch das hat ein Ende. Das Große jedoch nicht, jedenfalls keines, dass wir uns mehr als nur vorstellen können, und Vorstellung ist nicht Erkenntnis, ist Idee, manche sagen Glaube. Da verlässt uns irgendwann sogar die Kraft, die Vorstellungskraft, mit der wir uns Dinge entstehen und für kurze Zeit sein lassen, die wir nicht erkennen und wissen können.

Das Zwischen hat auf dieser anderen Seite sein Nest.

Du meinst, dass das nicht möglich ist? Du sagst, dass das Zwischen sein Nest auf der anderen Seite hat, auf der anderen Seite jenseits der Grenze des Erkennens?

Hast du schon einmal ein Nest gesehen? Stelle dir ein Nest vor, umgeben von der Grenze des Erkennens - rundherum diese Grenze, eine Grenze, von der du nicht genau ausmachen kannst, obs nun die Grenze zum Kleinen oder die Grenze zum Großen ist, die dort Grenze ist, und mittendrin, also in der Mitte: Das Nest des Zwischen. Das Nest des Zwischens ist also ebenso jenseits der Grenze des Erkennens, wie es zugleich inmitten des durch diese Grenzen bestimmten Raum, eines Zwischenraums(!) ist.

Darin ein Ei.
Darin alles, was wir Welt nennen oder Weltraum oder Grenze oder Zwischen oder Zwischenraum.
Auch du und ich.

Wir sind Zwischen!
Wir leben in Zwischenräumen!
Wir sind sowohl diesseits wie auch jenseits der Grenzen unseres Erkennens!

Okay. Jetzt dürfte das mit den Zwischenrufen auch klar sein, hm?

Und das alles nur, weil ich kraft meines Vorstellungsvermögens das Zwischen als kleinen Vogel mit Nest entstehen lassen und es kraft deines Vorstellungsvermögens für eine Weile so sein und bleiben konnte.

Nun ja, nicht ganz. Es ist sowieso da, das Zwischen, das weiß man, auch ohne seine Vorstellungskraft erschöpfen zu müssen.

Und Gott steht jetzt vor einem Automaten, einem Brunnen oder einem Briefkasten und fragt sich, welche Taste er drücken soll, ob er sich wünschen soll, wunschlos glücklich zu sein, oder auch nur, ob er seinen Brief mit der korrekten Anschrift versehen und ausreichend frankiert hat, wenn überhaupt.

Ludwig Janssen, 2. Januar 2010

*Weißnichtdorn? Piekt Unwissenheit?

Mittwoch, 29. April 2009

Pfirsyk oder die Kunst, dass Obst gleich Frosch und dies längst nicht All

Aus der Materie dunkel:
Gemunkel, Gemunkel
WIMPelschwenken, und
alles baryonische Gefunkel
ist ein Fünklein Phantasie
der dunkelen Materie und
der dunklen Energie, hihi

So quarkt der Froschn
derweil zoschen - durch
ihn hindurch die Teilchen
vibrieren eindimense Strings
und nulldimens gepunktet Dings
versammelt sich zu Lurch

Ludwig Janssen © 28.04.2009