Donnerstag, 1. August 2013

Mittig … auf einer Kreuzung (Über das Passieren und das Geschehen)

Das Jahr war jung, der Tag wars, und sie war es auch: jung. Die Nacht war es gewesen. Sie  hatte die Frau an die Hand genommen und hierher geführt. Doch als die beiden diese Kreuzung passierten, überraschte der Morgen das vertraute Paar, sie erschrak, ließ ihre Hand los und …

Allein. Auf einer Kreuzung. Spärlich illuminierte Straßenbahnen. Auch sie: passierten. Rollten vorüber, Metall auf Metall, kaltes Kreischen, verhalten, darüber graue Gesichter – vorbei.

Nun also stand sie, umgeben von berechenbarer Geradlinigkeit, die sich ebenso geschäftig wie ungerührt abspulte, ereignete: passierte. Und sie, die Kreuzung, war, das wurde ihr allmählich klar, schon immer da, war immer da gewesen. Vier Richtungen stießen aufeinander, kreuzten sich, boten Möglichkeit, die, sich zu entscheiden. Ob ihrer Mitte schon seit alters her jene Mystik innewohnte, wie man sie Kreuzungen zuschreibt? Seit alters her … So lang her konnte das nicht sein, gemessen an der Geschichte der Menschheit, auch wenn diese Stadt und diese Straßen, diese Kreuzung sich bereits seit Jahrhunderten über diese Stelle des Planeten gelegt hatten, mit dem sie seit ihrer Geburt durchs All getragen wurde, durch ein All, in dem es so etwas wie diese Kreuzung und ihre eigentlich vor- und doch zugleich irritierend maßgebliche Präsenz der Notwendigkeit, sich zu entscheiden, nicht gab. Nicht gab? Doch. Sie war existent, beschränkte sich jedoch auf diesen einen Punkt. Winzig, betrachtete man ihn losgelöst aus Kontext und Verbindlichkeit. Doch als Mensch, und dazu als Mensch auf einer Kreuzung, dazu noch inmitten derselben, wird dir das Verbindliche von Straßen und dessen auf ein Äußerstes Gesteigerte zu Möglichkeit und Entscheidung bewusst. Mächtig.

Entscheidung. Entscheidungen treffen. Entscheidungen treffen! Manchmal treffen sie mitten ins Herz.

Wäre sie doch nicht stehengeblieben. Also war es nicht sie, die die Kreuzung passierte, hinter sich ließ, leichten Herzens. Nun passierte die Kreuzung, sie geschah, geschah ihr, der jungen Frau, schloss sie ein in ihre Mitte – und überließ sie dort sich selbst. Sich selbst, sich zu ereignen, einer Entscheidung Gegen-Über, ein Gegenüber, das sich zu übereignen hatte: Einer Entscheidung, einem Weg, einer Richtung.

Und sie? Entschied sie sich? Ließ sie hinter sich, dass diese Kreuzung mit ihrer von Menschen gemachten Mystik ihr geschehen konnte, mit, so man empfänglich genug ist, solch bedrängender Macht?

Nein. Inmitten der Kreuzung stand sie, ihr Inne haltend … und: weinte.


Ludwig Janssen © 1.8.2013

[So geschieht sie, deren Geschichte mich passierte, mir.

„…
Ich konnte mich anfangs des Jahres 2010 an einer Kreuzung nicht für links oder rechts entscheiden. Also blieb ich stehen. Mittig. Inzwischen von Straßenbahngleisen, die befahren wurden. Dann heulte ich. Und blieb immer noch stehen.
…“
(Eilika, am 27.12.2010)]




Keine Kommentare: