Samstag, 17. März 2018

Sequenz … darin das Hintergrundrauschen einer Haltlosen


Die vergangene Nacht war eine sternenklare. Das Universum dehnte sich unaufhaltsam aus. Barg in sich das Drehen der Galaxienhaufen mit dem Drehen der Galaxien und irgendwo darinnen die Milchstraße mit uns beiden an ihrem Rand. Am späten Nachmittag treffen wir auf einander.

Du sitzt vor mir auf der Bettkante und ich sehe, dass du Angst hast. Von Unruhe erfüllt bist. Du passierst eine schwere Zeit. Alles Vertraute des Augenblicks fällt von dir ab und dein Verstehen deiner selbst, mit dem du dich selbst verstehst und dein Bild der Welt entwirfst, wirft schon lange nicht mehr mit Selbstverständlichkeiten um sich. Zu dir setzen darf ich mich und ich höre dir zu. Weil ich weiß, wie gut das tut, wenn ein Mensch seine Verzweiflung einem anderen in die Arme legen kann. Der die dann hält, aushält, mit aushält. Sie nicht abwehrt und wortreich aus dir und der Welt zu schütteln versucht wie ein nasser Hund.

Da ist ein missgestaltetes Kind. In der vergangenen Nacht geboren als dein Bruder. Wer soll sich um das Kind kümmern? Du bist schon so alt. Du musst telefonieren, unbedingt. Um Gewissheit, um Hilfe. Da sind Balken, die du aus dem Weg räumst und darunter fandest du verkohlte Leichen. Wir beide gehen ein paar Schritte. Der Raum, den wir durchschreiten, Hand in Hand, ist ein Zeitraum. Durch deine Jugend gehen wir und finden in eine Bombennacht des zweiten Weltkriegs. Ein Kind hier unter dem rechten, eines unter dem linken Arm und eines auf dem Rücken, das seine Arme um deinen Hals schlang, hetzt du von der obersten Etage die Treppen hinab in den Keller. Wieder und wieder. Die waren so schnell da, da gab es keinen Alarm, sagst du. Die Stadt brennt. Auch das Kinderkrankenhaus, in dem du einen Teil deiner Ausbildung absolviertest. Die Kinder alle gerettet. Doch am nächsten Morgen auf den Straßen dann die Toten. Der Junge, kaum siebzehn Jahre alt. Ob du unter den Kindern im Krankenhaus auch missgestaltete gesehen hast, frage ich dich und du nickst. Deine Verzweiflung ist gewichen. Du trauerst. Wir trauern gemeinsam. Wie kann das sein, fragst du, dass so etwas in deine nächtlichen Träume findet, dich in den Tag hinein verfolgen und quälen kann. Ein lang verschütteter Alptraum war das, entsetzlicher Teil deines Lebens, durchlebt und verdrängt, weil er dem Weiterleben im Weg stand. Jetzt, wo die Schranken fallen, mit denen du das Entsetzen aus deinem Leben sperrtest, wieder frei und übervoll unbewältigten Schreckens.

Lange, sehr lange Zeit, nach dem der Urknall ein Loch ins Nichts gerissen und es mit einem Universum erfüllt - und dieses Universum sich so weit abgekühlt hatte, dass Protonen und Neutronen zueinander finden und die so entstandenen Atomkerne sich Elektronen einfangen konnten, entstand mit diesem Geschehen die kosmische Hintergrundstrahlung. Als etwas, das immer präsent ist, wenn wir ins All hinaus lauschen nach den Anfängen des Universums. Wenn es besonders still sein soll, dröhnt das Rauschen in den Ohren.
Ludwig Janssen © 17.3.2018

Kommentare:

Bess hat gesagt…

Sehr berührend beschrieben.

:Ludwig hat gesagt…

danke schön.