Freitag, 26. April 2013

Wissen um Grenzen - Geburtsakt der Gelassenheit


Erschrocken staunt der Heide Schaf mich an,
als sähs in mir den ersten Menschenmann.
Sein Blick steckt an - wir stehen wie im Schlaf;
mir ist, ich säh ich zum ersten Mal ein Schaf.

Christian Morgenstern, Geburtsakt der Philosophie

Wir sind Gefangene unserer Sinne. Das Universum wollte sich anschauen - und wurde Frosch. Den überließ es sich selbst, er wurde Mensch. Nun gibt es im Universum eine Stelle, in der es sich anschaut und zugleich über sich selbst und das Universum nachdenkt, als stünde es außerhalb seiner selbst. Wahrscheinlich ist diese Stelle gutartig, da lokal begrenzt und universal betrachtet unterhalb des Bereiches, in dem sich Ist von Wesentlich scheidet.

Unser Blick in den Sternenhimmel - da redet Mensch von Unendlichkeit, und das nur aus denkfauler Gewohnheit, und sieht doch nicht mehr als die äußere Grenze seines irdischen Erkennens, das sich - beschränkt man sich aufs Auge - mit ein paar wenigen Objekten der Milchstraße begnügt. Mein dreidimensionaler Körper hindert mich, mehr zu erkennen, da er sich aus evolutionstechnischen Gründen mit dem begnügt, was sein Überleben und Fortpflanzen sichert - das der Spezies, der er zugehört, einschließlich der Lebensformen, denen er entstammt und zu denen er hinführt. Außerdem, normative Kraft des Faktischen, konnten wir dreidimensionalen Existenzen nur entstehen, weil die Bedingungen unseres dreidimensionalen Universums das ermöglichen, hm, wobei alles Ermöglichen eher ein Zulassen ist. Was also anderes als alles Dreidimensionale soll uns Welt sein, Welt, die Raum in Anspruch nimmt, den wir Weltraum nennen und unseren Sinnen als unendlich ausgeben (oder den unsere Sinne uns als solchen ausgeben)?

Wir können davon ausgehen, dass unser Erkennen einen gewissen Schwarzschildradius hat, der im Kleinen jenseits der Quanten, jenseits der Dekohärenz -  und dennoch diesseits allen Realen ist, der auf der anderen Seite jenseits des uns vorstellbaren Großen ist und sich doch innerhalb des Fassbaren befindet - wenn wir uns Näherungen denken können, die Dinge voraussetzen, die jenseits des Fassbaren liegen, sich jedoch nicht falsifizieren lassen ... Wenn also der Stringtheorie nach wir von der Existenz von 11 Dimensionen ausgehen dürfen, und von diesen drei fassbar und eine erfahrbar ist, die anderen jedoch vorhanden sein müssen, aber nicht "auffindbar sind" ... Warum, wozu brauchen wir da Übersinnliches, um uns Übersinnliches vorstellen und als Illusion erkennen zu können? Wir wissen um die Unfassbarkeit der Gegenwart als Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft und wissen um die Unerreichbarkeit dieser beiden und hadern kein Bisschen mit deren Existenz.

Der Mensch, Teil des Universums, gibt in gewisser Weise wieder, was das dreidimensionale Universum ist, dass es Grenzen gibt. Weil das Universum eigentlich nicht mehr ist als das, was wir uns vorstellen können, weil zugleich aber sicherlich mehr [da] ist [als ein/das Universum].

Ähnlich unserem Wahrnehmen nach außen, das eine Grenze im Kleinen und im Großen hat - und nur Wahrhaben (also den Griff in den leeren Beutel eigener Vorstellung) kennt - hat unser Denken Grenzen: Das Ich kann sich nicht selbst denken (nicht sich selbst realisieren, bleibt virtuell?), nur davon aus(und daher auch fehl)gehen, dass es ist. Dass es ist, nicht, was es ist.
Wir dringen nicht bis zum Kern vor, dem Ich, können uns nicht selbst aus(und wenn doch, aus was?)denken - so wie wir die Unendlichkeit nicht realisieren, sondern lediglich vorstellen, vormachen (vorgaukeln) können.

Wir sind Gefangene unserer Sinne …

Geburtsakt der Gelassenheit

Erschrocken staunt das Univer mich an:
... sum! ...masummarum - wie schnell es doch vergessen kann.
Sein Blick steckt an - schon habe ichs vergessen,
als hätte nie ein Er im Innern ihm gesessen


Ludwig Janssen © 10.1.2012

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