Montag, 26. November 2012

Der Meister

Anton war Kunstflieger. Er liebte, Loopings zu fliegen. Die Zuschauer meinten dann zu sehen, dass Antons Doppeldecker sich in die Höhe schraubte, um dann, ein klein wenig über Kopf geflogen und in rasantem Steilflug abwärts, mit unnachahmlicher Eleganz an derselben Stelle anzukommen, an der er zu steigen begonnen hatte.

Anton jedoch, der den Sitz seines Flugzeugs unter dem Hintern hatte und durch die Pilotenbrille einen anderen Blick auf die Dinge, sah das anders: Nie gelang es ihm, diesen Punkt zu erreichen. Daher war er stets bemüht, sein fliegerisches Können zu verbessern. Zunächst gelang ihm, jede seitliche Abweichung auszuschalten. Dann stellte Anton fest, dass ihm, je größer er den Durchmesser des Loopings flog, mit umso größerer Wahrscheinlichkeit der perfekt geflogene Kreis gelingen würde.

Dass er hierzu seine Maschine immer höher steigen - und immer tiefer stürzen lassen musste, kümmerte ihn nicht. Auch nicht die mit jedem weiter geflogenen Meter geradezu ins Unermessliche steigende Gefahr, je näher die Grenze der Leistungsfähigkeit von Mensch und Maschine rückte. Gefragt, wie ihm dabei zumute sei, beschrieb Anton seine Art, Loopings zu fliegen: "Ich reite die wirklich große Welle!", und lachte.

Die Zuschauer am Boden lächelten höflich, hatten jedoch längst schon keinen blassen Schimmer mehr, was Anton meinte. Schlimmer noch: Die weiträumig geflogenen Loopings wirkten immer langweiliger. Immer mehr Zuschauer wandten sich, begann Antons Maschine zu steigen, und erst recht, wenn sie sich als Punkt im Blau des Himmels verlor, den Würstchenbuden der Flugschau zu, suchten die Dixie-Klos auf. Romantiker versuchten sich ohne Erfolg in Zungenküssen, die bis zum Wiedersichtbarwerden des Doppeldeckers währen sollten.

Doppeldecker haben Kolbenmotoren und können nur eine bestimmte Flughöhe erreichen, daher näherte sich die Flugbahn von Antons Loopings mit größer werdendem Durchmesser immer mehr dem Boden. Bis zu 300 km/h schnell flog seine Maschine, im Sturzflug erreichte sie noch höhere Geschwindigkeiten. Doch kaum hatte Anton sich dem ultimativen Looping genähert, musste er feststellen, dass die Erde sich unter ihm weitergedreht hatte, und zwar mit jedem zusätzlichen Meter Kreisumfang ein Stückchen mehr, insbesondere, wenn Anton in Nord-Süd-Richtung oder von Süden nach Norden geflogen war. Stieg er von Westen nach Osten, eilte sie ihm entgegen, stieg er von Osten nach Westen, bummelte sie ihm nach, drehte sie sich doch mit lediglich 265 km/h. Anton aber arbeitete seine Technik aus bis zur Perfektion.

Endlich hatte Anton es geschafft! Der perfekt geflogene Kreis! Über exakt derselben Stelle vollendet, an der Anton den Steuerknüppel seines Doppeldeckers auf sich zu gezogen hatte. Doch kaum hatte Anton seine Maschine gelandet, entstieg er dem Cockpit ohne ein Zeichen der Begeisterung und schlurfte gesenkten Hauptes mit hängenden Schultern durch die jubelnde Menge zum Hangar und schloss sich dort in seiner Werkstatt ein. Warum? Aus keinem geringeren Grund als dem der Erkenntnis, dass sich während seines Fluges die Erde auf ihrer Umlaufbahn um die Sonne mit 107208 km/h von dem Punkt entfernt hatte, an dem sie sich mitsamt Flugzeug und Drumherum zu Beginn seines Rekordflugs befunden hatte.

Als Anton eine technische Lösung auch dieses Problems gefunden und umgesetzt hatte, startete er zu einem letzten Looping, einem letzten Versuch. Es war ein strahlend blauer Sommertag. Die Maschine stieg, die Menge verlor sie aus den Augen, wartete ungeduldig, dass sie wieder auszumachen war oder ging ein Würstchen essen, hielt den Atmen an, als der Doppeldecker der Erdoberfläche entgegenraste und schrie begeistert, als das Flugzeug knapp über die Spitzen der Gräser des Flugfeld hinwegfegend den perfekten Looping vollendete. Doch kaum hatte der Pilot seine Maschine gelandet, entstieg er dem Cockpit ohne ein Zeichen der Begeisterung, schlurfte gesenkten Hauptes mit hängenden Schultern durch die jubelnde Menge zum Hangar und schloss sich dort in seiner Werkstatt ein, verwundert, dass man ihn Anton rief.


Ludwig Janssen © 15.01.2012

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