Mittwoch, 11. Februar 2015

Viertes Huhn

Mahatma G. hat einen Garten. Darin, genau so, wie, genauer: weil Mahatma G. sich das so ausgedacht hatte, steht ein Hühnerhaus. Dort hatte Mahatma G. drei Hühner untergebracht. Nicht irgendwelche Luxustucken, wie sie zu überteuerten Preisen auf Tiermärkten und von Kleintierzüchtern feilgeboten werden, nein. 

Das hätte nicht ins Weltbild der Mahatma gepasst, zu ihrer Fähigkeit zu weltumgreifender Empathie. Eine Gabe, die im an ihrer Reichweite gemessen viel zu kleinen, doch passend wohlgestalten Körper der Mahatma schlummert und auf Prinzen wartet. Prinzen mit struppigem Äußeren und unbekannter Vita, die, sobald Mahatma G. erst einmal (und unvernünftigerweise, wie sie gern seufzend unterstreicht) in ihre Augen geschaut hat, auf Lebzeit ausgesorgt haben. 

Den drei Hühnern, braunfiedrigen Hybriden mit mittlerweile puscheligen Popos, die es sich im Hühnerhaus bequem gemacht hatten, war es ebenso ergangen, denn Mahatma G. hatte sie vor einem grausamen Schicksal bewahrt und aus einer Legebatterie heraus freigekauft. Drei sollten es sein, aller guten Dinge, das geboten die Vernunft und der zur Verfügung stehende Raum. Drei Hühner wurden es auch. Zerzaust, eingeschüchtert und mit blassen Kämmen gelangten sie aus dem Käfig, in dem sie in Kürze das Legen hätten aufnehmen sollen, in einen Karton und schließlich in Hühnerhaus, Garten und Herz der glücklichen sie begluckenden Mahatma. Sie erhielten Namen, um die sie sich nicht scherten und tuckituckten bald poook-pock-poook durchs Grüne. 

Drei befreite Hühner, drei glückliche Hühner, drei Hühner im Garten. Hier hätte die Geschichte enden können. Wenn da nicht, ja, wenn da nicht ein Huhn im Käfig zurückgeblieben wäre. Ein Huhn, dessen Anblick Mahatma G. nicht mehr loslassen sollte, sie durch den Tag begleiten. Ihre Gedanken kreisten nicht um die drei seligen Tucken, die überzeugend glücklich Körner pickten, scharrten und im bereitgestellten Vogelsand badeten. Sie hingen fest in einem verkoteten Käfig, sahen ein einsames Huhn im Dreck verzagen zwischen Draht, Lichtprogramm und Futterautomaten. Sie, ganz Mahatma, fühlte sich irgendwie unausweichlich verantwortlich für alle zukünftig auf genau dieses kleine Huhn einstürzende Not und Wahrscheinlichkeit. 

Mahatma G. fasste einen Entschluss. Was wohl der Bauer gedacht haben mag, als Mahatma G. wieder mit quietschenden Reifen vorfuhr und (sicherlich so wortreich wie verlegen) nach dem verbliebenen Huhn fragte, es zahlte, einpacken ließ und mit einem Huhn im Karton davonfuhr? Wer weiß. 

Fakt ist, dass es seither Viertes Huhn gibt. Drei Tage traute sich Viertes Huhn nicht aus dem Haus, wurde gemobbt von ihren ehemaligen Zellengenossinnen und harrte ihrer Namensgebung, die sich in „Viertes Huhn“ erschöpfte und erfüllte zugleich. Viertes Huhn ist das einzige Huhn dieser Geschichte, dessen Name sich einprägt, es lebt und erhebt - poook-pock-poook - mit der Selbstverständlichkeit allen Hühnerhirns Anspruch nicht nur auf den Garten der Mahatma, sondern auch auf den zu Hühnerfuß erreichbaren Rest Bayerns. Poook! Jeden Tag legt Viertes Huhn ein Ei. Poook! Dankbar, wie Mahatma G. gern schmunzelnd hinzufügt. Dabei dehnt sie beide Vokale um die Spannweite ihrer Arme. 

Ludwig Janssen © 22.12.2009

1 Kommentar:

Ilse Llu hat gesagt…

Zum Gackern schön!

Danke für diese gute Geschichte, Ludwig. Mahatma Glück.

Liebe Grüße