Montag, 20. März 2017

Eckenwind


Siehst du den kleinen Eckenwind
dort an der Ecke stehen?
Ganz schabernacktes Eckenkind
will er dort, wo Ecken sind
um diese Ecken wehen.

Eckenwinde sind gemacht
zu diesem einen Zwecke:
An den Ecken anzustehen
und um diese rumzuwehen
einmal wild, dann wieder sacht
um wirklich jede Ecke.

Flattert dir etwas davon
(ein Blatt, das Herz, der Hut)
hat er es mitgerissen:
Wirst nicht schreiben, leiden, reisen
als Häscher ihm die Zeit vertreiben
auch nicht an der Ecke bleiben
und auf andre warten müssen.

Eckenwindgeschwind-Ichkeiten
sind Wirbeln um sich selbst
dem du hinterherläufst, wenn
du deinen Sinn an Ecken stellst
wo ebenjener Eckenwind
der splitterschabernackte
noch jedes Herz und jeden Hut
zu wildem Spiel sich packte.

Siehst du den kleinen Eckenwind
dort an der Ecke stehen?
Ganz schabernacktes Eckenkind
will er dort, wo Ecken sind
nur um die Ecke wehen.


Ludwig Janssen © 12.6.2007

Sonntag, 19. März 2017

Die Sache mit dem Ding Dong


Meine Freundin reduziert mich immer auf mein Ding Dong.
Halt!
Wer jetzt meint, es ginge um Sex, irrt.

Doch wer von euch hat ein Klangspiel vor dem Fenster? Nur Mut!

Und wer gibt zu, manchmal im wohligen Dämmerzustand zwischen Lummerland und Schlummerland darauf zu lauschen, aus dem Dingdong der Röhrchen etwas von Bedeutung herauszuhören?


Ding-Dong ist Weisheit. Ding-Dong beinhaltet eine in sich geschlossene und erfüllte Philosophie. Klangtechnisch. Nicht etwa die von Ding und Dang, nein. Die Weisheit des Ding-Dong besagt, dass wir eher "dings" sind, verloren und auf der Suche nach dem wahren "DONG". Dabei füllen wir uns an mit lauter „dong“, „ding“ und Dingen, die eher Dung sind und körperlichem Ding zuträglicher als geistigem Dong. Ja, ja - unser ewig Suchen nach dem passenden „ding“ zu unserem „dong“, nach dem DONG, das wir ersehnen und fürchten zugleich, das wir lieben und doch weit von uns schieben.

Doch was wäre das Ding ohne Dong?

Nur Ding wäre es, bliebe es
und ginge den Weg aller Dinge,
die sich schon in so etwas profanem wie
Raum und Zeit - verlieren
oder spätestens mit ihnen.

“Ding-Ding“ überall. Laut sind die Dinge unter sich, omnipräsent lästig. Und das kleine „ding“ in uns lauscht vergeblich auf Antwort.

Neulich, es war Dingstag oder Dongtag, hörte ich, dass Ding Dong eine weiße Frau geschnappt und sich auf ein Hochhaus zurückgezogen hätte. Dort würden Flugmaschinen um seine schmächtige Gestalt kreisen und auf das Ding schießen. Der Mensch kann wohl nicht anders. Weil er nicht begreift, was sich da tief in ihm nach Erfüllung sehnt, schießt er es vorsichtshalber über den Haufen, wenn es sich draußen blicken lässt.

Wenn euer „ding“ jetzt ein klitzekleines „dong“ erfuhr, und ich meine jetzt das kleine „ding“ tief in uns, dass sich nach dem großen DONG sehnt: Die Dinge dingt dongpliziert, dungdänglich wie das Dungiversum. Dung edängso dungerklärlich, dongseidang.

Wir sind das Ding.

Donggggggg…
Ludwig Janssen © 21.4.2007

Donnerstag, 16. März 2017

Wer ist pro Sa?



ich bin für sie da, die Sa, jedenfalls eingestellt und sie mag es am Stück, selbst Scheibchenweisen, und deren Waisen zieht sie behutsam die Umbrüche aus den kleinen Hintern und fügt sie. Zusammen. Darf sie das? Fragt sie das? Nach? Ach so, Sa, pro Sa zu sein ist Prosa, Prosamen, Prosamensch, rosa, Mensch, Rosa! Ek sall jej kussen! Daag! (verabschiedet sich Herr van Veen).


Ludwig Janssen © 29.4.2006

Mittwoch, 15. März 2017

Bäume zweifeln


Natürlich sieht man ihnen das nicht an. So wie mir. Doch ich weiß, dass sie zweifeln, wenn sie sich tief ins Erdreich tasten, weiß, dass sie dort suchen, nach Halt und sich stoßen an kalten Steinen. Dann halten sie inne. Niemand weiß, wie lange das so geht, doch es darf nicht lange dauern. Kaum jemand denkt darüber nach. Sieht ja auch niemand. Und schon wachsen die zarten Wurzelspitzen der Riesen weiter in die Tiefe, dem Wasser nach und fliehen mit diesem Teil ihrer Wesenheit das Licht.

Neulich, nach einem Sturm, da sah ich einen liegen. Den hatte es erwischt. Ich sah, um wie viele Steine sich seine Wurzeln schlossen. Als könne er nicht loslassen, selbst jetzt, wo der Wind ihn, der vielleicht endlich über sich und, mag sein, auch über das Maß hinaus gewachsen war, aus dem Boden voller Felsen und aus all den Steinen hatte hebeln können. Ein großer Stein unter den vielen erinnerte mich an dich.

Steinige Böden sind nichts für Bäume, sind was fürs Gras über Angelegenheiten. Bäume suchen sich das nicht aus. Wenn sie nicht verdorren, wachsen sie nicht wegen, sondern trotz der Steine. Nur der Sturm, der reißt sie nicht trotz der Steine, sondern wegen der Steine um. Wenn der Baum so weit ist.

Den Baum da im Wald hat das nie gekümmert.

Morgen kommen die mit der Säge. Oder übermorgen oder spätestens irgendwann.


Ludwig Janssen © 14.9.2007

Dienstag, 14. März 2017

Ein Häppchen November

Heute Morgen, ich stapfte gerade die Weide hoch zum Melkstand, bemerkte ich, wie meine Nase in eine Wolke tupfte. Das fühlte sich schön kühl an und es kitzelte auch ein wenig. "He!", war alles, was mir dazu einfiel.

Ich glaube, dass sie sich erschreckte, denn sie waberte ein Stückchen zurück und hüllte sich in graues Schweigen. "Brauchst keine Angst haben", flüsterte ich in die feinen Nieseltropfen und tauchte nun auch mein Gesicht in sie ein - bis über die Ohren.

Jetzt konnte ich sie auch hören, setzte mich auf einen umgekehrten Melkeimer und lauschte.
Kaum hörbar leise erzählte sie mir, dass der Himmel sie und ihre Schwestern aus den Nebeln längs des Regens herauszitiert und ihnen aufgetragen hätte, sich vor ihn zu schieben.

"Wieso das denn?", fragte ich ebenso leise, wollte ich doch nicht ihre feinen weißen Tröpfchen verwirbeln. Da saß ich also, den Kopf in einer Wolke, und hörte mit offenem Mund, dass der Himmel es einfach leid war, seiner Bläue wegen als einfallsloser Langweiler tituliert zu werden.

"Mahlzeit!" Mehr konnte ich nicht erwidern, denn mein Eimer kippte um, ich purzelte den Berg hinunter und blieb rücklings im nassen Gras liegen. Ein paar Kuhgesichter beugten sich interessiert und wiederkäuend zu mir hinunter, schnauften mir warm ins Gesicht.

Das war alles. Gut, dass sie mich nichts fragten, denn ich hatte doch diesen kleinen Fitzel Wolke im Mund.


Ludwig Janssen © 12.11.2005

Autos und Abgase



Die Katze ist rüber zum Nachbarn.
Ich sah sie im Sonnenfenster sitzen.
Kriegt, weiß ich, frisches Herz und

Dazwischen täglich Berufsverkehr
sechsspurig auf der Autobahn nachts
ist auch viel los und sie so zutraulich

Wenn es hell wird, schaue ich nicht
mehr auf dieser Seite aus dem Fenster
Ich will nicht wissen, ob sie vielleicht


Ludwig Janssen © 30.1.2008

Montag, 6. März 2017

Das Meer im Gurkenglas

Neulich lief ich zum Meer und schöpfte ein Gurkenglas voll davon. Daheim angekommen stellte ich es auf die Fensterbank und betrachtete, was ich nun "mein" nannte - das Meer im Gurkenglas.

Als ich nun so saß und in mein Meer schaute, sah, wie die Schwebteilchen darin taumelnd zu Grunde sanken, brach draußen die Sonne durch die Wolkendecke. Gerade so, als ob sie einen Teil ihres Meeres vermisst hatte, brach ihr Strahlen sich in der Wand des Gurkenglases, erfüllte das Meer darin und legte sich in schillernden Regenbögen aufs Fensterbrett.

Durch diese Regenbögen zog ein winziger Wirbel seine Bahn, im Kreis, der Wand des Gurkenglases nach. Mir war, als ob wer dort schwömme. Da beugte ich mich über das Glas - und tatsächlich schwamm dort eine winzige Gestalt, ein Schemen, der wohl von den Farben der Regenbögen nichts annehmen mochte und sich aus Meer und Gurkenglas zu retten suchte.

Ich schraubte den Deckel aufs Glas und stelle nun die ganze Angelegenheit hierher, dass du ...

Ludwig Janssen © 6.3.2017

zur Inspirationsquelle auf "isla volante"

Aus einem Gedicht

Mein lyrisches Ich wäre
gern deines, komm, lies
dies, laut: Ich wäre gerne
Du in meinem Geist, frei
singt es dein Lied.

Ludwig Janssen © 6.3.2017

Sonntag, 5. März 2017

Äußerung, fernmündlich

Geben vom Glas des Goldfischglases
Der Innenseite der Äußerung Mensch
Und sagen, es sei vom Innersten

Grenze Gewissheit eines Kerns, der
Aussage eines Haltlosen, dem Menschen
Selbst, völlig unbekannt, lichtdurchlässig

Die Hülle allen Wahrnehmens und doch
Niemals transparent, das Ungewisse
Tief in und um uns ewig Ahnungslos


Ludwig Janssen © 31.7.2009

Donnerstag, 2. März 2017

Aus dem Vergestern

Erinnerst du dich?

Irgendwo dort
war es das erste Mal
Die Sommerlandstraße
noch im Schatten der Pappeln
und ich ringsumher du
am Anfang und ich
am Ende meines Sommers
gehörtest du mir.

Irgendwo hier
in der Mitte
eines anderen Sommers
hörst du mich wieder
in den Grannen knistern
bis ich vergehe
in Messern und Haspel
Trommel und Diesel dröhnen.

Jederzeit Sommer
Hörst du mich knistern
im Schaum des Weizens
siehst du mein Gold
und Sonnenlicht funkeln
Findest du mich
in duftendem Brot
immer wieder

Ährenwort?


Ludwig Janssen © 15.7.2005