Freitag, 19. Juli 2013

Von Steinen und Händen, Maaseiern und dem Wert unnützer Geschenke

An Orten, an denen ich vergeblich wartend auf jemanden zu treffen hoffte, lege ich an markanter Stelle einen kleinen Stein ab, bevor ich gehe.  

Maaseier sind runde dunkle Kiesel aus Flintstein, manche haben hübsche Muster. Einen trage ich in meiner Jacke spazieren, lasse ich ihn gelegentlich durch die Hand gleiten. 

Ein Schmeichelstein hat ein weich anmutendes Außen mit glatter Oberfläche. Die macht es der Hand leicht, sich ihm anzupassen. Das schmeichelt der Hand. Du bist die Hand, dem Stein wird warm. Es ist immer die Schmeichelhand, die schmeichelt, nicht der Stein. Handzahm ist kein Wort für Steine.

 Manche Hände brauchen Steine. Wir sind für einander geschaffen, bedeuten sie dem Stein. Der bleibt stumm, ganz Stein, und macht sich schwer. Das ist nun mal seine Natur. Die Hände wissen das immer zu ihrem Vorteil auszulegen und schließen den Stein ein. Flatterhaft, wie sie nun einmal sind, nicht für lang, dann fingern sie auf und davon.

Zunächst ist die Vorstellung, selbst ein Schmeichelstein zu sein, reizvoll. Wärme strömt ins Innere und das Außen glänzt polierte Glätte. Man wird gestreichelt, ohne dass sich die Form ändert, es wird auch nicht erwartet. Und da schlägt ’t haart van steen ins Wesentliche, das steinkalte.

Stein auf Stein, Stein, bleib Stein! Ein passend runder, nur wegen des Umstandes beschmeichelt, dass sich da wer etwas Besonderes dabei denkt, einen Stein in seiner Hand hin und her zu bewegen. Es liegt also nur an der Form und dem Wunschdenken eines Fremden, eines Rubblers, dass man, ganz Stein, gestreichelt wird. Die zuströmende Wärme ist zufällig, als gefällige Nebensächlichkeit beiläufig entbehrt.  

Denn wenn da wer einen Schmeichelstein streichelt, meint er sich selbst. Nicht den Stein. Möchte sich fühlen, braucht dazu einen Stein, der widersteht. Etwas, das nicht in die Haut geht, das nicht anders kann als schweigen. Das einen Gedanken nimmt und mit derselben Flüchtigkeit hält wie Körperwärme. 

Nein, Schmeichelstein zu sein bringt keine Erfüllung, wenn man nicht dazu taugt. Ich kenne das und habe einen Weg herauszufinden, ob ich jemandem zu mehr nicht tauge: 

Ein kleines, flaches Maasei, dessen gelbes Muster an einen Tannenbaum erinnerte, schenkte ich einer jungen Frau an dem Tag, an dem sie mir ihren Namen verriet. Zuvor hielt ich es eine ganze Weile in der Hand, wenn ich an sie dachte. Als sie das Maasei nach einer Weile nicht mehr hatte, wusste ich mehr, als sie mir von uns hätte erzählen können. Wenn ich an das dunkle Steinchen mit dem gelben Tannenbaum denke, erinnere ich mich an schöne Stunden und den unschätzbaren Wert unnützer Geschenke.

Der kleine Stein aber liegt jetzt irgendwo, weit hinter mir.

Ludwig Janssen © 6.8.2006

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