Mittwoch, 13. Februar 2013

Abrahamabra

An dem Tag, an dem andere einen Abraham bekommen, sich in ihrem Sessel zurücklehnen und feiern lassen von Leuten, die den Abraham mit Stroh stopfen, mitbringen und auf die Bank vorm Reihenhäuschen setzen, da war ich unterwegs. An dem Tag, an dem die anderen sich zurücklehnen, über den Bauch streichen, während sich an den Wänden ihrer Adern Fett und Kalk ablagert, packte ichs noch einmal aufs Neue an, streifte durch das große, unbekannte M und seine Häuserschluchten, suchte des Streiks am Folgetag wegen den Fußweg zur neuen Arbeitsstelle, um ja pünktlich zu erscheinen.

Ich zog mein Handy mit dem immer knappen Guthaben aus der Hemdtasche, fand eine mir unbekannte Nummer und rief dort an. 

Warum auch nicht - vor wenigen Minuten erst hatte meine Geburtsstunde sich gejährt, und der Tag hatte noch fünf Stunden. Der Jahrestag, an dem, wäre ich am Niederrhein geblieben, wohl auch ich einen Abraham bekommen hätte, von den Nachbarn und Kollegen, den lieben Kindern, die nicht ausgekonnt hätten, verloren inmitten anderer: Pack, das die Dinge immer so macht, wie sie zu machen sind und dann nur zu dem macht, was sie sind und wie sie das sind, was sie sind. Von Leuten, die ihr eigenes Scheitern leugnen, nicht durchleben, und anderen zur einzig vernünftigen Lösung euphemisieren. Es ihnen in die womöglich Hilfe suchenden Arme legen wie ein Neugeborenes. Von Leuten also, die an verzwickten Stellen wie dieser gerade eben nicht weiterlesen. Die, von denen man später auch nichts weiter liest. 

Ich sprach mit einer mir unbekannten Bekannten und einem mir vertrauten Unbekannten, kleine Worte, Spatzen im Haselstrauch, und die machten, dass ich beim Entdecker Amerikas in die Adern des großen M hinab stieg und auf den blauen Wurm wartete. Der blaue Wurm kam, nahm mich in sich auf und trug mich eilig durch seinen finsteren Gang mit hell erleuchteten Nestern darin und geschäftigem Gewusel, bis ich an einem dieser Nester aus seinem Bauch sprang und schaute. 

Eine Prinzessin hatte mich herbestellt, jemand würde mich aus der Erde holen unter dem roten Kreuz, hatte sie gesagt, ich würde ihn schon erkennen, hatte er hinzugefügt. Meine Augen suchten den Bahnsteig ab. Ich hoffte, dass er mit "langer blauer Mantel" und "schwarze Mütze" etwas anfangen konnte ... 

Das Nest des blauen Wurms leerte sich, Rolltreppen schliffen erleichtert aufwärts ... da kam er, ihr Bote, er, mein Anlass zum Reisenden am Abrahamstag, - aus einer ganz anderen Richtung als der erwarteten kam er an - trug von fern schon vor sich her, was ich von seinen Stellvertretern und Laufbildern kannte: Dass große, schwarze Augen ihn auszeichneten - gerade so kam er auf mich zu ... und auch gerade so, als ob ich’s nicht anders erwartet hätte. 

Wie Vertraute begrüßten wir einander, ich folgte ihm aus der Erde hinauf in die Nacht, immer noch das große M, Häuserschluchten, Lichter, hoch oben ein rotes Kreuz, ich folgte. Eine der erleuchteten Schluchten entlang ging es nun, Nieselregen. Lichter und Benzingeruch trieben an uns vorbei, ohne sich zu verlieren. Ich folgte, der Tag, ein bunter Hund, müdete sich mir ein, ich folgte. 

Jetzt war ich also fünfzig Jahre und eine Fahrt mit der U-Bahn alt. 

Ich, Abraham, stieg den Brunnen hinauf einen Turm hinab, folgte dem Boten um weitere zwei Ecken ins Reich der Prinzessin, seiner Königin. Das tat sich vor Abraham auf, der Bote schlüpfte hinein und wurde zum König mit dem lachenden Herzen. Die Königin begrüßte mich freundlich, bot erlesene Speisen und von der Sorgfalt, die man ausgesuchten Gästen zukommen lässt. Nie schien Licht wärmer, haglichte ein Stuhl unterm Hintern Abrahams einladender und schon lange her wars, dass er in fremdem Land an fremder Tür derart gastfreundliche Aufnahme gefunden hatte, als sei er der beste Freund der Familie, als hätte man gerade auf ihn gewartet, um das Feuer entfachen, den Teekessel aufsetzen und mit dem Erzählen der vertrauten neuen Geschichten beginnen zu können. Die Geschichten wurden lang, das Essen mundete schon lange nicht mehr so köstlich, der lange Tag und sein Strömen im großen, fremden M mündeten in eine kleine Wohnung voll vertrautem Geheimnis. Unter den Farben der Königin und ihres Lachens, im Widerschein des Königs, der echter nicht sein konnte, im Ufersand verlief alles Lesen zu echt, echt, echt ... zu Leben, meinem Leben, meinem, das ausuferte und im Sande verlief, anlandete, wortreich versickerte und zurück ... strömte ins Meer,  ebenso wortreich wie nachdenklich reich ...
 
Ein Abraham auf der Bank vorm Haus, was ist das schon? Was ist eine Strohpuppe gegen die Erfahrung, in der Fremde als Fremder auf- und angenommen worden zu sein wie ein lange vermisster Freund, den man, von langer Reise müde, bereits zurück erwartet hatte?

Wer noch kann sich glücklich schätzen, derart reich und so besonders wie zugleich unerwartet beschenkt worden zu sein? 

Der Tag, dieser bunte Hund, schlief ein, träumte sich zu einer blauen Katze, dann sprang er wie gewohnt in den ihm folgenden und streckte sich …

Gott hat auf Erden keine anderen Engel, als wir selbst uns sind.

Ludwig Janssen © 8.2.2009

Kommentare:

Katsenpoesie hat gesagt…

Er lässt mich weinen. Abraham und auch Gott.

:Ludwig hat gesagt…

Hm? :)