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Dienstag, 6. Dezember 2016

Unaufdringliche Weißheit über Gedichte in Literaturforen (Kritik)


Bei manchen Gedichten lässt man von seinem Lesen, so man es ausdrücken kann. Bei anderen wieder schreibt man nichts von alldem darunter, weil sie es nicht wert sind oder ihr Autor sich bereits als jemand erwies, der sich selbst genügt und nicht mehr will als gelesen sein … und bestätigt werden.

Manche Gedichte strahlen genau das aus: Sie genügen sich selbst und wollen nicht mehr als das - und gelesen sein. Solche Gedichte sind selten.

Sie tragen vom Filigranen des Weißen an und in sich, zelebrieren das Wort, verströmen vom Duft des Sprachvermögens ihrer Ausdenker – ohne danach zu stinken. Man liest ihnen an, dass jedes Wort seinen Platz fand – und folgt offenen Mundes, liest ihre Worte übermütig koppheister gehen – und lächelt ihnen zu. Andere wieder verschließen sich, starren, harten aus, vor, mit – Wort – und man liest sich wund.

Es kommt vor, dass darinnen ein lyrisches Ich aufgestellt ist. So ein lyrisches Ich, das sein darf, was und wie es ist – das lyrische Ich dieses einen Gedichtes, wOrt, nicht mehr, doch genug, einem Leser zu sein. Zu sein? Zu sein. Das genügt.

Es gibt Dilettanten, die geben vor, das lyrische Ich sei der lyrische Teil ihres Ichs und gehöre ihnen. Unter diesen findet man auch die Sprachwurster, die insgeheim überzeugt sind, dass Lyrik einfacher zu schreiben sei als Prosa. Sobald die Prosa schreiben, bleibt ihrer bigotten Ignoranz nicht einmal dieses Baströckchen.

Ihre langweiligen Texte schreiben, geben vor, müssen schreien ich ICH, Ich … manche wimmern i i i c h so gewollt unabsichtlich wie gekonnt, erinnern den leidgeprüften Kenner im Abgang an Gollum und daran, dass auch der letztendlich zu etwas nütze war.

Ja, ja. Mit dem Schreiben, dem Verfassen von Lyrik, der Weißheit darin und der Weisheit verhält es sich so wie mit dem Schwarzbunten Niederungsrind und dessen Weißheit als solcher und im Besonderen: Mal ist sie hier, mal ist sie dort. Mal ist weniger, mal ist mehr zu erkennen. Mal ist sie am Kopf, mal ist sie am Arsch zu finden, meist auch irgendwo dazwischen. Und wo die Kuh schwarz ist, ist keine Weißheit, aber selbst diese Erkenntnis ist so weise wie der Umstand selbst in Ordnung.

Doch niemand, selbst in einem Literaturforum nicht, sollte und darf sich erdreisten, unter schwarzbunten Niederungsrindern einer Kuh abzuraten, auf die Weide zu scheißen. Genau an der Stelle, wo sie steht, so viel, wie – und: was sie kann.


Ludwig Janssen 6.7.2010, überarbeitet 4.12.2016 

Montag, 22. September 2014

Kritische Kommentare – eine aussterbende Spezies?

Kritische Kommentare sind vom Aussterben bedroht! Ihre Biologie ist kompliziert, die künstliche Nachzucht in Zoos ausgeschlossen, sie brauchen lange bis zur Reife, sie werden übermäßig bejagt und haben keine Schutzzonen. 
In einem Literaturforum über Kommentare und das Kommentieren zu schreiben ist in der Steppe dem Gras vom Gras vorlesen, dem Gras, das über Gras wächst. 
In einem Literaturforum wie ████ übers Kommentieren zu schreiben ist auf einer Weide dem Gras vom Gras vorlesen und Rindviechern. Nur die klugen unter ihnen fragen sich jetzt, ob ihnen vom Gras vorgelesen wird oder dem Gras von ihnen. Nur dann, wenn sie dies hier lasen. Die anderen begnügen sich damit, Gras zu fressen, es zu verdauen und auszuscheiden, ins Gras, selbstverständlich, und damit, Gras plattzuliegen. Das wiederum bevorzugt an Stellen, die von unverdaulichen, aus Rindviechern entleerten Überbleibseln frei sind, jedoch von Gras bewachsen. 
Diese Rindviecher, zumeist Kühe, kommen morgens und abends nach (- und gehen vor -) dem Melken und halten sich ansonsten wie das Jungvieh und Mastbullen rund um die Uhr über, im und auf dem Gras auf, jenem Gras, dem ich über all das Gras und die Rindviecher vorläse, würde ich in einem Literaturforum wie ████ übers Kommentieren schreiben. 
Nun ist das, was man gemeinhin mit „Gras“ bezeichnet, für grün hält, weil die Pflanzen mit grünwelligen Lichtstrahlen nichts anfangen können und diese abweisen, reflektieren, eine je nach Standort und Bewirtschaftung mehr oder weniger artenreiche, vielfältige Pflanzengemeinschaft. 
Doch weder dem Gras, der Pflanzengemeinschaft noch den Rindviechern möchte ich hier das Wort reden, sondern einer Spezies, von der zwar oft die Rede ist, manchmal gar das Geschrei, die jedoch äußerst selten, und wie ich darlegen möchte, vom Aussterben bedroht und somit schützenswert ist: 
Der kritische Kommentar
Vorweg: Nicht jeder Kommentar, der kritischer genannt wird, ist einer. Die einen nennen ihre persönlich gemeinten Spitzen kritische Kommentare, weil solche Widerlichhaken besser hängen bleiben und sich gleich einer künstlichen Fliege vorzüglich appetitlich aufbereiten lassen. Die anderen nennen kritischen Kommentar, was nichts anderes ist als Vorturnen, wie sie selbst einen Text geschrieben hätten, manchmal „lieber gerne selbst geschrieben“. 
Und es kommt noch schlimmer: Nicht jeder kritische Kommentar ist ein guter Kommentar! Damit meine ich gut in dem Sinne, dass er dem Autor des kritisierten Textes weiterhilft. 
Die Gesamtheit aller Kommentare stellt die Kultur des Kommentierens dar. Da hilft es nicht, gegen die eine oder andere Art und Weise anzuschreiben. Man kann nicht das Kommentieren abschaffen, um kritischen Kommentaren Raum zu geben – auch wenn manche Landwirte Gras unterpflügen, um Gras zu säen, Gras, das ebenfalls von Rind…
████ wird, was den kritischen Kommentar angeht, immer Gras mit Rindviechern sein und bleiben.

Das einzig Erreichbare ist eine Subkultur, eine Ökonische für den kritischen Kommentar. Den gepflegten kritischen Kommentar, der polarisieren darf, zuweilen muss, um wachzurütteln, schüttelt er doch zuweilen gewohnte und vielleicht faule Denkmuster vom Lorbeerbäumchen.

Dieser Subkultur möchte ich gerne das Wort reden. Dazu brauchen wir "subversierte Elemente", denen tatsächlich an Austausch liegt und Zuarbeit. Das sind durchaus anstrengende Kommentare, die auffordern, das eigene Schreiben zu überdenken. Das schreibe ich jetzt völlig unabhängig davon, ob er/sie (was er/sie tatsächlich tut) mir auf den Keks geht oder nicht, ob ich mit seiner/ihrer Schreibe was anfangen kann oder nicht. Ich habe Hirn genug, um mir ein Bild von dem Maß an Integrität und Kompetenz machen zu können, um sein/ihr Urteilen = Mitteilen = Am-Denken-Teilhaben-Lassen einordnen zu können.
Ich will ja nicht sein Denken, sondern seine Meinung! Und die will ich lediglich wissen, nicht mir aneignen. Das gilt für jeden engagierten Kritiker.
 
Eigentlich ist jeder (gut) kritische Kommentar eine Bitte um, eine Aufforderung zu Kritik, weil der Kritisierende seine eigene Meinung zur Disposition stellt.

Braucht es den Kritiker überhaupt? Den Kritiker überhaupt - ja! Das andere ergibt sich aus dem Detail, also z.B. welchen Kritiker. Auch "wozu?" (man ihn braucht) ist/wäre eine im Detail und nicht hier zu klärende Frage. Was jedoch offensichtlich ist: Nicht jeder, der einen bräuchte bzw. gebrauchen könnte, kann einen Kritiker brauchen.
Daher beschränkt sich die Anerkennung des Kritikers, der "kritischen Frage" (denn man muss schließlich kein Kritiker sein, um kritisch zu hinterfragen, zu analysieren) auf eine ökologische Nische. Genauer: viele ökologische Nischen.

Dabei ist die biologisch-fachliche Diversität "der Kritiker" recht groß:
Stationär praktizierend sind sie wohlgelitten wie das Salz der Erde, jedoch schlecht ausgelastet. Obwohl sie Schönheitschirurgen sind, sind ihre Diagnosen unpopulär und damit für die Öffentlichkeit ungeeignet. Der Eingriff als solcher soll nicht als solcher erkannt werden.
Ambulant praktizierend sind sie das Salz in der Wunde und entsprechend unbeliebt. Man sähe sie gerne stationär praktizierend und schreibt ihnen beständig entsprechende Ecken zu, in die sie sich gefälligst selbst zu stellen haben, anstatt anderen das Gefühl zu vermitteln, in eben diese Ecken gestellt worden zu sein. Ja, ja.

Kritische Kommentare sind eine bedrohte Spezies.

Sind sie auch schützenswert?
Gras ist Gras, Rindvieh ist Rindvieh, Kritik ist Kritik - ihre Rezeption wie auch ihre Akzeptanz im Wesentlichen unabhängig davon, wie gehaltvoll sie ist. So bestimmt letztlich die Kritikfähigkeit von Kritisiertem und Kritiker darüber, ob sich Kritik positiv oder negativ auswirkt/auswirken kann. (Zur Kritikfähigkeit später mehr.)
 
Um (kurz, … kurzschlüssig?) im Kontext positiv/negativ zu bleiben: Kritik legt Spannung an. Diese Spannung baut sich zwischen den beiden Polen Minus und Plus auf - schließt sich der Stromkreis, z.B. durch Handreichung oder Handschlag, fließt Strom und die Spannung gleicht sich aus. Welch ein Segen, wenn dann zumindest ein (!) Glühbirnchen aufleuchtete. Das allerdings muss vorhanden und angeschlossen sein.

Kritische Kommentare sind schützenswert! Und sei es, um andere vorm Stromschlag zu bewahren. Isolieren Sie die kritische Phase!

Kritische Kommentare sind schützenswert! Und sei es nur deshalb, weil ohne Spannung kein Lämpchen leuchten würde  … weil ohne sie auch kein Lämmchen glühen würde!
[Lammschein on my shoulders makes me happy, Lammschein in my eyes can make me cry (frei überätzt nach John Denver)] 
Der kritische Kommentar als Lösungsmittel – oder: Katarrh und Katharsis:
 
Jeder will ihn haben, doch keiner möchte das Gesicht verlieren, wenn er ihn bekommt. Schließlich wird Eitelkeit beschädigt - … poliert?  "Bitte zuvor an unauffälliger Stelle prüfen" steht auf der Verpackung von Fleckenmitteln. Geht bei Kritik nicht immer. Zumal Kritik nicht zwingend Fleckentferner ist (prima, wenn sie das anbietet), sondern in erster Linie Markierung.

Wer kritisiert, macht sich unbeliebt. Vor allem, wenn er das offen bei offen ausgestellten Eitelkeiten macht. Da auch Lob Kritik ist, hm, sein kann, sei angemerkt, dass bekanntlich die Dosis das Gift macht.

An anderer Stelle wies ich darauf hin, dass Kritik auch ein (gehaltener) Steigbügel sei und auch so genutzt werde: Offene Kritik an Texten, kritische Erwiderung offenbarter Weisheiten ist der eigentliche Steigbügel, in dem sich die Kritisierten, anstatt die Kritik anzunehmen, zu diskutieren, zu widerlegen, sich lustvoll hochstemmen. 
Selbst ein Verriss macht den lahmsten Klepper für einen köstlichen Moment Aufregung zum Pegasus, zum Bukephalos. Ist der Steigbügel, der die (selten genutzte) Chance zu brillanter Replik bietet, Empfehlungen und Leseaufrufe bringt. Bestes Marketing.

Sicherer Halt für den Sprung über den Doppeloxer 'Langeweile'.

Einige angeblich alterserfahrene Mädchen realisieren nicht einmal, wie auffällig sie geradezu um Beachtung durch den "bösen Kritiker" buhlen, ihn krampfhaft herbei zu kokettieren suchen, indem sie anderen Kommentatoren namentliche Andeutungen machen (Eine Unhöflichkeit, die dem eigentlich Kommentierenden ebenso wie ein "ja, ja" zeigt, dass sein Kommentar zwar nett ist, aber nicht der (heimlich, eigentlich) erwartete Adrenalinschub).

Der kritische Kommentar ist reinste Verschwendung.
Eigentlich Wunder, dass sie immer wieder verschwendet wird. Es muss ein Vergnügen in dieser Verschwendung liegen, das mit dem Füttern von Enten im Park (Guru! Guru!), dem Weckgummi-Schuss nach einer Fliege, dem Werfen von Steinchen in ein Gewässer zu vergleichen ist.
Verschwendung! Das wird wohl auch der Grund sein, warum er in Foren, insbesondere 
████ ist hier gemeint, aussterben wird. Wer verschwendet sich schon gerne auf Dauer, macht sich gerne unbeliebt? Wie war das noch einmal mit dem Überbringer einer schlechten Nachricht?

Kritische Kommentare - bedrohte Spezies!

Sollte man kritische Kommentare in Zoologischen Gärten vor dem Aussterben bewahren?
 
Refugien schaffen, in denen kritische Kommentare sich tummeln und neugierige Besucher sich auf Sichtweite nähern können? Eine vorzügliche Metapher, will ich meinen! In einem Zoo gäbe es den Pavianfelsen! Die Löwengrube! Die Voliere! Das Freigehege der Antilopen! Da gäbe es den Pantherkäfig! Das Aquarium! Das Noctuarium gar!

Gräben, Glasscheiben, Gitter. Alles übersichtlich. Alles sicher, da schön voneinander getrennt.
Und mittendrin wandelt der überlegene Geist, erhaben schaudernd und frei von Kritik. Wenn da nicht die Möwen und Lamas wären. Mist. Doch wieder ein Beispiel mit Holzbein. Oder etwa nicht?

Steht DAS zur Wahl? Zoologischer Garten oder Safaripark?
Ja. Nein. So ein Literaturforum wie ████ eines ist, ist, noch, eher wie ein Safaripark:
"Mutti, kurble das Fenster hoch!" "Was macht der Pavian am Spiiiiiiiie...!" 
Nein, lieber doch kein Safaripark, in dem ein Pavian dem Vehikel (Vektor?) des Gedankens den Außenspiegel abbricht und dem Auto(r) vor(s Gesicht)hält, genauer: in dem die Möglichkeit besteht, dass so etwas geschehen kann? Fangen wir also lieber mit einem Zoologischen Garten an. Die kritischen Kommentare hinter Schloss und Riegel, der erhabene Geist wandelt inmitten und kauft sich eine Kugel Mond in der Waffel, flaniert ein Sonett und knabbert, füttert Aphorismen an die Möwen, in der Jackentasche die Monatskarte.
Genau der richtige Ort, um kritische Kommentare, die Eisbären und Eichhörnchen vor dem Aussterben zu bewahren ... [gedachtes *Hach*]

Oder?

Kritikfähigkeit – Königin der Nacht oder Gras? 
Wenn man dem Gras und den Rindviechern darauf, darin und drumherum vom Gras vorliest, darf man ein Kapitel nicht auslassen: Das Kapitel von der Kritikfähigkeit. Schließlich ist die Kritikfähigkeit etwas, das sich auf beiden Seiten entwickelt, auf Geber- und Nehmerseite. Die Kritikfähigkeit ist es auch, die das Schicksal eines jeden kritischen Kommentars entscheidet. Somit auch das Schicksal des kritischen Kommentars an sich und sein Überleben auf ████ im Besonderen.
Da der intelligente Mensch davon ausgehen kann, dass Kritikfähigkeit nicht naturgegeben und bei gutem Willen erlernbar ist, könnte er seinem Gegenüber die Möglichkeit einräumen, sie sich anzueignen [Ich schreibe absichtlich nicht von lernen oder gar lehren!]. Das könnte in einem Zoologischen Garten geschehen, in dem er, ohne zwingend in das Geschehen eingebunden zu werden, sich das Wechselspiel von kritischen Kommentaren und individueller Entwicklung des Schreibens betrachten kann.

[Naturtalente könnten es ja gleich mit dem Safaripark versuchen.]
Die Er- und Einrichtung eines entsprechenden Geheges - kann sich das aus Learning-by-Doing entwickeln? Wie finden sich Leute, die sich darauf einlassen? Wer stellt sich als Antilope zur Verfügung und rennt eine Diagonale durchs Löwengehege? Wer stellt sich als Löwe zur Verfügung und rennt eine Diagonale durch Antilopengehege?

Finden sie sich überhaupt? Schließlich wird man doch schnell müde, kritisch Stellung zu nehmen, wenn man dafür abgewatscht wird, wird man müde, wenn auf einen gut gemeinten Hinweis auf einen RS-Grammatik-Syntax-Fehler hin eine (durchaus legitime) Abfuhr erteilt bekommt?

Womit wir wieder bei "Verschwendung" wären. Arbeitet man nicht sogar kreative Energie auf, wenn man Kritik übt, wo sie unwillkommen ist? Energie, die man selbst und fürs eigene Schreiben einsetzen könnte. Außerdem ist kreative Energie ein langsam nachwachsender Rohstoff (jetzt bitte nicht von Schüben berichten, sondern die Lebensspanne betrachten).

Nacht ists, und die Sterne funkeln, / Palmström musiziert im Dunkeln ... (Morgenstern)
In einem Literaturforum über Kommentare und das Kommentieren zu schreiben ist in der Steppe dem Gras vom Gras vorlesen, dem Gras, das über Gras wächst. 
In einem Literaturforum wie ████ übers Kommentieren zu schreiben ist auf einer Weide dem Gras vom Gras vorlesen und Rindviechern. Nur die klugen unter den Rindviechern fragen sich jetzt, ob ihnen vom Gras vorgelesen wird oder dem Gras von ihnen. Nur dann, wenn sie dies hier lasen. Die anderen begnügen sich damit, Gras zu fressen, es zu verdauen und auszuscheiden, ins Gras, selbstverständlich, und damit, Gras plattzuliegen. Das wiederum bevorzugt an Stellen, die von unverdaulichen, aus Rindviechern entleerten Überbleibseln verdauten Grases frei sind, jedoch von Gras bewachsen. 
Diese Rindviecher, zumeist Kühe, kommen morgens und abends nach (- und gehen vor -) dem Melken und halten sich ansonsten wie das Jungvieh und Mastbullen rund um die Uhr über, im und auf dem Gras auf, jenem Gras, dem ich über all das Gras und die Rindviecher vorläse, würde ich in einem Literaturforum wie ████ übers Kommentieren schreiben.
Im Übrigen ein rhetorisches Mittel, solch eine Wiederholung … :)
Ludwig Janssen 25.10.2010
 
 
 

Freitag, 25. Oktober 2013

Zum Schreiben: Die Sache mit dem inneren Abstand

„Volare“ heißt „fliegen“, und „Lumen“ bezeichnet „lichte Weite“. 

Abstand ist Distanz, und diese Distanz lässt sich, je nachdem, in welcher Dimension wir uns bewegen, in Längen- oder auch Raum- und (sogar) Zeiteinheiten ausdrücken. Was uns bewegt, Abstand zu halten oder zu nehmen, jedoch nicht. 

Beim Schreiben, vor allem beim Veröffentlichen von fiktionalen wie faktualen Texten ist das so eine Sache mit dem Abstand, der Distanz.
So soll von Nutzen sein, sagt man, wenn man innerlich Abstand einnimmt zu einem Text, den man in einem Medium auszustellen beabsichtigt, das unmittelbaren und ebenso anonymen wie auch distanzlosen Zugriff ermöglicht auf alles, was man ihm anvertraut. Ein seltsamer Rat, nicht wahr?

Abstand einnehmen, gar – „gewinnen“? Warum? Wozu? Man schreibt mit Herzblut, wenn man Glück hat, mit Verstand – und die weniger Begabten unter den Autoren schreiben mit zumindest von Gönnern zumeist so ungefragt wie aufdringlich attestiertem Talent. Was? Texte natürlich, die ebenso ungefragt wie aufdringlich daherkommen und gelobt werden wollen, oder? 

Ja, oder!

Das jedoch interessiert kaum einen der Schreiber, und die Leser unter den Schreibern, die verstanden, klinken sich an dieser Stelle der Kolumne mit wissendem Lächeln aus und gehen in Gleitflug über auf nimmermüder Suche nach Thermik. 

Abstand und Nähe – zwei Gesichter, zwei Fratzen. 

Kann man den Sicherheitsabstand, den ein umsichtiger Fahrer auf der Autobahn zu vorausfahrenden Fahrzeugen einhalten sollte, zum Vergleich heranziehen, kann man? Taugen die zugehörigen technischen Begriffe wie Reaktionszeit und Bremsweg zum Gleichnis? Oh, ja. Blech- und Personenschaden ebenso, und, und, und … Und auch wieder nicht. 

Ich selbst mag gern, wenn es um Texte, ums Veröffentlichen, Austausch und Kritik geht, von der – nein, hier passt „einer“ - Begegnung zum und über dem Wort schreiben.

Bei dieser Begegnung kommt es zum Wechselspiel von Distanz und Nähe, die einen nennen es oder empfinden es als Tanz, andere wieder handhaben dieses Wechselspiel mit derselben Verve und demselben Einfühlungsvermögen, aber auch demselben Vergnügen, mit dem sie auf dem Jahrmarkt Autoscooter fahren. Unglücklicherweise sitzt manchmal in der elektrifizierten Chaise, die da wer anbumst, jemand, der gedankenverloren seine Kreise drehen wollte. Womöglich das Herzchen des Rüpels am Rande. Oder umgekehrt.  

Nun sitzen also im Autoscooter auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten die unterschiedlichsten Figuren und Chosen, schreibend oder hineingeschrieben in einer oder als Chaise, wähnen sich womöglich – oder, kaum nachzuweisen – geben sich auf einer Chaiselongue. Besondere Prachtexemplare geben sich und anderen auf der Chaise(longue) den Dichter. 

… und werden angebumst. 

Mit diesen Leuten kann man schwerlich einen Diskurs zu Distanz und Nähe einvernehmlich beenden. Ebenso wenig, wie man ihnen nahekommen konnte oder fernbleiben mochte, eher fern bleiben mag man da, als sich in Nähe verlieren oder (in) Distanzlosigkeiten finden. 

Schon gut, wenn man da Distanz wahren kann. 

Eben jene Distanz, die man zuvor gewann. Aus Diskursen, aus Nachdenken oder halt den Erfahrungen auf dem Autoscooter. Von solcher Distanz also legt man ein gerüttelt Maß zwischen sich und den Text, den man dem Lesen anderer preisgibt. Gerade so wie eine Hand auf den nackten Hintern im Darkroom oder die Fingerspitze auf die willig gebotenen Lippen der unbekannten Muse. 

Macht nicht jeder? 

Ja, stimmt. 

Das ist so ähnlich wie mit dem „Ja, oder!“ weiter oben, nur dass jetzt ich es bin, der sich an dieser Stelle der Kolumne ausklinkt und mit wissendem Lächeln übergeht in Gleitflug – und auf nimmermüde Suche nach Thermik. 

Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass „VOlumen“ für „Rauminhalt“ steht und „Fassungsvermögen“, nicht jedoch für Gehalt – und dass LARE ein wOrt ist, mir jedenfalls.
Ludwig Janssen © 8.6.2010

Donnerstag, 1. August 2013

Mittig … auf einer Kreuzung (Über das Passieren und das Geschehen)

Das Jahr war jung, der Tag wars, und sie war es auch: jung. Die Nacht war jung gewesen. Sie  hatte die Frau an die Hand genommen und hierher geführt. Doch als die beiden diese Kreuzung passierten, überraschte der Morgen das vertraute Paar, die Nacht erschrak, ließ ihre Hand los und …

Allein. Auf einer Kreuzung. Spärlich illuminierte Straßenbahnen. Auch sie: passierten. Rollten vorüber, Metall auf Metall, kaltes Kreischen, verhalten, darüber graue Gesichter – vorbei.

Nun also stand sie, umgeben von berechenbarer Geradlinigkeit, die sich ebenso geschäftig wie ungerührt abspulte, ereignete: passierte. Und sie, die Kreuzung, war, das wurde ihr allmählich klar, schon immer da, war immer da gewesen. Vier Richtungen stießen aufeinander, kreuzten sich, boten Möglichkeit, die, sich zu entscheiden. Ob ihrer Mitte schon seit alters her jene Mystik innewohnte, wie man sie Kreuzungen zuschreibt? Seit alters her … So lang her konnte das nicht sein, gemessen an der Geschichte der Menschheit, auch wenn diese Stadt und diese Straßen, diese Kreuzung sich bereits seit Jahrhunderten über diese Stelle des Planeten gelegt hatten, mit dem sie seit ihrer Geburt durchs All getragen wurde, durch ein All, in dem es so etwas wie diese Kreuzung und ihre eigentlich vor- und doch zugleich irritierend maßgebliche Präsenz der Notwendigkeit, sich zu entscheiden, nicht gab. Nicht gab? Doch. Sie war existent, beschränkte sich jedoch auf diesen einen Punkt. Winzig, betrachtete man ihn losgelöst aus Kontext und Verbindlichkeit. Doch als Mensch, und dazu als Mensch auf einer Kreuzung, dazu noch inmitten derselben, wird dir das Verbindliche von Straßen und dessen auf ein Äußerstes Gesteigerte zu Möglichkeit und Entscheidung bewusst. Mächtig.

Entscheidung. Entscheidungen treffen. Entscheidungen treffen! Manchmal treffen sie mitten ins Herz.

Wäre sie doch nicht stehengeblieben. Also war es nicht sie, die die Kreuzung passierte, hinter sich ließ, leichten Herzens. Nun passierte die Kreuzung, sie geschah, geschah ihr, der jungen Frau, schloss sie ein in ihre Mitte – und überließ sie dort sich selbst. Sich selbst, sich zu ereignen, einer Entscheidung Gegen-Über, ein Gegenüber, das sich zu übereignen hatte: Einer Entscheidung, einem Weg, einer Richtung.

Und sie? Entschied sie sich? Ließ sie hinter sich, dass diese Kreuzung mit ihrer von Menschen gemachten Mystik ihr geschehen konnte, mit, so man empfänglich genug ist, solch bedrängender Macht?

Nein. Inmitten der Kreuzung stand sie, ihr Inne haltend … und: weinte.


Ludwig Janssen © 1.8.2013

[So geschieht sie, deren Geschichte mich passierte, mir.

„…
Ich konnte mich anfangs des Jahres 2010 an einer Kreuzung nicht für links oder rechts entscheiden. Also blieb ich stehen. Mittig. Inzwischen von Straßenbahngleisen, die befahren wurden. Dann heulte ich. Und blieb immer noch stehen.
…“
(Eilika, am 27.12.2010)]





Montag, 28. Januar 2013

Siegeszug des limbischen Systems

Ich halte die Annahme, die Zunahme des Volumens unseres Großhirns hätte so etwas wie einen Homo sapiens sapiens hervorgebracht und der Bedeutung der Bezeichnung nach einen besonders weisen Menschen, für einen Trugschluss.

Bis vor 100.000 Jahren nahm das Volumen des Hirns kontinuierlich zu, seit 75.000 Jahren nicht mehr. Seitdem breitete sich der Cro-Magnon- Mensch erfolgreich aus und dachte sich neben Pfeilspitzen auch so etwas wie Kultur und Kunst aus, kritzelte Männchen an Felswände, schrieb Gedichte, schiss ins freie Feld, brachte sich gegenseitig um, dachte sich Sprachen aus, die er lange über deren Gebrauchswert hinaus erhielt - und erfand Euphemismen wie Homo sapiens sapiens.


Dabei ist nichts so leicht aus den Angeln zu heben wie das, was der Mensch Weisheit nennt oder Vernunft, genauer: deren Kontrolle über sein Handeln. Die eigentliche Instanz unseres Handelns bleibt dem limbischen System, dem Teil des Hirns, den man seines evolutionären Alters und der damit einhergehenden Ähnlichkeit mit den Hirnen niederer Arten wegen Reptilienhirn nennt.

Besonders deutlich wird das, wenn Meme außer Kraft gesetzt werden, die eindeutig dem Wirken von Vernunft und versuchter Weisheit zugeschrieben werden können wie zum Beispiel Gesetze und hier insbesondere das Gewaltmonopol Gottes („Mein ist die Rache“ [Rache im biblischen Sinne = Wiederherstellung von Gerechtigkeit]) oder/und bzw. ersatzweise des Staates, auch solcher Staaten, deren „alle Macht“ angeblich vom Volke ausgeht (nicht vom ganzen, sondern von elitären Teilen).

Dabei umgeht das Wirken des limbischen Systems, das neben dem Hirnareal, das unser Reagieren auf Angst und Aggression kontrolliert (Mandelkern = Amygdala), auch ein „Belohnungszentrum“ umfasst sowie die Hauptverbindung zwischen Nerven- und Hormonsystem (Hypothalamus), die Kontrolle unseres Verstandes. Ganz einfach, weil alle von diesem Areal gesteuerten Prozesse nicht nur viel schneller sind als unser Denken, sondern, first come - first serve, auch eher an der Reihe.

Auf beeindruckend überzeugende Art setzt das limbische System die Kontrolle des Verstandes über unser vernunftbegabtes Denken und Handeln aus, und das kollektiv, wenn der auf unsere Emotionen einwirkende Reiz von solcher Nachhaltigkeit ist, dass er selbst lange nach seinem unmittelbaren Einwirken auf eine Einzelperson (und deren Re-Aktion) Einfluss auf eigentlich nicht be(ge-)troffene Menschen hat.

Auf Cro-Magnons, deren Amygdalas in Gerichts- und Plenarsälen, an Stamm- und Computertischen und in Höhlen vor flimmernden Bildschirmen alle Vernunft (über die Klippe) fahren lassen, die Beine breit machen und sich ficken lassen.

Das Großhirn ist ein Instrument des limbischen Systems des Cro-Magnons, um dieses sich in den entlegensten Winkeln dieses Planeten und potentiell des Universums ausbreiten lassen zu können – um sich ficken zu lassen.

 

Ludwig Janssen © 11.7.2012

Sonntag, 27. Januar 2013

Dompteur (zu Kritikfähigkeit und Clowns)

“Wissen Sie, das Wort hat seine Wurzeln in dem französischen für zähmen”, beugte sich Hrava Oluni Vran Bulosz zu und raunte: “Wesentlich ist, dass Sie eindeutige Zeichen geben, die von Ihrem Gegenüber auch aufgenommen und verstanden werden können.”

Sie waren sich zufällig begegnet, wenn man so etwas wie Zufall als tatsächlich zufällig ansehen mag. Als Bulosz über den Vorplatz von Olunis Zirkus schlenderte, in Gedanken, was wohl wahre Kritikfähigkeit ausmacht.

Dass es sein Zirkus war und er der große Hrava Oluni, wusste Vran da noch nicht, Hrava aber konnte die Falten auf seiner Stirn lesen und deuten, hatte wohl ein wenig Zeit übrig und schien entschlossen, sie an den Nächstbesten zu verschenken. Und der war glücklicherweise er, Vran Bulosz.

“Eindeutige Zeichen. Verständlichkeit.”, wiederholte Vran, immer noch ins Grübeln vertieft und den Blick an den Horizont entlassen, wo er sich mit dem schwächer werdenden Tageslicht verlor.

“Das Können, mein Lieber, aufs Können kommt es an”, schob Hrava die Hände in die Hosentaschen und deutete mit einem Nicken zu einer nahen Bank, auf der die beiden sich niederließen, nachdem Vran sich aus seiner Versenkung hatte lösen können.

“Können? Ich kann!” Vran fuhr sich mit den Händen durchs Haar. “Ich kann mich verständlich machen.”

“Und, können denn die verstehen, denen Sie sich verständlich machen wollen?”

“Ach, so meinen Sie das?”

“Genau so, Herr …”

“Bulosz, Vran Bulosz.”

“Hrava Oluni, angenehm.”

“Oluni, etwa der Hrava Oluni?” Vran Bulosz sah erschrocken auf zu dem Namenszug, der sich in riesigen Lettern über dem Eingang des inzwischen hell erleuchteten Zirkuszeltes wölbte. “Ich …”

“Lassen wir das, Vran, wenn ich Sie so nennen darf?”

“Selbstverständlich, es ist mir eine Ehre!”

“Und ich bin Hrava für dich, Vran.”

“Danke, Hrava!”

“Schau, was nützt dir alles Wissen um Zeichen, Signale und Eindeutigkeit, was nützt dir alles Wissen überhaupt, wenn dein Gegenüber nicht in der Lage ist, zu verstehen?”

“Also macht sich Verständlichkeit nicht an dem fest, was man weiß und wie man es ausdrückt, sondern daran, was das Individuum gegenüber davon zu verstehen in der Lage ist.” Bulosz rieb sich das Kinn.

“Genau! Und es ist essentiell, sich zu vergewissern, wem man sich verständlich machen möchte, Vran!”

“Wenn ich den rechten Arm hebe, die Peitsche darin die Verlängerung meiner Autorität und Kompetenz, weiß der Tiger sofort, dass …”

“Der Tiger, Vran?” Hrava Oluni schmunzelte. “Der Tiger?”

“Woher weißt du …?”

“Schau deine Unterarme an, Vran, die Innenseite … übersät mit kleinen roten Punkten …”

“Wenn sie über mich herfallen, Hrava, ich sage dir, blutrünstige Bestien, einer wie der andere, und wie, und wie!”, Bulosz hob die Arme, als müsse er den Sprung eines Tigers abwehren, ließ sie dann fallen, als sei ihnen jegliche Spannung entwichen.

“Magst du noch, was du tust, Vran? Meinst du, dass du schon alles gelernt hast, was man wissen muss, um sich ihnen verständlich machen zu können?”

“Was? Du selbst meintest soeben, dass es nicht so sehr darauf ankommt, was man weiß, sondern darauf, was der andere davon …”

“Ja, stimmt, aber konkret gefragt: Hast du mit dem, was du kommunizierst, nicht eigentlich schon längst die Grenze zu dem überschritten, was davon wirkliche Verständigung ist - und was lediglich Illusion? Illusion, die du in den Köpfen derer entstehen lässt, die meinen, dich dich mitteilen zu sehen, Illusion, die letztlich dich selbst gefangen nimmt und blendet: Du hast mit ihnen schon eine ganze Weile zu tun, da wirst du gelernt haben, was sie verstehen, aufnehmen können, wirst ein klares Bild davon haben, was möglich ist und was nicht, denn …”

“ … sie sind keine Tiger, ich weiß.” Vran Bulosz seufzte. “Keine Löwen, keine Panther. Sie sind auch keine Eisbären, keine Lipizzaner, nicht einmal Ackergäule sinds, denen man sich mit einem Knuff mitteilen muss statt einer Geste!”

“Was kümmert dich dann alles Nachdenken darüber, wie du dich ausdrücken könntest, dass sie verstehen können, dich, ob nun mehr oder besser, selbst das ist doch alles müßig, Vran!”

“Ja, müßig!”

“Vergeudete Zeit und Liebesmühen ist es, Vran, wenn dir der Sinn nach mehr als deinem Zirkus steht, du deine Fähigkeiten verbessern willst und anderen Kalibern als den gewohnten dich verständlich machen wollend gegenüberstehen.”

“Und neue Erfahrungen sammeln.”

“Eben!”

“Und meine Fähigkeiten verbessern!”

“Genau!”

“Hm …” Schweigen. Mit Einbruch der Dunkelheit war es deutlich kühler geworden, die beiden fröstelte, Hrava Oluni zog seine Weste zu und Vran Bulosz streifte die Jacke über, die er über die Lehne der Bank gelegt hatte.

“Du, Hrava?”

“Ja, Vran?”

“Was ist eigentlich mit den Tigern in deinem Zirkus, wie macht ihr das?”

“Ich habe keine Raubtiere, Vran …”

“Nein? Bist du dir da wirklich sicher, Hrava?” Bulosz schmunzelte.

“Nun, Vran, so sicher wie man sich sein kann bei diesen Gästen, denen gegenüber ich mich ausdrücken möchte und nicht verständlich machen - und die von mir erwarten …”

“Zuwendung, eindeutige Zeichen und Signale, Können, sie müssen verstehen kön-nen, in der Laaa…ge sein …” Vran Bulosz dehnte die Worte und ließ Revue passieren.

“Nein, Vran”, Hrava Oluni schmunzelte. “Meine nicht, meine wollen unterhalten werden. Das ist alles. Das genügt ihnen. Den meisten jedenfalls. Und mir solls recht sein.” Ein Lächeln verklärte sein Gesicht. “Schon lange habe ich drangegeben, ihnen mehr von mir mitgeben zu wollen und dem, was mich bewegt, als sie selbst zu erkennen und aufzunehmen in der Lage sind. Niemand fragt danach. Doch wer zu erkennen und aufzunehmen in der Lage ist, hat die Wahl.”

“Du meinst dein Publikum, Hrava?”

“Ich meine die, Vran, die sich mir gegenüber niederlassen und zuhören.”

Vran Bulosz schwieg. Hatte sich in einem Gedanken verloren. Vielleicht dachte er an eine mündliche Prüfung und die Menschen, die sich damals ihm gegenüber niedergelassen hatten und zuhörten in Erwartung der Bestätigung dessen, was ihnen selbst längst klar war und vertraut. Vielleicht aber auch wieder im Gedanken, was wohl Kritikfähigkeit ausmacht. Dabei gab es keinen Horizont mehr. Den hatte die wolkenverhangen kühle Nacht verschluckt. Nur das hell erleuchtete Zirkuszelt Olunis strahlte Wärme aus und so etwas wie Behaglichkeit. Ein Orchester hob an zu spielen. Hrava Oluni erhob sich von der Bank, strich seine Kleidung glatt und reichte Vran Bulosz die Hand:

“So, Vran, ich muss, ich bin der Clown!”

“Ja, Hrava! Und ich kein Dompteur. Das weiß ich jetzt sicher, Danke, dass du dir die Zeit genommen - und noch mehr dafür, dass du sie mir geschenkt hast!”

“Ach …” Hrava Oluni umarmte Bulosz freundschaftlich, klopfte ihm aufmunternd den Rücken, dann wandte er sich zum Eingang des Zelts, verschwand im Licht und im nun auflebenden Spiel des Orchesters, das für diesen Augenblick den Vorplatz flutete.

Vran Bulosz krempelte die Hemdsärmel hoch und wandte sich seinem eigenen Zirkus zu. Fütterungszeit.

 

Mittwoch, 9. März 2011

Zu Wittgensteins „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“

Vorab: Wer hier Wittgenstein besprochen lesen möchte, liest lieber nicht weiter, wird enttäuscht sein. In dieser Kolumne breite ich nicht von dem aus, was es zu dieser Feststellung Wittgensteins Satz 5.6. auf Seite 118 seiner Logisch-philosophischen Abhandlung (tractatus logico-philosophicus) zu lesen, auszuführen gibt. Lediglich von dem, was mich an diesem Satz fasziniert, vielleicht, weil ich von meinem Schreiben darin wiederfinde, wiederzufinden meine.

Meine Sprache.
Grenzen meiner Sprache
Meine Welt.
Grenzen meiner Welt.

Die Grenzen meines Goldfischglases.

Meine Sprache, das ist nicht allein das Deutsche, ist nicht allein die deutsche. Meine Sprache ist mehr. Mehr als das Englische darin, das Niederländische, Plattdeutsche, Bayerisch, das wenige Französisch, das Dagbani. Mit jeder Grenze, die ich überschritt, als Sohn eines Landmaschinenschlossers hat man etliche davon um und vor sich, wuchs meine Welt, wuchs meine Sprache. Mit jedem beruflichen Neuanfang wuchs meine Welt, wuchs meine Sprache, mit jedem Menschen, jeder neuen Begegnung. Ja, mit jedem Rückzug wuchs meine Welt, wuchs meine Sprache.

Und doch – jede Sprache besteht aus Lauten, Zeichen, die sich finden zum Wort. Zum wOrt, denn jedes Wort ist Ort zugleich. Diese poetische Binnenbedeutung ist eine Besonderheit meiner Muttersprache Deutsch: wOrt – das bedeutet Raum. Raum gibt es nur, wo etwas zu Umgrenzendes vorliegt, und das, was durch diesen Raum wOrt umgrenzt wird, ist … Ja, was?
Bedeutung? Nein. Dies zu belegen braucht man nicht zu Schulz von Thun zu bemühen. Die Bedeutung liegt nicht im Wort. Macht auch nicht dessen Raum aus. Den Raum macht, was Menschen hineinlegen, den möglichen nicht, was sie hineinzulegen in der Lage sind, sondern wären.

Über den Menschen gewinnt das Wort, eigentlich Hilfskonstrukt und dimensionslos, zumindest Dreidimensionalität, umgrenzt Idee.

Und je mehr sich diese Räume zu- und ineinander fügen, umso weiträumigere, komplexe Welten entstehen, innerhalb derer sich der Ausdenker frei bewegen kann: allein. Da Sprache etwas ist, das einem Menschen bis auf wenige lustvolle oder auch tragische Ausnahmen relativ lange erhalten bleibt, entstehen auf Dauer eines Menschenlebens begrenzte Welten.

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“

Ich mag diesen Satz nicht nur, weil er mir bestätigt, innerhalb meines Vorstellungsvermögens gefangen zu sein sowie innerhalb der Grenzen meines Vermögens mich mitteilen zu können – ich mag ihn, weil er mir aufzeigt, wie man sich über die Sprache auch Welten erschließt, Welten sich erschließen. Chance Begegnung. Die eigene Sprache und die eines anderen.

Denn - eine kluge junge Frau sagte mir, dass Worte Zeichen sind, Sprache dagegen ein System sei - zeigen nicht auch die Worte (Zeichen) auf, wo die Grenzen unseres Fassungsvermögens auf der einen und die Grenzen unseres Ausdrucks auf der anderen Seite sind? Das System Sprache kann sich nicht ungehindert ausbreiten - in jedem einzelnen von uns findet es Grenzen.

Ob das nun die Muttersprache ist, oder ob man über Fremdsprachen neue Welten erschließt, sogar virtuelle wie die der Klingonen, das Elbisch Tolkiens - oder ob schlichtweg aufgezeigt wird, "wie weit einer kann", und zwar reden, sehen, denken.

Mit jedem neuen Wort, das ich schöpfe, mit jeder neuen Bedeutung, die ich einem Zeichen über die gewohnte hinaus zu geben in der Lage war, wächst meine Welt aus mir mir zu (und anderen).

Was hinter dem Wort ist, ist nicht immer unaussprechlich oder eben unbekannt. Das Wort ist ein Zeichen, die Sprache ein System.

Was hinter dem Wort ist, hinter der Sprache - Systemfehler, Windows shutting down - das System Fenster prägt Sprache, macht eine eigene ...

Ein Goldfischglas im anderen ...

Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt - Guten Tag, Savant, ich komme nicht darüber hinweg ... Komme ich je darüber hinaus?

Ludwig Janssen 2.3.2011

Mittwoch, 27. Januar 2010

Legasthene und Literatur – Legasthenie und Kunst

Wir haben also sagen wollen, dass alle unsere Anschauung nichts als die Vorstellung von Erscheinung sei; dass die Dinge, die wir anschauen, nicht das an sich selbst sind, wofür wir sie anschauen, noch ihre Verhältnisse so an sich selbst beschaffen sind" (Kant, Kritik der reinen Vernunft, 1781).
Da steht ien e auf dem Flur. Dei Stabenbuch tanzen, verschden vor den Augen, nien, nicht ganz so schlimm, nur so ungefähr. Zu "Haus" habe ich ien Bild im Kopf, doch kienes zu "darum". Ich wieß, dass ich deise Schwäche habe, die nur eine ist, weil andere sagen, dass sie eine ist, weiß, dass mich immer wieder vergewissern muss, dass da …

Nein, wer erläutert haben möchte, was Legasthenie ist, möge hier nicht weiterlesen.

Nein, wer erläutert haben möchte, was Literatur ist, möge nicht hier weiterlesen.

Hier geht es um Gedanken zu Legasthenie und Literatur. Literatur im Sinne künstlerischen Ausdrucks, kreativer Schöpfung.

Vielleicht aber geht es nur darum, sich verständlich machen zu können.

Vielleicht aber geht es nur darum, wenn schon nicht verstehen, so doch wahrnehmen (für wahr nehmen) zu können.

So sollte ich ergänzen: Wer sich nicht mit der Erläuterung zufrieden geben mag, dass Literatur Kunst aus geschriebenem Wort und die Vermittlung Kunsterlebens über das geschriebene Wort, das geschriebene Zeichen ist, liest lieber nicht weiter.

Es geht nicht um Rechtschreibfehler. Es gilt nachzudenken darüber, was zum Ausdruck eines schreibend schöpfenden Menschen gehört.

Wie viel Spur von sich und seiner Persönlichkeit darf ein Mensch in seinem Werk zurücklassen, dass man es noch Kunst Werk nennt?

Was unterscheidet ein ie statt ei von der markanten Spur eines Werkzeuges, sei dies ein Zahneisen, sei dies ein Pinsel? Spuren, die neben vielen anderen Kriterien Kennern der Materie (und auch Laien) ermöglichen, Kunstwerke bestimmten Menschen zuordnen zu können: Farbwahl, Formgebung, Pinselführung – oft möglicherweise nicht mehr als Sichtbarwerden körperlicher Abweichungen von der Norm. Wer will leugnen, dass die Sterne, die Vincent van Gogh über dem „Nachtcafé“mit Halo daherkommen ließ, wie Sterne aussehen, die man als Kurzsichtiger ohne Brille sieht?

Anders als die Sterne in der „Sternennacht“ vor der in typischer van Gogh'scher Art gemalten Zypresse, wo in Kreisen, Wellen, Spiralen gefügte Striche bewusst gewählte Pinselführung wiedergeben, ebenfalls: Ausdruck. Ausdruck eines, so liest man, Legasthenikers.

Überhaupt – wenngleich man müßig in nächtelangen Diskursen über zum Beispiel Bildende Kunst reden kann, ohne sich einig zu werden, was Kunst ist, was ein Kunstwerk ausmacht, so bleibt unstrittig:

Alle Kunst ist Interpretation dessen, was man vor Augen hat. Also nicht Abbildung dessen, was ist, sondern Interpretation dessen, was man sah, zu sehen glaubte, zu sehen meint, sich vorstellt, ganz gleich, obs fiktional oder faktual geschieht (versucht wird).

Das, was wir vor Augen haben, pflegen wir Wirklichkeit zu nennen. Doch haben wir niemals Gewissheit! Allein schon unsere Sinne sind Filter, sind Hindernis, denn unsere Sinnesorgane bereits – einschließlich des Nervenzentrums, das das für wahr Genommene im Abgleich mit gespeicherten Informationen „verifiziert“ – interpretieren, was auf sie wirkt, geben es nie so wieder, wie es ist.

Ein Beispiel? Das Sehen ist der Hauptsinn des Menschen. Wir meinen zu wissen, dass unsere Welt, unser Universum dreidimensional ist. Mit dieser Interpretation werden wir richtig liegen, so lange wir sie auf die Welt, das Universum beschränken, das wir kennen, erfassen und daher prüfen können. Allein unser Auge – es sieht nicht dreidimensional! Die von den Dingen reflektierten Photonen treffen auf die Netzhaut und erzeugen ein zweidimensionales Bild! Dreidimensionales Sehen ist bereits Interpretation, visuelle Wahrnehmung ist Interpretation! Wir haben uns lediglich daran gewöhnt, Dreidimensionalität sehen zu können, nehmen das als gegeben, normal.

„Normal“, das ist ebenfalls Interpretation, ist eine Insel der Glückseligkeit des sozialen Wesens Mensch, auf der sich alle drängen, auf die sich die retten, die zwar Individualisten sein möchten, aber Angst davor haben, ausgegrenzt zu werden, Sonderling zu sein.

„Normal“ ist Ausgrenzung, Ausgrenzung Wahrgenommenens, ist Ausgrenzung von Wahrheit. Ausgrenzung von Realität.

Legasthene haben eine besondere Art des Wahrnehmens, der Interpretation (Verarbeitung der Information) geschriebener Zeichen und Symbole, die wir zu Graphemen und definierten Gruppen ordnen, die uns Wort, Satz werden, und letztlich auch Ort sind, an dem wir Bedeutung ablegen und/oder suchen. Dazu gehört die Verkehrung von Symbolen (Buchstaben, Wörtern), das erschwerte Begreifen von Dingen und, so ist jedenfalls zu lesen, häufig die Desorientierung, was Raum und Zeit angeht. Wie viel Orientierung bezüglich Raum und Zeit bietet dieses Gedicht:

When You Are Old

When you are old and grey and full of sleep.
And nodding by the fire, take down this book,
And slowly read, and dream of the soft look
Your eyes had once, and of their shadows deep;

How many loved your moments of glad grace,
And loved your beauty with love false or true,
But one man loved the pilgrim soul in you,
And loved the sorrows of your changing face;

And bending down beside the glowing bars,
Murmur, a little sadly, how Love fled
And paced upon the mountains overhead
And hid his face amid a crowd of stars.

(William Butler Yeats, 1892)

(Eine Bewerbung des Verfassers an einer Universität wurde wegen der Rechtschreibfehler im Bewerbungsschreiben abgelehnt.)

„Normal“, ist nicht nur bloße Interpretation, „normal“ ist, viel schlimmer, Konsens der Masse. Konsens der Masse ist etwas, das Kunst berühmt und populär macht, doch sind das Aspekte, die eher mit Vermarktung zu tun haben als mit Kunst an sich. Kunst kann nicht mit dem Anspruch auf den Konsens der Masse, der Normalen, der Alltäglichen, der qua Masse und Lautstärke Normierenden erstellt werden.

Sie entzieht sich dem ebenso wie die Wahrheit sich dem entzieht, unerreichbar und daher kaum zu definieren ist.

Und so ist das, was die Masse als Normal, als Wirklichkeit definiert, lediglich Facette. Hat der Interpretation von Wirklichkeit eines Legasthenen nur die Winzigkeit voraus, von vielen ähnlich interpretiert zu werden.

Ausdruck - die Wiedergabe dessen, was man wahrnimmt, sich vorstellt, fühlt – die Wieder-her-Gabe dessen, was die Welt an Resonanz in uns zum Schwingen brachte, ist eine höchst individuelle und von der Persönlichkeit des sich (ver?) Äußernden geprägt, trägt dessen Spur, obs Pinselstrich sei, gestaltend prägende Absicht, oder – im Falle des Legasthenen, die für ihn typische Art, stuchbaen zu wervechsln oder wegzu.

Lese ich also im Bestand von ███ einen Text von Anu, um eine der mir namentlich bekannten Legasthenikerinnen zu nennen, die auf dieser deutschsprachigen Literaturplattform veröffentlichen, bin ich mir jetzt bewusst, dass jeder Korrekturvorschlag die Authentizität des Werkes antastet.
Wenn ich die Schauspielerin, die sich als Legasthene bekennt und in Hamburg gemeinsam mit einer Freundin ein beachtliches kreatives Kunstwerk schuf, in das sie sich selbst als Kunstfigur einbringt, hier namentlich anführe, so fragte ich sie zuvor um ihr Einverständnis. Ein Zeichen, wie weit entfernt wir von Selbstverständlichkeit sind, wenn es um Ausnahmen von der Norm geht. Ausnahmen von der Norm, von der wir wissen, dass sie Konsens ist, Wirklichkeit und nicht Wahrheit.

Alle die, die sich damit brüsten, zu wissen, was (große) Literatur ausmacht, sollten sich beim Lesen der Werke allgemein als Literaten anerkannter Kunstschaffender wie W.B. Yeats, Ernest Miller Hemingway, Agatha Christie, Edgar Allan Poe, Jules Verne und anderen vor Augen halten (vor Augen!), dass sie durch „Normale“ korrigierte = interpretierte Werke Legasthener lesen, Verzeihung, ihrerseits interpretieren.

„Jeder Mensch ist ein Künstler. Damit sage ich nichts über die Qualität. Ich sage nur etwas über die prinzipielle Möglichkeit, die in jedem Menschen vorliegt […] Das Schöpferische erkläre ich als das Künstlerische, und das ist mein Kunstbegriff." JOSEPH BEUYS

Ludwig Janssen, 26.1.2010

Links:

Mittwoch, 6. Januar 2010

Großschreibung oder kleinschreibung? Sprache!

Überrascht es, dass ein Mensch ein wertvolles Instrument seiner Sprache zu differenziertem Ausdruck aus der Hand geben möchte, um nicht seine Kaffeetasse absetzen zu müssen?

Wenig überraschend ist, dass manche Dinge von jedem Menschen neu entdeckt werden. So zum Beispiel das Laufen. Dabei gibt es im Grunde nur eine einzige Möglichkeit zu laufen, oder? Hm – da wäre das Laufen auf den Füßen, vorwärts, rückwärts, auf den Händen … Bei gelassener Betrachtung der Möglichkeiten dessen, was man gemeinhin Laufen nennt, scheint es mehrere Möglichkeiten zu geben, sich auf die so bezeichnete Weise fortzubewegen, an ein Ziel zu gelangen oder irgendwo hin.

Dann das Sprechen – jeder, dem es möglich ist, lernt es, entwickelt eine eigene Sprache, die nur wohlwollende Familienmitglieder verstehen, später dann eine, die im umgebenden Kulturkreis üblich ist, und noch später womöglich weitere Sprachen. Das soll, so ist man sich einig, von Vorteil sein, da man sich differenziert ausdrücken und auch Menschen verständlich machen kann, die nicht derselben Nation angehören, nicht im selben Land oder gar einem anderen Kulturkreis aufwuchsen.

Es heißt sogar, dass mit zunehmender Komplexität und daher größerem Differenzierungsvermögen der Sprache diese ein Maß für den Entwicklungsstand der Kultur sein soll, in der sie gebräuchlich ist. Da man mehr Dinge bezeichnen, feinere Unterschiede aufzeigen kann und artikulieren.

Sprache wird in Schrift transponiert. Aus dem Laut wird über eine bestimmte Zeichenfolge Wort. Mehr noch – die verbale Mitteilung, die als Schwingung der Luft vergänglich ist und beinahe virtuell, das Wort wird Ort.

Ein Ort, an dem man Bedeutung sucht, ein Ort, an dem man Bedeutung hinterlegt, ein Ort, der mit dem Lesen - im Gegensatz zur Dekohärenz, die unmöglich macht, dass eine einmal zu Ding materialisierte Quantenwolke sich wieder in eine Art Wolke zurückverwandelt - wieder Wolke werden kann, unbestimmt, und sich im Leser zu neuer, eigener Bedeutung fügt.

Die Bedeutung liegt nicht im Wort, aber je differenzierter ich meine Sprache in Wort und Schrift fügen kann, je reichhaltiger das Instrumentarium ist, das meine Kultur mir an die Hand gibt – um so differenzierter kann ich meine Sprache und somit mich ausdrücken. Meine Sprache und somit die Möglichkeit zu differenziertem Ausdruck wird größer, reicher.

Erstaunlich ist, dass Deutsche sich da über so etwas wie Groß- und kleinschreibung streiten.
Ein Volk, das mit seiner Großschreibung eine Besonderheit des Ausdrucks hat, die den Schreibweisen der Sprachen unserer Nachbarn abgeht.

Zunächst einmal zeigt eine kleine Wikiexpediation*, dass das mit der Großschreibung bei uns nicht immer so war, die Kleinschreibung eigentlich älter ist: Von der Schreibung nur in Großbuchstaben (Majuskeln), die aus dem Lateinischen herrührte, wurde unter Karl dem Großen umgestellt und alles in Kleinbuchstaben (Minuskeln) geschrieben. Kleinschreibung also, aha.
Zur Zeit des Barocks dann entwickelte sich die Großschreibung des Deutschen und breitete sich über Dänemark bis nach Norwegen aus, wo sie später wieder abgeschafft werden sollte. Auch in Deutschland war sie umstritten, und so klagte bereits einer der Brüder Grimm, ein Sammler, nicht Schreiber, über den Gebrauch großer Anfangsbuchstaben für Substantive.

Aber sie hielt sich, die Großschreibung. Zumindest in Deutschland und Luxemburg.

Die Bauhausbewegung (1925) wieder machte sich für die kleinschreibung stark. Es hieß:
: [zitiert bei WIKIPEDIA]„wir schreiben alles klein, denn wir sparen damit zeit. außerdem: warum 2 alfabete, wenn eins dasselbe erreicht? warum großschreiben, wenn man nicht groß sprechen kann?”


Auch kritische Publizisten der Weimarer Republik wie der später von den Nazis ermordete jüdische Professor Theodor Lessing** aus Hannover setzten sich für die kleinschreibung ein, die mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 erst einmal wieder vom Tisch war.

„Wir sparen Zeit.“
„Die Rechtschreibung wird einfacher“
„Warum groß schreiben, wenn ich nicht groß sprechen kann?“

Hm. Das sind Argumente, die heutzutage noch dankbarere Abnehmer finden, die sich um Rechtschreibung wenig scheren, die schnell tippen wollen oder schlichtweg zu träge oder faul sind, die Shift-Taste zu drücken, weil sie hierzu die Kaffeetasse absetzen müssten, aus der sie gerade nuckeln.
Hinzu kommt, dass viele Unsicherheiten in der Rechtschreibung kaschiert werden, wenn man kleinschreibt.
Ist das alles, was es zu kleinschreibung zu sagen gibt? Nein.
Andere wieder schreiben klein, weil sies schick finden. Und das nicht ohne Grund. Es gibt einige literarische Vorbilder, dies vormachen. Warum also nicht nachmachen? Schreiben wie der Österreicher Artmann, wie die Jelinek. Oder Heinrich Böll nachplappern, dass (zitiert bei Wikipedia)
eine Sprache weder an Informationswert noch an Poesie verlier[t], wenn sie von der Groß- zur Kleinschreibung übergeht.
.

Stimmt das, Herr Böll? Nein! Was ist mit den Hauptwörtern, der Großschreibung ihrer Anfangsbuchstaben – ich möchte nicht darauf verzichten, sie – und das ist ein überaus poetisches Moment unserer Großschreibung – ihr Haupt erheben lassen zu können – um sie sogleich und im passenden Moment zu schwächen und angst und bange werden zu lassen den Dingen, die ich soeben noch klar erhob, benannte, die Angst, die ANGST, die angst.

Ja! Und da ist die äußerst poetische Möglichkeit des Ausdrucks im Deutschen, über die kleinschreibung eine Sprache, die im Umgang, in der Bezeichnung klarer Verhältnisse sich der Großschreibung bedient, in eine Form zu bringen, in der Dinge ihre Kontur verlieren, Charakter, Halt …

eine sprache, die im umgang, in der bezeichnung klarer verhältnisse sich der großschreibung bedient, in eine form bringen, die den dingen kontur nimmt, charakter, halt …

Ich, ich Deutscher habe eine Schriftsprache, in der ich Dinge klein schreiben kann, wenn mir nach diesem Ausdruck ist – ich muss sie hierzu nur kleinschreiben. Das Schriftbild ist Teil meines Ausdrucks, ist Stilmittel, ist ein Instrument, das andernorts stumpf und unbekannt, da beliebig ist.

Diesen Vorzug meiner Sprache, die Schreibweise als Stilelement meines Ausdrucks nutzen zu können, werde ich nicht aus der Hand geben.

Sprache ist Stilmittel, Schrift ist Stilmittel, Schreibweise ist Stilmittel.
Sich über Großschreibung ODER kleinschreibung zu streiten ist das Geschwätz wenig phantasiebegabter Ahnungsloser.

Sprache, Ausdruck ist wesentlich wichtiger als solcher Streit. Es gilt, sich dieser Stilelemente und Möglichkeiten des Ausdrucks unserer Sprache bewusst bedienen - und seine Wahl auch vertreten zu können – wobei letzteres schön ist, wenn mans kann, aber nicht sein muss.

Überrascht es, dass Menschen lieber ein wertvolles Instrument ihrer Sprache zu differenziertem Ausdruck aus der Hand geben als ihre Kaffeetasse?

Nein. Es wird immer mehr Dilettanten geben als Könner. Doch unter den Menschen, die sich mit Sprache und Ausdruck beschäftigen oder gar daraus Kunst schaffen, wird man die nicht daran unterscheiden können, ob sie kleinschreiben oder der Großschreibung frönen, sondern an anderen Dingen, auch an solchen, die sie mit der ihnen durch unsere Sprache und deren unterschiedliche Schreibweise eröffneten Möglichkeiten aus Wort, Schrift und Sprache schöpfen, erschaffen.

Ludwig Janssen, 6.1.2010

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Literatur, Lesetipps:

* zum Thema auf Wikipedia

** Theodor Lessing zum Thema in der zeitschrift des bildungsverbandes der deutschen buchdrucker, berlin, 28. jahrgang, mai 1931, seite 124: die großbuchstaben werden verschwinden!