Samstag, 10. August 2013

Treffpunkt Gartenzaun (eine Fischichte)

Alle Geschichten haben einen Eingang. Da ist wer, der wie ein Tor im Gartenzaun wirkt, oder gerade so, als ob ihm ein, zwei Latten fehlen, im Zaun, ein Zaunkönig vielleicht, jemand, der einlädt: Komm, leg dein Köpfchen an meine Schulter, schließ die Augen und lasse deinen Gedanken freien Lauf: Phantasie, das sind Gedanken wie freilaufende Hühner, frei laufende Hühner schlüpfen durch das Loch im Gartenzaun:

E i n g a n g

Kurz vorm Einschlafen hatte ich der Katz in die großen Kulleraugen gesehen. Nicht nur das, sogar angesprochen hatte ich sie und gefragt, ob sie … Doch sie blinzelte nur und hüpfte von der Fensterbank hinaus in die Mainacht, die nach Gewitterregen duftete und frisch gemähter Wiese.

Ein wenig Nacht später und etwas Wiesenduft weiter war es Tag und ich sah das Brathähnchen. Rote Strümpfe, Wolle wohl und selbstgestrickt, schlackerten um seine viel zu langen, dünnen Beine. Bei jedem Schritt winkelte es ein Bein zunächst an, zog es in Zeitlupe zu Körper hin und streckte es dann ebenso lang wie behutsam nach schräg unten ins Gras, gerade so, als würde es durch Salat … was auch gut möglich wäre, denn womit, bitteschön, soll ein Brathähnchen denn auch erkennen, dass es nicht … du weißt schon. Deshalb konnte es mich ja auch nicht hören, jedenfalls mit den Beinen, so was können nur Grashüpfer. Ich sah ein, dass es aus diesem Grund auch keinen Sinn machen würde, das Brathähnchen darauf anzusprechen, wie surreal es daherkäme, so ganz „ohne“, wie Brathähnchen nun einmal sind - und doch alles andere als kopflos. Obwohl, selbst „ganz“ ist für ein Brathähnchen keine Selbstverständlichkeit. Doch mit genau dieser Selbstverständlichkeit stakste es jetzt durch die Wiese, die Luft duftete nach Gras und der Tag schmeckte ein wenig salzig.

Nichts in die Augen reiben, nur nicht die Augen, dachte ich mir, da kam der Hering auf mich zu, schwamm mir vor der Nase umher, kleine Glitzerkapriole, wie man sie auf der Achterbahn oder von Kunstfliegern sehen kann, und glotzte. Fischaugen sind immer ’n bissi glotzig, findest du nicht? Also konnte er ja nichts dafür. Der Hering schwamm also vor meiner Nasenspitze und glotzte. So nah, dass ich ein wenig schielte. Kennst du das auch? Dann machte der Hering etwas, das ich noch nie zuvor bei einem Fisch bemerkt hatte: Er lächelte! Kannst du dir vorstellen, wie sich das anfühlt? Du bist auf einer Wiese, vor deiner Nasenspitze wedelt ein Hering mit seinen Brustflossen und lächelt dich an, das auch noch tagsüber? Ja, kannst du? Gut, dann erzähle ich weiter.

Das lächelnde Silbergeflutsche vor mir glotzte immer noch. Wie gesagt, kein Wunder, schließlich können Fische nicht anders, das heißt, diese armen Dinger können nicht blinzeln, wie zum Beispiel meine Katz das kann. Aber besser noch als das Brathähnchen haben sie es, denn die wären vielleicht froh, wenn sie wenigstens aus Fischaugen in die Welt stieren könnten, und können noch nicht einmal das. Brathähnchen haben nämlich keinen Kopf, aber das weißt du ja schon längst. Brat. Mir fiel auf, dass dieses Wort sich in diese Geschichte hier geschlichen hatte und sich allmählich breit machte. Es verströmte den Duft von Brathähnchen, zog ihn hinter sich her, denn das Wort war immer einen Ticken schneller als der Duft. Ah, dachte ich mir, dann ist das eine gute Geschichte.
Glaube mir, das stimmt: In guten Geschichten ist das Wort immer, aber nur ein wenig, schneller als Bild oder der Duft, ein winzi, winzi Tickchen nur, dann löst es sich auf - und du weißt nicht, war da jetzt ein Wort - oder war dieses Bild, war dieser Duft nicht eigentlich schon immer da? Kleine Fragezeichnung. So wie hier der Duft von Brathähnchen. Gerade so, nicht lachen, als hätte das Wort einen Furz gelassen. Rose zum Beispiel ist ein Wort, da weiß auch gleich jeder, wie das riecht, wenn es pupst. Das hört man - ein leises, klein geschriebenes pffft – und schon ist alles vollgeduftet. So, jetzt aber wedeln, wedeln, wedeln mit beiden Händen, damit der Rosenduft verschwindet, denn der gehört nicht hierher, hat hier nichts verloren, also braucht er auch nicht zu suchen und wir wedeln ihn zum Fenster hinaus. Na ja, gibt ja kein Fenster auf der Wiese, aber wir beide tun in dieser Geschichte so, als wäre da eines.

Puh! Der Hering ist immer noch da und lächelt, Brat duftet ungestört, das Hähnchen stakste mittlerweile von der Wiese und aus dem Bild, ist wahrscheinlich blind über den Rand der Geschichte hinaus gelaufen und fiel aus dem Rahmen. Nur der Fisch ist noch da, du und ich sind es auch, und irgendwo da draußen in der Nacht, die ein salzig schmeckender Tag ist und eine nach Gewitter duftende Wiese, läuft meine Katz und schnuppert an Gänseblümchen. Nun ja, nur vielleicht, denn ich kann sie ja nicht sehen. Du etwa? Nein? Siehste. Oder besser nicht, siehst’ ja nicht, die Katz jedenfalls. Siehst du den Fisch? Ja? Gut. Dann kann ich ja weiter schreiben.

Ich frage den Hering, den ollen Lächler, ob er sich „Brat“ vorstellen kann, also, ob er sich vorstellen könnte, wie das Brathähnchen … da knipst der sein Lächeln aus, glotzt nur blöde und, ich würde schwören, sogar ein wenig vorwurfsvoll, patscht mir seine silbrige Schwanzflosse rechts, links, flitsche-flatsch um die Ohren und flitzt weg, aus dem Bild, auf und davon. Dabei habe ich doch bloß gefragt. Heringe sind eben leicht eingeschnappt, so sieht das aus. Eigentlich müsste diese Geschichte jetzt so weitergehen, dass ich schreibe, der Hering hätte das Weite gesucht, ohne einen Ton zu verlieren. Das geht aber nicht, denn zum einen ist es so, dass Fische nicht stumm sind, wie man immer sagt und Heringe sehr wohl in der Lage sind, einen Ton von sich zu geben, ja, sie unterhalten sich sogar miteinander – zum anderen war dieser Hering dermaßen sauer auf mich, dass er geplatzt wäre, hätte er nichts gesagt. Nun ist es so, dass Heringsworte sich anhören wie kleine Pupse, denn es sind tatsächlich Pupse, mit denen sich Heringe unterhalten. Kannst du dir also vorstellen, was für ein Geknatter das war, als der Hering, total wütend auf mich, das Weite suchte? So laut war das, wäre ein Moped ohne Auspuff durch diese Geschichte gefahren, du hättest das nicht gehört. Es duftete nicht einmal mehr nach Brathähnchen, so viele Heringsflüche schwaderten heringssilberfluchendgrün durch den Tag, der eigentlich Mainacht war, und über die Wiese mit meiner Katz mit den Blinzekulleraugen darin.

Außerdem suchte der Hering das Weite nicht, er fand es auf Anhieb, gerade so, als hätte er es aus der Hosentasche gezogen. Das Weite steckte im alten Gartenzaun, du weißt schon, an der Stelle, wo die zwei Latten fehlen. Dort verschwand der Hering und nahm diesen Ausgang der Geschichte. Du lachst? Doch, tatsächlich, das ist alles genau so passiert, wie ich es dir hier erzähle, frag’ die Katz, sie ist noch da draußen auf der Wiese, also in der Geschichte, und schnuppert an Gänseblümchen. Jetzt habe ich dir ein Geheimnis verraten, nämlich, dass Geschichten einen Ausgang haben. Eigentlich sind es mehrere Ausgänge, und wenn du magst, kannst du dir einen dazu denken, doch einen davon nehmen sie immer. Du und ich, die Katz, das Brathähnchen (und brat mir einer ’nen Storch, denn der war auch dabei, hast du’s bemerkt?), der Hering, die Wiese mit dem Gewitterregenduft und der Tag, der eigentlich eine Nacht ist, auch die Nacht selbst, alles hat einen Ausgang. Alle Dinge, die beginnen, enden auch.

So, mein Lieb, jetzt kennst du eine meiner Fischichten, hast das Brathähnchen auf der Wiese gesehen, den lächelnden Hering pupsen gehört und bist eine Weile mit mir durch einen Tag im Mai geschwommen, der eigentlich Nacht ist und nach Gewitterregen duftet. Inzwischen ist auch die Katz wieder zurück, sitzt im Mondschein auf der Fensterbank und blinzelt.

Wenn du magst, kannst du ihnen Namen geben, bevor du einschläfst, denn ich habe sie nicht danach gefragt.


Hier ist die Geschichte zu Ende, siehst du?

 
A u s g a n g

 

Gute Nacht!

 

Ludwig Janssen © 31.5.2008

Kommentare:

Lluviagata hat gesagt…

Ich werd sie an Paula testen, deine Fischichte! 5 Jahre alt ist sie und blitzgescheit. Und ich werde mir selbst zuhören.
Es wird riesig werden ... ♥

:Ludwig hat gesagt…

Und? Erzähl ... :)

Lluviagata hat gesagt…

Lieber Ludwig,
leider ist es noch nicht zum Erzählen gekommen.
Diesen Samstag schläft das süße Ungeheuer wieder bei mir, da werde ich ein blaues Tuch über die Nachttischlampe hängen und unter Zuhilfenahme von Händen und Füßen vom Brathähnchen und silbernen Flossen erzählen. Nur das Wort surreal werde ich wohl weglassen müssen. ;)

Gruezi
Llu ♥

:Ludwig hat gesagt…

Nur zu :)
Junge Menschne lernen gerne, surreal dürfte kein Problem sein, wenn du es beim Schein der beflorten Lampe mit seiner frakophonen Wurzel aussprichst und mit ausladender, weicher Geste erläuterst ... über dem Realen, lass ihre Phantasie fliegen wie von Marc Chagall gemalt, oder, zeige ihr mein "Mondvogel", das ist auch surreal :)

:Ludwig hat gesagt…

http://hpbimg.giersbeck.de/mondvogelkleinb.jpg

Lluviagata hat gesagt…

Lieber Ludwig,
heute Abend war es nun so weit.

Ab dem Auftritt des glotzenden Herings (Lachsalve) habe ich ihre Gluckser und dann die Kicherer nicht mehr zählen können. Geht in dieser Masse auch schlecht beim Vorlesen.
Die eingestreuten Fragen und Überleger kamen gut, sie machen das Ganze zu einer spontanen Geschichte, einer Spinnerei, wie wir sie oft während der langen Autofahrt praktizieren.
Das "surreal" sprach ich mit geziemend spitzem Mündchen und einem langen Ü. Und du hast Recht gehabt, für sie gehörte es dazu wie der Turm zum Rapunzel.
Die anschließenden Fragen, obwohl das Mäulchen stille stehen sollte, beantwortete ich noch schnell, z.B. ob Heringe wirklich pupsen. Auf meine Antwort, dass sie doch Luftblasen erzeugen, meinte sie: Aaaber Andrea! Man pupst doch aus dem Popo. Tja. Das habe ich nun von meiner kindischen Sichtweise.

Vielen Dank, Ludwig.
Ein Märchen, das zu schade ist, hier nur auf dem Blog herumzuhocken. Echt.

Gute Nacht ... ♥

Kann es sein, dass das jetzt doppelt kommt? :/

:Ludwig hat gesagt…

Phantastisch! :) Danke schön! Und klar, Heringe pupsen, sie kommunizieren so, nimmt man an: http://www.wissenschaft.de/home/-/journal_content/56/12054/1145675/

:Ludwig hat gesagt…

Und liebe Grüße an Paula! Ein schöner Name.