Dienstag, 6. Dezember 2016

Unaufdringliche Weißheit über Gedichte in Literaturforen (Kritik)


Bei manchen Gedichten lässt man von seinem Lesen, so man es ausdrücken kann. Bei anderen wieder schreibt man nichts von alldem darunter, weil sie es nicht wert sind oder ihr Autor sich bereits als jemand erwies, der sich selbst genügt und nicht mehr will als gelesen sein … und bestätigt werden.

Manche Gedichte strahlen genau das aus: Sie genügen sich selbst und wollen nicht mehr als das - und gelesen sein. Solche Gedichte sind selten.

Sie tragen vom Filigranen des Weißen an und in sich, zelebrieren das Wort, verströmen vom Duft des Sprachvermögens ihrer Ausdenker – ohne danach zu stinken. Man liest ihnen an, dass jedes Wort seinen Platz fand – und folgt offenen Mundes, liest ihre Worte übermütig koppheister gehen – und lächelt ihnen zu. Andere wieder verschließen sich, starren, harten aus, vor, mit – Wort – und man liest sich wund.

Es kommt vor, dass darinnen ein lyrisches Ich aufgestellt ist. So ein lyrisches Ich, das sein darf, was und wie es ist – das lyrische Ich dieses einen Gedichtes, wOrt, nicht mehr, doch genug, einem Leser zu sein. Zu sein? Zu sein. Das genügt.

Es gibt Dilettanten, die geben vor, das lyrische Ich sei der lyrische Teil ihres Ichs und gehöre ihnen. Unter diesen findet man auch die Sprachwurster, die insgeheim überzeugt sind, dass Lyrik einfacher zu schreiben sei als Prosa. Sobald die Prosa schreiben, bleibt ihrer bigotten Ignoranz nicht einmal dieses Baströckchen.

Ihre langweiligen Texte schreiben, geben vor, müssen schreien ich ICH, Ich … manche wimmern i i i c h so gewollt unabsichtlich wie gekonnt, erinnern den leidgeprüften Kenner im Abgang an Gollum und daran, dass auch der letztendlich zu etwas nütze war.

Ja, ja. Mit dem Schreiben, dem Verfassen von Lyrik, der Weißheit darin und der Weisheit verhält es sich so wie mit dem Schwarzbunten Niederungsrind und dessen Weißheit als solcher und im Besonderen: Mal ist sie hier, mal ist sie dort. Mal ist weniger, mal ist mehr zu erkennen. Mal ist sie am Kopf, mal ist sie am Arsch zu finden, meist auch irgendwo dazwischen. Und wo die Kuh schwarz ist, ist keine Weißheit, aber selbst diese Erkenntnis ist so weise wie der Umstand selbst in Ordnung.

Doch niemand, selbst in einem Literaturforum nicht, sollte und darf sich erdreisten, unter schwarzbunten Niederungsrindern einer Kuh abzuraten, auf die Weide zu scheißen. Genau an der Stelle, wo sie steht, so viel, wie – und: was sie kann.


Ludwig Janssen 6.7.2010, überarbeitet 4.12.2016 

Montag, 5. Dezember 2016

Der Morgen ist kühl

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH



Ratur schwang sich aufs Rad, stemmte sich energisch in die Pedale und fuhr aus der Stadt, der aufgehenden Sonne entgegen. Die kühle Morgenluft umfing ihn in tröstlicher Umarmung, strich sein
Haar zurück, legte sich auf die erhitzten Wangen und schmiegte sich vom Hals her die Brust entlang unter sein Hemd.

Die Nacht hatte den Horizont wieder hergegeben und seinem Spiel mit Nähe und Ferne überlassen. An die Enge der Stadt folgten weitläufige Ackerflächen und Weidegründe. An den Grashalmen glitzerten ungezählt glasklare Tautropfen, in denen die Welten ringsum sich spiegelten. Jede in ihrem Tautropfen um eine Idee anders als die anderen, auf den Kopf gestellt. Jede mit einem Ratur darin, der eine Allee entlang radelte …

Srrr…

Vertraut das Geräusch der über den Asphalt rollenden Reifen, das der über Kettenrad und Zahnkranz surrenden Kette und das helle Sirren der Speichen. Ratur genoss es. Sah seine Beine auf und nieder takten und fühlte sich Strecke machen, vorankommen. Fühlte, wie seine Atemfrequenz zunahm, sich vertiefte, wie die kühle Luft über die weit geöffneten Nasenflügel einströmte und an die Bronchien reichte, bis mit zunehmender Strecke sich der Mund öffnete und sein Atmen noch lauter hörbar wurde.

Die Fahrt heute empfand er ganz anders als die gestrige, als es ihn vom Meer heimwärts zog und die Nacht ihn einholte, sich um ihn schloss. Nicht Heimkehr war es, die den Oberton seiner Gedankengänge ausmachte, Aufbruch, Aufbruch durchströmte ihn mit jedem Herzschlag, jedem Atemzug, jedem Auf und Nieder seiner Beine. Es zog ihn, zog ihn ans Meer.

Auf halber Strecke führte sein Weg ihn durch ein Waldstück. Fichten. Die nahmen dem Morgenlicht  von dessen Glanz und der Klang des dahineilenden Rades brach zwischen den alten Stämmen und tief hängendem Geäst. Ratur ließ das Rad auslaufen, seine Beine sich erholen, seine Gedanken schweifen.

Das Weiße, das zu Denkende. Was davon mochte wohl in den Bäumen ringsum darauf warten, erzählt zu werden. Welche dieser Fichten mochte wohl eines Tages in einem Kamin knackend vergehen, welche in einer Violine weitererzählt werden? Welches noch zu spielende Lied schlummerte in einem dieser Bäume? Welche ihrer vielen Jahre würden, das Holz zu Papier verarbeitet, niemals erklingen?

Das Dunkel des Waldes lichtete sich. Die Allee hatte ihn wieder. Die Sonne war unterdessen weiter gestiegen und ihre Strahlen hatten mittlerweile genügend Kraft gewonnen, dass sie Raturs Schultern und Rücken wärmten.

Srrr…

Ans Meer, srrr… ans Meer.

Sonntag, 4. Dezember 2016

Piktolyrik, № 28 (Zirkelschneck)



@ï°


zirkel@ï, allein
in mildem m°ndenschein
schreibt ein winziges gedicht:

@ï°

... mehr braucht es nicht.


Ludwig Janssen © 1.12.2016

Samstag, 3. Dezember 2016

Der Tacheles und ich


Neulich, die Sonne schien noch warm und der Tag hatte ein Lächeln für mich übrig, da traf ich den Tacheles in Regensburg, wie er durch die Altstadt hetzte. Servus, was machst denn du hier, rief ich ihm zu und er hielt inne, erkannte mich wieder und kam zu mir. Unterwegs, meinte er, immer im Stress, immer bissi busy. Gestresst war er. Gar nicht gut schaute er aus, der alte Tacheles. Zaunnageldürr, blass, die Haare hingen in Strähnen von der Stirn, sein Blick flackerte unruhig aus tiefen Augenhöhlen und die Haut schimmerte bläulich aus faltigen Schluchten.

Und – wie laufen die Geschäfte, Tacheles? Immer schön freundlich sein, dachte ich mir, Tacheles kann bekanntlich ziemlich ungemütlich werden.
Der dürre Kerl grinste zufrieden:
Alles bestens! Ich komme viel herum, bin ja Allerweltssprachler, der Universalschlüssel zur Lösung zwischenmenschlicher Probleme und kenne alles und jeden durch und durch. Man liebt mich! Ich bin die unverblümte reine Wahrheit, ich bin der, der unbedingt gesagt gehört – ich bin ihr Gott! Und neben mir, du weißt schon –

Du arrogante Sau, dachte ich so bei mir.

Die stille Aussprache unter vier Augen kam mir in den Sinn und wie schön sie ist, wenn sie ihr langes, geduldiges Wort offen trägt.

Ich habe’ auch keine Zeit, wollte er mir schon davonspringen, doch ich hielt ihn an der Jacke und lud ihn ein, sich zu mir zu setzen. Das Straßencafé hatte die Bestuhlung noch nicht verräumt, die Bedienung war hübsch, das Wetter schön, und so lud ich ihn ein auf eine Tasse Tee. Tee ist gut, meinte Tacheles, da hab ich Pause, da will niemand mich reden. Da wird nur „geplaudert“, zog er verächtlich die Mundwinkel nach unten.

Da saß ich also mit dem Tacheles an einem Tisch, mitten im Getümmel, und die Leute schauten ein wenig irritiert zu uns herüber. Nicht einer wagte es, mich auf den blassen Tacheles an meiner Seite anzusprechen. Fühlt sich ein wenig nach Respekt hat, dachte ich. Natürlich setzte sich auch niemand zu uns, aber das störte nicht weiter.

Ja, gönn’ dir doch mal eine Auszeit, verströmte ich schultafelgrüne Gelassenheit, schob ihm den Zucker rüber und fragte, warum er nur so dermaßen gehetzt wirke.

Tacheles schaute mich groß an. Ja, hast du denn überhaupt eine Ahnung, was ich durchmache? Die ganze Zeit will mich wer reden, natürlich nicht, wenn’s mir passt, sondern wenn er meint, dass die Gelegenheit günstig wäre, und so hetzte ich von einem „günstigen“ Zeitpunkt zum nächsten. Dann redet man mich einfach drauflos, und ich allein soll die Karre aus dem Dreck ziehen. Und noch schlimmer – meistens versetzt man mich, kaum dass ich da bin, lässt mich fallen, sogar vorsätzlich und aus gutem Grund!

Dabei …

Sag mal, Tachilein (das Flackern in seinen Augen wurde zum Flimmern), warum auch lässt du dir das gefallen? Worte sind doch nur Schall und Rauch – und wenn du das noch länger mitmachst und dich von jedem Heini daherreden lässt, blüht dir dasselbe. Schließlich wirst du ja bloß daher geredet und weder gemalt oder gehört. Überhaupt, hat schon mal irgendein Mensch erklärt, dass er dich gehört hätte, hä?

Verschwörerisch beugte ich mich zu ihm hinüber. Alter, raunte ich, das geht auf Dauer nicht gut aus mit dir. Das darfst du dir nicht gefallen lassen, legte ich meine Hand auf seine kalte Pratze. Und hat dich schon irgendwer ernst genommen, war da auch nur einer dankbar, dass du immer zur Stelle bist und er dich der Welt vor die Füße rotzen kann?

Sah so aus, als würde Tacheles nachdenken. Ich hakte nach:

Fällt dir nie auf, dass das Schwätzer sind, die dich da reden, die sich nicht darum scheren, ob du auch willkommen bist, angenommen wirst, redete ich mich in Rage.

Tacheles hob beschwichtigend die Hand, als wolle er etwas einwenden.

Die schwadern eine Blase nach der anderen, blubbern dich einem anderen um die Ohren, der sich aber nur so was von einen Schoaß für dich interessiert, dass du in der Mitt’n verreggst.

Tacheles zuckte sichtlich zusammen, drückte sich im Stuhl nach hinten.

Und das alles keena deise Windbeidl, dei gscherten Zwiedawuazn nur mocha, weilst dou des mit dir moocha lässt, du Oaschlooch!!!

Jetzt kippte Tacheles mitsamt Stuhl hintüber und klatschte mit dem Hinterkopf aufs Pflaster, dass es nur so knackte.

Lag da und glotzte.

Ja, was starrst du mich so an? Bin etwa ich hier das Hirngespinst? Wie ist das, wenn man so den Spiegel vorgehalten bekommt, hä? Ich will ja nur dein Bestes, Alter, aber es wurde höchste Zeit, dass dir jemand sagt, was Sache ist! Tacheles’ Gesichtsfarbe wechselte von blassblau zu gelbgrün.

Er rappelte sich hastig auf, stolperte über den Stuhl, den er, rücksichtslos wie er ist, natürlich hatte liegen lassen und nestelte an seiner speckigen Westentasche: Ach, mein Pieper, muss los, da will mich wieder wer – Tschü - hühsss …

Ja, ja, holte ich Luft, doch Tacheles sprang schon die Untere Bachgasse hinunter und verschwand in der Menge. Wahrscheinlich völlig aufgelöst in Schall und Rauch.

Derweil kam das Lächeln unter vier Augen auf mich zu und nahm mich tröstend in sein offenes Wort.

Also, wenn da wer mit dir, du weißt schon, bestell Tacheles einen schönen Gruß von mir …


Ludwig Janssen © 6.10.2007

Mittwoch, 30. November 2016

Bobel


Sie sitzen
und lachen

Kainer
und
Niamant

seltsame Brüder
seltsames Land.


Ludwig Janssen © 25.4.2007

Montag, 28. November 2016

Einem neuen Tag entgegen

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH


Wieder verschwand der Kater und ließ Ratur alleine zurück. Der drehte sich auf dem Sofa zur Seite und schloss die Augen. Schwarz. Was sonst? Der ihn ausdachte, machte seine Existenz am Funktionieren seiner Sinne fest und meinte, dass, würde er einst enden, alles enden würde in Stille und Dunkel. Doch nicht einmal die, dämmerte Ratur, würde es geben, müssten sie doch erst einmal gedacht sein, aus dem zu Denkenden hervor gedacht.

Die Welt hatte sich, derweil Ratur auf dem Sofa gelegen hatte, weitergedreht. Hatte sich nicht um Ratur gedreht, dass der unverändert geblieben wäre, sondern hatte sich gedreht mit Ratur auf ihr und in ihr eingeschlossen. Die Strahlen der aufgehenden Sonne woben zunächst Licht ins Dunkel, dann Farbe. Allgemächlich fluteten Licht und Farben Raturs Zimmer, Raturs Welt, Helligkeit sickerte durch seine geschlossenen Lider. Hob ihn aus dem nachtblauen Sofa.

Schweigend ging Ratur in die Küche, brühte einen Kaffee auf. Während er den Kaffee schlürfte, die Tasse in seiner Rechten, betrachtete er seine linke Hand. Drehte und wendete sie. Einerlei, ob er nun Mensch war oder literarische Gestalt, er bestand aus kleinsten Teilchen, die sich zueinander und ineinander gefügt hatten, die er wahrnahm aus deren Wechselspiel untereinander und dem mit seinen Sinnen. Aus Impulsen, die entstanden aus seine Nervenfasern entlangrasenden elektrischen Entladungen, reflektierten Photonen und deren Einschlägen, deren Rezeption. Und unermesslich viel leerem Zwischenraum. Aus Teilchen, von deren gehäufter Aufenthaltswahrscheinlichkeit sich das manifestierte, was er Körper nannte oder … die Geschichte. Seine Geschichte. Die, die ihn erzählte, und auch die Geschichten, die aus ihm entstanden und aus der Tatsache, dass sie in anderen Welten als der seinen fortgeführt wurden.

Wo, fragte sich Ratur, wäre da Platz für ein Ich? Ob das Ich ein Raum wäre, so wie eine Geschichte ein Raum ist, der erzählt sein will, zu Ende erzählt, um sich zu erfüllen?


Ratur schwieg. Suchte seine Siebensachen zusammen, zog die Tür hinter sich ins Schloss und ging die Stiegen hinab zu seinem Rad, das an der Hauswand lehnte.

Mittwoch, 23. November 2016

Die 26 Krähen der Bess D.


Sechsundzwanzig Krähen, / Flattern hinaus auf die Felder / aus Winterfrucht und Winterfurche / trugen sie zusammen / in ihren Hälsen, Kröpfen, Mägen / zurück auf den Schlafbaum / Plustern im Dustern / rückt die Welt zusammen so / weit die Krähen flogen

Da werden Welten zusammengelegt, jede ein Stück zum Ganzen.

Pappeln, ich sah sie sich über Pappelhainen sammeln, in die sie mit der Dämmerung einfielen. Schlafbäume nennt man das. Sie haben sich viel zu erzählen, meint man, krah, krah - und sechsundzwanzig sammeln sich nachts in meiner Schlaflosigkeit, sagen Sòrrr und anderrre Dinge.

Bloß nicht lieben bleiben, bloß nicht liegen bleiben …


Gleich kommt das Bäckerauto ins Dorf, mein Luxus dieser Woche werden zwei Käsestangen sein ... mnjammi ... (Im Hinterkopf rechne ich bereits aus, dass ich für jede mindestens fünfzehn Minuten laufen werden muss, um zu verbrennen, was sie mir einbringen.) Laufen, verbrennen, was man in sich hineinfraß. Verbrennen.

Krahja, sagten sie, hast’ es gelesen?

Sechsundzwanzig Krähen, / Flattern hinaus auf die Felder / aus Winterfrucht und Winterfurche / trugen sie zusammen / in ihren Hälsen, Kröpfen, Mägen / zurück auf den Schlafbaum / Plustern im Dustern / rückt die Welt zusammen so / weit die Krähen flogen

… Sechsundzwanzig schwarze Krähen auf der Tastatur … 

Sechsundzwanzig Krähen, / Flattern hinaus auf die Felder / aus Winterfurcht und Winterfurche / tragen sie zusammen / in ihren Hälsen, Kröpfen, Mägen / zurück auf den Schlafbaum / Plustern im Dustern / rückt die Welt zusammen, soweit die Krähen flogen

Laufen, verbrennen, was man in sich hineinfraß. Krahja, sagten sie, hast’ es gelesen?... 

Sechsundzwanzig sammeln sich nachts in meiner Schlaflosigkeit, sagen Sòrrr und anderrre Dinge. Sòrrrgen und andre Dinge. Sòrrrgen.



… Fressen ihn die Raben


Ludwig Janssen © 19.2.2008

... Komm!



Für ein Klopfen, nicht länger
auf der Innenwand Graffiti
Flügelschlag im Dunkel – Pflaume
und schon ist es fort

Löste sich wohl im warmen
Rot, getragen durchs Geäst
schrieb Sternanis ins Hirn
Birnen und Orangenblüte

Wiegt aus Pottwalen sich auf
dem Meer in Sonne und Salz
Ein schwarzes Hirschlein
auf Alabaster springt es davon:


Ludwig Janssen © 2.6.2009

Montag, 21. November 2016

Sein oder Nichtsein

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH

Noch immer lag Ratur auf dem nachtblauen Sofa aus Plüsch, nur dass seine Rechte nicht mehr in luftiger Höhe, sondern in seiner Hosentasche tastete, nach den Schneckenhäuschen tastete, die er am Nachmittag mitgenommen hatte vom Strand. Er zog sie hervor. Die meisten hatte es auf dem Weg vom Meer in die Stadt zerrieben. Wie es verlassenen Schneckenhäuschen, die man sich bewahrt, nun einmal so ergeht, waren sie auf der Strecke geblieben. Irgendwo unterwegs. Das, was sie ausmachte, war unwiederbringlich zerstört, nicht so der Stoff, aus dem sie bestanden hatten.

Eines der Schneckenhäuschen hatte den Tag überstanden. Ratur rollte es zwischen den Fingern, betrachtete es, wog es in seiner Handfläche und fuhr damit seine Gesichtszüge entlang. Er fragte sich, was, wäre er ein Schneckenhaus, mit ihm geschähe, wenn seine Geschichte erzählt und vergessen wäre. Keine Antwort. Die Stimme aus dem Abseits war verstummt. Kein Kater, der es sich auf Raturs Bauch gemütlich machte und sich dort mit Raturs Atmen wiegte.

Ein Schneckenhaus sollte er sein? Ein Schneckenhäuschen, entstanden in einem Schneckenhäuschen. Viele und – keines. Nicht aus Aragonit bestehend, sondern aus Geschichten von – und deren Weiterdrehen in – anderen Menschen. Eine Welt, die, scheinbar aus dem Nichts entstanden und aus sich selbst verständlich, in eben solchem enden könnte, jedoch ohne sich darin zu verlieren. Weil er, ungeachtet des einen, unwiederbringlichen Untergangs, in vielen anderen Welten existent bliebe.

Ratur erinnerte sich an seinen Tag am Meer und daran, wie unendlich weit ihm dessen Wogen erschienen war. Welle an Welle, Tropfen an Tropfen. Daran, dass es über dem Meer geregnet hatte. Dass Wolken feinster Wassertröpfchen über seinen Kopf hinweg landeinwärts gezogen waren und mit dem Grundwasser unter seinen Füßen den Gezeiten folgten. An den Horizont erinnerte Ratur sich und wie dieser, je nachdem, aus welcher Perspektive Ratur nach ihm suchte, nah war und fern schien – doch zugleich unerreichbar blieb.

Ratur spürte in sich hinein, seiner Angst nach, sich zu verlieren. Vergessen werden. Wie sich das wohl anfühlen würde. Zumal es sich auf nur eine zerbrechende Welt bezöge und …

Druck. Schwer und schwerer lastete er auf seinem Bauch, seiner Brust. Schnurrte. Wie aus dem Nichts materialisierte der rote Kater und schaute Ratur aus großen Augen an:

Wenn du gehst, Ratur, wenn du endest, irgendwo, irgendwo unterwegs endest, Ratur, in Vergessenheit gerätst, Ratur, dann gehst du zurück in das Weiß, aus dem heraus du entstandest.

Schön, dass du wieder da bist, Kater. Warst du in jenem Weiß?

Ich wurde daraus, doch kann ich im Weiß nicht sein, weil ich nicht mehr bin, wenn ich ins Weiß gehe. Alles ist Weiß, Weiß ist alles. Das Ungedachte. Das zu Denkende.

So wie Menschen?

Die Menschen meinen, dass sie, wenn sie enden, ins Dunkel gehen. Dass sie sich auflösen. Sie nennen es Tod. Ihnen wird schwarz vor Augen, ohne Wiederkehr, und sie gehen ins Schwarz. Manche hoffen, in ein Licht gehen zu können, weißes Licht, also ins Weiß. Dabei zerfallen sie lediglich in ihre Bestandteile.

Sie zerfallen in ihre Bestandteile? So wie wir?

Nein, Ratur, anders. Du bestehst in ihnen, gehst in ihren Geschichten, und endest, mit jeder Welt, die ohne dich ist, im Vergessen. Doch solange Menschen sich Geschichten erzählen, sie niederschreiben, werden literarische Gestalten wie du und ich auf – und aus dem Weiß entstehen, Schwarz auf Weiß, in steter Wiederkehr. Doch zugleich unsterblich sein im Erinnern vieler anderer. Daher sind wir keines und viele, wenn du uns mit dem Schneckenhäuschen vergleichst, das du in deiner Hand hältst. Wir kamen aus dem Weiß und aus dem Schwarzen auf dem Weißen stehen wir auf.

Und Menschen?

Menschen bestehen aus Körper, Geist und Seele – und diese Dreieinigkeit verliert sich, gerät aus dem Zusammenhang, unwiederbringlich. Der Geist, an die Existenz des Körperlichen gebunden, verliert sich zuerst, und damit enden Persönlichkeit und Integrität. Dann der Körper, der verwest. Die Seele – man glaubt und hofft, dass es die gibt, sei unsterblich, heißt es. Sie bleibt. Sie ist das Licht, ein göttlicher Funke.

Licht?

Ja. Das Weiße im Schwarzen, des Menschen Dunkel.

Dann ist die Seele so etwas wie das zu Denkende?

Eher so etwas wie das Gedachte, Ratur. Ohne den Menschen dann wieder das zu Denkende im zu Denkenden.

Dann haben auch die Menschen einen – Ausdenker?

Sie hoffen es, hoffen, nicht in Vergessenheit zu geraten. Hoffen auf Wiederkehr, darauf, neu erzählt zu werden, auf eine neue Geschichte mit ihnen darin. Hoffen, weiterzuleben in ihrer Seele.

Und die geht ins Licht, die Seele?

Wenn sie geht, wenn – geht sie ins Weiß, Ratur.

Dann …

Ja, Ratur?

… ist die Seele, wie wir, literarische Gestalt?


Ja, Ratur. Zumindest dann, wenn man von ihr erzählt als von etwas, um dessen tatsächliche Existenz man nicht weiß, ergeht es ihr so wie uns literarischen Gestalten.

Samstag, 19. November 2016

müdes Gedicht



nach …
der Jugend
der Liebe
den Kindern
der Arbeit
dem Herschenken
dem Verlieren
… Hause


Ludwig Janssen © 22.9.2005