Dienstag, 16. April 2013

Friedrich der Große, Voltaire - und die Ente auf Schloss Moyland

Bei einem ihrer legendären Treffen auf Schloss Moyland, Friedrich der Große erwartete Voltaire zum Frühstück, erschien der Philosoph im Salon und trug eine weiße Ente unter dem Arm. Auf die Frage des Königs hin, was das zu bedeuten habe, setzte er das Tier in einen Korb auf einem etwas abseits stehenden Tischchen und nahm nach schweigend vorgetragener Ehrbezeugung am Tisch des Preußen Platz.

"Voltaire, was stellt das vor?"
"Geduld, Sire, Geduld!"
"Voltaire, was bildet er sich ein?"

Friedrich der Große schaute verärgert zur Ente hinüber und sah das gute Tier ein Ei legen, ein goldenes Ei.
"Parbleu!", entfuhr es dem Monarchen. Durch einen Diener ließ er sich das Ei bringen, hielt es ins Licht des jungen niederrheinischen Morgens und betrachtete es von allen Seiten. Voltaire indes erhob sich ohne weiteres Wort, nahm die Ente wieder unter den Arm und ging zur Tür. Bevor er den Salon verlassen konnte, zitierte Friedrich ihn zurück und hieß ihn, das Tier zu übergeben. Gesagt, getan warf Voltaire die Ente auf den preußischen König zu: Unter lauthalsem Quaken landete das Tier auf dessen Frühstück, das es gehörig derangierte. Vor Schreck ließ Friedrich der Große das goldene Ei fallen - es zerbarst. Wieder scholl durch Schloss Moyland:

"Voltaire, was stellt das vor?"
"Geduld, Sire, Geduld!"
"Voltaire, was bildet er sich ein?"

Voltaire nahm wieder am Tisch des Preußen Platz, griff sich die Ente und drehte ihr den Hals um.
"Voltaire, so er nicht dasselbe Schicksal erleiden will wie die Ente, erkläre er mir auf der Stelle, was diese Posse zu bedeuten hat!"
"Quaken ist Silber - schweigend das Gold, Sire."
"Bien entendu, Voltaire, Sie Fuchs - Quaksilber! Mit welcher Kurzweil doch diese niederländischen Bauerntölpel aufzuwarten wissen, Quaksilber“, der Monarch lachte schallend, „Quaksilber!"
Voltaire erhob sich und grüßte.
"Und nun, mein Bester, gehe er hinaus und bringe mir noch eine, aber lebend, noch besser: ein Huhn!"
"Wie Ihro Majestät wünschen!", verneigte sich Voltaire abermals, verließ den Salon, verließ Moyland, verließ Preußen und ward dort nimmermehr gesehen.
Es geht die Mär, dass er noch immer über die Märkte in den Dörfern der ehemals preußischen Provinz streift, nach besagtem Huhn sucht - und nicht einmal eine Ente findet.

 

Epilog:

Was niemand weiß: Dazumal schwamm im Wassergraben des Schlosses ein grauer Höckerschwan, der Stammvater aller Höckerschwäne dieser Welt. Just in dem Moment, als sich im Salon des Schlosses die Ereignisse zuspitzten, reckte der seinen Hals, schaute zum Fenster hinein, wurde Zeuge der Schreckenstat - und erbleichte. Seit jenem Tag schweigen die Höckerschwäne.

 

Ludwig Janssen © 4.10.2010.

Kommentare:

Katsenpoesie hat gesagt…

Echt?

Das ist ja eine tolle Geschichte! ♥

:Ludwig hat gesagt…

Klar! Höckerschwäne sind stumm im Vergleich zu anderen Schwänen.

http://www.bbc.co.uk/nature/life/Mute_Swan#p008c097

Hier findest du eine passendere Umschreibung, der Mann versucht sich auch in lustigen Umschreibungen des Fluggeräusches von Schwänen ... ich hätte das Pfeifen darin besser eingearbeitet. ;)