Mittwoch, 27. Januar 2010

Legasthene und Literatur – Legasthenie und Kunst

Wir haben also sagen wollen, dass alle unsere Anschauung nichts als die Vorstellung von Erscheinung sei; dass die Dinge, die wir anschauen, nicht das an sich selbst sind, wofür wir sie anschauen, noch ihre Verhältnisse so an sich selbst beschaffen sind" (Kant, Kritik der reinen Vernunft, 1781).
 
Da steht ien e auf dem Flur. Dei Stabenbuch tanzen, verschden vor den Augen, nien, nicht ganz so schlimm, nur so ungefähr. Zu "Haus" habe ich ien Bild im Kopf, doch kienes zu "darum". Ich wieß, dass ich deise Schwäche habe, die nur eine ist, weil andere sagen, dass sie eine ist, weiß, dass mich immer wieder vergewissern muss, dass da …

Nein, wer erläutert haben möchte, was Legasthenie ist, möge hier nicht weiterlesen.

Nein, wer erläutert haben möchte, was Literatur ist, möge nicht hier weiterlesen.

Hier geht es um Gedanken zu Legasthenie und Literatur. Literatur im Sinne künstlerischen Ausdrucks, kreativer Schöpfung.

Vielleicht aber geht es nur darum, sich verständlich machen zu können.

Vielleicht aber geht es nur darum, wenn schon nicht verstehen, so doch wahrnehmen (für wahr nehmen) zu können.

So sollte ich ergänzen: Wer sich nicht mit der Erläuterung zufrieden geben mag, dass Literatur Kunst aus geschriebenem Wort und die Vermittlung Kunsterlebens über das geschriebene Wort, das geschriebene Zeichen ist, liest lieber nicht weiter.

Es geht nicht um Rechtschreibfehler. Es gilt nachzudenken darüber, was zum Ausdruck eines schreibend schöpfenden Menschen gehört.

Wie viel Spur von sich und seiner Persönlichkeit darf ein Mensch in seinem Werk zurücklassen, dass man es noch Kunst Werk nennt?

Was unterscheidet ein ie statt ei von der markanten Spur eines Werkzeuges, sei dies ein Zahneisen, sei dies ein Pinsel? Spuren, die neben vielen anderen Kriterien Kennern der Materie (und auch Laien) ermöglichen, Kunstwerke bestimmten Menschen zuordnen zu können: Farbwahl, Formgebung, Pinselführung – oft möglicherweise nicht mehr als Sichtbarwerden körperlicher Abweichungen von der Norm. Wer will leugnen, dass die Sterne, die Vincent van Gogh über dem „Nachtcafé“mit Halo daherkommen ließ, wie Sterne aussehen, die man als Kurzsichtiger ohne Brille sieht?

Anders als die Sterne in der „Sternennacht“ vor der in typischer van Gogh'scher Art gemalten Zypresse, wo in Kreisen, Wellen, Spiralen gefügte Striche bewusst gewählte Pinselführung wiedergeben, ebenfalls: Ausdruck. Ausdruck eines, so liest man, Legasthenikers.

Überhaupt – wenngleich man müßig in nächtelangen Diskursen über zum Beispiel Bildende Kunst reden kann, ohne sich einig zu werden, was Kunst ist, was ein Kunstwerk ausmacht, so bleibt unstrittig:

Alle Kunst ist Interpretation dessen, was man vor Augen hat. Also nicht Abbildung dessen, was ist, sondern Interpretation dessen, was man sah, zu sehen glaubte, zu sehen meint, sich vorstellt, ganz gleich, obs fiktional oder faktual geschieht (versucht wird).

Das, was wir vor Augen haben, pflegen wir Wirklichkeit zu nennen. Doch haben wir niemals Gewissheit! Allein schon unsere Sinne sind Filter, sind Hindernis, denn unsere Sinnesorgane bereits – einschließlich des Nervenzentrums, das das für wahr Genommene im Abgleich mit gespeicherten Informationen „verifiziert“ – interpretieren, was auf sie wirkt, geben es nie so wieder, wie es ist.

Ein Beispiel? Das Sehen ist der Hauptsinn des Menschen. Wir meinen zu wissen, dass unsere Welt, unser Universum dreidimensional ist. Mit dieser Interpretation werden wir richtig liegen, so lange wir sie auf die Welt, das Universum beschränken, das wir kennen, erfassen und daher prüfen können. Allein unser Auge – es sieht nicht dreidimensional! Die von den Dingen reflektierten Photonen treffen auf die Netzhaut und erzeugen ein zweidimensionales Bild! Dreidimensionales Sehen ist bereits Interpretation, visuelle Wahrnehmung ist Interpretation! Wir haben uns lediglich daran gewöhnt, Dreidimensionalität sehen zu können, nehmen das als gegeben, normal.

„Normal“, das ist ebenfalls Interpretation, ist eine Insel der Glückseligkeit des sozialen Wesens Mensch, auf der sich alle drängen, auf die sich die retten, die zwar Individualisten sein möchten, aber Angst davor haben, ausgegrenzt zu werden, Sonderling zu sein.

„Normal“ ist Ausgrenzung, Ausgrenzung Wahrgenommenes, ist Ausgrenzung von Wahrheit. Ausgrenzung von Realität.

Legasthene haben eine besondere Art des Wahrnehmens, der Interpretation (Verarbeitung der Information) geschriebener Zeichen und Symbole, die wir zu Graphemen und definierten Gruppen ordnen, die uns Wort, Satz werden, und letztlich auch Ort sind, an dem wir Bedeutung ablegen und/oder suchen. Dazu gehört die Verkehrung von Symbolen (Buchstaben, Wörtern), das erschwerte Begreifen von Dingen und, so ist jedenfalls zu lesen, häufig die Desorientierung, was Raum und Zeit angeht. Wie viel Orientierung bezüglich Raum und Zeit bietet dieses Gedicht:

When You Are Old

When you are old and grey and full of sleep.
And nodding by the fire, take down this book,
And slowly read, and dream of the soft look
Your eyes had once, and of their shadows deep;

How many loved your moments of glad grace,
And loved your beauty with love false or true,
But one man loved the pilgrim soul in you,
And loved the sorrows of your changing face;

And bending down beside the glowing bars,
Murmur, a little sadly, how Love fled
And paced upon the mountains overhead
And hid his face amid a crowd of stars.

(William Butler Yeats, 1892)

(Eine Bewerbung des Verfassers an einer Universität wurde wegen der Rechtschreibfehler im Bewerbungsschreiben abgelehnt.)

„Normal“, ist nicht nur bloße Interpretation, „normal“ ist, viel schlimmer, Konsens der Masse. Konsens der Masse ist etwas, das Kunst berühmt und populär macht, doch sind das Aspekte, die eher mit Vermarktung zu tun haben als mit Kunst an sich. Kunst kann nicht mit dem Anspruch auf den Konsens der Masse, der Normalen, der Alltäglichen, der qua Masse und Lautstärke Normierenden erstellt werden.

Sie entzieht sich dem ebenso wie die Wahrheit sich dem entzieht, unerreichbar und daher kaum zu definieren ist.

Und so ist das, was die Masse als Normal, als Wirklichkeit definiert, lediglich Facette. Hat der Interpretation von Wirklichkeit eines Legasthenen nur die Winzigkeit voraus, von vielen ähnlich interpretiert zu werden.

Ausdruck - die Wiedergabe dessen, was man wahrnimmt, sich vorstellt, fühlt – die Wieder-her-Gabe dessen, was die Welt an Resonanz in uns zum Schwingen brachte, ist eine höchst individuelle und von der Persönlichkeit des sich (ver?) Äußernden geprägt, trägt dessen Spur, obs Pinselstrich sei, gestaltend prägende Absicht, oder – im Falle des Legasthenen, die für ihn typische Art, stuchbaen zu wervechsln oder wegzu.

Lese ich also im Bestand von ███ einen Text von Anu, um eine der mir namentlich bekannten Legasthenikerinnen zu nennen, die auf dieser deutschsprachigen Literaturplattform veröffentlichen, bin ich mir jetzt bewusst, dass jeder Korrekturvorschlag die Authentizität des Werkes antastet.
Wenn ich die Schauspielerin, die sich als Legasthene bekennt und in Hamburg gemeinsam mit einer Freundin ein beachtliches kreatives Kunstwerk schuf, in das sie sich selbst als Kunstfigur einbringt, hier namentlich anführe, so fragte ich sie zuvor um ihr Einverständnis. Ein Zeichen, wie weit entfernt wir von Selbstverständlichkeit sind, wenn es um Ausnahmen von der Norm geht. Ausnahmen von der Norm, von der wir wissen, dass sie Konsens ist, Wirklichkeit und nicht Wahrheit.

Alle die, die sich damit brüsten, zu wissen, was (große) Literatur ausmacht, sollten sich beim Lesen der Werke allgemein als Literaten anerkannter Kunstschaffender wie W.B. Yeats, Ernest Miller Hemingway, Agatha Christie, Edgar Allan Poe, Jules Verne und anderen vor Augen halten (vor Augen!), dass sie durch „Normale“ korrigierte = interpretierte Werke Legasthener lesen, Verzeihung, ihrerseits interpretieren.

„Jeder Mensch ist ein Künstler. Damit sage ich nichts über die Qualität. Ich sage nur etwas über die prinzipielle Möglichkeit, die in jedem Menschen vorliegt […] Das Schöpferische erkläre ich als das Künstlerische, und das ist mein Kunstbegriff." JOSEPH BEUYS

Ludwig Janssen, 26.1.2010

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