Sonntag, 17. Februar 2013

Der Teebeutel

Gestern Nacht seufzte der Teebeutel auf meinem Schreibtisch.

H...hah. 

Hm? 

Mrh. 

Hm? 

Ach ... 

Wollte wohl nicht so recht mit der Sprache rausrücken. Was ich bedauerte, schließlich erlebt man nicht alle Tage, dass ein Teebeutel überhaupt ... 

Watzlawick. Irgendwer wälzte diesen Felsen vom Grab der Kommunikation, dass man nicht nicht ... 

... dieser Felsen rollt übrigens seither unablässig bergab und fräst sich durch die Reihen derer, die einfach in Ruhe gelassen werden ... 

Also galt das auch für diesen Teebeutel. Er wirkte derangiert. Hatte ein heißes Bad genommen und dies nicht unbeschadet überstanden. 

Na? 

Hm. 

Ging wohl heiß her, hä? 

Keine Reaktion. Der Teebeutel hing schlaff vor sich hin, zu seinen Füßen ein braunes Pfützchen, das sich in Küchenpapier verlor. Wahrscheinlich war er traurig, depressive Verstimmung. 

Hey, Teeeeebeutel! 

Nichts. Heimweh. Ja, wahrscheinlich Heimweh. Nach Lord Nelson vielleicht oder Lidl. Ach, Quatsch, Lord Nelson war sicherlich sein Name, schließlich stand das auf seiner Visitenkarte: "Lord Nelson" und dann war da noch eine stilisierte Uhr mit dem Aufdruck "6 min." 

Oh, Sie sind adlig? 

Schweigen. 

Dann stammen Sie wahrscheinlich gar nicht aus Lidl, sondern kamen von viel weiter her? 

Jetzt seufzte der Teebeutel. 

Haben Sie Heimweh? 

Schweigen. 

Klar hatte der Heimweh! Auf der Packung war seine Heimat abgebildet: Orangefarbene Hügelketten, die sich am Horizont verlieren, eine riesige, für irdische Verhältnisse viel zu große Sonne geht dort unter, strahlt helles Gelb und eine Ahnung von Apricot aus, färbt den Himmel seines Planeten orange ... Ein schönes Land, dieses Rooibos Vanille, dachte ich so bei mir. 

Er tat mir leid.

Na, Herr Nelson? Tut mir leid, dass hier gerade Winter, der Himmel grau und das Land verschneit ist. 

Nichts. 

Herr Nelson? 

Nichts.

Mir fiel auf, dass die Pfütze das Küchenpapier hellorange färbte, was der Farbe des Himmels seiner Heimat Rooibos Vanille entsprach. Ausdrucksstark feinfühlig: Ein Künstler! Eine verwandte Seele! Ein Freund. Ein Freund in Not! 

Nelson, Nelson! 

Nichts. 

Lord Nelson lag in sich zusammengesunken auf dem Küchenpapier, himmelte es orangen und schwieg. Ich verstand ihn gut, konnte nachfühlen, was in ihm vorgehen musste. Lord Nelson war einsam, das stand eindeutig fest. Das Teeige in ihm, sein Innerstes, war verklumpt, wahrscheinlich eher wegen des Heimwehs als durch das heiße Bad, das ihm nicht bekommen war ... 

Ich fühle mit dir, Nelson, ich darf doch Du sagen, hm? 

Schweigen. 

Watzlawick. 

Schweigen. 

Schweigen, Watzlawick und Schweigen. Das war alles, was außer Lord Nelson und mir den Raum mit Gegenwart erfüllte. 

Oh! 

Siedenheiß durchfuhr mich die Erkenntnis, dass ich Lord Nelsons Badewasser getrunken hatte! Sein ganzes Heimweh, seine Schwermut, seine Heimat, sein Orange ... waren darin gelöst in mich hinein ... 

Oh! Ich ... 

Ich wars, der Lord Nelson zu heiß gebadet hatte, ich! Ich wars, der ihn - vielleicht aus einem Traum gerissen hatte, einem Traum, in dem er wieder an seinem Busch in Rooibos Vanille vor sich hinblätterte, gedankenverloren, ohne Arg vor den knabbernden Antilopen Rooibos-Vanillaniens, von orangener Abendsonne umschmeichelt, eine kleine vanillegelbe Raupe auf dem Rücken ... 

Oh, mein lieber, lieber Nelson, was habe ich dir angetan! 

Schweigen. 

Ich wollte ihn trösten, war bereit, alles wiedergutzumachen, was ich ihm angetan hatte, reute mich sehr. Ich griff nach Lord Nelsons nasser, in sich zusammengesunkener Gestalt auf dem Küchenpapier ... 

Er war schon kalt. 

Ludwig Janssen 12.3.2010

1 Kommentar:

Katsenpoesie hat gesagt…

Ludwig! :D

Sowas fällt auch nur dir ein! Schön!

Zum Glück trinke ich nur die Quintessenz einheimischer Kräuter. Was denskt du, wie die quasseln ... ♥