Dienstag, 15. Dezember 2015

Der König

Die drei Weisen hatten sich auf den Weg gemacht. Aus dem Morgenland, wo es auf die Frage: Wann besuchen wir Opa? immer hieß: Morgen! Und: vielleicht. Und: Da ist es immer so traurig.


Ein Stern war ihnen erschienen, eigentlich ein Stern nach dem anderen. Dem einen auf dem Heimweg vom Büro, als er die Hauptstraße passierte, der anderen, als sie abends vom Parkplatz des örtlichen Discounters auf die Hauptstraße abbog und dem Jüngsten der drei auf dem Weg in die Schule, ebenfalls auf der Hauptstraße, über der alljährlich um diese Zeit nach Einbruch der Dunkelheit Sterne aus 20-Watt-Birnen weihnachtliche Stimmung zwischen Autoscheinwerfer, Nieselregen und Streusalz funzelten.

Über dem Stall, in dem sie den König vermuteten, stand kein Stern, jedenfalls kein guter. Die Eingangshalle empfing sie mit gedämpftem Licht. Leise pfeifend schob eine Schiebetür sie hinein und schloss hinter ihnen diese Welt ab.

„Guten Abend!“

Ein Engel in geringeltem Nachthemd schwebte vorüber, lächelte verlegen und entschwand.
Er duftete ein wenig nach Äpfeln und Nüssen.

„Guten Abend!“

Eine junge Frau in Weiß war dem Engel gefolgt, hielt inne und breitete ihnen die Hände entgegen:
„Kann ich Ihnen helfen?“

„Nein, danke, wir wollten nur unseren Vater …“
„Opa!“
„ … besuchen. Wir kennen den Weg.“

Nun, den Weg zum Zimmer des Vaters kannten sie schon, fanden den Weg, fanden das Zimmer, den Vater jedoch …

Einen alten König fanden sie. In Windeln gehüllt, die Socken schlackerten um die Knöchel. Er hatte sich zurückgezogen in einen Sessel, in sich selbst, und schaute aus dem Fenster.

„Papa …“

Der alte König schaute aus dem Fenster, noch immer, als sie ihm in die Augen sahen, ihn anlächelten, in den Arm nahmen und ansprachen mit Titeln, die sich schon lange aus seinem Erkennen verloren hatten. Die Wärme ihrer Umarmungen war angenehm, ihr Lächeln ein freundliches und der Tonfall ihrer Worte entspannt und warmherzig.

Ein schönes Gefühl.
Er … lächelte.

Sein in die Ferne gerichteter Blick löste sich und fand ihre Gesichter. Nette Menschen. Sie verströmten ein altvertrautes Gefühl aus Kindertagen. Aus einer Zeit, als er, des König-Seins müde, sich in die Arme seiner Mutter legen und, wohl geborgen, die Augen schließen konnte.

„Vater …“

Wen auch immer sie damit meinten, solange sie nur blieben. Vater war nicht da, war im Krieg.

Eine Weile blieben sie noch, brachten ihre Gaben dar und warteten auf ein Dankeschön. Er schenkte ihnen seine Aufmerksamkeit. Das bisschen, das ihm noch gelang. Mit einem Lächeln und seinem Blick in dem ihren.

Als die drei Weisen sich auf den Heimweg gemacht hatten, lief ihnen ein wenig von der Traurigkeit den Rücken hinab, die sie im Stall vermutet hatten, da der König lag und bald die Augen schließen würde. Oder war es Unbehagen? Der kleinste der Weisen jedoch hüpfte voran, wandte sich um und:

„Ich habe Opas Hand gehalten, und er, er hat meine gedrückt und gestreichelt - wie immer. Wie immer! Und jetzt, jetzt kann von mir aus Weihnachten werden!“

Drei Weise wandten sich dem Morgenland zu, in dem morgen der zweite Weihnachtstag anbrechen würde.

Ein müde und klein wirkender König schaute aus dem Fenster und spürte dem Wohlbehagen nach, das drei Reisende ihm beschert hatten.

Über seinem Stall stand ein Stern, ein guter.



Ludwig Janssen © 15.12.2015




Kommentare:

Ilse Llu hat gesagt…

Gänsehaut, Ludwig.

Ich habe eine Gänsehaut, die mich noch lange nicht verlassen wird.
Auf deine unnachahmliche Weise rührst du Herzen an, sentimental und auch wieder nicht.
Mein Herz. Ich liebe diese Geschichte. Danke dafür!

Frohe Weihnachten wünsche ich dir, Ludwig!

Llu ♥

:Ludwig hat gesagt…

Danke schön! Auch dir besinnliche und gemütliche Festtage! :)

Bess hat gesagt…

Ludwig, eine bedrückend schöne Geschichte!
Mögen wir von der Alte-Königs-Krankheit verschont bleiben! Mindestens im neuen Jahr. Das ist doch ein frommer Wunsch. Und frohe Weihnachten auch!
Bess

Kräuterfraala hat gesagt…

Beeindruckend und wunderschön.

Liebe Grüße
Carola

:Ludwig hat gesagt…

Danke schön! Euch beiden eine friedvolle Zeit zum Fest und zwischen den Jahren. :)

Regina Meier zu Verl hat gesagt…

Ich bin über das Blog vom Kräuterfrala hier gelandet!
Was für eine berührende Geschichte, einfach nur wunderschön und nachdenklich machend. Danke schön dafür!
Herzliche Grüße und ein frohes neues Jahr dir
Regina

:Ludwig hat gesagt…

Danke schön und ein gesundes neues Jahr!