Dienstag, 25. September 2018

Pomme Perdue und die fliegende Insel




Pomme Perdue war eine nachdenkliche Frau. Sie liebte Spaziergänge. Und die führten sie gewundene Feldwege entlang die Hügel hinauf durch Wiesen und Wälder zu einer großen Lichtung, auf der es sich wunderbar im Gras lag und über die Wolken mit dem Wind zogen wie eine Geschichte.


Eines Tages, es war im Spätsommer eines heißen Jahres, lag Pomme Perdue dort und sehnte sich ins Blau des Himmels. Der Sommer neigte sich dem Ende zu und Pomme wusste, dass schon bald Regenwolken über den Himmel jagen und ihn mit bleiernem Grau fluten würden. Noch war Sommer.


Pomme Perdue lag also da, betrachtete die träge dahinziehenden Wolken. Reckte den Zeigefinger in die Höhe. Fuhr die Konturen der Wolken entlang, sehnte sich ins Blau und gab den Wolken Namen von Geschichten, die unerkannt mit ihnen zogen und irgendwo zu Boden regnen würden.


Eine der Wolken glich einer fliegenden Insel. Einen Leuchtturm machte Pomme Perdue darauf aus, von dem der Wind winzige Möwen löste und dann wieder verwirbelte. Am Strand wiegten Boote und hinterm Deich wiegten sich Weiden. Pomme seufzte. Reckte nun auch den anderen Arm empor.

Und wie unsere Pomme Perdue so seufzte, die Arme wie zu einer Umarmung zu der Wolke empor gereckt, da geschah es, dass der Atem eben dieses Seufzers ihre Arme entlang strich und ins Blau des Himmels stieg. Dort, wo er seinen Weg zu den Wolken nahm, verblasste das Blau ein wenig.

Nicht genug, dass das Blau des Himmels im Seufzer Pomme Perdues erblasste, auch ihre Arme veränderten sich dort, wo der sehnende Seufzer sie berührte. Nahmen vom Blau des Himmels an. Ganz allmählich, und doch mit eben jener Geschwindigkeit, mit der die Wolke über ihr dahinzog.

Du erwartest, dass Pommes Perdue erschrak? Dass sie aufsprang? Dass sie Wolke Wolke sein ließ, den Himmel Himmel - und Hals über Kopf von der Lichtung den Wald hinaus, die Wiesen hindurch und den Hügel hinab heim rannte und sich das Blau aus den Armen wusch? Nein. Im Gegenteil!

Pomme Perdue war nicht nur eine nachdenkliche, sondern auch ein mutige Frau. Und so lag sie ganz gelöst auf der Lichtung, fuhr mit den Händen die Konturen der fliegenden Insel nach, die ja eigentlich ein Wolke war, und spielte mit den Möwen, die der Wind vom Leuchtturm zupfte.

Wie sie so da lag, mit der Wolke spielte und der Geschichte, die sie Pomme Perdue erzählte, floss das Blau des Himmels in die zierliche Frau hinein. Strömte mit dem Puls die Adern entlang zum Herzen, füllte mit jedem Atemzug die Lungen und atmete sich und den Himmel ein und aus.

Mit jedem Atemzug fühlte Pomme Perdue sich leichter werden und, als sie ganz und gar von lichtem Blau erfüllt war, löste ihre ruhende Gestalt sich von der Lichtung, auf der sie gelegen und den Himmel betrachtet hatte. Stieg ins Blau des Himmels, wo der Wind sie mit sich nahm.

Pomme ruderte mit Armen und Beinen, wie sie es den Fröschen im Weiher abgeschaut hatte. Schon bald erreichte sie die fliegende Insel. Stieg an Land, und leicht, dass die Wolke sie trug wie eine der ihren, lief sie an den ruhenden Booten vorbei den Strand hinauf zum Leuchtturm.


Leise quietschend öffnete sich die Tür des Turms unter Pomme Perdues bebendem Griff, und die kleine Frau betrat den Leuchtturm. Und noch ehe wir beide, du und ich, an ihr vorbei mit hinein in den Leuchtturm hätten schlüpfen können, zog sie die eiserne Tür hinter sich ins Schloss.

Mittlerweile wurde es finster und der Herbst hat begonnen. Und die fliegende Insel? Was aus ihr wurde, weiß ich nicht. Vielleicht regnete sie irgendwo zu Boden, zu Ende erzählt. Doch lass uns des Nachts hinauf schauen und hoffen, dass Pomme das Licht des Leuchtturms entfacht.


Ludwig Janssen © 24. 9. 2108


1 Kommentar:

___________________ hat gesagt…

Das ist eine sehr wunderbare Geschichte, wie sie schöner nicht könnte sein.