Sonntag, 24. Juni 2018

Herr Schalupke und der Kirschtern

Der Sommer war noch jung, der Kirschbaum jedoch, unter dem Herr Schalupke und sein Huhn saßen und Kirschen aßen, war uralt. Aber was er heute erleben sollte, hatte er noch nie gesehen. Herr Schalupke spuckte die Kerne der Kirschen, die er gegessen hatte, in hohem Bogen in die Wiese. Einen weiter als den anderen. Aufgeregt gackernd lief das Huhn jedem der Kerne nach, denn ab und an spuckte Herr Schalupke die ganze Kirsche in die Wiese, nur so, aus Jux und Laune. Und diese Kirschen waren für das Huhn.
"Jetzt pass mal auf!", rief Herr Schalupke und holte besonders viel Luft. Wer weiß, wie winzig klein unser Herr Schalupke sich machen kann, den wundert nicht, wie groß Herr Schalupke werden kann, wenn er nur richtig tief genug Luft holt. Herr Schalupke wurde größer und größer. Schon bald überragte er den Baum. Und da weder seine Kleidung, noch seine Haut mit diesem tiefen Atemzug wuchsen, dehnten sie sich aus. So, wie man das von Luftballons kennt. So verwunderte nicht, dass Herrn Schalupkes Gestalt, als sie bis auf die Größe eines kleinen Zeppelins angewachsen war, zugleich so durchscheinend geworden war, dass sie sich kaum gegen den blauen Sommerhimmel abhob.
Dann war es soweit. Herr Schalupke legte den Kopf in den Nacken und spuckte den Kirschkern aus. Der zischte hast du nicht gesehen in die Höhe, flog über die Wolken hinaus und immer höher, so dass die Schwerkraft des Planeten ihn kaum noch halten konnte. Wurde langsamer. Stieß pling! an ein Sonnensegel der Internationalen Raumstation und gelangte so, in bedächtiges Drehen geraten, auf eine Umlaufbahn um die Erde. Als der kleine Kirschkern seinen ersten Umlauf um die Erdkugel vollendet hatte, war es unter ihm bereits Nacht geworden. Unten auf der Erde, gleich neben dem Kirschbaum, beugte sich Herr Schalupke, mittlerweile wieder auf Normalgröße geschrumpft, über einen Refraktor und winkte das Huhn zu sich:
"Komm und schau!"
"Pock!"
Ja, ja, das Huhn wartete noch immer auf eine Kirsche, während weit über ihm am Nachthimmel der Kirschkern zum ersten Mal von den Strahlen der fernen Sonne erfasst wurde und aufleuchtete. Gerade so wie ein Stern. Ein Kirschstern? Ein Kirschtern. Denn eigentlich war er ja kein Stern. Eher ein Mond oder ein Satellit. Wer nun in sternenklarer Nacht zum Himmel emporschaut, kann ihn dort fliegen sehen, einen kleinen, hell leuchtenden Punkt.

Donnerstag, 21. Juni 2018

Wo das Paradies ist

Gestern erzählte mir ein alter Landwirt leuchtenden Auges, wo man das Paradies fände: Nachts am östlichen Sternenhimmel in etwa einem Kilometer Höhe.  Dahinter läge dann der Himmel. Der wieder  sei noch viel größer. Jetzt warte ich auf die nächste sternenklare Nacht.

Sonntag, 20. Mai 2018

Heuer höre ich den Kuckuck nicht rufen ...

Wenn es dich tröstet, kann ich dir von einem Kuckuck berichten, der sich in eine Uhr aus dem Schwarzwald verliebt hatte und seitdem jeden Morgen auf der Fensterbank zu deren Stube sitzt und ihrem Rufen lauscht. Er meint, dass es Stunde um Stunde schlimmer um sie und ihre Sehnsucht nach ihm bestellt sei. Am Mittag hält er das nicht mehr aus und er fliegt schweigend zurück in den Wald, in die Stille. Bis ihn so gegen ein Uhr nachts, weil da die Stille der Welt ihren tiefsten Atemzug nimmt, ihr einsamer Ruf wieder erreicht. Vielleicht ist es so und nicht anders.


Ludwig Janssen © 20.5.2018

Dienstag, 8. Mai 2018

Nachträgliche Skizze


Uedemer -, Laar- und Greven-,
Bruch, bruch, broich im Nebel
Niers, Kendel, Weeze, Kevelaer
Altrhein, Schenkenschanz

Veen, Issum, Pont und Winternam
Knotwillich, Kettingspöll
het sinn de Menze dökkers raar
‘t smerges noar denn Danz

Rees, Grieth, Warbeyen, Spyck en Spijk
gelassen strömt der Rhein
schiebt sich zur Waal in Nederland
riviertjes blijfen Ijssel, Rijn

Fietsen surren Deiche lang
Leuite, Häuiser, watt en datt
proate, praten, küren, segg ens
und jedem Schwätzer meine Stadt

Ludwig Janssen © 4.2.2007

meisterlich (aus der Scheideanstalt)



Schwefelsäure und Kritik sind lösungsorientierte Hilfen.

Ludwig Janssen © 05.09.2011.

Sonntag, 6. Mai 2018

Inpoetur


Ja, er weiß
dass Tropfen fallen
die Gestirne leuchten
Wolken ziehen

Werden
hier, jetzt, morgen

Dennoch
lehnt er eine Leiter
in den Himmel …


Ludwig Janssen © 23.09.2003

Dienstag, 1. Mai 2018

"Man sitzt zu wenig am Meer"

Sitzt einer, schaut aufs Meer
hinaus, weil in seinem Rücken
Schulden, Sorgen ihn bedrücken.
Sieht nicht, dass von gegenüber
ein andrer schaut, zu ihm hinüber
in dessen Rücken Sorgen viel
leicht ums nackte Überleben
drücken, und soeben sticht
ein Boot in See. Das sieht er nicht.

Ludwig Janssen © 1.5.2018

Mittwoch, 25. April 2018

Sphere





l                       eben  ist  vergesslich,              v
i                       elleicht  weißt du das              e
b                      en erst,  wenn alles                  s
e                      inen gang geht,  das                 e
r                      denrund steht hier, n               y
t                      rauert nicht, verbeult             
y                      mirs leib,  befreit  von             s
                        chutt, zeigt er uns  jetz            t
s                      o verletztlich  ist diese             r
t                      raurige funke mensch,             e
r                      ist eben noch eine seel             e
.                      einen atemzug später to           t


Ludwig Janssen © 22.5.2009

Freitag, 13. April 2018

Ein neuer Tag

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH



Die Strahlen der Sonne tasteten durch die Kühle des Morgens nach Millas geschlossenen Lidern. Sie erwachte. Rieb sich den Schlaf aus den Augen. Was für ein seltsamer Traum. Milla stand auf und sah nebenan nach Tarik. Das Sofa war leer, Kissen und Decke lagen auf dem Fußboden. Von Tarik keine Spur.

Milla eilte in die Küche. Der Teller war leer, das Kärtchen „Großvaters Garten“ lag daneben. Die Tür von der Backstube zum Garten stand offen, und so wunderte Milla nicht, dass auch vom kleinen schwarz-weißen Kater nichts zu sehen war. Als Milla die Tür zum Garten zuzog, fiel ihr Blick auf den See. Der lag da, ruhig wie immer, und von den winzigen Wellen warf sich reflektierter Sonnenschein in den jungen Tag wie eine längst schon erzählte und doch immer neue Geschichte, die es jedem zu erzählen galt, der zuhören mochte.

Die Torte mit dem Pflaumenbaum darin lieferte Milla noch am selben Tag aus. War die junge Frau zwar noch voller Zweifel, so hörte ihr Zukünftiger umso aufgeschlossener zu. Milla sah, wie er die Torte mit aufmerksamem Blick betrachtete und nach dem Gedicht zu suchen schien, das ihr innewohnen sollte wie ein Segenswunsch, der nicht nur dem Paar und seiner jungen Liebe galt.
Aßen die Menschen von der Torte, würden sie sich an die Liebe erinnern. Wie an eine verloren geglaubte Heimat, zu der es sie zog. Einen Großvater vielleicht. Wie an etwas, auf das sie lange gewartet hatten und das nun in ihr Leben Einzug hielt. Auf einem Esel, vielleicht. Vielleicht aber auch in Gestalt eines Stückchens Torte, das ihnen auf der Zunge verging. Wieder verloren ging, in jenem köstlichen Moment gelebten Erinnerns.

Kaum dass Milla sich wieder in ihr Fahrzeug gesetzt und tief durchgeatmet hatte, wusste sie die Geschichte um das Paar und dessen Verlobung hinter sich und dem Vergessen preisgegeben. Stunden geschäftiger Routine vergingen. Mit der abendlichen Ruhe stieg in Milla ein Gefühl der Verlassenheit auf. Der Mond ging auf über ihrem Garten und begab sich auf seinen nächtlichen Gang um das Drehen der Erde. Milla stand am Fenster der Backstube und sah ihm dabei zu.

‚Gerade so‘, ging es Milla durch den Sinn, ‚hätte ich es mir erdacht, wenn ich das könnte.‘ Ein schwarz-weißer Schatten hüpfte vom Garten her auf die Fensterbank und eine weiße Pfote tupfte ans Fenster. Das Katerchen! Rasch öffnete Milla dem kleinen Gast. Der sprang mit leisem Miu! hinein und schmiegte sich purrend um Millas Beine. Die nahm ihn hoch auf ihrem Arm, setzte sich auf das Sofa aus dunkelgrünem Plüsch. Als sie sich setzte, berührte ihre Hand etwas Kühles. Eine Zwetschge. Die konnte sie nicht übersehen haben, als sie in der Früh die Schlafstätte ihres jungen Gastes aufgeräumt hatte. Versonnen hielt Milla die Frucht in ihrer Hand, polierte sie an ihrem Pullover und erkannte auf ihrer dunkelblauen, violetten Haut das Abbild eines nächtlichen Sternenhimmels, über den in großer Höhe dünne Wolken zogen wie ferne Sternennebel. Tarik. Wenigstens ein Tarik war ihr geblieben, seufzte Milla. Was wohl aus dem Raum geworden war, zu dem sie sich geträumt hatte? Ob dessen Sterne noch leuchteten?

Milla ließ ihren Blick aus dem Fenster über den klaren Nachthimmel schweifen und lächelte.

Dienstag, 10. April 2018

Schlimme Sache




Wie aus dem Nichts kommt sie über mich. Ich weiß nicht, ob mir jemals irgendeine Seele nachempfinden kann, wie das ist. So eine Dimpression ist kein Pappenstiel, sonst würde man sie auch nicht Dimpression nennen. Sie ist vielmehr eine gestörte Wahrnehmung, das beklemmend gewisse Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Mit mir, mit meinen Sinnen, die mich im Stich lassen, mutterseelenallein mit dieser fetten Dimpression. Die mir in die Augen kriecht und von dort in mein Hirn, zu meinen Füßen ausufert, sie einschließt. Die über den Horziont hinaus läuft, in den Himmel hinein, um von dort auf mich herab zu schauen, ein kleines Würstchen mit einer Dimpression. Wenn doch nur die Sonne scheinen würde. Ein Windchen wehen. Aber es regnet. Es regnet auf meine Dimpression, es regnet in meine Dimpression und es ist kalt. Meine Füße sind nass und kalt, meine Nase ist nass und kalt und meine Hände sind es auch. Nass und kalt und Dimpression. Ich fühle, wie sie von mir Besitz ergreift; sie schließt mich ganz und gar ein - und dich lässt das alles kalt. Wie kannst du mir das nur antun? Wie bringst du es übers Herz, mich dieser Dimpression auszuliefern? Du bist Teil meiner Dimpression. Kannst ja gar nicht anders. Nur ich, nur ich selbst kann mich aus dieser Dimpression retten. Ich stecke meine nasse, kalte Nase in dein Ohr, stecke meine nassen, kalten Hände in deinen Nacken und ich hole mir das fehlende Stran aus deinem Quieken, von deinem warmen Rücken pflücke ich es mir, halte es gegen die Dimpression - schon ist die Welt in Ordnung. Du windest dich, nennst mich Blödmann - aber das macht mir doch jetzt nichts mehr aus. Hauptsache, dass ich diese verflixte Dimpression losgeworden bin. Alles ist in Ordnung, die Welt habe ich im Döschen und ein Stran für meine Dimpression. Jetzt ist sie schön, auch bei Regen. Komm, lass uns das gemeinsam genießen - da hinten ist Arngast, wir sind komplett!


Ludwig Janssen © 22.3.2007