Sonntag, 1. Dezember 2013

Als Oma Maria gebissen hat. Eine Adventsgeschichte.


Ich bin die Lissi. Ich bin sechs Jahre alt und ich habe Indianer. Meine Mama meint, dass mein Spielzeug nicht geschlechtsbenzinfisch sein soll und Indianer aus Plastik sind das  wohl nicht. Jetzt stehen meine Indianer vor der Krippe und die ist leer und steht in der Stube. Meine Eltern sind im Abendgottesdienst.
Oma und ich sind zuhause, allein. Das heißt, ich bin nicht allein, weil ja die Oma da ist. Aber die Oma, die ist allein. Eigentlich ist Oma nicht zuhause. Papa sagt das, manchmal. Oma lebt allein in ihrer Welt, meint Mama. Die ist nicht mehr bei sich, meint Papa dann. Oma ist also irgendwo, steht aber jetzt in der Küche und fragt:
„Wo sind die?“
Sicher meint sie Mama und Papa.
„In der Kirche. Heute ist der erste Advent,“ sage ich.
„Advent.“ Oma sagt das von irgendwoher und fragt dann:
„ Wo sind die?“
„Kirche, Oma, Advent, erster Advent.“
Jetzt singt Oma, Oma singt gerne. Wir sagen euch an den lieben Advent. Wenn Oma singt, ist alles wie früher. Advent mit Oma und Singen ist schön, ist gemütlich. Oma weiß schöne Geschichten. Oma hat immer Zeit für mich. Hoffentlich zündet sie keine Kerze an. Das gibt Ärger, weiß ich ja.
„Advent, wir haben Advent? Warum sagt mir das keiner!“, ruft sie aus der Küche.
Und: „Wo sind die?“
Als ich in die Küche gehe, steht Oma vor dem Herd und schaut hinein.
„Wen meinst du, Oma?“
„Na, das Mehl, Moidl, wird Zeit, dass wir Plätzchen backen! Erster Advent und keine Plätzchen auf dem Tisch, das geht doch nicht."
Ich hole das Mehl aus dem Kasten und Oma bindet sich ihre Schürze um: „Geh, hilf mir bitte mit dem Binden.“
Den Mixer will sie nicht. Keine Ahnung, warum sie den nicht hernehmen mag. Hat sie sonst immer gemacht. Jetzt schaut sie sich das Kabel an, schnuppert am Stecker und legt den Mixer zurück in den Schrank: „Neumodisches Glumb.“
Sie lächelt mich an, Stirn an Stirn, und singt: „Backe, backe Kuchen …“
„Omaaa!“ Ich knutsche sie auf die knubbelige Nase und gehe zurück zu meinen Indianern vor der Krippe.

„Du, Oma, waren da auch Indianer in Bethlehem?“, rufe ich in die Küche herüber.
„Kann schon sein, Liebes! Und Engel! Und Schafe!“
„Warum waren die beiden im Stall, Oma?“
„Weil keiner sie reinlassen wollte!“
„Warum nicht?“
„Weiß nicht!“
„Lassen wir die rein, wenn die bei uns anklopfen, Oma?“
„Nein, Moidl, wir kennen die doch nicht!“
„Maria ... und ... Josef!“
„Ach, die. Die wollen rein? Sollen reinkommen, schnell, und mach die Tür zu, es ist kalt draußen!“
„Omaaa!“
Oma steht am Küchentisch und macht Plätzchenteig. Sie knetet und rührt und nimmt Salz und knetet und rührt und nimmt Salz und sie knetet und rührt und nimmt Salz und gibt Milch hinzu und nimmt Salz: „Wo sind die?“
„Wer, Oma?“
„Na, frag nicht so dumm, die Maria und der Josef. In der Stube? Schuhe aus!“
„Nein, Oma. In der Stube stehen nur die leere Krippe und meine Indianer. Maria und Josef sind noch im Schrank, mit den anderen Figuren.“
„Im Schrank?“
„Ja, Oma, und der ist zugesperrt.“
Da steht Oma in der Stubentür.
„Im Schrank!“ Oma schaut durch mich hindurch. „Eingesperrt!“
„Ja, Oma.“
Meine Indianer stehen vor der Krippe. Die sind dort jetzt im Adventsgottesdienst, die Indianer, meine Eltern in der Kirche und Oma backt in der Küche Plätzchen.
„Ooomaaa?“
„Ja?“
„Darf ich mit der Krippe spielen?“
„Sind Maria und Josef schon da?“
„Nein!“
„Dann ja!“
Es ist ein Ros‘ entsprungen … Oma backt wieder Plätzchen. Sie hat eine Kerze angezündet. Die Indianer haben ihre Pferde angebunden, am Adventskranz, und schauen nach, ob da schon wer eingezogen ist in die Krippe. Maria ist schon da. Maria ist ein Apfel und schwanger. Schwanger, das hat Mama gesagt, ist, wenn eine Frau in sich neues Leben trägt. Unter dem Herzen. Und im Apfel das Kerngehäuse ist die Kinderstube und die Kerne, das wieder hat jetzt Papa gesagt, sind die Kinder vom Apfelbaum und da wächst aus jedem ein neuer Apfelbaum. Und der wieder hätte Äpfel und so ginge das immer weiter.
Aus der Küche: Alle Jahre wieder …
„Oma?“
„Ja?“
Jetzt steht Oma in der Stube und schaut auf die Indianer:
„Da ist ja mords was los in Bethlehem …“
„Oma, kann ein Apfel Maria sein?“
„Ein Apfel Maria?“
„Mhm.“
„Also beim Rosenkranz ist im-mer ein Ave Maria.“
„Omaaa!“
Oma kramt in der Schürzentasche und zieht eine Walnuss hervor: „Josef!“
Ich stelle Josef zu Maria an die leere Krippe, Oma nimmt den Apfel Maria, reibt ihn am Pulloverärmel und …
„OMA!“
Oma schaut mich fragend an.
„Oma, du hast Maria gebissen!“
„Oh!“ Sie stellt die angebissene Maria neben Josef, die Nuss. Geht wieder in die Küche und werkelt dort an ihren Plätzchen. Es ist ein Ros‘ entsprungen. Hat ein gehöriges Stück herausgebissen aus dem Apfel Maria. Ein Kerndl fällt aus der guten Kinderstube. Das lege ich in die Krippe.
Dann gehe ich in die Küche und helfe beim Ausstechen der Plätzchen. Der Teig schmeckt nicht. Das Blech mit den Plätzchen schiebt Oma in den Kühlschrank und stellt ihn auf einhundertachtzig Grad und Umluft.
Dann kommen Mama und Papa heim.
„O mein Gott!“, ruft Mama in der Küche.
„O mein Gott!“, ruft Papa aus der Stube.
Dann müssen wir beide zu Bett gehen.
„So kann das nicht weitergehen, nicht noch solch ein Jahr“, höre ich Mama leise in der Stube sagen, sie weint, und Papa meint, dass es bald Zeit wird, dass wir etwas unternehmen.
Als es dann still ist im Haus, gehe ich in die Stube, zur Krippe, und stelle das Pferd des Häuptlings zum Josef. Denn wenns dann Zeit wird, werden sie das brauchen, dringend.

Ludwig Janssen © 1.12.2013

 

Kommentare:

Kräuterfraala hat gesagt…

Hallo Ludwig,

das Buch hört sich interessant an.

Das Thema Demenz beschäftigt mich privat auch. Manches erinnert an die Dialoge von Loriot, nur dass man leider - wenn man selber im Geschehen verwickelt ist - oftmals die "makabere Situationskomik" nicht wahrhaben kann. Es macht betroffen, wie sich Menschen im Alter in ihrem Wesen verändern können.

Danke für den Tipp!
Liebe Grüße
Carola

:Ludwig hat gesagt…

Situationskomik, Carola, weiß man um die Spannung, nimmt man sie wahr. Kinder, so durfte ich beobachten, pflegen einen eher unbefangenen Umgang mit Menschen mit Demenz und stören sich nicht an ungewöhnlichen Verhaltensweisen, weil sie das, was ihr Gegenüber sagt, annehmen.

Wir Erwachsenen gehen die Dionge ja gerne rational an und das ist genau die Klippe, an der der Mensch mit Demenz scheitert, genau das ist sein untergehendes Schiff. Je mehr kindliche Gelassenheit wir walten lassen, umso unbefangener können auch wir uns dem Menschen nähern, den wir eigentlich als einen anderen kennen als den, der sie/er uns sein kann.

Gelten lassen, unser Gegenüber, die validierende Begegnung suchen und pflegen. Chance zu einer anderen Qualität von Nähe.

Doch braucht man dazu eine entspannte Grundhaltung, die man als pflegender Angehöriger nicht immer erhalten kann im stressigen Alltag, den uns die Sorge um und für einen Menschen mit Demenz für uns bereithält.

:)!